Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

TITEL

Koronare Herzkrankheit

Wenn dem Herzen die Luft wegbleibt


Von Nicole Schuster / Die koronare Herzkrankheit zählt zu den häufigsten Erkrankungen des Herzens. Sie entsteht infolge arteriosklerotischer Ablagerungen in den Koronargefäßen und erhöht die Gefahr eines Herzinfarkts. Charakteristische Symptome sind schmerzhafte Angina pectoris-Anfälle mit Atemnot. Durch konsequente Arzneimitteltherapie können die Patienten ihre Lebensqualität verbessern.

 

Anzeige

 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen in Deutschland bei den Todesursachen auf Platz eins. Eine Ursache ist die koronare Herzkrankheit (KHK), auch ischämische Herzkrankheit genannt, in deren Folge das Herz unzureichend mit Sauerstoff versorgt wird. Die Blutversorgung des lebenswichtigen Organs erfolgt über zwei Koronar­arterien, auch als Herzkranzgefäße bezeichnet. Wie bei anderen Arterien kann sich an den Gefäßwänden Plaque ablagern, diese verdicken und den Blutdurchfluss behindern.




Foto: Photocase/Sylvi Bechle


»Unter den Begriff chronische KHK fallen verschiedene Ausprägungen von Veränderungen der Gefäß­wände der Herzkranzgefäße«, erklärt Professor Dr. Thomas Voigtländer, Arzt für Innere Medizin und Kardiologie, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung sowie Ärztlicher Direktor des Agaplesion Bethanien Krankenhauses in Frankfurt am Main gegenüber PTA-Forum. Experten unterscheiden die stenosierende und die nicht-stenosierende Form. »Es können in den großen Gefäßabschnitten ausgeprägte Plaques vorliegen, ohne dass eine Verengung, eine sogenannte Stenose, besteht. Liegen Stenosen vor, teilen wir diese in hochgradig, mittelgradig oder geringgradig ein.« Von der chronischen KHK zu unterscheiden ist das »Akute Koronarsyndrom« (ACS). Darunter verstehen Ärzte unmittelbar lebensbedroh­liche Ereignisse wie die instabile Angina pectoris oder den akuten Myokardinfarkt.

An KHK leiden in Deutschland etwa 6 Millionen Menschen. Die Krankheit schränkt die Lebensqualität der Betroffenen ein und verringert ihre Lebenserwartung. Manche der Risikofaktoren sind beeinflussbar, andere hingegen nicht. Während Alter, männliches Geschlecht und genetische Disposi­tion unabänderlich sind, können Patienten anderen ungünstigen Einflüssen sehr wohl entgegenwirken. Dazu zählen vor allem Zigarettenkonsum, erhöhter Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen, insbesondere erhöhtes Cholesterol, Diabetes, Bewegungsmangel, Übergewicht und übermäßiger Stress.

Enge und Schwere im Brustkorb

Patienten mit stenosierender KHK leiden häufig unter Atemnot, wenn sie sich körperlich anstrengen. Ein weiteres typisches Symptom ist der Angina pectoris-Anfall (siehe auch Kasten). Das Gefühl der Patienten, ihr Brustkorb werde von Fassreifen eingeengt, hat zur Namensgebung geführt: Angina pectoris bedeutet so viel wie »Enge der Brust«. Das Druckgefühl oder Brennen kann von der Brust bis in den Oberbauch, den Hals oder die Arme ausstrahlen. Manche Menschen spüren die Symptome auch im Nacken oder im Bereich des Schlüsselbeins. Die Dauer der Schmerz­en reicht von einer bis zu 60 Minuten. Manche Patienten plagt gleichzeitig Husten.


Faktoren für eine Angina pectoris

Ein Angina pectoris-Anfall ist typischerweise durch drei Merkmale gekennzeichnet:

  • Schmerz, Druck- oder Engegefühl hinter dem Brustbein von kurzer Dauer
  • Symptome durch körperliche oder psychische Belastung ­auslösbar
  • Rückgang der Beschwerden in Ruhe beziehungsweise innerhalb von wenigen Minuten nach der Einnahme von Nitraten

Bei Vorliegen von zwei der drei Charakteristika liegt eine »atypische Angina pectoris« vor. Ist nur ein oder gar kein Kriterium erfüllt, sprechen Ärzte von einer nicht-anginösen thorakalen Symptomatik.


