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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Cochrane Collaboration

Recherche im Sinne der Patienten


Von Michael van den Heuvel / Ein Arzneimittel erhält nur dann eine Zulassung, wenn der Hersteller dessen Wirksamkeit und Unbedenklich­keit eindeutig nach­gewiesen hat. Durch weitere klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen wächst der Umfang an Informationen. Die Cochrane-Collaboration wertet die Daten bereits veröffentlichter Studien aus und schafft mit ihren Reviews die Grundlage der evidenzbasierten Medizin.

 

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Cochrane Reviews existieren mittlerweile zu vielen Therapien bezieh­ungs­weise Arzneimitteln. Die Idee geht ursprünglich auf den Briten Sir Archibald Leman Cochrane (1909 –1988) zurück. Bereits zu Lebzeiten kritisierte der Arzt und Epidemiologe die mangelnde Evidenz vieler Behand­lungs­methoden. In seinem Buch »Effective­ness and Effi­ciency« forderte er, nur Therapien anzuwenden, die sich in metho­disch hochwertigen Studien bewährt hätten. Cochrane gilt daher als Vater der evidenz­basierten Medizin.




Illustration: Shutterstock/DRogatnev


Ebenfalls ein Brite gründete im Jahr 1993 die Cochrane Collabora­tion: der Versorgungsforscher Sir Iain Chalmers. Sein Hauptanliegen war es, Heilberuflern die zeitraubende Auswertung von Originalarbeiten zu ersparen und ihnen evidenzbasierte Empfehlungen unabhängig von wirtschaftlichen Einflüssen zu geben. Deshalb konzipierte er die Cochrane Collaboration als internationale, gemeinnützige Organisation mit einer Zentrale­ in London. Die Haupteinnahmen kommen aus Lizenzgebühren von Publikationen der Cochrane Library und anderer Veröffentlichungen.

Chalmers’ Idee hat sich als großer Erfolg erwiesen, denn inzwischen arbeiten weltweit mehr als 37 000 Freiwillige in 14 Cochrane-Zentren und 19 regionalen Zweigstellen an unterschiedlichen Themen. Die Zentren werden über Universitäten und Kliniken, nationale und internationale Regierungs- und Nicht-Regierungs­orga­nisa­tionen, private Stiftungen sowie über Spenden einzelner Personen finanziert. Sie akzeptieren keine Gelder aus Wirtschaft oder Industrie.

Seit 1999 gibt es auch ein Cochrane-Zentrum in Deutschland. Seit 2014 ist Cochrane Deutschland eine zentrale Einrichtung des Universitätsklinikums Freiburg. Es erhielt bislang nur befris­tete Projektmittel von der Bundes­regierung. Ende 2016 kündigte Bundes­gesund­heits­minister Hermann Gröhe (CDU) an, die Cochrane Deutschland Stiftung dauerhaft zu unterstützen.

Die Cochrane-Zentren sind nicht direkt für die Erarbeitung und Aktua­lisierung von systematischen Reviews verantwortlich. Dafür sind die so­ge­nann­ten Cochrane Review Groups zustän­dig. In Deutschland gibt es zwei: eine Gruppe für »Haematological Malignan­cies« in Köln und eine für »Endoc­rine and Metabolic Disorders« in Düsseldorf. Insgesamt sind weltweit 53 Cochrane Review Gruppen für die Cochrane Collaboration tätig. Jede Gruppe ist eine kleine Organisation für sich mit eigener finanzieller Förderung, eigener Webseite und eigenem Arbeits­programm. Die jeweilige Gruppe bearbeitet ein spezifisches Thema mit der Aufgabe, systematische Übersichts­arbeiten zu Therapien zu erstellen beziehungs­weise bereits bestehende zu aktualisieren. Die Ergebnisse dieser Arbeit, die Reviews, gelten international als Goldstandard für hohe Qualität und vertrauenswürdige Information.

In den Reviews fassen die Wissenschaftler den Forschungsstand zu einem bestimmten Thema zusammen. Letztlich sind die Cochrane Reviews Metaanalysen randomisierter, kontrollierter Studien. Schon Cochrane forderte, nur Therapien anzuwenden, die sich in hochwertigen Studien bewährt ­hätten. Dazu zählte er in erster Linie randomisierte, kontrollierte Studien (randomized controlled trials, RCTs), da diese weitaus zuverlässigere Informa­tionen liefern als Studien mit anderen Designs.

