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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Selektiver Mutismus

Wenn Kinder aus Angst verstummen


Von Carina Steyer / Kinder mit selektivem Mutismus können gut sprechen und sind im familiären Umfeld oft sogar als kleine Plaudertaschen bekannt. In einer anderen Umgebung verstummen sie hingegen – manchmal auch nur in bestimmten Situationen.

 

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Das psychiatrische Klassifikationssystem »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« stuft selektiven Mutismus als klassische Angststörung ein. Die Weltgesundheitsorganisation definiert ihn im ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem, als eine Störung der sozialen Funktion, die in der Kindheit oder Jugend beginnt. Manche betroffenen Kinder sprechen ausschließlich mit Eltern und Geschwistern, andere zusätzlich mit ausgewählten Freunden, im schlimmsten Fall redet ein Kind nur noch mit einem einzigen Menschen, meist einem Elternteil. Wen ein Kind als Kommunikationspartner aussucht, entscheidet es nicht bewusst.




Foto: iStock/Imgorthand


Sein Schweigen ist eine Angstreaktion auf bestimmte soziale Situationen oder die Anwesenheit unbewusst ausgewählter Personen. Die Angst versetzt die Kinder in einen Zustand, in dem sie sich nicht mehr verbal mitteilen können. Äußerst selten spricht ein Kind mit niemandem mehr und lacht oder weint völlig lautlos. Dieser Zustand des totalen Mutismus folgt manchmal auf selektiven Mutismus, häufig jedoch erst im Jugend- oder Erwachsenenalter.

Neben der Sprachlosigkeit äußert sich der selektive Mutismus auch auf nonverbaler Ebene durch typische Symptome. Werden betroffene Kinder angesprochen, scheinen sie regelrecht zu erstarren. Sie verweigern den Blickkontakt, ihre Mimik erscheint maskenhaft, ihre Gestik eingeschränkt. Darüber hinaus leiden selektiv mutistische Kinder häufiger unter sozialen Ängsten, depressiven Stimmungen, Zwängen oder Tick-Störungen sowie Regulations­störungen, die das Schlafen, Essen, die Verhaltenskontrolle und Ausscheidungsfunktionen betreffen.

Hohe Dunkelziffer

Schätzungsweise 0,7 Prozent aller Kinder sollen von dieser extremen Form des Schweigens betroffen sein, Mädchen doppelt so häufig wie Jungen. Aufgrund des relativ unscheinbaren Störungsbildes vermuten Experten jedoch eine hohe Dunkelziffer. Schweigende Kinder fallen im Vergleich zu übermäßig lauten oder aggressiven Kindern einfach weniger auf. Um aktuelle Zahlen zu erhalten, befragten Dr. Anja Starke und Dr. Katja Subellok vom Institut für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund Lehrer an Grund- und Förderschulen in Nordrhein-Westfalen zu Schülern mit mutismustypischen Verhaltensweisen. Ein Ergebnis: Von 7917 Schüle­rinen und Schülern zeigten insgesamt 2,6 Prozent der Kinder im schulischen Umfeld deutliche Symptome eines selektiven Mutismus, nur die Hälfte war bereits diagnostiziert.

Als Ursachen des Mutismus vermuten Wissenschaftler eine familiäre Veranlagung für Angststörungen, orga­nische Faktoren wie die Störung des serotonergen Neurotransmittersystems oder einen Migrationshintergrund. Starkes und Subelloks Befragung ergab, dass bei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen, das Risiko, Mutismus zu entwickeln, um den Faktor 4 höher liegt. Warum Mehrsprachigkeit die Kommunikationsstörung erhöht, ist bisher unbekannt. Experten nehmen jedoch an, dass die Ursache eher im Sozialgefüge betroffener Familien als in der Mehrsprachigkeit zu finden ist.

Schwierige Früherkennung

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. rät Eltern, einen Kinder- und Jugendarzt aufzusuchen, wenn ihr Kind länger als einen Monat außerhalb der Familie nicht spricht. Das größte Problem besteht jedoch darin, dass ­Eltern die Sprachlosigkeit gar nicht erkennen. Viele erleben ihr Kind zu Hause als kleine Plaudertasche, die ohne Hemmungen agiert und oft sogar eine dominante Stellung im Familiengefüge einnimmt. Häufig wird erst nach einigen Jahren deutlich, dass die Kinder mit der Redseligkeit daheim ihre Sprachlosigkeit in unbekannter Umgebung kompensieren.

Im Durchschnitt fällt der selektive Mutismus dann auf, sobald die Kinder einen Kindergarten besuchen, also im Alter zwischen drei und vier Jahren. Betroffenen Kindern fällt es häufig schwerer, sich von den Eltern zu lösen, sie suchen keinen aktiven Kontakt zu anderen Kindern, wehren manchmal sogar Spiel­angebote ab und spielen lieber ganz allein oder beobachten das Szenario. Oft finden sie jedoch nach einiger Zeit ein Kind, das zum Freund und Sprachrohr wird. Gegenüber den Erziehern schweigen sie allerdings noch nach Monaten oder Jahren innerhalb der Gruppe. Auch der Übertritt in die Schule ändert nichts an der Problematik. Zwar spricht ein Großteil der Kinder auch hier zumindest mit einem Freund, aber gegenüber den Lehrern schweigen sie beharrlich.

