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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Essstörungen

Leiden von Körper und Seele


Von Andrea Pütz / Essen oder Nicht-Essen? Bei Essgestörten dreht sich der ganze Tag um diese Entscheidung, beeinflusst Beziehungen und ­Gefühle. Magersucht, Bulimie und Binge- Eating sind ernstzunehmende psychosomatische Erkrankungen mit Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit sowie das soziale Leben der Betroffenen.

 

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Essstörungen betreffen häufiger Frauen als Männer. Aber in den vergangenen Jahren haben solche Erkrankungen auch bei Männern und Kindern zugenommen. Etwa jedes vierte Mädchen in Deutschland leidet Schätzungen zufolge unter Essattacken oder weist Symptome von Magersucht auf. Bis zu 100 Menschen versterben laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Deutschland pro Jahr an einer Essstörung. Eine frühe Diagnose und ein professionelles und flächendeckendes Therapieangebot sind daher unerlässlich. Die Hauptformen von Essstörungen sind Magersucht, Bulimie und Binge-Eating. Allerdings treten häufig auch Mischformen auf, die Übergänge sind fließend.




Foto: iStock/Katarzyna Bialasiewicz


Verzerrtes Körperbild

Der Gedanke, Gewicht zuzulegen, flößt an Magersucht (Anorexia nervosa) Erkrankten enorme Angst ein. Sie leiden an einer Körperschemastörung: Das heißt, sie haben eine verzerrte Wahrnehmung ihres eigenen Körpers. Die Betroffenen reduzieren ihre Nahrungszufuhr auf ein Minimum und meiden hoch­kalorische Speisen. Um möglichst viel und schnell Gewicht zu verlieren, nehmen einige zusätzlich Abführmittel oder Appetitzügler ein oder führen absichtlich Erbrechen herbei. Auch durch übertriebene sportliche Aktivität ver­suchen viele, ihr vermeintlich ideales Körperbild zu erreichen. Ihr Körpergewicht liegt unter einem Body-Mass-­Index (BMI) von 17,5.

Magersüchtige sind häufig sehr perfektionistische Persönlichkeiten: Sie wollen überall ihr Bestes geben und haben einen hohen Leistungsanspruch an sich selbst. Sie glauben, mehr Zuwendung und Liebe zu bekommen und mehr leisten zu können, wenn sie dünn sind. Ihre Gedanken sind eingeengt und drehen sich nur noch um das Thema Gewicht und Ernährung. Das Gefühl, den eigenen Appetit unter Kon­trolle zu haben, gibt den Erkrankten ein Gefühl von Sicher­heit.

Neben einer erblichen Disposition spielen weitere Ursachen eine Rolle. Als Hauptauslöser gilt ein mangelndes Selbstwertgefühl, das stark durch das soziale Umfeld beeinflusst wird. Auch gesellschaftliche Faktoren, wie ein übersteigertes Schlankheitsideal, etwa durch Werbung und Model-Casting-Shows, verändern das Selbstbild vieler junger Frauen. Darüber hinaus können Mobbing und psychische Traumata, beispielweise durch sexuelle, körper­liche oder psychische Misshandlungen, an der Entstehung einer Essstörung beteiligt sein.

Je dünner die Betroffenen werden, desto schlapper und kraftloser fühlen sie sich. Oft können sie nicht mehr normal am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Zudem ist der Stoffwechsel heruntergeregelt: Magersüchtige sind kälteempfindlich, haben eine niedrige­ Körpertemperatur. Ihr Herzschlag verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt und es kann zu Herzrhythmus­störungen kommen. Auch chronische Verstopfung, Magenkrämpfe, Übelkeit, Nierenversagen sowie Blasenschwäche sind typische Beschwerden. Darüber hinaus ist die Hormonproduktion häufig verringert: Dies kann bei Frauen zu einem Aussetzen der Regelblutung (Amenorrhö) und Unfruchtbarkeit führen, bei Männern zu einem Verlust sexueller Lust und Potenz. Beginnt die Erkrankung vor der Pubertät, kann das Wachstum stoppen oder sich verlangsamen. Manchen Betroffenen wachsen Lanugo­haare, der Haarflaum, der den Fetus im Mutterleib bedeckt. Bei Erwachsenen können zudem Osteoporose sowie Karies auftreten. Bis zu 15 Prozent der Erkrankten sterben an den Folgen der Magersucht, entweder durch Infektionen, Herzprobleme oder durch Selbstmord.


