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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Alkoholkonsum bei Jugendlichen

Gefährlicher Rausch


Von Inga Richter / Übermäßiger Alkoholkonsum gefährdet ­bekanntlich die Gesundheit. Je früher und häufiger junge Menschen mit Alkohol in Kontakt kommen, desto größer die Gefahr, dass das geistige und körperliche Wachstum in Mitleidenschaft ­gezogen wird und eine Sucht entsteht. Auch wenn die Zahlen der Teenager, die regelmäßig zur Flasche greifen, rückläufig sind: Ein Grund zur Besorgnis bleibt dennoch bestehen.

 

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»Trinkst du manchmal mehr Alkohol als du eigentlich willst?« »Wenn ja, wie oft, welche Getränke, warum und mit wem?« »Trinkst du auch, wenn du alleine bist, oder damit du dich unter Freunden oder Bekannten besser fühlst? Aus Langeweile oder Wut?« Dies sind nur einige der Fragen eines anonymen Selbsttestes auf www.kenn-dein-limit.info, mit dem junge und auch erwachsene Menschen ihren Umgang mit Alkohol einschätzen und bewerten können.

Umgang mit Alkohol lernen

»Alkohol? Kenn dein Limit« heißt die im Jahr 2009 gestartete Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Neben Plakaten, TV- und Kino-Spots, Broschüren und persönlicher Ansprache bietet das Konzept auch online viele Informationen über den Umgang mit Alkohol. Das 14-Tagesprogramm »Change your drinking« soll etwa helfen, einen riskanten Konsum selbstständig zu reduzieren.




Foto: iStock/Jacob Ammentorp Lund


Grund für Präventionsaktionen wie diese sind Zahlen zum Alkoholkonsum Jugendlicher ab zwölf Jahren. Alle zwei bis drei Jahre ermittelt die BZgA über repräsentative Telefonumfragen Daten zu Erfahrungen mit der Droge, Häufigkeit, Motivation und Menge des Alkoholkonsums. Ins­gesamt, so bisherige Erkenntnisse, hat der Alkoholkonsum bei den unter 18-Jährigen in den vergangenen Jahren abgenommen. Beispielsweise hat sich die 30-Tage-Prävalenz des Rauschtrinkens, auch als Binge Drinking oder umgangssprachlich als »Komasaufen« bezeichnet, sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Jugendlichen zwischen 2007 und 2015 etwa halbiert. Das bedeutet, die Zahl derjenigen, die in den vergangenen 30 Tagen fünf beziehungs­weise vier Gläser bei einer Gelegenheit konsumiert haben, ist in diesem Zeitraum um die Hälfte zurückgegangen (siehe Tabelle).

Laut dem BZgA-Alkoholsurvey 2016 könnte ein Grund für die rückläufigen Zahlen die zunehmende Aufklärung unter anderem durch Präventions­kampagnen verschiedener Institutionen sein. Ein stetiger Rückgang sei seit der ersten Befragung im Jahr 2008, also ein Jahr vor dem Start der BZgA-Kampagne, zu verzeichnen. Im Rahmen der Drogenaffinitätsstudie der BZgA aus dem Jahr 2014 gaben über 80 Prozent der befragten Jugendlichen an, den Slogan »Kenn dein Limit« zu kennen. »86 Prozent der 16- bis 21-Jährigen trinken Alkohol in Mengen, die nach wissenschaftlichen Standards als risikoarm bezeichnet werden«, so die BZgA. Auch hätten immerhin 61 Prozent der Jugendlichen im letzten Monat­ kein Rauschtrinken betrieben.


Jugendliche konsumieren weniger Alkohol als früher

Alter Regelmäßiger Konsum in % (mindestens einmal pro Woche) Rauschtrinken in % (»Binge Drinking«: mindestens 5 alkoholische Getränke in kurzer Zeit; in den vergangenen 30 Tagen)  
  Männer Frauen 
12–17 10 (21,2) 15,9 (26,3) 8,9 (18,7) 
18–25 33,6 (43,6) 44,6 (56,6) 24,8 (29,9) 

Quelle: BZgA Alkoholsurvey 2016 (Daten aus 2015), telefonische Befragung von 7004 jungen Menschen. Vergleich zwischen den Jahren 2015 und 2004 (in Klammern)


