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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Psychopharmakotherapie

Patienten gut informieren


Von Michael van den Heuvel / Psychopharmaka machen abhängig und verändern die Persönlichkeit. Äußern Patienten derartige Ängste beim Arzt oder in der Apotheke, sind ihre Gesprächs­partner argumen­tativ gefordert. Der Neurologe und Psychiater Professor Dr. Arno Deister erklärt, wie maßgeschneiderte Informationen helfen, die Therapietreue langfristig aufrecht zu erhalten.

 

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Zur Therapie psychischer Erkrankungen stehen Ärzten heute etliche wirksame Arzneistoffe zur Verfügung. »Bei Psychopharmaka ist die Adhärenz allerdings ein besonderes Problem«, sagt Professor Dr. Arno Deister im Interview mit PTA-Forum. Er ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).




Aus Angst vor Abhängigkeit oder wegen fehlender Informationen nehmen viele Patienten ihre Psychopharmaka nicht regelmäßig ein.

Foto: Shutterstock/Liukov


Mehrere Untersuchungen haben ergeben, dass bis drei Viertel aller Patienten mit einer psychischen Erkrankung bereits nach einem Jahr die verordneten Arzneimittel nicht mehr einnehmen oder die verschriebene Dosierung geändert haben. So begleiteten beispielsweise bei der CATIE-Studie (Clinical Antipsychotic Trials of Intervention Effectiveness) Wissenschaftler 18 Monate lang Menschen, die langfristig eine Psychopharmakotherapie erhielten.

Insgesamt brachen 1016 (= 74 Prozent) der auswertbaren 1432 Patienten die medikamentöse Therapie während der Studiendauer ab. In 30 bis 40 Prozent der Fälle wechselten die Ärzte das Präparat, weil das ursprünglich gewählte Arzneimittel aus ihrer Sicht nicht ausreichend wirkte. Und bei 20 Prozent beendeten sie die Pharmakotherapie wegen nicht tolerier­barer Nebenwirkungen.

Zahlen der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation WHO beziffert die Nicht-Adhärenz-Raten bei Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Depressionen sogar auf 50 Prozent. Dass die Patienten ihre Medikamente gar nicht einnehmen, erfahren die Therapeuten meist nicht.

Deister erklärt, wie es dazu kommt. Nach seiner Erfahrung machen sich Menschen mit psychischen Erkrankungen große Sorgen darüber, welche Effekte die verordneten Arzneimittel in ihrem Körper auslösen. »Besonders häufig befürchten sie, ihre Medikamente könnten abhängig machen.« Immer wieder hört der DGPNN-Präsident auch die Befürchtung, das Arzneimittel würde die Persönlichkeit verändern. Als Grund hierfür sieht er vor allem, dass Laien über Psychopharmaka viel weniger als über andere Präparategruppen wissen. Bei Insulin oder bei Schmerzmitteln hätten die meisten zumindest eine gewisse Vorstellung, wie die Arzneisubstanzen wirken. Als weiterer angsterzeugender Faktor kämen Recherchen im Web hinzu, speziell in Patientenforen. Den Wahrheitsgehalt vieler Online-Veröffentlichungen hinterfragen Laien aber häufig nicht. Deister: »Psychopharmaka sind stark in der öffentlichen Diskussion, was Patienten zusätzlich verunsichert.«

Fehlende Einsicht

Als entscheidendes Argument für das Verhalten der Patienten sieht der Experte jedoch die mangelnde Überzeugung, krank zu sein: »Patienten mit einer Psychose fehlt die Einsicht, dass sie zum Arzt müssen und Medikamente benötigen.« Auch depressive Patienten hätten oft große Berührungsängste. Viele machten sich selbst für ihre gesundheitliche Lage verantwortlich.

Ganz andere Erfahrungen hat der Arzt bei Menschen mit Angsterkrankungen gemacht. Sie sehen Präparate als gute Möglichkeit, ihre Schwierigkeiten rasch in den Griff zu bekommen. »Haben sie jedoch den Eindruck, mit nur einem Medikament alle Probleme lösen zu können, ist es nachher ganz schwierig, bei ihnen Veränderungs­prozesse zu initiieren.« Und Demenz­patienten fällt es – je nach Erkrankungsstadium – schwer, zu verstehen, warum sie regelmäßig Arzneimittel brauchen. »Das Thema Adhärenz ist stark abhängig von der jeweiligen Problematik«, resümiert Deister.

Ängste nehmen

Sein Lösungsansatz: »Im Unterschied zu früheren Zeiten informieren wir Patienten oder Angehörige heute sehr intensiv über eine Behandlung.« Dabei sprechen die Therapeuten auch Nebenwirkungen offen an und berücksich­tigen außerdem subjektive Ängste vor einer Abhängigkeit oder einer Veränderung der Persönlichkeit.




Arno Deister betont, wie wichtig es ist, Arzneimittel als Teil eines Gesamtbehandlungskonzepts zu sehen.

Foto: privat


»Meine Erfahrung zeigt, dass Patienten ihr Medikament längerfristig nur nehmen, wenn sie gut informiert sind«, berichtet der Experte. So vermittelt er Laien, was moderne Psychopharmaka leisten, wo aber auch deren Grenzen liegen. Patienten mit Konflikten müssen beispielsweise lernen, dass Tabletten keine Probleme in ihrem Leben lösen. »Allerdings kann ein Medikament Erkrankten zu einem Zustand verhelfen, in dem sie selbst das Leben in den Griff bekommen.«

Angst vor Abhängigkeit

Bleibt noch, Laien zu erklären, dass es »das Psychopharmakon« nicht gibt. Die Arzneimittel unterscheiden sich in Molekülstruktur, aber vor allem auch in ihrer Wirkdauer. Präparate mit einem klinisch relevanten Abhängigkeitspotenzial wie die Benzo­diazepine sollten nur kurzfristig und unter engmaschiger ärztlicher Überwachung eingesetzt werden. Bei Antidepressiva wie den Selek­tiven Serotonin-Wiederaufnahme­hemmern (SSRI) oder Trizyklika ist die Gefahr der Abhängigkeit hingegen äußerst gering.

