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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Nachtschattengewächse

Vom Hexenkraut zur modernen Arzneitherapie


Von Ernst-Albert Meyer / Zahlreiche Pflanzen wirken auf die Psyche des Menschen ein oder verändern sogar den Bewusstseinszustand. In diesem Zusammenhang denken PTA und Apotheker wahrscheinlich auch an Nachtschattengewächse. Die isolierten Inhaltsstoffe der Solanaceen haben bei verschiedenen Erkrankungen eine wichtige Bedeutung in der Medizin.

 

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Seit Langem kennen Heilkundige die Wirkungen von Tollkirsche (Atropa bella­donna), Weißem Stechapfel (Datura stramonium) und Schwarzem Bilsenkraut (Hyoscyamus niger). Das belegt unter anderem das berühmte Arznei­buch »Antidotarium Nicolai« aus dem 12. Jahrhundert. Die meisten dort aufgeführten Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel enthielten Toll­kirsche und Bilsenkraut sowie Alraune (Mandragora officinalis) und Mohn beziehungsweise Opium. Der Bedarf an schmerzlindernden Arzneien war offen­bar groß, denn mehr als die Hälfte der insgesamt 142 Rezepturen des »Antidotarium Nicolai« waren Analgetica.




Foto: Ullrich Mies


Auffallend bei den damaligen Arznei­mitteln ist die Vielfalt der Arzneiformen: In den Apotheken wurden Umschläge, Pflaster, Öle, Suppositorien, Schlaf­schwämme, Salben, Räucher­ungen, Tränke, Wässer, Pillen und Pulver hergestellt. Doch die in den Rezepturen enthaltenen Drogen wirkten nicht nur schmerzstillend und schlaffördernd, sondern erzeugten dosis­abhängig einen Tiefschlaf mit beeindruckenden Träumen und Halluzina­tionen. Insbesondere Bilsenkraut und Tollkirsche sind seit dem Altertum als Rauschmittel bekannt. Die enthaltenen Alkaloide Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin lösen Gefühle des Fliegens, erotische Phantasien und visio­näre Begegnungen aus und verändern zudem Haut- und Körperwahrnehmungen.

Dieser Begleiteffekt verleitete einige Frauen zur missbräuchlichen Anwendung der Solanaceen in sogenannten Hexensalben. So erhielt die Tollkirsche auch den Namen Hexenkraut und war gemeinsam mit Bilsenkraut und Stechapfel Bestandteil der Flugsalben, wie die Hexensalben auch genannt wurden. Diese Salben erzeugten bei den Verwenderinnen Wahnvorstellungen: Sie träumten so intensiv zu fliegen oder sich in ein Tier zu ver­wandeln, dass sie diese Ein­drücke am nächsten Tag für Realität hielten.




Foto: Ullrich Mies


Aufgrund der halluzinogenen Effekte brachte die bekannte Äbtissin und Heilkundlerin Hildegard von Bingen (1098-1179) die Tollkirsche mit dem Teufel in Verbindung und warnte vor der zerstöre­rischen Wirkung der Pflanze auf die menschliche Psyche. Wegen des möglichen Missbrauchs wurde Ärzten und Apothekern die Abgabe dieser Schmerz- und Schlafmittel an un­bekann­te Frauen per Verordnung verboten. Als in Deutschland die Hexenjagd um das Jahr 1600 ihren Höhepunkt erreichte, verschwanden die Solanaceen-haltigen Arzneimittel aus den Arzneibüchern. Welcher Arzt oder Apotheker wollte schon bei der Inquisition in Verdacht geraten, das Hexen­wesen zu unterstützen?

Phantastika

Allerdings geriet die Kenntnis der pharmako­logischen Wirkungen der Solanaceen nicht in Vergessenheit. Ein Jahrhundert später beschrieb der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707-1778) in seinem Arzneipflanzen-Katalog »Materia medica« die zentrale Wirkung dieser Pflanzen als halluzinogen, para­lysierend und narkotisierend. Aufgrund ihrer halluzinogenen Effekte bezeichnete der berühmte Toxikologe Louis Lewin (1850-1929) diese Arzneipflanzen als »Phantastica«. Viele Autoren von Kräuterbüchern wiesen auf die Toxizität der Nachtschattengewächse hin. Beispielsweise können bei Kindern bereits 10 mg Atropin, oral aufgenommen, zu einer tödlichen Atemlähmung führen.




Foto: OKAPIA/Hans Reinhard


Alle Solanaceen enthalten hochwirk­same Tropanalkaloide wie Atropin, Hyo­scyamin und Scopolamin. Besonders gehaltvoll sind die Blätter und Wurzeln der Tollkirsche. Die Heilkundigen des Mittelalters kannten zwar die vielfältigen Wirkungen der Alkaloiddrogen, zu Kenntnissen über die Wirkmechanismen gelangten Wissenschaftler jedoch erst ab dem 18. Jahrhundert. Dabei wiesen sie auch Wirkunterschiede zwischen Atropin und Scopolamin nach: Beide Substanzen sind Parasympatholytika, unterscheiden sich jedoch in ihrem Wirk­profil.

Großes Wirkspektrum

Als Antagonisten am muscarinergen Acetylcholinrezeptor verhindern Atropin und Scopolamin die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin. Die glatte Muskulatur erschlafft, zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt, den Gallenwegen, der Harnblase und den Bronchiolen. Ferner kommt es zur Erweiterung der Pupillen (Mydriasis) und zur Beeinträchtigung des räum­lichen Sehens (Akkomodations­lähmung), da der Ringmuskel der Iris und den Ziliarmuskel gehemmt werden. Darüber hinaus sinken die Sekretion von Speichel, Magen- und Pankreassaft sowie von Schweiß. Außerdem beschleu­nigen die Alkaloide den Herzschlag (Tachykardie) und unterdrücken Übelkeit und Erbrechen.

Bei Atropin dominiert in höheren Dosen – etwa ab 3 mg beim Menschen – die zentral erregende Wirkung, ab 10 mg die zentral lähmende. Bei Scopolamin sind die mydriatischen und sekretionshemmenden Eigenschaften stärker ausgebildet als bei Atropin, der spasmolytische Effekt­ ist dagegen schwächer. Scopo­lamin wirkt überwiegend zentral dämpfend und kann lang andauernde Halluzinationen auslösen.

Neue Indikation

Die Forschungsergebnisse des Wiener Arztes ­Anton Stoerck (1731–1803) über die Nachtschattengewächse eröffneten im 18. Jahrhundert neue Behandlungsmöglichkeiten in der Asthma-Therapie: Den Patienten wurden jetzt Räucherungen mit den getrockneten und zerkleinerten Pflanzenteilen von Atropa belladonna und Datura stramonium empfohlen. Mit der Methode, die Droge in einer Pfeife zu rauchen, war eine völlig neue Applikationsart ent­wickelt worden, die zu einem schnelleren Wirkungseintritt führte: die Zufuhr von Arzneistoffen direkt in die Atemwege. Allerdings blieb bei wiederholter Anwendung oder bei schweren An­fällen häufig der erwünschte Effekt aus.



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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