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BERATUNGSPRAXIS

Sicca-Syndrom

Tropfen gegen Trockenheit


Von Kornelija Franzen / Das trockene Auge hat viele Gesichter: Während manch Betroffener über gerötete und juckende Augen klagt und ein kratzendes Fremdkörpergefühl schildert, reagieren andere mit Brennen oder Tränen der Augen. Das Sicca-Syndrom ist keine Bagatelle: Der Mangel an keimabtötenden Substanzen macht die Augen anfällig für Infektionen. PTA sollten daher Patienten unbedingt auch über Hygiene bei der Applikation von Tränenersatzmitteln aufklären.

 

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Ein intakter Tränenfilm ist essenzieller Bestandteil eines gesunden Auges. Er versorgt die gefäßlose Hornhaut (Cornea) mit Nährstoffen und Sauerstoff, schwemmt eingedrungene Fremdparti­kel aus, schützt vor Infektionen und sorgt für ein reibungsloses Gleiten beim Öffnen und Schließen der Augen. Nicht zuletzt gleicht er Unebenheiten der Hornhaut aus und ist somit unverzicht­bar für eine klare Sicht.




Foto: Shutterstock/goodluz


Die Produktion des Tränenfilms erfolgt durch die Aktivität verschiedener Drüsen und unter Beteiligung des vegetativen Nervensystems. Bei jedem Lidschlag, also etwa alle fünf bis zehn Sekunden, wird der sich kontinuierlich neu bildende Tränenfilm gleichmäßig über die Augenoberfläche verteilt. Wird seltener geblinzelt, etwa beim Lesen, Fernsehen oder Arbeiten am PC, führt dies unweigerlich zu einer schlechteren Benetzung der Augen­ober­fläche.

Aufbau des Tränenfilms

Der Tränenfilm kann vereinfacht in drei Bereiche unterteilt werden. Die unter­ste Schicht ist reich an Schleimstoffen (Mucinschicht) und dient als Haftmatrix für die darüber liegende wässrige Phase, die die Hauptfraktion des Tränenfilms darstellt und die Ernährungs- und Immunfunktionen innehat. Nach außen wird der Tränenfilm durch eine dünne lipidhaltige Schicht begrenzt. Ihre Aufgabe besteht darin, die Verdunstung herabzusetzen. Sezerniert wird diese Phase von lidständigen Meibomdrüsen.

Zu wenig oder instabil

Beim Sicca-Syndrom fehlt es an aus­reich­end Tränenflüssigkeit. Dabei wird entweder zu wenig Tränenflüssigkeit produziert (sekretorische oder hypovolämische Störung) oder der Tränenfilm ist instabil und verdunstet zu schnell (hyperevaporative Störung). Letzteres geht meist auf einen Lipidmangel, genauer eine Meibomdrüsendysfunktion, zurück.

Das trockene Auge kann Keime nicht mehr so gut abwehren wie das gesunde Auge. Es wundert daher nicht, dass bakteriell induzierte Lidrand- oder Bindehautentzündungen bei Betroffenen vermehrt auftreten. Darüber hinaus sorgt der Volumenmangel für eine Hyperosmolarität des Tränenfilms: Die erhöhte Salzkonzentration entzieht den Epithelzellen der Hornhaut Wasser und setzt eine Kaskade entzündlicher Prozesse in Gang. Sicca-Präparate mit sogenannten Osmoprotektiva mit wasserbindenden Substanzen (wie Trehalose in Thealoz® Duo, Ectoin in Hylo® Protect) sollen die Epithelzellen vor hyperosmolarem Stress bewahren.

Zeitlich begrenzt

Das trockene Auge zu verharmlosen ist gefährlich. Wird es unzureichend behandelt, drohen chronische Entzündungen der Horn- und Bindehaut sowie irreversible Hornhauteintrübungen. Sicca-Symptome, die über einen längeren Zeitraum bestehen, sollten stets augenärztlich abgeklärt werden. Nur so können Beschwerdeursache und Schweregrad diagnostiziert und eine zielgerichtete Therapie festgelegt werden. Die Behandlung im Rahmen der Selbstmedikation sollte zeitlich begrenzt und ausschließlich bei leichten Beschwerden erfolgen.




Der Tränenfilm besteht aus drei Schichten: der Mucinschicht, der wässrigen Phase und der schützenden Lipidschicht.

Cave: Patienten mit Sicca-Syndrom neigen zu Augenrötungen. Sie sind Folge einer gesteigerten Bindehautdurch­blutung: Der Körper versucht so, die durch Tränenmangel ausgelöste Minder­versorgung der Cornea auszugleichen. Die Abgabe vasokonstriktorischer Ophthalmika wie Tetryzolin ist hier kontraindiziert.