Falsche Erwartungen

Die Wirkung eines Pharmakons kann auch darin bestehen, dass nichts passiert, beispielsweise soll die Gabe von Lithiumsalzen den Rückfall in eine schwere Depression verhindern. »Für Patienten ist das typischerweise kaum verständlich«, so Deister. Anhand von Krankheitsmodellen versucht er, Patienten den gewünschten Effekt zu veranschaulichen.

Aus Sicht des Experten muss der Patient auch eine Vorstellung davon bekommen, nach welchem Zeitraum die Wirkung eintritt: »Bei den meisten Anti­depressiva dauert es mindestens zwei Wochen, bis wir als Ärzte die Wirkung beurteilen können.« Die Pharmakokinetik sei eben sehr unterschiedlich, betont Deister.




PTA und Apotheker tragen durch ihre Beratung erheblich dazu bei, dass Patienten über die richtige Anwendung von Psychopharmaka informiert sind.

Foto: Shutterstock/racorn


Laien haben von diesen Zusammenhängen in der Regel wenig Ahnung. Häufig suchen sie schon nach zwei oder drei Tagen den Facharzt auf, um ihm zu berichten, sie wüssten schon, dass ihnen ein Antidepressivum ohnehin nicht helfe. Sie hätten schon viele Wirkstoffe ausprobiert und nach kurzer Zeit wieder abgesetzt. Erkrankte müssen verstehen, dass es dauert, bis sich Wirkstoffspiegel im Körper aufbauen. Viele Menschen erwarten den schnellen Wirkeintritt, den sie beispielsweise von Analgetika kennen. Wegen ihrer völlig falschen Erwartungshaltung setzen sie dann meist das Präparat ab. Diese Gruppe sei später kaum noch bereit, ein anderes Psychopharmakon einzunehmen, sondern lehne dann generell alle Präparate ab, weiß Deister.

Einfacher Behandlungsplan

Mit fundierteren Kenntnissen allein ist es nicht getan. Galenik und Einnahmehäufigkeit beeinflussen noch zusätzlich die Adhärenz. Die meisten Patienten profitieren von einem leicht umsetzbaren Einnahmeschema oder von Depotpräparaten. Andere befürchten, bei Depotpräparaten ließe sich die Wirkung nicht mehr richtig steuern. »Es gibt eben verschiedene Typen von Patienten«, weiß Deister aus eigener Erfahrung. Manche nehmen ein Arzneimittel ein und möchten dann möglichst ihre Ruhe haben. Andere erwarten, dass das Pharmakon schnell wieder ausgeschieden wird. »Wir brauchen ein stark individualisiertes Vorgehen«, lautet seine Empfehlung.

Der Neurologe und Psychiater bewertet Medikamente immer als Teil eines Gesamtbehandlungsplans. Unverzichtbare Bestandteile der Therapie sind Gespräche, psychosoziale Maßnahmen und der regelmäßige Kontakt zum Arzt. So richtet sich beispielsweise die Therapie depressiver Patienten nach dem Schweregrad der Erkrankung. Leichte Depressionen werden vor allem mit einer Psychotherapie behandelt und Medikamente nur im Ausnahmefall verordnet. Schwere Depressionen erfordern Pharmaka zusätzlich zur Psychotherapie. Bei mittelgradigen Depressionen hängt das Vorgehen stark von der individuellen Situation ab. »Ich kann nicht sagen, dass Psychopharmaka an Bedeutung verloren haben«, so Deister. »Was wächst, ist das Verständnis, Arzneimittel als Teil eines Gesamtbehandlungskonzepts einzusetzen.«

Grundsätzlich wird kein Patient gezwungen, Arzneistoffe einzunehmen. »Das sagen wir immer wieder. Wichtiger ist der therapeutische Bezug.« Der Experte rät allen Patienten, Probleme oder Ängste lieber anzusprechen, als die Präparate eigenmächtig abzusetzen. Sonst wundert sich der Therapeut über den ausbleibenden Effekt und ändert vielleicht sogar die Medikation. /


Finanzielle Anreize für eine bessere Adhärenz?

Forscher der Technischen Universität München diskutieren, ob es sinnvoll ist, Patienten mit Boni zu belohnen, wenn sie ihre Pharmakotherapie möglichst lange durchführen. Ihre Argumente gelten insbesondere für Patienten mit einer psychischen Erkrankung.

Die Befürworter dieses unorthodoxen Lösungsansatzes argumentieren, fehlende Adhärenz verursache nicht nur menschliches Leid, sondern auch hohe Kosten. Dieses Geld würden sie lieber als Anreiz einsetzen. Zahlreiche Studien hätten einen Zusammenhang zwischen materiellen Vorteilen und der Therapietreue belegt. Die Gefahr des Missbrauchs eines solchen Bonussystems sehen sie nicht.

Gegner zweifeln nicht nur an der Qualität der wissenschaftlichen Datenlage, sondern weisen auf offene Fragen hin: Mit welcher Summe pro Monat wird der gewünschte Effekt erreicht? Wer misst die Adhärenz? Wie lässt sich das Bonussystem finanzieren? Außerdem befürchten sie eine Aushöhlung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient. Antworten auf diese Fragen können nur weitere Forschungsprojekte liefern.



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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