Erste Hilfe

Der Bundesfachverband Ess­stö­r­un­gen (BFE) besteht seit 1994 und ist ein bundesweiter Zusammenschluss ambulanter Beratungs- und Therapieeinrichtungen, psychosomatischer Kliniken, therapeutischer Wohngruppen und psychotherapeutischer Praxen im Bereich Essstörungen. Auf der Homepage www.bundesfachverbandessstoerungen.de können sich Ärzte, Psychotherapeuten, Betroffene und Angehörige über die Arbeit des BFE informieren. Interessierte erhalten aktuelle Informationen sowie Links zur qualifizierten Behandlung von Essstörungen wie Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht), Binge-Eating­-Störung und anderem.


Die Zeichen der Magersucht lassen sich im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr verbergen. Anders ist das bei der Bulimie oder Ess-Brech-Sucht: Betroffe­ne fallen selten durch ihr äußeres Erscheinungsbild auf. Sie sind zwar meist sehr schlank, aber noch normalgewichtig. Ihr Essverhalten scheint nach außen auch normal zu sein. 




Kontrollverlust: Die Scham, beim Essen die Beherrschung verloren zu haben, führt bei Bulimikern zum Erbrechen.

Foto: iStock/Tuned_In


Alleine zu Hause sieht es jedoch anders aus: Bei unkontrollierten Essanfällen, die mindestens einmal pro Woche stattfinden, vertilgen Bulimiker typischerweise große Mengen kalorienreicher Speisen. Sie verlieren völlig die Kontrolle bei diesen heimlichen Heißhungerattacken, die mehrere Stunden dauern können. In kurzer Zeit werden große Mengen an Nahrung mit Tausenden Kalorien vertilgt. Sowohl psychischer Stress, Einsamkeit, aber auch körper­liche Mangelzustände nach längerem Hungern können einen solchen Anfall auslösen. Hier rührt auch der Begriff Bulimie (lateinisch: Bulimia nervosa) her: Er stammt von dem griechischen Wort boulimia ab, was wörtlich »Ochsenhunger«, also so viel wie Heißhunger, bedeutet.

Während der Attacke überwältigt die Betroffenen die Scham, die Kontrolle über sich und die Nahrungsmengen komplett verloren zu haben. Sie führen daher bewusst Erbrechen herbei, um nicht zuzunehmen. Gerade nach einem stressbedingten Ess­anfall erleben sie ein solches Erbrechen oftmals als entspannend und erlösend. Manche setzen – wie auch Magersüchtige – Medi­kamente, etwa Abführ- und Entwässerungsmittel oder Appetitzügler, ein oder kontrollieren ihr Gewicht durch Hungern oder übermäßigen Sport.

Die Übergänge zwischen Magersucht und Bulimie sind fließend. In der Vorgeschichte Bulimie-Kranker finden sich häufig Episoden von Magersucht. Die Selbstwahrnehmung ist bei ihnen ebenfalls gestört, auch bei Bulimie besteht in der Regel eine Körperschema­störung. Begleitet wird die Bulimie häufig von weiteren psychischen Störun­gen und Erkrankungen: Minderwertigkeitsgefühle, Depressionen, auto­aggressives und selbstverletzendes Verhalten, Süchte (Alkohol, Drogen) oder Missbrauch von Medikamenten.

Die körperlichen Folgen ähneln denen der Magersucht – auch abhängig vom Gewicht. Eine übermäßige Nutzung von Abführ­mitteln kann den Elektrolythaushalt stören und Herz, Nieren und Knochen schädigen. Außerdem verursacht die beim Erbrechen aufsteigende Magensäure Entzündungen der Speiseröhre (Ösophagitis) und des Magens (Gastritis) und führt zu Zahndefekten. Zudem kann das Gehirn – wie auch bei der Mager­sucht – schrumpfen. Diese Hirn-Atrophie ist jedoch reversibel: Das Volu­men des Gehirns wächst wieder, wenn sich das Gewicht normalisiert.




