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BERATUNGSPRAXIS

Besondere Kundengruppe

Veganer in der Apotheke


Von Verena Arzbach, Offenbach / Fast eine Million Deutsche verzichten Schätzungen zufolge auf Lebensmittel tierischer Abstammung. Besonderes Augenmerk in der ­Beratung muss bei ihnen auf eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen wie Calcium, Jod, Eisen und Vitamin B12 gelegt werden. Die Nährstoffsupplementation ist jedoch problematisch: Viele Supplemente enthalten Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs.

 

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Veganer verzichten nicht nur auf Fleisch, sondern meiden zusätzlich alle Produkte tierischen Ursprungs, etwa Milch, Eier, Honig und Gelatine. Teilweise wird bei der Kleidung auch auf Leder, Wolle und Seide verzichtet. Grundsätzlich ließen sich beim Veganismus zwei Richtungen unterscheiden, erklärte Dr. Sabine Brehme, Fachapothekerin für Klinische Pharmazie und Gesundheitsberatung, bei einem Seminar des Hessischen Apothekerverbands in Offenbach. »Veganer, denen vor allem der Tierschutz wichtig ist, essen zwar nur pflanzliche Produkte, wollen aber dabei auf nichts verzichten. Sie greifen auch zu hoch verarbeiteten Produkten, etwa Veggie-Wurst oder veganem Käse«, erläuterte Brehme. Die andere Gruppe habe eher die gesundheitlichen Aspekte der rein pflanzlichen Ernährung im Blick. Der Fokus liegt bei ihnen darauf, möglichst nur frische, naturbelassene Produkte zu verwenden.




Tierische Tabletten: Viele Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel enthalten Hilfsstoffe tierischen Ursprungs.Illustration: Shutterstock/Colorcocktail, Oleg7799, Macrovector


Wer vor allem Wert auf den Tierschutz legt, will auch bei der Einnahme von Arzneimitteln auf alles Tierische verzichten. Komplett vegane Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel sind allerdings gar nicht so einfach zu finden: Gelatine und Lactose werden etwa als pharmazeutische Hilfsstoffe in Hart- und Weichgelatinekapseln beziehungsweise in den meisten Tabletten sowie homöopathischen Zubereitungen verwendet. »Alternativen für Veganer können etwa Präparate mit Füllstoffen auf Stärkebasis wie Kartoffelstärke oder Saccharose sein«, sagte Brehme. In manchen Fällen biete sich auch ein Wechsel der Arzneiform an, beispielsweise von Tabletten zu Tropfen oder Saft. Eine Alternative zu Gelatinekapseln sind Kapseln auf Cellulosebasis.

Hilfs- und Wirkstoffe

Weitere Hilfsstoffe, die Veganer ablehnen, sind Honig und Bienenwachs, die als Süßungsmittel beziehungsweise zur Herstellung von Dragees verwendet werden. Auch Schellack, ein Lack, der aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus hergestellt wird, kommt als Überzugsmittel für Dragées beziehungsweise für magensaftresistente Medikamente sowie in Farbstoffen zum Einsatz. Die bei der Tablettierung als Schmiermittel eingesetzte Stearinsäure beziehungsweise ihr Salz Magnesiumstearat können sowohl aus pflanzlichen als auch aus tierischen Ölen erzeugt werden. Für den Verbraucher ist die Herkunft in der Regel nicht ersichtlich.

Synthetische Alternativen

Wirkstoffe, die aus tierischen Produkten gewonnen werden, gibt es relativ wenige. Heparin wird beispielsweise aus der Darmschleimhaut von Schweinen extrahiert. »Für die gleiche Indikation kann zum Beispiel das synthetisch hergestellte Fondaparinux verwendet werden«, sagte Apothekerin Brehme. Auch bei konjugierten Estrogenen, die teilweise aus Stutenharn gewonnen werden, könne man auf synthetisch hergestellte Hormone ausweichen. Einen tierischen Ursprung haben häufig auch Enzym-Präparate: So wird beispielweise Pankreas-Pulver (zum Beispiel in Kreon®, Enzym Lefax® forte Pankreatin, Panzynorm®, Panzytrat®) vom Schwein gewonnen. Achtung: Das Präparat Nortase®, bei dem die Verdauungsenzyme aus japanischen Reispilzkulturen gewonnen werden, enthält zwar keine Bestandteile­ aus Schweinen. Dennoch ist es nicht vegan, da die Kapseln Rindergelatine enthalten.

