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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Noroviren

Infektiös und wandelbar


Von Barbara Erbe / Noroviren sind vor allem in den Wintermonaten für rund die Hälfte aller viralen Magen-Darm-Infektionen verantwortlich. Medikamente oder eine Impfung gegen die hochansteckenden Erreger gibt es nicht. Im Erkrankungsfall gilt es, die Symptome zu bekämpfen und strikte Hygienemaßnahmen einzuhalten.

 

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Der Grund, weshalb Noroviren so viele Menschen infizieren, liegt in ihrer Biologie, erläutert Dr. Christian Brandt, Sprecher der Ständigen Arbeitsgemeinschaft Allgemeine und Krankenhaus­hygiene der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie im Gespräch mit PTA-Forum. »Sie sind nicht nur hochansteckend, sie entwickeln sich – anders als etwa Masern- oder Rota­viren – auch sehr schnell weiter.« Deshalb sind auch diejenigen nicht vor Noroviren gefeit, die bereits eine Erkrankung hinter sich gebracht haben, und auch eine Impfung wäre aus diesem Grund nicht sehr effektiv.




Foto: Science Photo Library/Sci-comm Studios


Dass in diesem Herbst und Winter Noroviren-Infektionen nach Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts (RKI) früher und heftiger aufgetreten sind als gewohnt, liegt vermutlich an genau dieser Wandlungsfähigkeit: Wahrscheinlich haben sich die Viren in diesem Jahr stärker verändert als üblich, sodass sie sich in der Bevölkerung einfacher verbreiten konnten. »Diese Hypothese wird derzeit noch vom RKI untersucht«, berichtet Brandt.

Die gute Nachricht für Betroffene: Eine Noroviren-Infektion ist zwar äußerst unangenehm, aber nur selten ernsthaft bedrohlich. »Wer nicht sehr alt ist oder eine schwere Grunderkrankung hat, hat nach ein bis zwei Tagen Brechdurchfall alles überstanden. Viele gehen damit nicht einmal zum Arzt«, erklärt der Experte.

Selbst behandeln

Solange der Durchfall wässrig-dünn sei und nicht länger als zwei Tage anhalte, sei es auch völlig in Ordnung, die Symptome mit Mitteln aus der Apotheke zu bekämpfen. Dabei spiele es kaum eine Rolle, ob der Durchfall durch Noroviren, Rotaviren oder eine Lebensmittelvergiftung bedingt sei. »Da es ohnehin keine spezifische Therapie gegen Noroviren gibt, gilt es vor allem, Salze und Flüssigkeit – beispielsweise durch isotonische Getränke – zu ersetzen und eventuell ein Mittel gegen Erbrechen und/oder Durchfall zu geben.«

Gegen den Kopfschmerz, der manchmal mit der Erkrankung einhergeht, eignen sich Paracetamol oder Ibuprofen. Allerdings sollten PTA und Apotheker Patienten darauf hinweisen, dass sie nicht mehr als die angegebene tägliche Höchstmenge an Paracetamol einnehmen sollten – auch dann nicht, wenn sie sich öfter erbrechen müssen. »Man weiß bei Durchfall und Erbrechen nie genau, wie viel von dem Arznei­stoff der Körper schon auf­genommen hat«, erklärt der Mediziner. »Eine Überdosierung von Paracetamol kann zu schweren Leberschäden führen.«

Vorsicht Dauermedikation

Für Menschen mit Dauermedikation – beispielsweise bei Bluthochdruck und Diabetes, vor allem aber auch bei Epilep­sie oder bei psychischen Erkrank­ungen – ist Brechdurchfall ein wich­tiges Thema, auf das PTA und Apotheker Betroffene hinweisen sollten. »Im Zweifelsfall sollten die Patienten mit ihrem Arzt abklären, ob sie ein oder zwei Tage aussetzen oder ihr Medikament in höherer Dosis oder auch in einer­ anderen Darreichungsform nehmen können.« Generell sei auch ein Arztbesuch angezeigt, wenn der Durchfall länger als zwei Tage anhält oder wenn der Stuhl der Betroffenen nicht wässrig, sondern schleimig-­blutig ist, rät Christian Brandt. »Denn dann liegt höchstwahrscheinlich eine bakterielle Infektion vor.«


Hygiene bei Kontakt mit Erkrankten

Hände desinfizieren:

  • vor der Zubereitung von Essen
  • nach dem Toilettengang
  • nach Kontakt mit dem Patienten
  • Zusätzlich eventuell Flächen desinfizieren:
  • WC-Sitz
  • Nachttisch
  • Türklinke
  • Fernbedienung
  • Telefon etc.