Foto: Shutterstock/ Jiang Hon­gyant


Essattacken

Binge stammt aus dem Englischen und steht für Gelage oder Exzess. In Verbindung mit Eating bedeutet es so viel wie Heißhungerattacke oder Fressgelage. Beim Binge-Eating kommt es – wie auch bei der Bulimie – zu unkontrollierten Fressanfällen. Betroffene verschlingen an mindestens zwei Tagen pro Woche exzessiv und sehr schnell fettige und zuckerhaltige Lebensmittel ohne Hungergefühl. Meist sind diese Attacken zeitlich begrenzt, sie dauern zum Beispiel zwei Stunden an. Danach erlangen Binge-Eater die Kontrolle über sich und ihr Essverhalten zurück.




Foto: Shutterstock/Olga Guchek


Der Unterschied zur Bulimie ist, dass die Betroffenen die sich daraus entwickelnde Gewichtszunahme nicht durch Erbrechen kompensieren. So sind die meisten Binge-Eating-Patienten adipös, manche jedoch auch normalgewichtig. Sie leiden unter dem Kontrollverlust, bekommen Schuldgefühle, schämen und ekeln sich vor sich selbst. Binge-Eater verheimlichen ihr gestörtes Essverhalten in der Regel vor Freunden und der Familie. Über die genauen Ursachen von Binge-Eating gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse.




Foto: Shutterstock/Laborant


Etwa die Hälfte der Betroffenen litten oder leiden unter Depressionen. Aber ob die Depression die Esssucht hervorruft oder umgekehrt, ist nicht geklärt. Ob Diäten in der Vergangenheit einen Einfluss auf die Entwicklung der Essstörung haben, ist ebenso unklar. Fest steht: Starke Gefühle wie Stress, Ärger, Wut, Angst, Trauer, aber auch Langeweile können derartige Essanfälle auslösen. Das Essen soll die Stimmung aufhellen und Spannungen abbauen. Binge-Eating ist ebenso eine Körperschemastörung, die durch Persönlichkeitsstörungen gefördert wird. Auch Süchte (wie Alkohol, Medikamente und Drogen) können den Weg in diese Essstörung ebnen.


Quick-Check Essstörungen

Kunden in der Apotheke, die an sich selbst oder bei ihren Kindern/Angehörigen ein gestörtes Essverhalten beobachten, kann folgende Checkliste empfohlen werden. Deutliche Hinweise für ein gestörtes Essverhalten sind:

  • Essen ist mit Ängsten verbunden

Die Betroffenen haben ständig Angst, zu viel zu essen und dadurch zuzunehmen. Sie kontrollieren ihr Gewicht sehr streng und ändern ihr Ess­ver­halten bei einer geringfügigen Zunahme sofort.

  • Essen gegen Stress

Misserfolge, Enttäuschungen und andere negative Gefühle werden durch Essen kompensiert – das typische »Frustessen«.

  • Essen beherrscht das Denken

Kalorien zu zählen und Mahlzeiten zu planen, beherrscht den Tag von morgens bis abends. Es wird so viel Energie darauf verwendet, dass andere Dinge zu kurz kommen.

  • Essen mit Kontrollzwang

Spontan etwas essen, weil man Lust darauf hat, und dieses einfach nur genießen, das können die Betroffenen gar nicht mehr. Sie halten sich an strenge Diätpläne und teilen Lebensmittel in »erlaubt« und »verboten« ein.

  • Essen als unbekannte Größe

Die Betroffenen können nicht mehr einschätzen, wie groß eine vernünftige Mahlzeit ist. Manchmal stürzt sie schon eine kleine Menge von süßem oder fettigem Essen in fürchterliche Gewissenskonflikte.

  • Essen ohne Gefühle

Die Betroffenen haben schon lange kein Hungergefühl mehr verspürt und/oder wissen nicht mehr, wie es ist, sich angenehm satt zu fühlen, etwa weil sie regelmäßig über die Sättigung hinaus essen.

  • Essen außer Kontrolle

Es wird nicht in regelmäßigen Abständen oder zu festgelegten Mahlzeiten gegessen, sondern mal viel, mal wenig, mal direkt aus dem Kühlschrank, ohne den Überblick darüber zu behalten. Oder ein ansonsten sehr kon­trolliertes Essverhalten wird durch Heißhungeranfälle unterbrochen. Die Betroffenen leiden darunter, dass sie die Kontrolle über sich verlieren.

