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Radsport-Team

»Wir radeln gegen den Brustkrebs«


Von Narimaan Nikbakht / Als eine von ihnen die Diagnose Brustkrebs bekommt, gründen zehn Radsport-begeisterte Frauen das Berliner Amateur-Team »Velonistas« – und sind verblüfft, wie sehr Teamgeist und Bewegung helfen können.

 

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30 Frauen in enganliegenden T-Shirts begeben sich zielstrebig zu einem Treffpunkt in Berlin. Im Schlepptau hat jede ihr Rennrad. Gleich geht es los: Fertigmachen für eine Trainingsfahrt. Noch schnell die Beine lockern, aufsatteln, dann gibt es kein Zurück: In Zweier-Reihen treten sie kraftvoll in die Pedalen und fahren im Plauderton bei einem Tempo von 28 km/h über die Landstraßen des Berliner Umlandes. Conny Brückner (37) sichert mit einer weiteren Fahrerin die Gruppe in der ersten Reihe. Sie ist eine der Mitbegründerinnen der Velonistas Berlin, einem Frauen-Rennrad-Amateur-Team, das aus zehn festen Mitgliedern und zahlreichen Bike-Freundinnen besteht. Zwei weitere Frauen fahren am Ende der Gruppe. So bleibt das Tempo vorne entspannt und gleichmäßig, während sichergestellt ist, dass niemand verlorengeht.




Conny Brückner, Luise Jungnickel und Tina Heizmann (vordere Reihe von links nach rechts) mit ihrem TeamFotos: Narimaan Nikbakht

»Radsport kann ziemlich hart sein. Er belohnt aber auch mit atemberaubenden Aussichten und Abfahrten und tollen menschlichen Begegnungen«, schwärmt Brückner. Angefangen hat das Team als Quartett: vier Radsportlerinnen aus verschiedenen Vereinen in Berlin, die es leid waren, immer gegeneinander zu fahren und nie gemeinsam. Nach und nach kamen dann mehr Fahrerinnen dazu. »Einmal, weil wir natürlich Aufmerksamkeit auf uns gezogen haben und die anderen nachgefragt haben, ob sie bei uns mitfahren könnten, aber auch weil wir selbst geschaut haben, welche Frau noch gut ins Team passen könnte. Jetzt sind wir zehn Frauen und das ist eine gute Zahl«, so Brückner weiter.

Auf und neben dem Rad

Es ist nicht nur die Liebe zum Radeln, die die Frauengruppe zusammenschweißt, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl. Und eine Krankheit. Tina Heizmann, eine von ihnen, lebt mit der Diagnose Brustkrebs und musste sich einer Operation und anschließender Krebstherapie unterziehen.

Brustkrebs ist keine Diagnose, die ausschließlich ältere Frauen trifft. Zwar liegt das Durchschnittsalter bei den knapp 60 000 Frauen, die jedes Jahr in Deutschland an Brustkrebs erkranken, bei der Diagnose bei 64 Jahren. Es trifft aber auch Frauen in jungem Alter, schon vor dem 35. Lebensjahr. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) treten rund 30 Prozent aller Brustkrebsfälle bei Frauen unter 50 Jahren auf. Insgesamt 10 Prozent aller Patientinnen erkranken mit 35 Jahren oder früher. Auch für Heizmann war es ein großer Schock, mit Anfang 30 zur Brustkrebspatientin zu werden.

Deshalb beschlossen die Frauen, auf das Thema Brustkrebs aufmerksam zu machen. Seitdem radeln sie für Siege, für das Miteinander, aber vor allem für Aufklärung und Früherkennung bei Brustkrebs, gerade auch bei jungen Frauen.

Sport, besonders in einem menschlich starken, offenen Team, kann tatsächlich helfen, tiefe Einschnitte und Schicksalsschläge im Leben besser zu meistern. Das haben die Berliner Velonistas und Heizmann selbst erfahren. Diese Erfahrung wollen sie an andere Frauen weitervermitteln.

Nach der Diagnose Brustkrebs, der folgenden Operation und einer kräftezehrenden Therapie war es für sie wichtig, wieder Sport zu treiben. »Draußen sein, gemeinsam Rad fahren, das war es, was mir danach am meisten geholfen hat. Und das Schöne war: Die Krankheit stand nicht dauernd im Vordergrund. Sondern die Freude an der gemeinsamen Anstrengung beim Training«, erzählt Heizmann, die jetzt seit drei Jahren krebsfrei ist.

Viele sind beeindruckt davon, wie die Velonistas gemeinsam die Erkrankungen ihrer Mannschaftskollegin durchstehen. Auch Heizmanns Willenskraft und ihr Optimismus halfen ihr wieder auf die Beine. »Mit den Velonistas zeige ich Stärke und mache auf die Wichtigkeit eines gesunden Lebensstils für junge Menschen aufmerksam. Sport ist für mich einfach ein wichtiger Teil, der mir geholfen hat, die Krankheit zu überwinden. Es gibt Studien, die zeigen, dass gerade durch Ausdauersportarten das Rückfallrisiko vermindert wird. Das möchte ich anderen Brustkrebserkrankten vermitteln«, sagt sie.

Gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen hat sie bereits viele Aktionen von »Pink Ribbon Deutschland« unterstützt, einer Organisation, die das Bewusstsein für Brustkrebs stärken will. Die Berlinerinnen nahmen etwa am »Pink Ball« in Berlin (siehe Foto) und der »Pink Ribbon Tour« durch Deutschland teil.

