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Angststörungen

Wege aus Angst und Panik


Von Barbara Erbe / Angst erzeugt unangenehme körperliche und psychische Symptome, ist aber durchaus sinnvoll. Ohne diese Warnerin vor Gefahren wäre der Mensch kaum lebens­fähig. Dominiert Angst aber den Alltag eines Menschen, schränkt das seine Lebensqualität ein und beeinflusst langfristig seine Gesundheit. Zum Glück gibt es Wege, dieser Entwicklung gegenzusteuern – je früher desto besser.

 

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Mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn zu rasen, nachts allein durch verrufene Stadtviertel zu streifen – das wagen die wenigsten. Die meisten Menschen haben davor Angst, und das ist auch gut so. Denn Angst und Furcht sind gesunde und lebensnotwendige Gefühle, erklärt Professor Dr. Katarina Stengler, Leiterin der Psychiatrischen Institutsambulanz und Ambulanz für Zwangserkrankungen am Universitätsklinikum Leipzig. »Wenn die Furcht aber ein übersteigertes Ausmaß annimmt und das Leben eines Menschen unnötig einengt, spricht man von einer Angsterkrankung.«




Foto: Shutterstock/Svetlana Lukienko


Angsterkrankungen zählen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, berichtet die Psychiaterin. »In repräsentativen Umfragen erfüllen bis zu 15 Prozent der Befragten innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten die international geltenden Kriterien einer Angststörung.« Psychiater unterscheiden dabei zwischen Panikstörung, generalisierter Angststörung, sozialer Angststörung und Phobien.

Charakteristisch für eine Panikstörung sind wiederkehrende schwere Angstanfälle mit heftigen körperlichen und psychischen Symptomen, erläutert Stengler. Die typischen Angstsymptome haben sich in der Evolutionsgeschichte der Menschheit entwickelt, als die Menschen in bedrohlichen Situa­tionen fliehen, kämpfen oder sich tot stellen mussten, um zu überleben. Deshalb reagieren viele auf beängstigende Ereignisse noch heute mit Herzrasen, Beben, Zittern oder Schwitzen, aber auch mit Atemnot, Benommenheit und Unsicherheit. Einige haben das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen, andere erleben Erstickungsgefühle, empfinden ein Enge­gefühl in Hals oder Brust oder ihnen wird übel. Auch Entfremdungs­gefühle sind typisch, berichtet die Psychiaterin: »Betroffene können sich dann als unwirklich empfinden beziehungsweise das Gefühl haben, nicht da zu sein.« Schließlich treten Hitzewallungen oder Kälteschauer auf, ebenso Schmerzen, Furcht zu sterben und vor allem Angst, die Kontrolle zu verlieren oder wahnsinnig zu werden. Eine Panik­attacke ist zwar eine schlimme Erfahrung, muss aber nicht zwingend krankhaft sein, erläutert Stengler. Erst wenn sich derlei Episoden wiederholen, sprechen Psychiater von einer krankhaften Panikstörung.

Panikattacken

Eine Panikattacke kann nach Informationen des Berufsverbands Deutscher Psychiater (BVDP) wenige Minuten, im Extremfall aber auch einige Stunden dauern – meist hält sie allerdings nicht länger als 30 Minuten an. »Viele Patienten leben in ständiger Angst vor der nächsten Attacke – sie haben Angst vor der Angst.« Oft wenden sie sich zunächst an ihren Hausarzt, weil sie beispielsweise befürchten, an einer schweren Herzerkrankung zu leiden. »Deshalb ist es sehr wichtig, dass Allgemeinmediziner und im Grunde alle Heilberufler im Hinterkopf haben, dass hinter den geschilderten körperlichen Symptomen auch eine psychische Erkrankung wie in diesem Fall eine Angststörung stecken kann.«

Manche Panikattacken setzen für die Betroffenen völlig überraschend ein, häufig werden sie aber durch bestimmte Situationen ausgelöst. So ist die Panikstörung nach Erkenntnissen des BVDP in etwa zwei Drittel der Fälle mit Platzangst (Agoraphobie) verbunden. Dabei fürchten Betroffene bestimmte Situationen oder Orte und meiden sie, beispielsweise Menschenmengen, öffentliche Plätze oder Fahrstühle. Schlimmstenfalls verlassen sie kaum noch allein ihr sicheres gewohntes Umfeld.

Im Durchschnitt erkranken Frauen doppelt so häufig- wie Männer an Panik­störungen, insgesamt leiden etwa 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung an dieser Angststörung. Bei den Meisten entwickeln sich die Symptome zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Mitte 30 ist die Ausprägung am stärksten; nach dem 45. Lebensjahr verlieren sich die Beschwerden häufig wieder.