»Für eine Entwarnung gibt es dennoch keinen Grund«, sagt Professor Dr. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter für Suchtfragen des Kindes- und Jugend­alters (DZKJK) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), im Gespräch mit PTA-Forum. Gerade in Deutschland könne man nach wie vor von einem »dicken Alkoholproblem« unter Jugendlichen sprechen. Schließlich würde nach wie vor immerhin jede/r zehnte Heranwachsende regelmäßig, also mindestens einmal pro Woche, trinken. Auch bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren­ habe sich nichts verändert. Etwa die Hälfte betreibe nach wie vor regelmäßig Rauschtrinken. Viele junge Menschen zeigten bereits einen riskanten Konsum, der die Menge über­schreitet, die für Erwachsene als gesundheitlich unbedenklich angesehen wird. Das bedeutet 24 Gramm Reinalkohol pro Tag für Männer und 12 Gramm Reinalkohol für Frauen. Eine Flasche Bier enthält bereits 12,7 Gramm Reinalkohol und ein Glas (100 ml) Wein 8,8 Gramm. Jedes Jahr, so Thomasius, würden etwa 22 000 Jugendliche wegen überhöhten Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingeliefert.

Trinken als Stresslöser

»Viele trinken aus Spaß und um Sozialkontakte zu vereinfachen«, sagt Thomasius, »und viele funktionalisieren das Trinken bereits in jungen Jahren zur Stress- und Spannungsreduktion.« Oftmals spielen die körperlichen und psychi­schen Veränderungen während der Pubertät eine Rolle, de­struktive Unruhe, Ängstlichkeit, die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung oder der Einfluss Gleichaltriger. Auch das Vorbild der Eltern und deren Erziehungs­methoden beeinflussen das Verhalten ihrer Kinder. Hinzu kommt eine gewisse genetische Veranlagung.

Besonders in den reicheren Indus­trienationen lassen sich die Heranwachsenden des Öfteren zum Trinken hinreißen. »In Deutschland ist Alkohol rund um die Uhr verfügbar und vor allem recht billig«, so Thomasius. Das Jugendschutzgesetz und die damit verbundene Altersbeschränkung verfehlten den gewünschten Erfolg. Bei Testkäufen bekommen über die Hälfte der unter 16-Jährigen Bier und Wein und unter 18-Jährige hochprozentige Getränke ausgehändigt, die eigentlich nur Erwachsene kaufen dürfen.

Weg in die Sucht

Nach dem Ergebnis des Jahrbuchs Sucht 2016 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sterben jährlich etwa 74 000 Menschen »allein durch Alkohol oder den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak«. Allerdings ist dies wahrscheinlich eine Unterschätzung, da die Fälle nur in Berech­nungen einfließen, wenn die Diagnose zu 100 Prozent auf Alkohol zurück­zuführen ist. Zu diesen Diagnosen gehören das Alkoholabhängigkeits­syndrom und Leberzirrhose.


Fakten

  • Altersgruppe 12- bis 25-Jährige: Alkoholkonsum insgesamt rückläufig, aber immer noch hoch.
  • In der Regel Erstkontakt mit 14 Jahren, häufig im familiären Umfeld.
  • Der erste Rausch: durchschnittlich mit 16 Jahren.
  • Mädchen und junge Frauen trinken seltener und weniger, doch hat die Häufigkeit des Rausch- trinkens bei Frauen zwischen 18 und 25 Jahren seit 2004 statistisch nicht relevant abgenommen.
  • Jede/r Deutsche trinkt im Durchschnitt 10 Liter reinen Alkohol im Jahr (entspricht etwa 206 Liter Bier oder 91 Liter Wein).
  • Über 10 Millionen Menschen haben einen riskanten Alkoholkonsum, etwa 1,6 Millionen Menschen einen missbräuchlichen, also gesundheitsschädlichen Kon­sum, etwa 1,8 Millionen sind abhängig (Dunkelziffern unbekannt)

Quellen:
BZgA: Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2010.
www.dhs.de (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen)