Randomisiert bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Zuordnung der untersuchten Medikamente zu einer Behandlungsgruppe nach dem Zufalls­prinzip erfolgt. Damit sollen mögliche Einflüsse von Ärzten bei der Behandlung oder Auswertung minimiert werden. Gleichzeitig gelingt es durch die Randomisierung, störende Faktoren, beispielsweise Einflüsse des Lebensstils, zwischen zwei Gruppen statistisch zu verteilen. Der Begriff »kontrolliert« steht für den Vergleich von Studienergebnissen mit einer Kon­troll­gruppe. Die Patienten der Kontrollgruppe erhalten Placebo oder einen bereits zugelassenen Wirkstoff, während sie in der Studiengruppe mit einer neuen Substanz behandelt werden.

Im Unterschied dazu werden die Teilnehmer bei Beobachtungsstudien lediglich beobachtet, um wichtige Fragen zu klären, beispielsweise welche Nebenwirkungen bei bestimmten Arznei­stoffen in der Praxis auftreten. Häufig wird auch der Einfluss bestimmter Ernährungsgewohnheiten oder von Umweltschadstoffen untersucht. Im Rahmen von Kohortenstudien, einer Form der Beobachtungsstudien, erfassen Forscher Daten von Personen mit und ohne Exposition. Um die Frage zu klären, ob Zigaretten zum Anstieg koronarer Herzkrankheiten führen, werden gesundheitliche Aufzeichnungen von Rauchern mit Daten von Nichtrauchern verglichen.


Wikipedia verbessern

Wikipedia-Artikel zu Medizinthemen werden mehr als 180 Millionen Mal pro Monat abgerufen. Weniger als 1 Prozent aller Texte durchlief ein Verfahren zur Qualitätssicherung. Seit 2014 arbeitet die Cochrane Collaboration mit medizinischen Redakteuren von Wikipedia zusammen, um Beiträge im Sinne der evidenzbasierten Medizin zu verbessern.


Dass die Review-Gruppen die ver­öffent­lichten Daten zusammenführen und erneut auswerten, hat mehrere Gründe. In manchen Fällen war die Stich­proben­größe zu klein, um verlässliche Aussagen zu treffen. In anderen Fällen werden Mängel in der Me­tho­dik entdeckt. Wer sich intensiver über die ­Arbeit von Cochrane Deutschland informieren will, kann den jewei­ligen Jahresbericht mit ausführlichen Informationen im Internet herunter­laden. Auf derselben Website finden Interessierte unter dem Link www.wissenwaswirkt.org die Ergebnisse zahlreicher Arbeiten.

Heute ist der Bedarf an der Arbeit der Cochrane Collaboration sogar noch größer als vor 20 Jahren, zur Gründungszeit der Organisation. »Mit den wachsenden Zugangsmöglichkeiten zu Informationen aus der klinischen Forsch­ung steigen auch die Risiken, diese komplexen Inhalte falsch zu interpretieren. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, als Einzelner ein vollständiges und ausgewogenes Bild eines Sachverhaltes gewinnen zu können. Cochranes Aufgabe, Heilberuflern den Zugang zu verlässlicher Gesundheitsinformation zu schaffen, um informierte Entscheidungen zu ermög­lichen, war für die Verbesserung der Weltgesundheit niemals von größerer Bedeutung als heute«, schreibt Coch­rane Deutschland auf der Website. /


Cochrane Review »Zinc for the common cold«

Im Apothekenalltag sind PTA und Apotheker mit zahlreichen Fragen rund um die Wirkung von Arznei­mitteln konfrontiert, beispielsweise »Helfen Zinktabletten wirklich bei einer normalen Erkältung?« Um die Frage nach Kriterien der evidenz­basierten Medizin zu beantworten, lohnt sich ein Blick in den Cochrane Review »Zinc for the common cold« (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23775705). Dort steht: »Wird Zink inner­halb von 24 Stunden nach Auftreten der Symptome verabreicht, verringert sich die Dauer der Erkäl­tungs­symptome.« Aufgrund der Datenlage lassen sich nur Aussagen für Zink­dosierungen ≥ 75 mg pro Tag während der gesamten Erkrankungs­dauer treffen. »Der wahrscheinliche Nutzen muss gegen Nebenwirkungen abgewogen werden, insbesondere einen schlechten Geschmack und Übelkeit«, lautet das Fazit.



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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