Calcium im Blick

Da Veganer keinerlei Milchprodukte zu sich nehmen, sollten sie ihre Calcium-Versorgung im Blick behalten. »Es ist aber kein Problem, sich ohne Milchprodukte calciumreich zu ernähren«,­ informierte Brehme. Als Milchersatz gibt es mit Calcium angereicherte Soja-, Reis- oder Mandelmilch sowie Calcium-reiche Mineralwässer. Brokkoli, Grünkohl, Petersilie, Sesam, Haselnüsse und Mandeln sind calciumreiche Lebensmittel. Auch eine Calcium-Supplementation ist relativ einfach: Einige Hersteller bieten etwa vegane Calcium-Brausetabletten an (zum Beispiel von Sandoz oder Hexal). Vegane Calcium-Kapseln gibt es zum Beispiel von Pure Encapsulations®.


Tabelle: Verschiedene Ernährungsformen von Vegetariern, Veganern und Pescetariern

 Fleisch Fisch Eier Milch/Milchprodukte Honig 
Flexitarier gelegentlich gelegentlich erlaubt erlaubt erlaubt 
Pescetarier Verzicht erlaubt erlaubt erlaubt erlaub 
Ovo-Lacto-Vegetarier Verzicht Verzicht erlaubt erlaubt erlaubt 
Ovo-Vegetarier Verzicht Verzicht erlaubt Verzicht erlaubt 
Lacto-Vegetarier Verzicht Verzicht Verzicht erlaubt erlaubt 
Veganer Verzicht Verzicht Verzicht Verzicht nein 

Risiko Iodmangel

Wichtig ist auch das Thema Jodversorgung. Veganer haben ein erhöhtes Risiko für einen Jodmangel, denn pflanzliche Nahrungsmittel enthalten in der Regel nur geringe Mengen Jod. »Jodmangel ist die häufigste Ursache von Schilddrüsenerkrankungen, etwa für die Entstehung von Schilddrüsen­knoten«, sagte Professor Dr. Roland Gärtner, Internist und Endokrinologe an der Universität München und Vorsitzender des Arbeitskreises Jodmangel, im Gespräch mit PTA-Forum. Es gibt aber auch weitere Erkrankungen, die mit einem Mangel­ des Spurenelements assoziiert werden. »Studien haben­ etwa gezeigt, dass in Jodmangel-Gebieten mehr Frauen an Brustkrebs erkranken«, berichtete Gärtner. Besonders wichtig ist eine ausreichende Jodversorgung in der Schwanger­schaft: Nimmt die werdende Mutter im ersten Trimenon nicht genug Jod auf, stört das die Gehirnentwicklung des Kindes. Das wirke sich negativ auf den Intelligenzquotienten des Kindes aus, verdeutlichte der Endokrinologe.

Um einem Mangel vorzubeugen, sollten Veganer daher in der Küche jodiertes Speisesalz verwenden beziehungsweise in Absprache mit dem Arzt Jodid-Tabletten (Jodgamma®, Jodid 100/200 µg Hexal, enthalten allerdings beide Stearin­säure) einnehmen. Viele setzen zur Jodversorgung auch Algen beziehungsweise mit Algen angereicherte Präparate ein. Diese könnten – in Maßen verzehrt – durchaus zur Jodversorgung beitragen, sagte Gärtner. Allerdings enthalten Algen und Algenprodukte teilweise extrem hohe Jodmengen, die in bestimmten Situationen gefährlich werden können. So könnte bei langjährigem Jodmangel eine hohe Jodzufuhr und eventuell bereits vorhandenen Knoten eine Funktionsstörung auslösen. Auch bei Morbus Basedow, einer Hashimoto-Thyreoiditis oder heißen Knoten kann die Aufnahme großer Mengen Jod gefährlich werden. Zudem sind die Algen häufig mit Schwermetallen wie Blei, Cadmium, Aluminium und Arsen belastet.

Algen einweichen

Wer Algenprodukte verwendet, sollte darauf achten, dass der Jodgehalt und die maximale tägliche Verzehrmenge angegeben sind, empfiehlt der Arbeitskreis Jodmangel. Gärtner riet, die Algen vor der Verwendung gut einzuweichen und danach abzuspülen. Durch das Einweichen wird der größte Teil des wasserlöslichen Jods ausgewaschen. Nori-Blätter etwa, die aus getrockneten Algen bestehen und bei der Sushi-­Herstellung verwendet werden, verlieren laut Gärtner durch das Einweichen die Hälfte des enthaltenen Jods.

Eine vegane Ernährung kann auch einen Eisen-Mangel begünstigen. Denn das Nicht-Häm-Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln ist deutlich schlechter bioverfügbar als Häm-Eisen tierischer Herkunft. Ein wichtiger Hinweis: »Vit­amin C steigert die Verfügbarkeit und damit die Aufnahme des pflanzlichen Eisens. Veganer sollten Müsli daher am besten immer mit Obst kombinieren oder ein Glas Orangensaft zum Essen trinken«, riet Apothekerin Brehme. Pflanzliche Eisenquellen sind etwa Vollkornprodukte, Haferflocken, Hirse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Sesamsamen sowie einige Gemüse wie Feldsalat, Spinat und Fenchel.

