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BERATUNGSPRAXIS

Herpes-simplex-Infektionen

Nicht nur eine dicke Lippe


Von Ulrike Viegener / Immer wiederkehrende Herpesbläschen an der Lippe sind zwar unangenehm, aber lassen sich meist gut in den Griff bekommen. Ein weitaus größeres Problem ist die mangelnde Kenntnis in punkto Genitalherpes, denn er zählt zu den häufigsten sexuell übertragenen Krankheiten.

 

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Bei sexuell übertragbaren Krankheiten denken die meisten Menschen an Aids, Syphilis und Tripper, an Herpes denken die wenigsten. Diese Unwissenheit ist ein maßgeblicher Grund dafür, warum Genitalherpes auf dem Vormarsch ist – weltweit und auch in Deutschland. Schätzungsweise rund 15 Prozent aller Deutschen sind mit dem Herpes-­simplex-Virus Typ 2 (HSV2) infiziert, dem Hauptverantwortlichen für ge­nitalen Herpes. HSV1 dagegen gilt als klassischer Erreger des Lippenherpes (Herpes labialis) – zumindest war dies in der Vergangenheit so. Denn zunehmend gewinnt das HSV1 auch als Erreger des Genitalherpes an Bedeutung: Bis zu 30 Prozent der Fälle sollen inzwischen auf das Konto dieses Virussubtyps gehen. In den USA ist das HSV1 bereits heute bei jungen heterosexuellen Frauen häufiger für genitalen Herpes verantwortlich als HSV2. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?




Die lästigen Bläschen an der Lippe sind das bekannteste Symptom einer Herpes-Infektion.

Foto: Your Photo Today


Typischerweise erfolgt die Primärinfektion mit HSV1 bereits in der Kindheit durch engen Körperkontakt. Daher sind die Betroffenen, wenn sie sexuell aktiv werden, durch Antikörper vor einer Neuinfektion mit HSV1 geschützt. Auch gegen HSV2 bieten die HSV1-Anti­körper einen gewissen, allerdings keinen vollständigen Schutz.

Nun hat sich die Situation geändert, da in der US-amerikanischen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten die sogenannte Sero­prävalenz von Antikörpern gegen HSV1 deutlich abgenommen hat. Vielen ­Jugendlichen fehlt also dieser Schutz, sodass sie sich immer häufiger erst beim Sex – und zwar vor allem bei oral-genitalem Sex – mit HSV1 infizieren.

Doch unabhängig von HSV1 oder HSV2: Das große Problem in punkto Genital­herpes sind Unwissenheit und Tabuisierung. Auch wenn die Medien häufig etwas anderes suggerieren, so gehen viele Menschen – ebenfalls viele Jugendliche – mit ihrer Sexualität keines­wegs offen und aufgeklärt um. Das betrifft speziell das Problem sexuell übertragbarer Krankheiten, was deren Bekämpfung zusätzlich behindert.

Das Beratungsgespräch in der Apotheke bietet die Chance, zur Aufklärung beizutragen. So ist beispielsweise die Frage nach einem Mittel gegen Lippenherpes eine gute Gelegenheit, über das Herpes-simplex-Virus als Auslöser des Herpes genitalis zu informieren. Dass dabei Fingerspitzengefühl gefragt ist, versteht sich von selbst. Außerdem sollten PTA oder Apotheker das Gespräch außer Hörweite anderer Kunden führen.

Einmal Herpes, immer Herpes

Wichtig ist der Hinweis, dass die Erst­ansteckung in der Regel symptomlos verläuft und deshalb oft nicht bemerkt wird. Das Tückische an Herpesinfek­­tionen: Herpesviren machen den Betroffenen auf Dauer zu schaffen. Die Viren nisten sich in Nervenganglien ein und verhalten sich dort über längere Zeit ruhig, werden dann immer einmal wieder plötzlich aktiv und rufen die typi­schen Hautläsionen hervor. In den Zellkernen der Ganglien sind die Viren vor einem Zugriff des Immunsystems geschützt, sodass ihnen die Bildung von Antikörpern nichts anhaben kann. Der schubweise rezidivierende Krankheitsverlauf ist typisch für Herpes­infektionen, sowohl mit HSV1 als auch mit HSV2. Eine Behandlung, mit der sich die Viren nachhaltig eliminieren ließen, gibt es derzeit nicht.




Kondome schützen am zuverlässigsten vor sexuell übertragbaren Infektionen.

Foto: Shutterstock/Photographee.eu


Eine weitere wichtige Information ist, dass die Hautläsionen bei Herpes genitalis oft gar nicht die äußeren Genita­lien betreffen, sondern benachbarte Gebiete etwa um den Anus herum. Das klinische Bild ist bei beiden Subtypen des Herpes-simplex-Virus ähnlich, sie unterscheiden sich jedoch in der Häufigkeit der Rezidive: Genitalherpes durch HSV2 führt deutlich häufiger zu aktiven Krankheitsphasen als bei HSV1. Welcher Subtyp im individuellen Fall vorliegt, lässt sich aus dem Blut oder aus Abstrichen bestimmen.