Patienten können zwischen einer großen­ Zahl verschiedener Tränenersatzmittel wählen. PTA und Apotheker orientieren sich am besten an Art und Intensität der Beschwerden. Berichtet der Patient von einem sporadisch auftretenden, juckenden oder kratzenden Fremdkörpergefühl im Auge, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Volumenmangel ursächlich. Hier sollten zunächst wässrige Tränenersatzmittel mit ge­ringer Viskosität empfohlen werden, etwa Augentropfen mit Polyvinyl­alkohol (zum Beispiel in Liquifilm®, Siccaprotect®) oder Povidon (wie in Oculotect fluid®, Vidisept®, Wet-Comod®). Sie haben ein gutes Wasserbindungs­ver­mögen und können, da sie die Sicht nicht trüben, problemlos tagsüber verwendet werden. Gleiches gilt für Präparate mit Hyaluronsäure (wie Artelac® Rebalance/-Splash, Biolan®, Hylo-­Comod®, Hyabak® oder Vismed®), die gerne in Kombination mit Augentrost (zum Beispiel Hylo-Fresh®) oder Dexpanthenol (zum Beispiel Bepanthen® Augentropfen, Corneregel® Fluid, Hylo-Care®) angeboten werden.

Nachhaltig feucht

Empfindet der Patient die Befeuchtung als nicht intensiv oder lang anhaltend genug, sollten Wirkstoffe mit einem höheren Wasserbindungsvermögen eingesetzt werden. Geeignet sind etwa Cellulose-Derivate wie Hypromellose (wie in Berberil® DryEye, Sic-Ophtal®) oder Carmellose (in Cellufresh®, Cellumed®).

Carbomere (Polyacrylsäure) quellen unter Wasseraufnahme zu Gelen. Sie lagern sich in die Mucinschicht ein und zeichnen sich durch eine besonders nachhaltige Befeuchtungsleistung aus (wie in Artelac® Complete, Siccapos® Gel, Vidisic®). Obgleich gut wirksam, besitzen sie einen entscheidenden Nachteil: Sie trüben die Sicht. Dieser Zustand hält für etwa 15 bis 30 Minuten an. Aus diesem Grund sollten zähflüssige Tränenersatzmittel bevorzugt vor dem Zubettgehen appliziert werden.

Zur Nacht

Während des Schlafs wird kaum Tränenflüssigkeit produziert. Manche Patienten leiden daher vor allem morgens an ausgeprägten Trockenheitsgefühlen. Zur effektiven Symptomlinderung hat sich die Anwendung von Augen­salben zur Nacht bewährt (zum Beispiel Bepanthen® Augen- und Nasensalbe, VitA-Pos®).

Lipide ersetzen

Brennende Augen und Reflextränen deuten eher auf eine Tränenfilmin­stabilität mit Lipidmangel hin. Präparate, die neben Feuchthaltefaktoren zusätzlich Fette (mittelkettige Triglyceride oder Phospholipide) enthalten, sind eine geeignete Empfehlung (etwa Artelac Lipids®, Systane® Balance, Visine® Trockene Augen).


Risikofaktoren

  • überheizte oder klimatisierte ­Räumen mit geringer Luftfeuchtigkeit
  • Schlafmangel
  • Vitaminmangel (vor allem Vitamin A; wichtig für die Produktion der Muzinschicht)
  • Kontaktlinsen
  • höheres Lebensalter (Drüsen­aktivität nimmt ab)
  • Geschlecht (Frauen häufiger betroffen als Männer)
  • bestimmte Vorerkrankungen ­(Diabetes, Rosacea, Autoimmun­erkrankungen wie Sjögren-Syndrom und rheumatoide Arthritis)
  • bestimmte Arzneimittel ­(Anticholinergika, Anti- depressiva, ­Anti­histaminika, Betablocker, ­Isotretinoin)
  • Augenoperationen


Neben Tropfen, Gelen und Salben haben in den letzten Jahren liposomale Lidsprays an Bedeutung gewonnen (wie Lipo Nit®, Omnitears®, Optrex® ActiSpray2in1, Tears Again®). Sie werden mit etwa 10 bis 20 cm Abstand auf das geschlossene Lid aufgesprüht. Kontakt­linsen können dabei im Auge verbleiben. Die Vorteile dieser Dar­reichungsform liegen auf der Hand: leichte Handhabung und geringe Kontaminationsgefahr.

Patienten mit einer Meibomdrüsendysfunktion profitieren von einer konsequen­ten Lidrandpflege (BlephaCura® liposomale Suspension/ Pads) – Entzündungen treten seltener auf. Die Anwendung von Wärme (Wärmebrille Blephasteam®, BlephaCura® Wärme Gel Maske) hat sich ebenfalls etabliert. Sie hilft bei verstopften Drüsenausführgängen, indem sie festes Sekret verflüssigt.