Substitution problematisch

Veganer sollten ihren Eisenspiegel beim Arzt kontrollieren lassen, eine Eisensubstitution in Eigenregie ist nicht ratsam. »Eine vegane Substitution von Eisen mit Tabletten oder Kapseln ist wegen der enthaltenen Hilfsstoffe, etwa Gelatine-Kapseln und Schellack-Überzügen, problematisch«, verdeutlichte Brehme. »Vegane Eisen-Tropfen, -Sirupe und -Brausetabletten sind wiederum oft nicht gut verträglich und können Zahnschmelzschäden verursachen.« Um Zahnschäden vorzubeugen, riet Brehme, Tropfen (zum Beispiel Ferrosanol®) mit Orangensaft oder Trinkwasser zu verdünnen beziehungsweise die Brausetabletten (zum Beispiel Lösferron®, Eisen-Sandoz®) aufzulösen und mit einem Strohhalm zu trinken. Weitere vegane Eisen-Präparate sind beispielsweise Floradix® Eisen plus B12 vegan Tonikum, Pure Encapsulations Eisen + Vit­amin C, Eisen Verla® plus und Ferro Menssana (beide Pulver-Sticks).

Vitamine B und D

Vitamin B12 (Cobalamin) kann der Mensch praktisch nur aus tierischen Lebensmitteln aufnehmen. Veganer haben daher ein hohes Risiko, einen Vit­amin-B12-Mangel zu entwickeln. Allerdings besitzt der Körper üblicherweise ein Vitamin-B12-Depot. »Der Speicher kann auch für einige Jahre nach der Umstellung auf die vegane Ernährung reichen«, sagte Brehme. Veganer sollten aber ihren Vitamin-B12-Status testen lassen, riet die Apothekerin. Auch wichtig zu wissen: »Durch hohe Folsäuredosen, etwa aufgrund der rein pflanzlichen Ernährung, kann ein Vitamin-B12-Mangel maskiert werden«, informierte Brehme.

Viele Vitamin-B12-Präparate seien für Veganer nicht geeignet, da sie in Form von Gelatine-Kapseln oder Lactose-haltigen Tabletten angeboten werden, so die Apothekerin. Ausnahmen sind zum Beispiel BjökoVit Vitamin B12 Vegi-Kapseln und Lutschtabletten und Pure Encapsulations Vitamin B12 Kapseln und Liquid. Auf dem Markt sind auch Zahncremes mit Vitamin B12, bei deren Verwendung das Vitamin über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Bei nachgewiesenem Mangel könne der Hausarzt auch erwägen, Vitamin-B12-Ampullen zu spritzen, so Brehme.




Illu: Shutterstock/Elena3567


Gerade im Winter sollten Veganer auch ihren Vitamin-D-Status checken lassen. »Bei einem Mangel sollten 400 bis 800 I.E. pro Tag substituiert werden«, empfahl Brehme. Die Vitamin-D-Präparate Osteofit® Mono D 500, Additiva® Osteogard 800 I.E., Dedrei® vital und Cefavit® D3 sind alle lactose- und gelatinefrei, enthalten aber Magnesiumstearate. Die Kombination von Vitamin D3 und Calcium in Calcium Sandoz D Osteo® Kautabletten enthält laut Gebrauchsinformation pflanzliches Magnesiumstearat, ist damit also vegan. Eine Alternative kann eventuell auch die pflanzliche Ergocalciferol, Vitamin D2, sein. Vegane Tropfen gibt es beispielsweise von Pure Encapsaulations® , vegane Vitamin-D2-Kapseln von Salus. Studien legen allerdings nahe, dass Vitamin D3 vom Körper besser aufgenommen und verarbeitet werden kann. /


Vegane Kosmetik

Vegane Kosmetik darf keine tierischen Bestandteile enthalten und sollte ohne Tierversuche hergestellt werden. Siriderma und Caudalie sind komplett vegane Linien, Gehwol, Speick, Weleda und Wala sind zum Teil vegan.

Kritische kosmetische Inhaltsstoffe sind zum Beispiel:

  • Keratin in Shampoos aus Hufen, Hörnern gewonnen; veganer ­Ersatz: Mandelöl, Sojaproteine
  • Bienenwachs in Lippenpflege­stiften, Ersatz: Carnaubawachs
  • Honig, Milch, Gelée royal; Ersatz: Aloe vera, Wildrosenöl
  • dekorative Kosmetik: Farbstoff Karmin (aus Cochenille-Schildläusen gewonnen); Ersatz: Eisenoxid, Rote Beete



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2017

 

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