Therapie auch im symptomfreien Intervall

Behandelt wird jeder Genitalherpes mit oralen Virustatika wie Aciclovir und Valaciclovir. Die Arzneimittel führen zum Rückgang der Viruslast und dadurch zu weniger symptomatischen Episoden sowie geringerer Virus­aus­scheidung in beschwerdefreien Inter­­vallen. Dies ist ein ganz zentraler ­Aspekt im Hinblick auf die Ansteckungs­gefahr: Selbst in Zeiten ohne offene Hautläsionen scheiden Infizierte das Virus mit Körpersekreten aus. Da für den Partner oder die Partnerin also zu jeder Zeit ein Infektionsrisiko besteht, sollte das Virustatikum kon­sequent auf Dauer eingenommen werden. Außerdem wird betroffenen Paaren empfohlen, beim Sex immer ein Kondom zu benutzen und in aktiven Krankheitsphasen wegen der sehr hohen Ansteckungsgefahr bis zur Abheilung der Ulze­ra auf Sex zu verzichten.

Bei ersten Anzeichen behandeln

Bei Lippenherpes (Herpes labialis) ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten: Hier wird das HSV2, das früher kaum eine Rolle spielte, zunehmend als Erreger identifiziert. Nach wie vor der wichtigere Subtyp bei Manifestationen im Gesicht ist und bleibt aber HSV1.

Episoden von Lippenherpes dauern in der Regel sieben bis zehn Tage und kündigen sich oft mit Schmerzen, Kribbeln, Brennen und Spannungsgefühl an. Dann rötet sich die Haut, und anschließend erscheinen die schmerz­haften Papeln, die sich zu flüssigkeitsgefüllten Bläschen entwickeln. Das Sekret enthält Millionen von Viren und ist hochinfek­tiös. In der Ulzerationsphase platzen die Bläschen, und es entstehen schmerzhafte, nässende Hautläsionen. Diese verkrusten unter starkem Juckreiz und heilen schließlich aus.




Foto: Your Photo Today


Unterschiedliche Trigger führen zur Reaktivierung der Herpes-simplex- Viren. Stress und Ekel, UV-Strahlen und Menstruation wecken erfahrungsgemäß die schlafenden Viren. In der Folge verlassen sie die Ganglienknoten und befallen erneut die Keratinozyten im Lippenbereich. Wie häufig Rezidive auftreten, ist sehr unterschiedlich: Manche Infizierte erleben jährlich nur eine Episode, andere öfter als zehnmal pro Jahr. Bei sehr hoher Frequenz ist die systemische Rezidivprophylaxe zu erwägen. Bei einem eher seltenen, schweren Krankheitsverlauf sollten PTA oder Apotheker Betroffenen unbedingt den Arztbesuch empfehlen. In diesen Fällen ist eventuell die orale Gabe von Virusta­tika erforderlich.

Nukleosidanaloga bremsen die Virusvermehrung

In der Regel ist Lippenherpes eine Domäne der Selbstmedikation. Die Behandlung mit lokal wirksamen Arzneimitteln sollte möglichst bei den ersten Anzeichen beginnen. Penciclovir und Aciclovir sind bewährte Virustatika zur topischen Applikation. Diese Nukleosid­analoga sind anderen Herpes­mitteln überlegen, denn sie bremsen als ein­zige Wirkstoffe die Virus­vermehrung aus. Dies führt nachweislich zur schnellen Symptomlinderung und einer sig­nifikant verkürzten Abheilung der Lä­sionen. Ein weiteres Plus: Nukleosid­analoga greifen an der Virus-DNA an und wirken auch dann noch, wenn die Viren bereits in die Zellen einge­drungen sind. Deshalb richten diese Mittel auch in späten Phasen einer Lippenherpes-Episode noch etwas aus.

Im Unterschied dazu hemmen Melissen­extrakt sowie Zinksulfat und Zink-Heparin-Kombinationen das Eindringen der Viren in die Wirtszellen und helfen deshalb nur bei den ersten Symptomen. Dasselbe gilt für Docosanol. Auch die rechtzeitige Anwendung lokal konzentrierter Wärme (wie mit dem Medizinprodukt Herpotherm) kann laut Studien den Ausbruch der Herpesviren reduzieren oder verhindern. Für späte Phasen sind Herpespflaster auf Hydrokolloidbasis ge­eignet. Sie sollen die Wundheilung optimieren, indem sie ein Feuchtmilieu schaffen. Virushemmende Wirkstoffe enthalten die Pflaster nicht. Von Experimenten mit Hausmitteln wie Zahnpasta ist Betroffenen dringend abzuraten. Diese trocknen die Haut aus und komplizieren eventuell sogar den Heilungsverlauf.

Ein wichtiger Punkt im Beratungsgespräch ist das Thema Hygiene, denn es ist im Umgang mit den hoch an­steckenden Herpesviren von zentraler Bedeutung. Die topischen Herpesmittel werden am besten mit einem Wattestäbchen oder einer speziellen Applikationshilfe aufgetragen und anschließend die Hände sorgfältig gereinigt.

Herpes kann ins Auge gehen

Wenig bekannt ist, dass Herpes-simplex-Viren manchmal auch die Augen befallen. Häufig verwechseln Laien das klinische Bild mit einer bakteriellen Bindehautentzündung. Feine Bläschen an der Lidhaut weisen eventuell darauf hin, dass nicht Bakterien, sondern Herpesviren die Konjunktivitis verursacht haben. Im Verdachtsfall ist ein Augenarztbesuch erforderlich. Die Behandlung erfolgt gleichzeitig mit oral und lokal wirk­samen Virustatika, wobei die verordnete Augensalbe in der Regel rund zwei Wochen lang mehrmals täglich appliziert werden muss. Auf keinen Fall sollten die Patienten erneute Augensymptome in Eigenregie behandeln, da eine unsachgemäße Therapie mit dem Risiko bleibender Sehverluste verbunden ist. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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