Gegenseitige Unterstützung

Außerdem sammeln sie seit einem Jahr bei Fahrten und Veranstaltungen regelmäßig Geld für die Berliner Krebsgesellschaft. Im Jahr 2016 kamen auf diese Weise knapp 3000 Euro zusammen. Von dieser Summe können über 40 Krebspatienten individuell und professionell von der Berliner Krebsgesellschaft psychologisch betreut und beraten werden. Denn die medizinische Behandlung ist der eine Teil, der andere – oft viel schwierigere – ist der Umgang und die Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Krankheit.



Sich gegenseitig unterstützen, sowohl im Rennen als auch im Leben: Das ist das Motto der Velonistas. Auch Luise Jungnickel, seit ihrer Geburt schwerhörig, ist Mitglied des Radsportteams. Auf dem Rad fühlt sie sich frei und unabhängig – aber diese Unabhängigkeit muss sie sich härter erkämpfen als andere. Als Gehörlose steht sie vor besonderen Herausforderungen: Gesprochene Absprachen zwischen Fahrerinnen im Rennen, Warnrufe oder die Glocke für einen Zwischenspurt nimmt sie nicht oder erst spät wahr. Autos, die im Training eng an ihr vorbei fahren, sind für sie erschreckender als für Radlerinnen mit guten Ohren.

»Bei Gehörlosen-Rennen starten alle Fahrerinnen ohne ihre Hörhilfen, damit alle die gleichen Voraussetzungen haben«, erklärt Jungnickel. Bei den anderen Rennen heißt es, Zähne zusammenbeißen, höchste Aufmerksamkeit und die Teamkolleginnen im Auge behalten, die zusätzliche Hinweise geben, wenn es geht. Trotzdem betont sie: Mehr Gehörlosenvereine sollten Radsport anbieten, damit es langfristig zum Beispiel in Deutschland mehr als nur zwei Gehörlosen-Radrennen im Jahr gibt.

Mit großem Engagement arbeiten die Velonistas weiter daran, ihre Idee von Teamgeist und gegenseitiger Unterstützung weiterzutragen. Immer häufiger veranstalten sie darum auch öffentlich gemeinsame Trainingstouren. »Während so einer Fahrt entsteht oft ein richtiges Gemeinschaftsgefühl. Es ist schön zu sehen, wie vielen Frauen es Freude macht, mit anderen ihren Lieblingssport zu teilen und auch richtig flott unterwegs zu sein. Das ist ja auch das Wunderbare am Radsport: die Natur, das Gruppengefühl, aber eben auch die sportliche Herausforderung. Während unserer Ausfahrten wird immer viel gelacht und miteinander geredet. Und wir werden oft nach Tipps zu Training, richtiger Ernährung und Technik gefragt. Toll wenn wir etwas dazu beitragen können, dass sich der Sport entwickelt«, sagt Brückner.

Wachsende Beliebtheit

Diese offenen »Women’s Training Rides« sind eine lockere Ausfahrt zwischen 50 und 70 Kilometern, die im monatlichen Rhythmus stattfinden. Es ist sowohl Training, Rennvorbereitung als auch Motivation für andere Rennradfahrerinnen, und findet idealerweise vor einem Rennen statt. Die Trainingsausfahrten erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Dabei hätten die Velonistas das Angebot beinahe wieder verworfen. Brückner erinnert sich: »Als wir 2013 damit anfingen, haben wir einmal pro Woche samstags oder sonntags die Trainingsfahrten angeboten. Das war ganz zu Beginn im Winter – aber niemand ist gekommen. So sind wir jedes Mal nur unter uns gefahren.«

Dann im Sommer nach dem ersten Women’s 100, einem Tag im Jahr, an dem Frauen auf der ganzen Welt dazu aufgerufen sind, gemeinsam 100 km zu fahren, seien plötzlich an die 40 Frauen mitgefahren. Seitdem werden die ­Rides regelmäßig veranstaltet. Es gibt Rides, die nur für Frauen gedacht sind, aber ab und an auch gemischte, bei denen auch Männer mitfahren. 30 bis 40 Leute sind immer dabei.

Es gehe nicht darum, sich höher, schneller, weiter und härter auf die Siegertreppchen der Welt zu fahren, betont Brückner. Obwohl die Siege sich nach den letzten Jahren sehen lassen können. 2014 erhielten die Velonistas sogar eine Auszeichnung als bestes Amateur-Frauenteam Deutschlands. Vielmehr geht es aber darum, das eigene Wohlbefinden im sportlichen Wettkampf gemeinsam zu pflegen. Und weiterzugeben. /


Kontakt-Informationen

Dass Bewegung einen positiven Einfluss auf (ehemalige) Brustkrebspatientinnen hat, ist anhand zahlreicher Studien nachgewiesen. Die Velonistas wollen betroffenen Frauen durch den Sport und das Erleben von Gemeinschaft zu neuer Energie für Körper und Seele verhelfen. Wer Lust hat, bei einer ihrer Trainingsausfahrten mitzumachen, kann sich über ihre Facebook-Seite (facebook.com/VelonistasBerlin) oder die Homepage informieren: www.velonistas-berlin.de. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2017

 

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