Grundsätzlich werden zwei Arten der Angina pectoris unterschieden: die stabile und die instabile. Die stabile Form tritt nur bei körperlicher oder seelischer Belastung auf und verschwindet meist schnell, wenn der Patient zur Ruhe kommt oder Nitroglyzerin einnimmt. Je nach individueller Belastungstoleranz definiert die Canadian Cardiovascular Society (CCS) vier verschiedene Schweregrade (siehe Tabelle). Kennzeichen der instabilen Angina pectoris sind hingegen Anfälle, die spontan und belastungsunabhängig auftreten. Auch bei dieser Form unterscheiden Ärzte unterschiedliche Klassen. Bei Patienten mit instabiler Angina pectoris ist das Herzinfarkt-Risiko besonders hoch.


Schweregrade der stabilen Angina pectoris nach der Canadian Cardiovascular Society

Schweregrad Belastungstoleranz 
CCS 1 Keine Angina pectoris bei Alltagsbelastung (Laufen, Treppensteigen), jedoch bei plötzlicher oder längerer physischer Anstrengung 
CCS 2 Angina pectoris bei stärkerer Belastung (schnelles Laufen, Bergaufgehen, Treppensteigen nach dem Essen, bei Kälte oder psychischer Belastung) 
CCS 3 Angina pectoris bei leichter körperlicher Belastung (normales Gehen, Ankleiden) 
CCS 4 Ruhebeschwerden oder Beschwerden bei geringster körperlicher Aktivität 

Quelle: www.leitlinien.de

Brustschmerzen müssen jedoch nicht in jdem Fall auf eine stenosierende KHK hindeuten. Bei unklarer Ursache wird der Arzt immer andere Krankheiten mit bedenken, beispielsweise das Brustwandsyndrom, psychogene oder gastrointestinale Ursachen wie Gastritis, Ulcus oder Reflux, orthopädische Erkrankungen wie das HWS-BWS-Syndrom, Atemwegserkrankungen sowie Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien). Bei stenosierender KHK treten die Symptome nur bei körperlicher oder psychischer Belastung auf.




Atemnot ist ein typisches Symptom bei stenosierender KHK.

Foto: Imago/Steinach


Nitrate wirken symptomatisch

Ein akuter Angina-pectoris-Anfall erfordert schnelles Handeln. Mittel der Wahl sind hier in der Regel Nitrate wie Glyceroltrinitrat oder Isosorbiddinitrat (ISDN), also Ester der Salpetersäure mit antianginöser Wirkung. Als typische Prodrugs wandeln sie sich erst im Körper in die aktive Form Stickstoffmon­oxid (NO) um. NO ist identisch mit dem körpereigenen Endothelium Derived Relaxing Factor (EDRF). NO greift an der Gefäßmuskulatur an und erweitert vor allem die Venen. Dadurch können diese mehr Blut aufnehmen und es fließt weniger venöses Blut zum Herzen zurück. Das bedeutet eine direkte Entlastung des Herzens. Insgesamt wirken Nitrate auf mehreren Ebenen: Sie verringern die Arbeit des Herzens, sorgen so für einen geringeren Sauerstoffbedarf und verbessern das Sauerstoffangebot, indem sie den Druck in den großen Arterien vorübergehend leicht senken. Tritt nach Anwendung der Nitrate keine unmittelbare Besserung ein, könnte ein Herzinfarkt vorliegen. Bei diesem medizinischen Notfall muss der Patient sofort in ein Krankenhaus gebracht werden (siehe Kasten).


Herzinfarkt? Schnelles Handeln ist wichtig

Zu den Alarmzeichen für einen Herzinfarkt gehören starke, länger als 5 Minuten anhaltende Schmerzen hinter dem Brustbein, die auch ausstrahlen können, etwa in den linken Arm oder in den Oberbauch. Die Symptome im Brustkorb können sich als Engegefühl, heftiger Druck oder Brennen äußern. Die Patienten sind blass und haben möglicherweise kalten Schweiß auf Stirn und Oberlippe. Sie leiden unter Atemnot, Unruhe und einem Vernichtungsgefühl. Auch Übelkeit, Erbrechen, Schwächegefühl, Schwindel und Bewusstlosigkeit können auftreten. Bei Frauen äußerst sich ein Herzinfarkt oft anders, beispielsweise fehlen die bei Männern charakteristischen Schmerzen im Brustkorb.

Patienten brauchen sofort medizinische Hilfe. Sie sollten sich keinesfalls selbst ans Steuer setzen, sondern ­einen Rettungswagen anfordern. Während des Wartens sollten sie einengende Kleidung öffnen und eine Haltung einnehmen, bei der ihr Oberkörper etwas erhöht ist.