Außerdem:

  • insbesondere Kontakt mit Erbrochenem meiden
  • beim Aufwischen von Stuhl/­Erbrochenem Einmalhandschuhe tragen, sofort entsorgen
  • beschmutzte Wäsche bei 60 °C beziehungsweise wenn möglich bei 95 °C waschen


Ein wichtiger Hinweis für Frauen: Die empfängnisverhütende Wirkung von oralen Kontrazeptiva kann durch Brechdurchfall beeinträchtigt werden, insbesondere wenn die Erkrankte eine Minipille einnimmt. Betroffene sollten sich in diesem Fall frauenärztlich beraten lassen. Die Wirkstoffe der regulären Antibabypille, die ein Estrogen und ein Gestagen enthält, sind etwa vier Stunden nach Einnahme aus dem Darm aufgenommen und in den Kreislauf übergegangen. »Wenn eine Frau sich innerhalb dieser ersten vier Stunden erbricht, eventuell kombiniert mit Durchfall, kann sie eine zusätzliche Dosis nehmen, und die Zuverlässigkeit der Verhütung ist dann nicht beeinträchtigt«, erklärt Dr. Christian Albring, Prä­sident des Berufsverbandes der Frauen­ärzte, im Gespräch mit PTA-Forum. Halten Erbrechen und Durchfall aber länger an, könnten die Wirkstoff-Spiegel im Blut absinken, sodass Eisprung und Schwangerschaft möglich sind. »Deshalb sollte die Pille in diesem Fall zwar den gesamten Zyklus lang weiter eingenommen werden, aber die Frau sollte zusätzlich mit Barrieremethoden verhüten, also Kondom oder Diaphragma. Außerdem sollte sie die Situation mit ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauen­arzt besprechen. Albring: »Hält der Brechdurchfall bis in die Pillen­pause hinein an, ist die Verhütung mit der Pille auch in den ersten sieben ­Tagen des neuen Zyklus unzuverlässig.«

A und O Hygiene

Weist der Arzt anhand einer Stuhlprobe Noroviren nach, muss er dies nach dem Infektionsschutzgesetz dem Gesundheitsamt melden. Auch öffentliche Einricht­ungen wie Krankenhäuser, Alten­heime oder Kindergärten müssen grundsätzlich melden, wenn sich bei ihnen akute Magen-Darm-Infektionen häufen. Aber auch ohne ärztliche Diagnose und Meldung spielt bei Verdacht auf Noroviren die Hygiene eine entscheidende Rolle, betont Professor Dr. Martin Exner, Direktor des Instituts Hygie­ne und öffentliche Gesundheit am Klinikum der Universität Bonn. »Da die Stämme – nach einer Inkubationszeit von 6 bis 50 Stunden – hochan­steckungsfähig sind, gilt es, besonderes Augenmerk darauf zu richten, dass sie sich nicht weiter verbreiten.« Zumal Betroffene das Virus noch bis zu 48 Stunden nach Ende der Symptome weitergeben können – mit dem Stuhl sogar noch bis zu 14 Tage.

Hände desinfizieren

Die wichtigste Rolle zum Schutz und zur Vorbeugung komme der Hand­hygiene zu, betont Exner. Er mahnt zu gründlichem Händewaschen »nach jedem Toilettenbesuch und vor jedem Essen«. Wer Kontakt zu Erkrankten hat, sollte zusätzlich ein Desinfektions­mittel mit Norovirus-Wirksamkeit verwenden (zum Beispiel Sterillium® med oder Virugard, Desderman® pure, Desmanol® pure).




Foto: iStock/g-stockstudio


Da Stuhl und Erbrochenes der Erkrankten hochinfektiös sind, sollten sie mit Einmalhandschuhen und -lappen weggeputzt und das Ganze in einer Plastiktüte direkt in der großen Mülltonne entsorgt werden – «am besten mit Mundschutz, denn die Viren verbreiten sich auch über die Atemwege«. Lappen, Handtücher, Bettzeug und Kleidung von Erkrankten, aber auch die Kleidung derjenigen, die sich um den Kranken kümmern, sollten bei mindestens 60 °C und möglichst separat gewa­schen werden. Geschirr sollte im Intensivprogramm im Geschirrspüler gesäubert oder nach dem Spülen überbrüht werden.

Steigende Fallzahlen

Dass die Zahlen von Noroviren-Infekten seit einigen Jahren ansteigen, liegt zum einen daran, dass sie seit dem Jahr 2001 meldepflichtig sind und deshalb stärker in das Bewusstsein von Medizinern und auch Laien gerückt sind. Was früher als »Magen-Darm-Grippe« bezeichnet wurde, läuft heute unter »Noroviren-Infektion«. Zum anderen ist aber auch der Nachweis der Viren durch ausgefeiltere Methoden einfacher geworden. Das hat auch zur Folge, dass die Diagnose insgesamt häufiger gestellt wird.

Abgesehen davon gibt es aber auch eine tatsächliche Zunahme in der Bevölkerung. Sie gehe auf eine Ausbreitung besonders virulenter pandemischer Stämme zurück, aber auch auf mangelhafte Hygiene vor allem in öffentlichen Einrichtungen, informiert Exner. Dazu kommt, dass sich viele Menschen aus Angst um ihren Arbeitsplatz nicht krankschreiben lassen und das Virus so weiter verbreiten. Insgesamt schätzt das RKI die Dunkelziffer von Norovirus-Erkrankungen relativ hoch ein, da längst nicht jede Erkrankung labordiagnostisch abgeklärt werde. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2017

 

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