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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Kinder und Medien

Zwischen Kompetenz und Sucht


Von Carina Steyer / Kinder gehören heute zur Generation der »digital natives«. Sie können mühelos Smartphones bedienen, zappen sich durch eine unbegrenzte Auswahl an Fernsehkanälen und verbringen ihre Freizeit in sozialen Netzwerken. Damit sich Kinder nicht in der Online-Welt verlieren, sondern zu kritischen Konsumenten heranwachsen, benötigen sie Medienkompetenz.

 

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Kinder haben heute eine fast unbegrenzte Auswahl an Geräten zur Medien­nutzung. Fast alle Familien besitzen einen Fernseher, Computer oder Laptop mit Internetzugang sowie Smartphones. Dazu kommen CD-Player, Radio, DVD-Player und Spielkonsolen. Wie Kinder und Jugendliche das Medienangebot nutzen, erhebt seit Ende der 1990er-Jahre der Medien­pädagogische Forschungsverbund Süd­west in repräsentativen Studienreihen. Für die »Kinder + Medien, Computer + Internet« (KIM)-Studie 2016 wurden rund 1200 Kinder von 6 bis 13 Jahren und ihre Haupterzieher befragt. Dabei zeigte sich, dass in dieser Altersstufe nach wie vor Fernsehen das wichtigste Medium ist. 77 Prozent der 6- bis 13-Jährigen schauen täglich durchschnittlich 93 Minuten fern. Ähnliches ist auch bei den Zwei- bis Fünfjährigen zu beobachten.




Foto: iStock/Poike


Insgesamt 623 Haupterzieher wurden für die miniKIM-Studie 2016 befragt. Sie gaben an, dass Bücher und Fernsehen zu den wichtigsten Medien ihrer Kinder gehören würden. Durchschnittlich 26 Minuten pro Tag beschäftigen sich die Familien mit einem Buch. Beim Fernsehen kommen die Zwei- bis Dreijährigen auf 34 Minuten, die Vier- bis Fünfjährigen bereits auf 52 Minuten pro Tag. Spielkonsolen, Computer, Tablets, Smartphones und das Internet spielen bei Kleinkindern hingegen noch eine untergeordnete Rolle. Mehr als 80 Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe haben noch keinerlei Erfahrung mit diesen Medien.

Vom Fernsehen zum Handy

Mit Beginn des Schulalters werden digitale­ Medien für Kinder wesentlich interessanter. So nutzen laut KIM-Studie 42 Prozent der Kinder das Handy täglich. Digitale Spiele an Computer, Konsole oder online werden von einem Fünftel täglich gespielt. Die Internetnutzung nimmt mit dem Alter der Kinder deutlich zu. Während bei den Sechs- bis Siebenjährigen 35 Prozent nur selten online sind, sind bei den 12- bis 13-Jährigen 94 Prozent regelmäßig online unterwegs.

Im Teenageralter werden kommunikative Aspekte und die Nutzung sozialer Netzwerke immer wichtiger. Laut »Jugend, Information, (Multi-)Media« (JIM) Studie 2016, für die 1200 12- bis 19-Jährige befragt wurden, sind Jugend­liche an einem durchschnittlichen Wochentag rund 200 Minuten online. Fast jeder von ihnen benutzt dafür ein eigenes Smartphone, das den wichtigsten Zugang zum Internet darstellt. Die meiste Zeit verbringen sie mit Kommunikation, danach folgen Unterhaltung, Spiele sowie die Suche nach Informationen. Auch wenn Jugendliche ihre Freizeit vor allem online verbringen, hat das Fernsehen weiterhin einen festen Platz im Alltag. Insgesamt­ 46 Prozent gaben an, täglich etwa 105 Minuten fernzusehen.

Kompetenz erlernen

Damit Kinder und Jugendliche Medien nicht nur konsumieren, sondern auch sinnvoll aus dem Medienangebot auswählen, Inhalte einordnen, kritisch beurteilen und Medienbotschaften hinterfragen können, benötigen sie Medien­kompetenz. Wie in anderen Lebensbereichen auch, sind die Eltern dafür die wichtigsten Vorbilder.

Experten raten, Kinder von Anfang an bei ihrer Medienbio­grafie zu begleiten. Das beginnt bereits im Vorschulalter, wo neben Büchern, Hörspielen und TV-Sendungen erste geeignete Apps im Beisein der Eltern entdeckt werden dürfen und sollten. Ab der Grundschule kommen erste Schritte im Internet oder mit einer Konsole hinzu. Neben klaren Regeln ist es wichtig, dass Eltern die Interessen und Vorlieben ihres Kindes kennen. »Verstehen ist besser als Verbieten«, raten die Experten des Medienratgebers Schau hin!, initiiert unter anderem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sollten die Eltern eine spezielle Sendung oder ein Spiel für nicht sinnvoll halten, ist es notwendig, darüber zu sprechen. Nur so lernen Kinder, Medienangebote zu bewerten und kritisch damit umzugehen.