Quelle: www.herzbewusst.de


Die bei Angina pectoris eingesetzten Nitrate unterscheiden sich nicht in ihren pharmakodynamischen Eigenschaften, sondern nur in Wirkungseintritt und Wirkdauer. Sie spielen eine wichtige Rolle zur symptomatischen Behandlung der KHK, verlängern jedoch nach jetzigem Kenntnisstand nicht die Lebenserwartung der Patienten. Da die Nitrate aus der Arzneiform möglichst schnell freigesetzt werden müssen, wenden die Patienten sublinguale Darreichungsformen, Spray oder Zerbeißkapseln an.

Eine Nebenwirkung tritt vor allem zu Therapiebeginn häufig auf und ist die Folge der gefäßerweiternden Wirkung: der sogenannte Nitratkopfschmerz. Weitere unerwünschte Begleiterscheinungen sind Hautrötungen, Übelkeit, Schwindel, Schwäche­gefühl und Blutdruckabfall.

Ein Problem stellt die Toleranzentwicklung dar: Bei dauerhafter Anwendung oder hoher Dosierung verlieren die Medikamente in kurzer Zeit, oft schon innerhalb von 24 Stunden, einen Teil ihrer Wirkung. Die Gründe für die Nitrattoleranz sind nicht völlig aufgeklärt. Damit der volle Effekt erhalten bleibt, sind nitratfreie Intervalle von sechs bis acht Stunden erforderlich, beispielsweise eine nächtliche Pause. Diese erhöht aber auch die Gefahr von Angina pectoris-Anfällen. Patienten können die Einnahmepause mit Molsidomin überbrücken. Das Arzneimittel ist ebenfalls ein Prodrug und wirkt ähnlich wie die Nitrate. Seine Wirkung tritt allerdings langsamer ein, etwa 20 Minuten nach Applikation.

LDL-Cholesterolspiegel niedrig halten

Die Akuttherapie der KHK besteht aus weiteren Arzneimitteln. »Hier ist die Therapie von Risikofaktoren wie erhöhter Blutdruck, zu hoher Cholesterolspiegel oder Diabetes mellitus essen­tiell«, so der Experte. Bei Patienten mit KHK solle der LDL-Cholesterolspiegel unter 100, besser noch bei 70 mg/dl liegen. »Hierzu ist nahezu immer die Einnahme eines HMG-CoA-Reduktasehemmers erforderlich«, sagt Voigtländer. Die auch als Statine bezeichneten Arzneimittel senken nicht nur erhöhte Blutfettwerte, sondern verbessern auch die Endothelfunktion und wirken zusätzlich antioxidativ und antiinflammatorisch.




Foto: Shutterstock/Robert Kneschke


Eine von den Patienten sehr unangenehm empfundene Nebenwirkung ist die Rhabdomyolyse. Treten Muskelschmerzen auf, sollten sich die Patienten an ihren Arzt wenden. Bei einer Statin-Unverträglichkeit kann dieser alternativ einen anderen Lipidsenker verordnen, beispielsweise ein Fibrat, Nicotinsäurederivat, einen Anionenaustauscher wie Colestyramin oder den Cholesterolresorptionshemmer Ezetimib. Ob diese Arzneistoffe die kardiovaskuläre Mortalität senken, ist allerdings nicht belegt.

Die Mortalität senken hingegen nachweislich Thrombozytenaggrega­tionshemmer wie Acetylsalicysäure. Um Thrombosen vorzubeugen, nehmen die Patienten täglich 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS) ein. »Insbesondere nach Stenttherapie aber auch nach einer Bypassoperation ist die Gabe obligat«, berichtet der Kardiologe. Bei Unverträglichkeit oder Kontraindikationen sind 75 mg Clopidogrel pro Tag eine geeignete Alternative zu ASS.

Auch der Arzneistoff Trapidil ist zur Behandlung der KHK zugelassen. Der nicht-selektive Phosphodiesterase-Hemmer erweitert die Koronargefäße und hemmt ebenfalls die Thrombozytenaggregation.

Arzneimittel reichen nicht immer

Ziel jeder antianginösen Therapie ist es, den myokardialen Sauerstoffverbrauch zu senken, das Sauerstoffangebot zu erhöhen und Koronorspasmen zu beseitigen. Daher müssen die eingesetzten Arzneistoffe das Missverhältnis aus Sauerstoffangebot und -bedarf reduzieren oder ganz beseitigen und dadurch die Symptome lindern.

