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PANORAMA

Lichtsmog

Der Wert der Nacht


Von Annette van Gessel / Sobald die Sonne untergegangen ist, kommen die meisten tagaktiven Lebewesen zur Ruhe. Doch seit einigen Jahrzehnten machen die Menschen auch die Nacht zum Tag. Nachtaufnahmen großer Städte zeigen, dass es in vielen Regionen niemals richtig dunkel wird. »Lichtverschmutzung« nennen Forscher diese Entwicklung und warnen vor deren Folgen für Menschen, Tiere und Ökosysteme.

 

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Den Lebensrhythmus früherer Zeiten haben nur noch einige Mönchsorden beibehalten. Sie richten sich in ihren Aktivitäten nach der Sonne: Sie stehen frühmorgens – oft noch vor Sonnenaufgang – auf und legen sich bei der ersten Dunkelheit schlafen. An diesen »von der Natur vorgegebenen« Rhythmus hat sich der menschliche Organismus während der Evolution angepasst. Zahlreiche Hormone und Organaktivitäten folgen dem Wechsel von Tag und Nacht, unter Medizinern auch als circadianer Rhythmus bekannt. Frühmorgens, zwischen drei und vier Uhr, arbeitet der Organismus der meisten Menschen auf Sparflamme.




Die Lichtverschmutzung durch große Städte lässt den nächtlichen Sternenhimmel verblassen.

Foto: Shotshop/ Hiacynta Jelen



»Wir schlafen, um zu überleben«, bringt Harald Bardenhagen während eines Vortrags im Nationalpark Eifel die Bedeutung der Nacht auf den Punkt. Seit seiner Kindheit ist Bardenhagen von der Astronomie fasziniert. Zwar hat sie ihn sein Leben lang begleitet, als Hobby und Passion, doch erst seit 2009 ist er als selbstständiger Unternehmer und Dozent rund um das Thema Astronomie und Lichtverschmutzung tätig. Sein Unternehmen hat er »Astronomie-Werkstatt Sterne ohne Grenzen« genannt. Inzwischen studiert Bardenhagen Astronomie an der Swinburne University of Technology in Australien. In seinen Vorträgen und während der Sternenwanderungen versucht der Astronom, die Teilnehmer für das Thema Lichtverschmutzung zu sensibilisieren.

Diese Sternenwanderungen bietet Bardenhagen seit Jahren auf dem Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes der belgischen Streitkräfte im International Dark Sky Park in der Eifel an. Den Ort hat er mit vielen Partnern aus der Region zum Sternenpark entwickelt. Den Titel erhielt der Sternenpark Nationalpark Eifel im Jahr 2014 von der International Dark Sky Association (IDA). Das Gütesiegel vergibt die IDA für Schutzgebiete, in denen der Nachthimmel so wenig wie möglich beeinträchtigt ist. »Unter anderem ist diese Auszeichnung davon abhängig, dass dort astronomische Beobachtungen sowie Vorträge angeboten werden und mindestens zwei Kommunen in der Region ihre Lichtemissionen verringern. So hat Heimbach seine Burgbeleuchtung reduziert und Schleiden beleuchtet nachts sein Rathaus weniger hell«, berichtet der Astronom.

Der Nachthimmel

»Wir Astronomen schauen in die Vergangenheit, Astrologen hingegen in die Zukunft«, formuliert Bardenhagen treffend. Das Licht, beziehungsweise die von Sternen ausgehenden Photonen, ist meist einige hundert oder tausend Jahre zur Erde unterwegs. Daher kann sich kein Beobachter sicher sein, ob der Stern, den er gerade sieht, nicht schon seit Langem erloschen ist. Beim Blick in den klaren Nachthimmel müssen sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Zunächst öffnen sich die Pupillen, insgesamt dauert der Vorgang etwa 30 Minuten.

Satellitenbeobachtung

Wie sich die Erde bei Nacht verändert, erfassen die Satelliten. Im Juni 2016 hat ein internationales Forscherteam nach fünf Jahrzehnten Arbeit aktuelle Karten zur globalen Himmelsaufhellung veröffentlicht. Die neuen hoch auflösenden Daten stammen vom NASA-Satelliten Suomi-NPP, dessen Lichtsensoren sogar einzelne Fischerboote auf dem Meer sichtbar machen. Anhand der Satellitenbilder können Forscher ebenfalls genau verfolgen, wie sich die urbanen Zentren auf der Erde Jahr für Jahr ausdehnen. Abermillionen künst­liche Lichtquellen erhellen heutzutage nicht nur Straßen und Wege, sondern auch den Himmel. Dieses Phänomen nennen Astronomen »Skyglow«.