Quelle: BFE




Foto: Shutterstock/
Gita Kulinitch Studio


Besessen von Gesundem

Der US-amerikanische Mediziner Steven Bratman führte den Begriff Orthorexie beziehungsweise Orthorexia nervosa bereits 1997 ein. Er stammt von den griechischen Wörtern ortho (richtig) und orexis (Appetit) ab. Menschen mit Orthorexie sind besessen von der richtigen, gesunden Ernährung. Sie verschärfen ihre Essgewohnheiten und legen sich selbst strenge Ernährungsregeln auf. Sie achten penibel darauf, dass nur Gesundes auf den Tisch kommt: Statt fettiger Chips knabbern sie Dinkelstangen aus dem Reformhaus. Statt einer Pizza schnippeln sie Gemüse-Fingerfood aus dem Öko­anbau. Künstliche Zusatzstoffe verachten sie. Fleisch wird nur mit Biosiegel gekauft.




Nur noch gesund: Orthorektiker teilen Lebensmittel in erlaubt und verboten ein.

Foto: Shutterstock/ R.Classen


Ohne Zweifel: Eine achtsame und ausgewogene Ernährung ist gesund und kann vor Krankheiten schützen. Aber wenn die Kontrolle der Ernährung zur Besessenheit wird, drohen Probleme. Die Planung der Mahlzeiten inklusive Nährwertberechnung nimmt mehr und mehr Zeit in Anspruch, und die Zahl der für gesund befundenen Lebensmittel reduziert sich immer weiter. Wenn Orthorektiker die eigenen Ernährungsregeln einmal nicht einhalten, keimen große Schuldgefühle auf. Sie verschärfen die Regeln noch weiter und bestrafen sich mit Abstinenz. So kann die Orthorexie auch zu Unter- und Mangelernährung führen, auch wenn Abnehmen nicht unbedingt das Ziel ist.

Orthorexie ist (noch) keine von der Schulmedizin anerkannte Erkrankung. Experten in den USA halten dieses besessene Ernährungsverhalten allerdings für eine ernstzunehmende Essstörung und psychische Erkrankung – keine Zwangsstörung. In den USA gibt es eine zunehmende Tendenz, Orthorektiker wie Essgestörte zu behandeln. Auch Diagnosekriterien werden derzeit entwickelt. Als krank bezeichnet werden können die exzessiven Gesund­esser jedoch erst, wenn ein Leidensdruck besteht, wenn sie sich körperlich schaden oder ihr Regelwerk sie psychisch belastet. Orthorexie kann auch gemeinsam mit Bulimie oder Magersucht auftauchen. Die Übergänge sind auch hier fließend. /


Studie: Therapie per Smartphone-App

PTA-Forum / Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Mainz untersuchen, ob sich die Essstörung Magersucht mit einer speziell entwickelten Smart­phone-App besser behandeln lässt. Die von dem gemeinnützigen Unternehmen »Jourvie« entwickelte gleichnamige App (erhältlich für Android und iOs-Systeme) dient als Tool, um zu notieren und zu speichern, was die Betroffenen wann und mit welchem Gefühl gegessen haben. Die Essprotokolle tragen dazu bei, bestimmte Denkmuster und wiederkehrende Verhaltensmuster in Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme besser erkennen zu können.

Geraten die Patientinnen in eine psychische Krise, bietet die App Tipps, diese zu überwinden und nicht mit gestörtem Essverhalten zu reagieren. Beispielsweise schlägt die App alternative Handlungen vor, etwa Musik hören, lesen oder sich an etwas Schönes erinnern. Ziel ist es, dass die Magersüchtigen ihr Gewicht erhöhen oder es zumindest halten.

Ob die Nutzung dieser App tatsächlich zu einer Stabilisierung des Gewichts führen kann, erforschen die Mainzer Wissenschaftler seit 2016 in der randomisiert-kontrollierten SELTIAN-Studie. Der Abschluss der ersten Pilotstudie ist für Ende 2017 geplant.



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2017

 

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