Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Ökologie

Arzneimittel in der Umwelt


Von Carina Steyer / Es werden immer mehr Medikamente verbraucht, und so gelangen auch immer mehr Arzneistoffe in die Umwelt. Welche Risiken die Rückstände genau für Mensch und Tier bergen, ist teilweise noch unklar, ebenso, wie die Konzentration von Arzneistoffen in Gewässern zukünftig reduziert werden kann.

 

Anzeige

 

Rund 3000 Wirkstoffe für die Behandlung von Mensch und Tier sind auf dem deutschen Markt verfügbar. Etwa die Hälfte von ihnen stufen Ökologen als umweltrelevant ein. Ihren Weg in die Natur finden Arzneimittel vor allem über das häusliche Abwasser. Nachdem ein Medikament seine Aufgabe im menschlichen Körper erfüllt hat, wird es ausgeschieden und gelangt über das Abwasser in die Kläranlage. Dazu kommen­ Altmedikamente, die über den Abfluss oder die Toilette entsorgt werden.




Foto: iStock/Apiruk/gooddraw


In der Kläranlage durchläuft das Abwasser­ drei Reinigungsstufen (mechanisch, biologisch, chemisch). Diese filtern zwar Substanzen heraus, die regel­mäßig in hohen Konzentrationen im Wasser vorkommen, Medikamentenrückstände erfassen sie aber nur schlecht. Viele Arzneimittel-Rück­stände verbleiben daher im geklärten Abwasser und gelangen in angrenzende Flüsse oder Bäche. Auch im Klärschlamm, der während der Reinigung anfällt, befinden sich Arzneimittel­rückstände. Wird dieser als Dünger auf landwirtschaftlich genutzte Flächen verbracht, gelangen die Arzneistoffe durch Auswaschung, Abschwemmung und Versickerung auch in den Boden, angrenzende Oberflächengewässer und ins Grundwasser.

Mengenmäßig kommt allerdings der größte Anteil über tierische Ausscheidungsprodukte bei der Viehzucht in die Umwelt: direkt über Weide­flächen, mit dem Wirtschaftsdünger auf Felder oder bei Aquakulturen in das umgebende Wasser. Pharmabetriebe und Krankenhäuser spielen – anders als häufig angenommen – in westlichen Ländern meist nur eine kleine Rolle. In der Regel gibt es hier eine spezielle Abwasserbehandlung.

Laut Umweltbundesamt werden derzeit rund 150 Wirkstoffe regelmäßig in Proben aus Kläranlagenabläufen, Oberflächengewässern, Böden, Grund- und Trinkwasser gefunden. Darunter finden sich etwa iodierte Röntgenkontrastmittel, Antiepileptika, Analgetika, Antibiotika, Lipidsenker, Beta-Blocker und synthetische Hormone. Aus der Veterinärmedizin stammen vor allem Antibiotika sowie Antiparasitika. Für andere Arzneistoffe fehlt es häufig an spezifischen Nachweismethoden. Auch das Wissen über Umwandlungspro­zesse von Wirkstoffen und ihre Metaboliten ist noch begrenzt. Denkbar sind daneben auch Wechselwirkungen zwischen­ Substanzen.

Flora und Fauna gestört

Untersuchungen der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser zeigen, dass die Konzentration der heute nachweis­baren Wirkstoffe in Oberflächengewässern überwiegend im Be­reich­ zwischen 0,1 und 1 µg/l liegt. Spitzen­reiter ist das Röntgenkontrastmittel Iomeprol, das in Konzentrationen von 20 µg/l nachgewiesen wurde. »Eine akute Gefährdung für den Menschen­ besteht nach bisherigem Wissenstand damit zwar nicht«, wird Dr. Martina Winker vom Institut für sozial-­ökologische Forschung in Frankfurt am Main in einer Pressemeldung des Instituts zitiert. Die Tier- und Pflanzen­welt werde jedoch nachweislich gestört, bekannt seien etwa Nieren­schäden bei Fischen und die Verweiblich­ung männlicher Regen­bogenforellen.

Weitere Beispiele: Antibiotika hemmen­ das Wachstum von Wasserpflanzen und Algen. Vögel werden durch das Fressen an verendeten Nutztieren stark belastet. So hat Diclofenac, das auch in der Tierhaltung als entzündungs­hemmendes Medikament eingesetzt wird, in Südasien ein Massensterben von Millionen Geiern ausgelöst. Neuere Untersuchungen zeigen,­ dass auch Adler, die den Wirkstoff beispielsweise über Aas aufnehmen, durch den Wirkstoff bedroht sind.