Wie Kinder Medien wahrnehmen, verstehen und interpretieren, hängt von ihrem Entwicklungsstand und ihrer Medienerfahrung ab. Je jünger und unerfahrener ein Kind ist, umso wichtiger ist der Schutz vor Überforderung. Dafür sollten Eltern nicht nur die Medien­inhalte, sondern auch die Zeit im Blick haben. Empfehlungen für angemessene Bildschirmzeiten gibt es viele, wobei sich die meisten in einem ähnlichen Rahmen bewegen. Die Schau-hin-Experten empfehlen:

  • bis 5 Jahre: bis zu einer halben Stunde am Tag
  • 6–9 Jahre: bis zu einer Stunde am Tag
  • Ab 10 Jahre: rund neun Stunden pro Woche, die als Wochenkontingent vom Kind selbst eingeteilt werden können

Dauernd online

Laut KIM-Studie 2016 haben Dreiviertel der befragten Eltern mit ihren Kindern Absprachen über die Auswahl und Nutzungsdauer von Fernsehsendungen, Internetangeboten sowie Computer- und Konsolenspielen getroffen. Zusätzlich gibt es in vier von fünf Familien Situationen, in denen keine Medien genutzt werden dürfen. Das sind etwa die gemeinsamen Mahlzeiten oder die Zeit während der Hausaufgaben. Schwieriger zu kontrollieren ist die Smart­phone-Nutzung. So wird in vielen Familien­ zwar reglementiert, welche Inhalte genutzt werden dürfen, die tägliche Nutzungsdauer lässt sich aber durch die – auch oft von den Eltern gewünschte – permanente Erreichbarkeit nur schwer beschränken.


Wann ist es zu viel?

Die EU-Initiative klicksafe.de hat eine Checkliste erarbeitet, anhand derer ­Eltern den Medienkonsum ihrer ­Kinder einschätzen können. Treffen drei oder mehr Merkmale zu, sollten die Eltern intervenieren.

  • Die Gedanken des Kindes kreisen auch bei anderen Beschäftigungen ständig um Medien.
  • Das Kind spielt oder surft bis tief in die Nacht.
  • Dem Kind fällt es schwer, die Zeit vor dem Bildschirm zu begrenzen.
  • Das Kind reagiert gereizt, wenn es auf Computer, Internet oder Spielkonsole verzichten muss.
  • Es zieht sich immer mehr von Familie und Freunden zurück.
  • Internetnutzung verdrängt andere Interessen und Hobbys.
  • Die Leistungen in der Schule haben sich deutlich ver­schlechtert.
  • Das Kind verzichtet auf Mahlzeiten, um am Computer zu bleiben.
  • Es hat stark ab- oder zu­genommen und wirkt über­müdet.
  • Das Kind reagiert sich bei Ärger oder Frust mit Computerspielen ab.


Probleme im Alltag

Viele Eltern beobachten den Medienkonsum ihrer Kinder mit Sorge und befürchten das Abrutschen in eine Sucht. Hier können Experten ein wenig entwarnen: Ausschlaggebend für einen bedenklichen Konsum ist nicht allein die Zeit, sondern vor allem, inwieweit es zu gesundheitlichen, leistungsbezogenen, sozialen oder emotionalen Problemen kommt. Dennoch sollten Eltern aufmerksam sein, denn die Zahl der computerspiel- und internetbezogenen Störungen steigt, wie die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt.




Foto: iSTock/ljubaphoto


In dieser regelmäßig wiederholten Repräsentativbefragung werden Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren befragt und seit 2011 auch die Nutzung von Computerspielen, des Internets und die Häufigkeit damit zusammenhängender gesundheitlicher Störungen erfasst. Die Erhebung zeigt: Vor allem Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren sind betroffen. Bei ihnen kommt es doppelt so häufig zu computerspiel- und internetbezogenen Störungen wie bei den 18- bis 25-Jährigen. Auffällig ist neben dem Geschlechterverhältnis – 7,1 Prozent der weiblichen, aber nur 4,5 Prozent der männlichen Jugendlichen sind betroffen – auch die soziale Verteilung. So zeigen Haupt-, Real- und Gesamtschüler fast doppelt so häufig computerspiel- und internetbezogene Störungen wie Gymnasiasten. Beobachtet wird auch eine Zunahme der problematischen Computer- oder Internetnutzung, von der auch die Gruppe der jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) betroffen ist.

Ein übermäßiger Medienkonsum kann Entwicklungschancen beeinträchtigen und ein Hinweis auf persönliche Probleme oder soziale Isolation sein. Damit Eltern den Medienkonsum einschätzen können, hat die EU-Initiative klicksafe.de eine Checkliste entwickelt (siehe Kasten). Treffen drei oder mehr Merkmale zu, sollten Eltern gegebenenfalls Hilfe in Anspruch nehmen. Das beste Mittel gegen exzessive Mediennutzung ist laut Experten jedoch frühzeitig vermittelte und aktiv vorgelebte Medienkompetenz. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2017

 

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