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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Screening

Eine Herzens­angelegenheit


Von Annette van Gessel, Aachen / Unter dem Motto »Aachen gegen den Schlaganfall« konnte Professor Dr. Nikolaus Marx von der Universitätsklinik RWTH Aachen Apotheker der Stadt und der Städteregion Aachen dafür gewinnen, ein Screening für asymptomatisches Vorhofflimmern bei älteren Menschen durchzuführen.

 

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Vorhofflimmern ist die häufigste behandlungsbedürftige Herzrhythmusstörung. In Deutschland sind schätzungsweise zwei Millionen Menschen betroffen. Doch bemerkt etwa ein Drittel der Betroffenen nicht, dass ihr Herz immer wieder aus dem Takt gerät. Ebenso sind sie sich nicht der Tatsache bewusst, dass Vorhofflimmern ihr Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, um mindestens den Faktor 5 erhöht. Daher wurde in Aachen eine wissenschaft­liche Studie begonnen, um Vorhofflimmern bei Über-65-Jährigen möglichst frühzeitig zu erkennen.

Initiatoren des Forschungsprojekts sind außer Professor Marx, Direktor für Kardiologie, Pneumologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin am Uniklinikum, Professor Jörg B. Schulz, Direktor für Neurologie und Professor Dr. Nicole Kuth, Leiterin Lehrgebiet Allgemeinmedizin. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp unterstützt das Projekt als Schirmherr.




Die Zahl der teilnehmenden Patienten übertrifft die Erwartungen der Initiatoren. Fotos: PTA-Forum/Ullrich Mies

Ziel der Studie

»Viele der Patienten versterben im ersten Jahr nach einem Schlaganfall, die anderen sind häufig auf Pflege angewiesen«, verdeutlicht Marx die Dramatik eines solchen Ereignisses. »Wir wollen herausfinden, ob ein Screening aller 65-Jährigen sinnvoll sein kann, um Vorhofflimmern frühzeitig zu entdecken und die Schlaganfallzahlen so zu senken«, erläutert Marx das Ziel der in Deutschland bislang ersten Studie dieser Art.

Apotheke als Partner

Die Kreisvertrauensapothekerin der Stadt Aachen, Gabriele Neumann, berichtet PTA-Forum, wie es zu der Zusammenarbeit zwischen Uniklinik und den Aachener Apothekern gekommen ist: »Professor Marx hatte die Idee für diese Studie. In einem zweiten Schritt hat er dann überlegt, wie man die Zielgruppe der Über-65-Jährigen am einfachsten ansprechen kann. Herr Professor Marx und Frau Professor Kuth haben mich angesprochen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die Kolleginnen und Kollegen aus Aachen und der Städteregion für das Screening zu gewinnen.«

Neumann gelang es, unter anderem mit einem Informationsrundschreiben, in Aachen 44 und in der Städteregion 46 Apotheken für das Forschungsprojekt zu begeistern. Sie war von Anfang an davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, Apotheken in das Projekt einzubinden. Denn viele ältere Menschen suchen bei Beschwerden zuerst eine Apotheke auf, bevor sie sich einen Arzttermin geben lassen. Um aussagekräftige Daten zu erhalten, ist das angestrebte Ziel, 6000 Menschen im Screening zu erfassen.

In der Stadt Aachen ist die jeweils zweiwöchige Aktion bereits abgeschlossen, die 44 Apotheken haben die Daten von 3802 Probanden erfasst, also bereits mehr als die Hälfte der angestrebten Teilnehmerzahl. Und in der Städteregion verläuft die Aktion nach Neumanns Aussage ebenfalls erfolgreich.

Zunächst einmal galt es, in der Apotheke potenzielle Teilnehmer anzusprechen und für die Aktion zu gewinnen. Dazu wurde ein Flyer mit dem Titel »Ihre Minute gegen den Schlaganfall« erstellt, der die Zielgruppe kurz und knapp über die wichtigsten Parameter der Studie informierte.

Wie sehr die Studienleiter bei diesem Forschungsprojekt auf die fachkundige Unterstützung der Apotheker bauen, verdeutlicht der folgende Satz in der Patienteninformation: »Bitte fragen Sie Ihren Apotheker, wenn Sie etwas nicht verstehen oder wenn Sie zusätzlich etwas wissen wollen.« Zudem werden die Patienten darüber aufgeklärt, dass sie dem Vorhofflimmern durch eine medikamentöse Therapie sehr effektiv vorbeugen können. Und darüber hinaus betonen die Initiatoren der Studie in der Patienteninformation, dass die Apotheker keine Diagnose stellen, sondern lediglich die Regelmäßigkeit des Herzschlags messen.

