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BERATUNGSPRAXIS

Plausibilitätsprüfung

Zwei alternative Herstellungen


Von Andreas Melhorn / Grundsätzlich muss in der Plausibilitätsprüfung ausgeschlossen werden, dass zwischen den Stoffen eines Rezepturarzneimittels Inkompatibilitäten auftreten. Manche Unverträglich­keiten sind während der Herstellung mit bloßem Auge erkennbar, wenn eine Creme beispielsweise auseinanderbricht oder sich verfärbt. Doch sogenannte larvierte Inkompatibi­litäten können mit bloßem Auge nicht so einfach erkannt werden.

 

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An einem hektischen Tag nimmt die PTA das abgebildete Rezept entgegen. Da sie die verordnete Rezeptur noch nie hergestellt hat und noch einige andere Rezepturen auf sie warten, bittet sie den Patienten, am nächsten Tag wiederzukommen.

Das Antiseptikum Octenidindihy­drochlorid ist gut verträglich und wird häufig in Fertigarzneimitteln und Medizinprodukten eingesetzt, zum Beispiel als wässriges Spray für die Behandlung von kleinen Wunden. Auf der Haut und auf Schleimhäuten hält seine Wirkung auch nach der Behandlung noch länger an. Fertigprodukte enthalten fast immer Kombinationen mit anderen Stoffen wie 2-Phenoxyethanol. Aufgrund seiner schwachen Wirksamkeit gegen Schimmelpize eignet sich Octenidindihydrochlorid weniger gut als Konservierungsmittel. Octenidindihydrochlorid ist in Wasser löslich. Da in die verordnete Creme nur 0,1 % eingearbeitet werden sollen, geht die PTA davon aus, dass sich die Substanz in der Grundlage löst.




Recherche zur Grundlage

Damit sie Inkompatibilitäten sicher ausschließen kann, schlägt die PTA in den »Tabellen für die Rezeptur« des DAC/NRF nach. Dort findet sie die Angaben, dass der Wirkstoff kationisch ist und über den pH-Bereich von 2 bis 12 eingesetzt werden kann. Allerdings bestehen Inkompatibilitäten zwischen dem Octenidindi­hydro­chlorid und PHB-Estern, Sorbinsäure sowie den meisten Anionen. Hier sieht die PTA bereits das erste Problem, denn Wasserhaltige hydrophile Salbe DAB ist mit Kaliumsorbat konserviert. Alternativ könnte sie die Creme selbst herstellen und ein anderes Konservierungsmittel verwenden, doch wären damit nicht alle Probleme gelöst. Die Wasserhaltige hydrophile Salbe DAB erhielt vor Kurzem die treffendere Bezeichnung Anionische hydrophile Creme DAB. Daraus folgert die PTA – auch ohne weiter nachzuschlagen, dass dies zu Inkompatibili­täten führen wird.

Schnell wirft sie noch einen Blick in den Rezepturhinweis »Octenidindi­hydro­chlorid«, den sie auf der Website des DAC/NRF findet. Die hier aufgeführte Liste der Inkompatibilitäten ist lang. Daher gibt der Rezepturhinweis an, den Wirkstoff nur zu verarbeiten, wenn die Zusammensetzung der gesamten Rezeptur untersucht wurde.

Octenidindihydrochlorid kann mit Anionen unlösliche Salze bilden. Ob dies geschieht, hängt unter anderem von der Konzentration der eingesetzten Substanzen ab. Larvierte, mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Inkompatibilitäten, lassen sich also nicht ausschließen. Wie in den Tabellen für die Rezeptur findet die PTA als problematische Stoffe Kaliumsorbat und Sorbin­säure, aber auch Benzoe­säure und Natrium­benzoat, bestimmte Tenside und Gelbildner, sowie – abhängig vom pH-Wert und der Konzentration – Citronensäure und Natriumcitrat. Außerdem listet der Rezepturhinweis einige inkompatible Grundlagen auf: unter anderem verschiedene Formen der Anionischen hydrophilen Creme (SR DAC, DAB, mit unterschied­lichen Konservierungsmitteln), Wasserhaltiges Liniment SR DAC (NRF S.40.), Carmellose-Natrium-Gel DAB, Wasserhaltiges Carbomergel DAB und Carbomergel pH 5 / pH 6,5 (NRF S.43.) sowie Grundlagen, die wegen der Inkompa­tibilität mit den erwähnten Konservierungsmitteln nicht in Frage kommen.

Nach einem kurzen Blick auf die Liste scrollt die PTA weiter nach unten, bis sie die Überschrift 8.1 »Praktikable Octenidindihydrochlorid-Zubereitungen« findet. Dort steht: Basiscreme DAC kann mit Octenidindihydrochlorid verarbeitet werden. Diese Grundlage darf auch mit Wasser und/oder Propylenglycol verdünnt werden, falls der Arzt eine dünnflüssigere Zubereitung wünscht. Da die Basiscreme DAC ebenfalls eine hydrophile Creme ist, hat die PTA einen guten Ersatz für die verschriebene Grundlage gefunden. Nach kurzer Rücksprache mit dem Apotheker beschließen beide, die Grundlage auszutauschen.




Foto: Shutterstock/Enriscapes


Unerwarteter Effekt

Als die PTA mit der Herstellung der Creme beginnt, fallen ihr in der Fantaschale kleine Klümpchen auf, die sie nicht völlig verreiben kann. Auch längeres Rühren bringt keine Besserung, nach wie vor knirscht es gelegentlich. Da es bereits kurz vor Feierabend ist, deckt sie die Schale ab und beschließt, die Creme am nächsten Tag weiterzuverarbeiten.

Am nächsten Morgen untersucht sie die Creme ein weiteres Mal. Die Partikel sind verschwunden. Sicherheitshalber streicht sie etwas Creme zwischen zwei Objektträgern aus und auch dann kann sie keine Partikel entdecken. Erleichtert füllt sie die Creme in eine Schraubdeckeldose, etikettiert diese, schließt das Herstellungsprotokoll ab und lässt es unterzeichnen. Die geänderte Grundlage (siehe auch Kasten) notiert sie auf dem Rezept.


Neue Vorschrift

Octenidindihydrochlorid 0,1 g

Basiscreme DAC ad 100 g


Option für die Zukunft

Die fertige Rezeptur über Nacht stehen zu lassen, ist zukünftig möglicherweise nicht immer eine Option. Daher beschließt die PTA, den Rezepturhinweis genauer zu lesen. Dort steht, dass sich Octenidindihydrochlorid nur langsam in Wasser löst. Außerdem findet sie ihre Beobachtung bestätigt, dass zunächst sichtbare Klümpchen entstehen. Damit die Herstellung scheller gelingt, empfiehlt das DAC/NRF-Team die Octenidindihydrochlorid-Stammlösung 2 % (NRF S. 50.) einzusetzen. Das Antiseptikum wurde hier unter Erwärmen in Glycerol 85 % gelöst und Verdunstungsverluste mit Wasser ergänzt. Statt der kristallinen Substanz könnte die PTA also in Zukunft 5,0 g dieser Lösung in die Basiscreme einarbeiten. Das erscheint ihr ein guter Vorschlag. Auf jeden Fall ist er praktikabler, als die gesamte Creme zu erwärmen und anschließend kaltzurühren. Sie macht sich eine entsprechende Notiz im Protokoll der Plausibilitätsprüfung. Falls der Arzt die Creme noch einmal verordnet, braucht sie den Patienten nicht auf den nächsten Tag zu vertrösten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2017

 

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