Generalisierte Angststörung

Nicht einzelne, wiederkehrende Angst­attacken sind bei Menschen mit einer generalisierten Angststörung präsent, sondern dauerhaft Sorgen oder Ängste. Auch sind diese nicht auf bestimmte Orte oder Situa­tionen beschränkt, sondern treten scheinbar grundlos auf. Viele Betroffene machen sich zudem Sorgen über reale Bedrohungen wie Unfälle oder Krankheiten, die Freunden oder Verwandten zustoßen könnten. Ihre Furcht ist dann jedoch in unrealis­tischer Weise übersteigert. »Diese Pa­tienten sind innerlich angespannt und nervös, häufig haben sie auch Schlafstörungen – denn sie glauben ja permanent, dass eine Katastrophe naht.« Gehen die Betroffenen wegen einer der genannten Ängste nicht zu vereinbarten Terminen oder Unternehmungen, ist der Übergang zur Depression oft fließend.




Viele Betroffene ziehen sich mehr und mehr aus dem sozialen Leben ­zurück.

Foto: Shutterstock/lassedesignen


Die generalisierte Angststörung kommt nach Informationen des BVDP bei Frauen häufiger vor als bei Männern. Insgesamt leiden rund 4 bis 6 Prozent der Bevölkerung unter dieser Angsterkrankung, die meist um das 30. Lebensjahr herum beginnt.

Ausgeprägte Phobien

Eine andere Art der Angst ist die soziale Phobie, im Grunde eine extreme Schüchternheit. Betroffene fühlen sich von ihren Mitmenschen ständig kritisch beobachtet – erst recht, wenn ihnen besondere Aufmerksamkeit zuteil wird, beispielsweise wenn sie einen Fremden ansprechen, vor anderen etwas sagen oder präsentieren sollen oder allein an einer Menschengruppe vorbeigehen müssen. Deshalb meiden sie derlei Situationen, wann immer es geht. Gelingt ihnen das nicht, erleiden sie klassische Angstsymptome: Sie atmen schneller und tiefer, ihre Muskeln spannen sich an, Puls und Blutdruck steigen, und sie verspüren den Drang, Darm und Blase zu entleeren. »Ihre Gedanken kreisen darum, sich zu blamieren und von anderen abgelehnt zu werden«, beschreibt Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin und Autorin des Ratgebers »Ängste verstehen und überwinden«. Sozialphobien beginnen meist schon in der Kindheit oder Jugend und eskalieren zwischen dem 20. und dem 35. Lebensjahr – danach bessern sie sich oft.

Ängste vor bestimmten, eher harmlosen Situationen oder Dingen werden als Phobien bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise Ängste vor Spinnen oder Hunden. Dass ihre Mitmenschen meist völlig gelassen reagieren, lindert die Furcht der Betroffenen nicht, im Gegenteil: Oft schämen sie sich dafür und erleben ihre Symptome noch intensiver. Auch bei den Phobikern sind Frauen in der Überzahl.

Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei manchen Menschen die Angstbereitschaft von Geburt an erhöht ist, erklärt Stengler. So ist bei einigen Betroffenen das Gleichgewicht von Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA) gestört.

»Insbesondere zu genetischen Bedingungen von Angsterkrankungen hat Professor Dr. Dr. Katharina Domschke, jetzt Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Univer­sitätsklinikum Freiburg, in den letzten Jahren sehr interessante Forschungs­ergebnisse vorgelegt«, berichtet die Leipziger Psychiaterin. Dennoch bestimme die genetische Veranlagung keinesfalls vorher, wie eine Angst­erkrankung verläuft oder dass sich die Symptome niemals verändern. »Da kommen immer individuelle Lebensereignisse, auslösende und auch aufrechterhaltende Faktoren dazu.«

Gelernte Angst

Die Psychotherapeutin Wolf sieht eine häufige Ursache für Angststörungen im Erziehungsstil der Eltern. Indem manche ihre Kinder ständig abwerten, überbehüten oder von ihnen immer Perfektion erwarten, hindern sie diese daran, Selbstsicherheit zu entwickeln. »Als Erwachsene neigen sie dann dazu, sich von der Meinung anderer abhängig zu machen, von sich selbst Fehler­losigkeit zu verlangen und sich zu verachten, wenn sie doch Fehler machen.« Vor allem in Stress- und Überlastungssituationen sind diese Menschen besonders verwundbar, verletzlich und entwickeln Ängste.

Zudem gelten traumatische Kindheitserlebnisse wie körperliche oder seelische Gewalt, sexueller Missbrauch, aber auch lang anhaltende und stressreiche Belastungen als Risikofaktoren für die Entwicklung einer Angststörung.




Anti-Depressiva können in einigen Fällen die Therapie vorübergehend sinnvoll ergänzen.