Hygiene beachten

Egal für welches Tränenersatzmittel sich der Patient letztlich entscheidet, strenge Hygiene hat bei Anwendung der Präparate einen hohen Stellenwert (siehe auch Kasten). Vor der Applikation sind die Hände gründlich zu waschen. Bei der Applikation in den Bindehautsack sollte das Arzneimittelbehältnis möglichst dicht an das Auge heran­geführt werden, es aber nicht berühren. Am besten legt der Patient den Kopf in den Nacken und fixiert einen Punkt. Auf diese Weise wird das unbeabsich­tigte Blinzeln vermieden und das Eintropfen erleichtert. Werden unkonser­vierte Einzeldosisbehältnisse abgegeben, ist unbedingt auf den einmaligen Gebrauch hinzuweisen. Reste sollten aufgrund der erhöhten Keimgefahr nicht aufgehoben, sondern umgehend entsorgt werden. Werden mehrere Ophthalmika angewendet, ist ein Applikationsabstand von mindestens zehn Minuten zu wahren.

Konservierungsmittelfrei

Konservierungsmittel bergen stets das Risiko, das Auge zusätzlich zu reizen und somit Sicca-Symptome zu verschlimmern. Unkonservierte Einzel­dosisbehältnisse (EDOs) sind deshalb eine gute Empfehlung. Insbesondere Patienten mit weichen Kontaktlinsen sollten auf Konservierungsmittel verzichten, da sich diese in den Linsen anreichern und so die Hornhaut schädigen können.

Zusätzlich bietet der Markt konservierungsmittelfreie Mehrdosenbehältnisse. Sie arbeiten mit innovativen Druckausgleichsystemen, die den Kontakt von steriler Wirkstofflösung mit kontaminierter Außenluft verhindern (wie Comod®- und SafeDrop®-System). Andere Anbieter setzen auf Konservierungsstoffe, die beim Kontakt mit der Augenoberfläche in unbedenkliche Substanzen zerfallen (wie Oxyd in Artelac® Rebalance, Purite in Optive®).


Augentropfen richtig anwenden

  • Kalte Flüssigkeiten reizen das Auge. Daher die Tropfen vor der Anwendung in der Hand oder Hosentasche einige Minu­ten auf Körpertemp­eratur anwärmen
  • Hände gründlich waschen, Kontaktlinsen vor der Anwend­ung heraus­nehmen (und frühestens 15 Minuten nach der Applikation der Augentropfen wieder ­einsetzen).
  • Kopf leicht in den Nacken legen. Das untere Augenlid mit dem Zeige­finger vorsichtig etwas nach unten ziehen.
  • Blick nach oben richten. Am besten einen festen Punkt fixieren, so wird Blinzeln unterdrückt.
  • Die Augentropfflasche oder die EDO nah über das Auge halten, aber nicht direkt berühren. Einen Tropfen in den Bindehautsack tropfen.
  • Anschließend Lid loslassen und das Auge für 30 Sekunden bis 1 Minute schließen. Dabei die Augen leicht hin und her bewegen, um die Tropfen im Auge zu verteilen.
  • Eventuell bei geschlossenen Augen leicht mit dem Zeigefinger auf den Augenwinkel an der Nase drücken. So verzögert sich der Abfluss über den Tränen-Nasen-Kanal.
  • Ältere oder feinmotorisch eingeschränkte Patienten können sich flach ohne Kopfkissen und mit geschlossenen Augen hinlegen. Dann sollten sie das Fläschchen mit beiden Händen nach oben führen und einen Tropfen des Medi­kaments auf den inneren Lidrand­ fallen lassen.­ Dann die Augen­ kurz öffnen und anschließend für mindestens eine Minute schließen. So verteilen sich die Augentropfen in der Tränen­flüssigkeit.


Daneben werben zahlreiche Sicca-Präparate mit der Aufschrift »phosphatfrei«. Tatsächlich gab es in der Vergan­genheit Einzelfälle, in denen der zugesetzte Phosphatpuffer schwer­lös­liche Verbindungen mit Calcium einging und zu sogenannten Calcifizierungen der Hornhaut führte.

Frische Luft und Omega-3

Sicca-Patienten sollten darauf achten, Räume regelmäßig zu lüften und gegebenenfalls Luftbefeuchter zu ver­wenden. Klimaanlagen sollten möglichst selten angestellt werden. Wer viel am Bildschirm arbeitet, sollte zwischen­durch immer mal wieder bewusst blinzeln und den Blick schweifen lassen. Genügend Schlaf, etwa 2 l Flüssig­keit pro Tag sowie eine vitaminreiche und vollwertige Kost sind wichtig für ein gesundes Auge. Omega-3-­Fettsäuren (in Hyabac Caps® Kapseln) senken das Risiko, ein trockenes Auge zu entwickeln. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2017

 

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