Großer Zuspruch

»Die meisten Patienten reagieren positiv und finden es sehr gut, dass etwas für die Vorsorge getan wird. Zudem konnten sie schnell nachvollziehen, dass wir hier in der Apotheke auf sehr einfache Weise feststellen können, ob sie gefährdet sind, einen Schlaganfall zu erleiden«, so Neumann. Vor der eigentlichen Messung und nach dem ausführlichen Informationsgespräch mussten die Patienten schriftlich ihre Einwilligung geben. Ein wichtiger Passus der Einwilligung lautet: »Die Teilnahme am Register ist freiwillig. Sie können jederzeit ohne Angabe von Gründen Ihre Einwilligung widerrufen, ohne dass Ihnen dadurch Nachteile entstehen.«

Die in den Apotheken erhobenen Daten werden anonymisiert und dann in einer Studie ausgewertet. Zudem werden die Patienten darüber informiert, dass sie das Recht haben, ihre eigenen Daten einzusehen und etwaige Fehler korrigieren zu lassen. »Die dokumentierten persönlichen Daten unterliegen sowohl der Schweigepflicht als auch den datenschutzrechtlichen Bestimmungen«, so das Informationsschreiben.

Darüber hinaus erhalten die Teilnehmer eine ausführliche Patienteninformation über das weitere Vorgehen nach der Messung. »Die Patienten müssen sich damit einverstanden erklären, dass wir ihre Adresse aufnehmen und dass sie nach einem Jahr noch einmal konsultiert werden«, berichtet Neumann. In der Studie möchten die Initiatoren festhalten, ob das Screening zu einer weitergehenden Diagnostik beim Haus- oder Facharzt geführt hat oder ob der Arzt die Medikation geändert hat. Zudem werden die Teilnehmer befragt, wie sie die gesamte Aktion beurteilen.




Der 60 cm lange EKG-Stab besitzt an beiden Enden Metallelektroden. Das Gerät verfügt über einen USB-Anschluss zur Datenübertragung.

Das Screening selbst dauert nur eine Minute. Es beruht auf einer Pulsmessung. Mit dem Monitorgerät »MyDiagnostick«, einem EKG-Stab, wird ledig­lich die Regelmäßigkeit des Herzschlags überprüft. Dazu muss der Patient den Stick in beiden Händen etwa 1 Minute lang festhalten. Während der Messung blinken nach und nach gelbe Lämpchen auf. War der Herzschlag regelmäßig, leuchtet zum Schluss ein Lämpchen grün, bei unregelmäßigem Herzschlag rot. Dann besteht der Verdacht auf Vorhofflimmern. »Bei einem roten Lämpchen bitten wir die Patienten, zeitnah – und darunter verstehen wir etwa 14 Tage – einen Arzt aufzusuchen und weitere Untersuchungen machen zu lassen«, ergänzt die Apothekerin. Außerdem werden sie in der Apotheke beruhigt, dass Vorhofflimmern keine Notfallsituation ist. Sie sollen das Messergebnis als Warnhinweis verstehen, ihre eigene Gefährdung eindeutig abzuklären. Selbstverständlich muss ein Arzt das Messergebnis absichern, beispielsweise durch ein EKG.

Alle Gefährdeten erhalten einen vorgefertigten Brief und werden aufgefordert, diesen zu ihrem Arzt mitzunehmen. So kann dieser schwarz auf weiß nachlesen, was in der Apotheke gemacht worden ist. Zudem enthält der Brief Empfehlungen der Studien­leitung, welche weiteren Maßnahmen bezüglich der Arzneimitteltherapie sinnvoll sind. Um Irritaionen seitens der Ärzteschaft vorzubeugen, informierte die Universitätsklinik vor der Aktion die niedergelassenen Aachener Kardiologen, Internisten und Hausärzte/Allgemeinmediziner durch ein Anschreiben.

Um sicherzustellen, dass alle Patienten mit einem positiven Messergebnis ihren Arzt aufsuchen, rufen an der Studie beteiligte Mitarbeiter des Uniklinikums die Betreffenden nach acht Wochen an. Falls der Arztbesuch noch aussteht, werden sie noch einmal auf die Dringlichkeit der Arztkonsultation hingewiesen.

Nicht immer gelang es der Apothekerin, Patienten zum Mitmachen zu bewegen: »Manche antworten, sie wären bereits in kardiologischer Behandlung und wollten auf keinen Fall ihre Daten abgeben.« .

Ein voller Erfolg

Auch der Präsident der Apothekerkammer Nordrhein, Lutz Engelen, beteiligt sich an der Aktion in der Städteregion. »Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf die Auswertung. Die Aktion in der Aachener Innenstadt ist ja richtig gut gelaufen. An diesen Erfolg werden wir sicherlich anknüpfen«, so Engelen. Die aktuelle Teilnehmerzahl bestätigt seine Vermutung: Bis zum 18. Februar haben alle Apotheker gemeinsam die »Schallgrenze von 6000 Teilnehmern geknackt«. Da die Messungen in der Städteregion noch eine Woche fortlaufen, wird die Studie somit noch aussagekräftiger. Auch die Testteilnehmer mit grünem Ergebnis werden nach einem Jahr angerufen und gefragt, ob sie in der Zwischenzeit einen Schlaganfall erlitten haben.

Weitere Informationen haben die Initiatoren unter www.aachen-gegen-den-schlaganfall.de ins Netz gestellt. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2017

 

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