Schätzungsweise 99 Prozent der Europäer leben unter einem derart lichtverschmutzten Himmel, 60 Prozent können die Milchstraße gar nicht mehr sehen. Ohne den Rückzug in ländliche Gebiete wie den Nationalpark Eifel gelingt Sternenbeobachtung nicht mehr. Die Lichtverschmutzung nimmt jährlich um etwa 6 Prozent zu, berichtet der Astronom. Eine starke, nach oben strahlende Leuchte lässt den Sternenhimmel für Betrachter noch im Umkreis von 200 km grau erscheinen. »Alleine die Straßenbeleuchtung sorgt in Deutschland für etwa 9 000 000 Lichtpunkte, auch verbrauchen die Lampen etwa 40 Prozent des kommunalen Stroms. In Südafrika ist die Milchstraße so hell, dass man nachts fast Zeitung lesen könnte. In ganz Europa wird die nächste Generation die Milchstraße wahrscheinlich nicht mehr sehen können. Nicht umsonst hat die Unesco den Anblick der Sterne zum Menschenrecht erklärt«, so Bardenhagen. »Die dunkle Nacht ist wertvoll, für die menschliche Gesundheit, für die Biodiversität und für die Astronomie«, fügt er hinzu.

Das Verschwinden der Dunkelheit hat vor allem gravierende Auswirkungen auf die nachtaktiven Tiere: Immerhin sind auf der Erde rund 30 Prozent der Wirbeltiere und sogar 64,4 Prozent aller Wirbellosen nachtaktiv. »Bei den Wirbellosen bilden die Schmetterlinge mit 77,8 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von den Käfern mit 60 Prozent«, berichtet Bardenhagen. Straßenlaternen, Ampeln und beleuchtete Wohngebäude und als relativ neues Phänomen die »Skybeamer« erhellen die Nacht immer mehr und bringen damit die innere Uhr der Menschen sowie von zahlreichen tag- und nachtaktiven Tieren durcheinander. Um die Folgen auf die Ökosysteme zu untersuchen, befassen sich in letzter Zeit viele Forscher mit den Auswirkungen von Kunstlicht, vor allem auf Insekten.

Insektenstaubsauger

»Straßenlaternen wirken wie Insektenstaubsauger mit einer Saugkraft von etwa 800 Metern«, beziffert Bardenhagen das Phänomen. »An jeder Leuchte finden Nacht für Nacht etwa 150 Nachtfalter den Tod. Rechnet man die Zahl hoch, sind das in Deutschland jährlich circa 150 000 000 000 Tiere.« Wissenschaftler vermuten, dass die Falter die Lampen mit natürlichen Wegweisern verwechseln und dadurch komplett desorientiert sind. Sie flattern auf die Lichtquelle zu und umkreisen diese so lange, bis sie ermattet zu Boden fallen und vor Erschöpfung sterben. Andere landen in den Mägen von Spinnen und Fledermäusen, die gelernt haben, dass die Laternen für regelmäßiges Futter sorgen.

Studien zufolge liegt die Insektensterblichkeit in hell erleuchteten Städten um den Faktor 40 bis 100 höher als in dunkleren ländlichen Gebieten. Ist also der Beleuchtungsboom schuld am Rückgang von nachtaktiven Insekten, den Biologen in vielen Regionen Europas verzeichnen? Viele Forscher halten es für wahrscheinlich, dass die Lichtverschmutzung für diese Entwicklung mitverantwortlich ist – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Bestäubungsleistung der Tiere. So spielen beispielsweise Fledermäuse in vielen Ökosystemen eine große Rolle: Sie vertilgen Unmengen an Insekten, düngen Bäume, verbreiten Samen und bestäuben Blüten.

Bedrohter Lebensraum

»Wir verlieren die dunkle Nacht in Lichtgeschwindigkeit«, berichtet Bardenhagen. »In Deutschland können Sie eigentlich überall so viel Licht einsetzen, wie Sie wollen. Das ist im Ausland anders. So hat Slowenien beispielsweise bereits im Jahr 2007 ein Gesetz gegen Lichtverschmutzung eingeführt.« Auch in Italien und Frankreich schränkten Landesgesetze die Beleuchtung im öffentlichen Raum ein. Auch wenn nicht alle Auswirkungen der Lichtverschmutzung bis ins Detail bekannt sind, sei es umso wichtiger, die heute noch dunklen Gebiete zu erhalten.

Als einfache Regeln zur Verminderung der Lichtverschmutzung nannte der Astronom: kein Licht nach oben oder horizontal zu richten, flaches Leuchtenglas statt gewölbtes Glas zu verwenden, Licht nur dort einzusetzen, wo es wirklich notwendig ist, Leuchtkörper mit wenig oder ohne blauen Lichtanteil zu verwenden, möglichst auf Fassadenbeleuchtung zu verzichten und ebenfalls auf Leuchtwerbung, oder diese zumindest zu optimieren. Wer einmal an einer Sternenwanderung teilgenommen hat, ist sensibi­lisiert für den Umgang mit Licht. /


Auch Bäume schlafen

Dass Blütenpflanzen ebenfalls dem Tag-Nacht-Rhythmus folgen ist altbekannt. Viele öffnen und schließen ihre Blüten abhängig vom Sonnenlicht. Dass auch Bäume ihre Form bei Nacht verändern, wiesen Wissenschaftler vom Finnish Geospatial Research Institut und von der Technischen Universität Wien nach. Sie vermaßen Bäume der Hängebirke (Betula pendula) und stellten dabei fest, dass der ganze Baum in der Nacht zusammensinkt und am Morgen nach Sonnenaufgang wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehrt.



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2017

 

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