Einträge reduzieren

Nach Schätzungen des Umweltbundes­amtes werden Arzneimittelrückstände in der Umwelt bis zum Jahr 2040 um mindestens 20 Prozent ansteigen. Hauptursache dafür ist der demogra­fische Wandel: Eine immer älter werdende­ Gesellschaft verbraucht auch mehr Medikamente. Um Gewässer­ und Böden langfristig zu schützen sowie aus Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes ist es wichtig, den Arzneimitteleintrag in die Umwelt zu reduzieren. Die Verantwortung und Lösung läge aber nicht allein bei den Entsorgern, vielmehr seien Vermeidung und Vorsorge wichtig, so Winker. Nur ein Konzept, das technische und präventive Maßnahmen verbindet,­ kann aus Expertensicht künftig erfolgreich sein.




Foto: iStock/da-kuk/Ilyabolotov


Die Aufrüstung von Kläranlagen ist seit vielen Jahren im Gespräch, bislang jedoch noch nicht erfolgt. Zurzeit scheint eine Aufrüstung wenig effizient: Es gibt keine Techno­logie, die alle Wirkstoffe im Abwasser erfassen kann. Mit einer Aktivkohle­behandlung, einer Stofftrennung über Membranen oder Ozonbehandlung lassen­ sich jeweils nur bestimmte Wirkstoffe entfernen. In der Schweiz allerdings wurden derweil schon die ersten Kläranlagen um eine vierte Reinigungsstufe zur Entfernung von Mikroverunreinigungen erweitert.

Präventive Maßnahmen zum Umwelt­schutz sind etwa die Entwicklung umweltfreundlicherer Wirkstoffe, ein bewussterer Umgang mit Arzneimitteln sowie die richtige Entsorgung von Restmedikamenten. In mehreren Forschungsprojekten untersuchen Wissen­schaftler vom Institut für sozial-ökologische Forschung derzeit die Effektivität verschiedener präventiver Maßnahmen. »Deutlich geworden ist, dass das Problembewusstsein für den Gewässerschutz sowohl in der Bevölkerung als auch im Gesundheitswesen noch nicht stark genug ausgeprägt ist«, beschreibt Winker.

Falsch entsorgt

Eine repräsentative Umfrage zur Entsorgung von Restmedikamenten im Jahr 2013 ergab, dass 47 Prozent von 2000 Befragten flüssige Medikamente zumindest manchmal über den Abfluss oder die Toilette entsorgen. Bei Tabletten tun dies immerhin noch 20 Prozent der Befragten. Aber auch unter Medizinern und Klinikpflegepersonal besteht noch Aufklärungsbedarf, wie eine Umfrage des Forschungsverbunds Sauber+ zeigt. Mehr als ein Viertel von 206 Befragten (55 Ärzte und 151 Pfleger) erklärte, keinerlei Kenntnisse über die Umweltauswirkungen von Medikamenten zu haben.

In Schweden gibt es seit 2004 ein Klassifikationssystem, dass Ärzten einen Vergleich potenzieller Umweltrisiken und -gefahren einzelner Wirkstoffe ermöglicht. So kann bei therapeutisch gleichwertigen Wirkstoffen der umweltverträglichere verschrieben werden. Schätzungen zufolge könnten dadurch­ 20 bis 30 Prozent der umweltrelevanten Einträge in den Wasserkreislauf reduziert werden.

Eine gesetzliche Verpflichtung, das Vorkommen von Arzneistoffen in der Umwelt zu überwachen und ein systema­tisches Monitoring, gibt es in Deutschland derzeit nicht. Das Analgetikum­ Diclofenac, die Hormone Ethinylestradiol und Estradiol sowie drei Makrolidantibiotika werden jedoch seit einiger Zeit von der Europä­ischen Kommission beobachtet. An Messstellen in ganz Europa wird der Wirkstoff erfasst, um ein repräsentatives Bild der Belastungssituation und eines eventuellen Handlungsbedarfs zu bekommen. /


Medikamente richtig entsorgen

Nicht mehr benötigte Medikamente gehören nicht in die Toilette oder ins Waschbecken. Wie genau sie entsorgt werden sollen, ist vielen Verbrauchern allerdings nicht klar. In Deutschland gibt es verschiedene Wege: In den meisten Fällen können Medikamente über die Restmülltonne entsorgt werden. Der Restmüll wird bei Temperaturen von bis zu 900 °C verbrannt, die Arzneimittel werden dabei vollständig zerstört. Viele Gemeinden bieten auch eine Entsorgung über mobile Schadstoff-Sammelstellen oder Re­cyclinghöfe an. Und auch ein Teil der Apotheken nimmt alte Medikamente nach wie vor auf freiwilliger Basis zurück. Wie sie alte Medikamente in ihrer Stadt beziehungsweise ihrem Landkreis entsorgen können, erfahren Verbraucher auf www.arzneimittelentsorgung.de.



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=10095