Da das ungewöhnliche Verhalten der Kinder meist nur im außer­häus­lichen Zusammenhang auftritt, kommt Erziehern und Lehrern eine besondere Stellung bei der Erkennung zu. Das Durchschnitts­alter bei Therapiebeginn liegt aktuell bei acht Jahren. Zuvor interpretieren Erzieher und Lehrer das beharrliche Schweigen häufig als extreme Schüchternheit. Etwa 40 Prozent der Mutismusfälle werden gar nicht erkannt.

Wichtige Therapie

Nur die rechtzeitige Behandlung kann verhindern, dass sich das Schweigen verfestigt. Während Kinder oft noch von Klassenkameraden unterstützt werden und die meisten Lehrer verständnisvoll auf ihre Sprachlosigkeit reagieren, beginnen mit der Pubertät häufig ernsthafte Schwierigkeiten. Im Klassenverband geraten die Jugend­lichen schnell in eine Außenseiterpo­sition, und die Benotung ihrer münd­lichen Leistung wird zur Herausfor­derung. In vielen Fällen entwickeln Jugendliche mit selektivem Mutismus zusätzlich eine Schul- oder Sozialphobie, die zum Schulabbruch führt. Auch Depressionen sind unter unbehandelten Jugendlichen nicht selten.




Foto: iStock/RapidEye


Da viele Kinder bis heute nicht richtig behandelt werden, berät beispielsweise das Mutismus Beratungs-Zentrum in Starnberg betroffene Eltern. Die Experten empfehlen, bei der Auswahl der Therapie kritisch zu sein, sich vorab über das Therapiekonzept und die Erfahrung des Therapeuten zu informieren. Von einer ausschließlich logopädischen Behandlung, die bei selektivem Mutismus von einer Kommunikationsstörung ausgeht, raten Experten ebenso ab wie von reiner Spieltherapie. Stattdessen sollte die Therapie verschiedene Bausteine enthalten, die neben sprach- und psychotherapeu­tischen auch verhaltenstherapeutische Elemente umfasst.

Aus Unwissenheit der Eltern durchlaufen viele Kinder etliche Therapieversuche, die den Mutismus letztlich mehr verfestigen, weil die Kinder nicht einmal im therapeutischen Rahmen ihre Angst überwinden können. Nach den Erfahrungen von Professor Manfred Döpfner, Leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Köln, sollten in einem Therapiezeitraum von sechs Monaten deutliche Verbesserungen erreicht werden. Ist dies nicht der Fall, sollte die Therapie gewechselt werden.

In der spezifischen Therapie soll das Kind lernen, wie es Schritt für Schritt aus seinem Schweigen heraustreten kann. Damit das gelingt, muss es dem Therapeuten vertrauen. Dieser bringt das Kind spielerisch schrittweise dazu, mit ihm zu sprechen. Das kann mit Lauten über einzelne Buchstaben beginnen, bis es bis schließlich Wörter und ganze Sätze formuliert. Gelingt die Kommunikation mit dem Therapeuten, folgt ein weiterer Schritt, zunächst kommt vielleicht ein zweiter Therapeut hinzu. Dann soll das Kind telefonieren oder in fremder Umgebung einkaufen. Die Therapie war erfolgreich, wenn das behandelte Kind nicht nur im häuslichen und therapeutischen Umfeld spricht, sondern auch in furchteinflößenden Situationen.

Das Umfeld einbeziehen

Der familiäre Kontext eines Kindes ist wichtig für das Gelingen der Therapie. In vielen Familien sind über die Zeit unbemerkt Strukturen entstanden, die den selektiven Mutismus aufrechterhalten. Außerhalb von zu Hause flüstern einige Kinder ihren Eltern ins Ohr, andere zupfen sie am Ärmel oder verständigen sich nur noch mit Gesten. In der Therapie lernt das Kind, diese Alternativkommunikation schrittweise durch lautes Sprechen zu ersetzen.

Auch wenn selektiv mutistische Kinder in der Therapie und im Beisein der Eltern Fortschritte machen, brauchen sie im Kindergarten oder in der Schule zusätzliche Unterstützung von Erziehern und Lehrern. Wichtig sei, dass das Umfeld verständnisvoll reagiert, so Dr. Herman Josef Kahl, Bundessprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Das erleichtere den Kindern den Umgang mit der Situation. Daher empfehlen Experten den Eltern, alle erwachsenen Kontaktpersonen des Kindes in der jeweiligen Einrichtung über das Störungsbild zu informieren und um Unterstützung zu bitten.

In einer ersten Stufe sollten Erzieher oder Lehrer alternative Kommunika­tionsformen wie Gesten, Symbole, Karten oder einen Computer akzeptieren. So erhalte das Kind eine Möglichkeit, sich mitzuteilen, ohne sprechen zu müssen. Gleichzeitig finden die Betreuungspersonen so leichter Zugang zum Kind und können Vertrauen aufbauen. Mit verständnisvoller Unterstützung schaffen es die meisten Kinder schnell, ihre Ängste zu überwinden und den Weg in ein normales Kommunikationsverhalten zu finden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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