Hierzu eignen sich auch Beta-Blocker, da sie die aktivierende Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin auf die Beta-Adrenozeptoren hemmen. Dadurch schützen sie das Herz vor den stark stimulierenden Impulsen des Sympathikus. Die verlangsamte Frequenz und verringerte Herzleistung senken dessen Sauerstoffbedarf. Ein weiterer gewünschter Effekt ist die verbesserte Durchblutung der Herzkranzgefäße. Einige Substanzen wie Meto­prolol beugen daher einem Herzinfarkt vor. Ob Beta-Blocker generell den Krankheitsverlauf verbessern, ist jedoch umstritten.

Eine Alternative sind lang wirksame Calciumkanalblocker – früher wurde diese Wirkstoffklasse als Calciumantagonisten bezeichnet. Da sie den Einstrom von Calciumionen in die Zellen hemmen, verringern sie die Akti­vität der calciumabhängigen Myosin-ATPase und dadurch den Sauerstoffbedarf. Zudem erweitern Calcium­kanalblocker die Gefäße. Bekannte Vertreter der Gruppe sind Substanzen vom Nifedipin-, Verapamil- und Diltiazem-Typ. Lindern Betablocker und Calciumkanalblocker die Symptome nicht ausreichend, helfen möglicherweise zusätzlich neue Substanzen wie Ivabradin und Ranolazin. Vor allem bei Hypertonikern können ACE-Hemmer den Verlauf einer KHK günstig beeinflussen.

Bei etwa jedem dritten Patienten reichen medikamentöse Maßnahmen alleine nicht aus. In manchen Fällen erwägt der Arzt daher eine Operation oder das Einsetzen von Stents. Bei der Entscheidung für die richtige Therapie hilft ihm eine Herzkatheter-Unter­suchung (siehe auch Stabile KHK: Stent oder Bypass).

Gesund zu leben, macht sich bezahlt

Probleme wie zu hoher Blutdruck oder zu hohe Blutzuckerwerte sollten die Patienten auch mit nicht-medikamentösen Maßnahmen angehen. »Eine Gewichtsreduktion hilft bei der Behandlung aller wesentlichen Risikofaktoren«, weiß Voigtländer. Empfehlenswert ist zudem regelmäßiges aerobes Ausdauertraining, das allerdings an die individuelle Situation angepasst sein muss.

Die Ernährung sollte reichlich kaliumhaltiges Gemüse und Obst beinhalten und aus frischen ballaststoff­reichen Zutaten zubereitet sein. Der Experte rät, die Mittelmeerküche als Vorbild zu nehmen. Moderater Alkoholkonsum ist erlaubt, Rauchen sollten die Patienten indes ganz aufgeben. Entspannungstechniken helfen gegen übermäßigen Stress. Zudem sollten KHK-Patienten die jährliche Grippeimpfung nicht versäumen und an die Vorsorgeuntersuchungen denken.

»Verglichen mit den Sterblichkeitsraten der 1980er-Jahre konnte eine Halbierung der KHK bedingten Todesfälle erreicht werden. Mindestens 50 Prozent dieses positiven Effektes sind durch Verbesserungen des Lebensstils erreicht worden«, freut sich Voigt­länder.

Gemäß dem Herzbericht von 2016 werden KHK-Patienten in Deutschland zudem gut ambulant betreut. Die Zahl der Klinikeinweisungen als Folge einer KHK sei 2015 durch die stetig verbesserte Versorgung vor Ort um 2 Prozent zurückgegangen. /




Die Ergebnisse der Studie DEGS1 des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2013 zeigen, wie die Häufigkeit von Schlaganfall und Herzinfarkt mit dem Alter zunimmt. Auch die Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden deutlich.

Grafik: Stephan Spitzer




Lese-Tipp

Der Experten-Ratgeber »Herz in Gefahr – Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt« der Deutschen Herzstiftung informiert über Möglichkeiten der Vorbeugung, Diagnose und Behandlung der koronaren Herzkrankheit und des Herzinfarkts nach dem heutigen Stand der Medizin. Der Band umfasst 160 Seiten und ist erhältlich bei: Deutsche Herzstiftung e.V., Bockenheimer Landstr. 94-96, 60323 Frankfurt/M., Tel. 069 955128-400, oder unter www.herzstiftung.de/khk-sonderband.html


Herzgesundheit

Lesen Sie zum Themenschwerpunkt auch die Beiträge

Arzneipflanzen-Portrait: Rosmarin

Herzgesunde Kost: Präventives Potenzial nutzen

Stabile KHK: Stent oder Bypass

Screening: Eine Herzensangelegenheit



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=10209