Foto: Shutterstock/Scott Rothstein


Als Auslöser kommen alle einschneidenden Erlebnisse infrage, nicht nur negative, sondern auch positive. »Der Verlust einer Bezugsperson kann unkontrollierte Ängste auslösen, aber auch eine Hochzeit oder eine Beförderung«, betont Stengler. »Beides kann Versagensängste vor kommenden Anforderungen auf den Plan rufen.«

Menschen mit einer Angststörung werden oft jahrelang mit Beruhigungstabletten therapiert, ohne dass die Ursachen erkannt oder behandelt werden, kritisiert Wolf. »Sie bekommen den Eindruck, verrückt zu sein, weil sie körperliche Beschwerden verspüren, aber kein Arzt eine organische Ursache finden kann.« Als Folge ziehen sich viele Betroffene immer mehr aus dem Leben zurück und quälen sich mit Ein- und Durchschlafstörungen, Problemen in Partnerschaft, Familie oder im Berufsleben. Je früher eine Angststörung adäquat behandelt wird, desto besser ist die Chance, dass die Erkrankung nicht chronisch wird, sondern abklingt.

Erfolgreiche Kombination

Mittel der Wahl bei Angststörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie, oft in Kombination mit Medikamenten. Voraussetzung für den Erfolg dieser Therapien ist allerdings, dass die Patienten lernen, ihre Beschwerden als Ausdruck ihrer Angst zu begreifen und auch dazu zu stehen. Vor allen Dingen müssen sie lernen, nicht mehr vor den Angst auslösenden Situationen zu flüchten.

Denn ebenso wie Angstreaktionen erlernt werden, können sie auch wieder verlernt werden, erläutert Wolf. Die Expertin empfiehlt Betroffenen, zunächst darauf zu achten, welche Gedanken und Befürchtungen ihrem Angstgefühl vorausgehen. Dann sollten sie sich fragen: »Ist es wirklich so, dass all dies eintreffen wird, oder übertreibe ich das Ausmaß der Gefahr? Welche Möglichkeiten habe ich, das zu verhindern?« Schritt für Schritt sollten sie dann die in Wirklichkeit ungefährlichen Situationen aufsuchen, die sie bisher gemieden haben, und sich dabei sagen: »Ich weiß, dass all meine körperlichen Symptome auftauchen werden. Sie sind das Ergebnis meiner Gedanken. Sie werden vorüber­gehen. Ich kann es ertragen, sie sind nur unangenehm, nicht gefährlich.«




Erlernte Ängste können auch wieder verlernt werden. Bei der Suche nach den Ursachen hilft die kognitive Verhaltenstherapie.

Foto: Shutterstock/Photographee.eu


Wichtig ist für die Psychotherapeutin vor allem, in der Situation zu bleiben, bis die Angst nachlässt. Um das leichter ertragen zu können, rät sie dazu, eine Entspannungstechnik wie das Auto­gene Training oder die Progressive Muskelentspannung zu erlernen: »Angst und Entspannung können wir nicht gleich­zeitig empfinden.« Da es aber sehr viel Energie koste, sich seiner Angst auf diese Art zu stellen, sei »die therapeutische Unterstützung bei der kognitiven Verhaltenstherapie sehr hilfreich.« Dabei lernt der Patient zu verstehen, welche Denkabläufe seiner Angst zugrunde liegen oder diese verstärken, und kann so vermeidende Verhaltensweisen bewusst korrigieren.

In Begleitung des Therapeuten konfrontiert er sich mit der angstauslösenden Situation. »Dabei durchlebt er zwar zunächst die Angst sehr ausgeprägt. Aber dann merkt er auch, wie sie nach einiger Zeit wieder nachlässt.« Derartige Konfrontationsübungen werden entsprechend vorbesprochen und der Patient entscheidet jeweils selbst, ob er sich eine Übung zutraut oder ob noch eine weniger angstmachende Übung vorgeschaltet wird. Auf diese Weise können in der Regel auch Patienten mit sehr starken Ängsten erfolgreich behandelt werden.

Antidepressiva und SSRI

In akuten Situationen oder wenn die Angst sehr tief sitzt, ist eine zusätzliche oder auch vorgeschaltete medikamentöse Therapie sinnvoll. Dabei kommen zum einen Antidepressiva, zum anderen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) zum Einsatz. Ein weiteres Medikament, das bei der generalisierten Angststörung eingesetzt wird, ist Pregabalin, ein Arzneistoff aus der Gruppe der Antikonvulsiva (Antiepileptika). Andere wirksame Medikamente sind trizyklische Antidepressiva, Moclobemid, Opipramol oder Buspiron. Die bei Angststörungen gut wirksamen Benzodiazepine bergen immer auch ein Abhängigkeitsrisiko und erhöhen bei älteren Patienten die Sturzgefahr erheblich. Daher sollten Ärzte diese Arzneimttel nur ausnahmsweise und vorübergehend Patienten mit starker Angst verordnen. Zudem kann der Arzt in der Regel durch eine sorgfältige Medikamenteneinstellung die Therapie nebenwirkungsarm halten.

Körperliche Erkrankungen ausschließen

Manche Angststörung ist durch eine körperliche Erkrankung verursacht, zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion, Mangel an Vitamin B1, eine Lebererkrankung, eine Störung im Calciumhaushalt oder eine Virusinfektion, ebenso kommen Entzugserscheinungen von Alkohol oder Beruhigungsmitteln in Frage. Deshalb ist es wichtig, mögliche andere Ursachen von einem Arzt abklären zu lassen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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