Je früher Alkohol konsumiert wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben süchtig zu werden. Auch ohne langjährigen Missbrauch schädigt Alkohol nahezu alle Organe, körperliche und geistige Wachstumsprozesse werden beschnitten. »Alkohol hat ungünstige Auswirkungen auf die Entwicklung des zentralen Nervensystems«, erklärt Thomasius. Diese neurotoxische Wirkung kann Schäden in Gehirnarealen, die für Handlungen, Verhaltensweisen, kognitive und Lernfähigkeiten sowie die Regulation emotionaler Prozesse zuständig sind, zur Folge haben. Besonders Jugendliche neigen unter Alkoholeinfluss zu riskanten Verhaltensweisen. Während bei Jungen eher eine erhöhte Gewaltbereitschaft vorliegt, lassen sich Mädchen leichtsinniger zu Sexualkontakten hinreißen, die sie im nüchternen Zustand nicht eingegangen wären.

Selbstanalyse

Mit dem Projekt »Change your drinking« versucht die BZgA, junge Menschen für ihr Trinkverhalten zu sensi­bilisieren und ihnen zu helfen, den Konsum­ einzuschränken, etwa mithilfe­ eines Trink-Tagebuchs. Anhand der Aufzeichnungen können Jugendliche Situationen, die zum Alkoholkonsum führen, besser erkennen. In der Folge sind sie eher­ vermeidbar. In der Mitte und am Ende des Programms erhalten die Teilnehmer eine individuelle Rückmeldung mit Tipps, wie kritische Situationen noch besser in den Griff zu bekommen sind. In Zukunft will die BZgA ihre Bemühungen verstärkt auf eine direkte Online-Kommunikation erweitern, um die Gesprächsbereitschaft der Heranwachsenden zu erhöhen.




Je früher, desto schlimmer: Je eher Jugendliche Alkohol konsumieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben suchtkrank zu werden.

Foto: iStockKatarzynaBialasiewicz


Thomasius hält Kampagnen wie »Alkohol? Kenn dein Limit« für eine sinnvolle Verhaltensprävention. »Wer aber bereits tief in den Brunnen gefallen­ ist, braucht eine Therapie.« In Deutschland gebe es zu wenige Angebote für qualitativ hochwertige Suchttherapien, die für Jugendliche konzipiert sind, kritisiert er. Diese Versorgungslücke müsse dringend geschlossen werden. Als Hilfestellung dafür wurde im vergangenen Jahr eine neue, interdisziplinäre S3-Behandlungsleitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissen­schaftlichen Medizinischen Fach­gesellschaften (AWMF) zu »Alkoholbezogenen Störungen« veröffentlicht. Für das Kapitel zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen war der Suchtexperte federführender Autor.

Auch die »Gemeinsame Suchtkommission der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaft und Verbände« betont, dass Behandlungsange­bote speziell auf Kinder und Jugend­liche abzielen müssten. Die »Krankheitseinsicht« sollte in altersgerechter Sprache vermittelt werden, ebenso Strategien, durch die sich weitere Exzesse oder Rückfälle abwenden lassen. Eine gemeinsame Therapie mit älteren Patienten oder Patienten mit anderen psychiatrischen Störungen sei nicht sinnvoll. Laut der S3-Leitlinie scheint eine kognitive Verhaltenstherapie bislang den größten Erfolg zu versprechen.


Informationen zu den Alkoholpräventionskampagnen der BZgA


Wichtig sei dabei, Zukunftspers­pektiven zu planen und die Bildung und Ausbildung sowie die künftige Lebensgestaltung im Alltag zu unterstützen. Dazu ist es notwendig, dass ambulante, stationäre und rehabilitative Institu­tionen fächerübergreifend zusammenarbeiten. Denn häufig hängt eine Sucht­erkrankung mit sozialen Pro­blemen oder anderen psychiatrischen Störungsbildern zusammen.

»Am besten wirkt ein Mix aus unterschiedlichen Maßnahmen«, sagt Thomasius. So sollte den Jugendlichen am besten direkt eine Beratung vermittelt werden, wenn sie aufgrund einer Alkohol­vergiftung im Krankenhaus landen. Sie müssen unter anderem lernen, einem potenziellen Gruppendruck zu entgehen. Zudem sollten Eltern und Schulen in der Suchtprävention unterstützt und gestärkt werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2017

 

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