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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Arzneipflanzen-Porträt

Mutterkorn


Secale cornutum: Die kornähnliche Dauerform des Pilzes Claviceps purpurea wird als Mutterkorn bezeichnet.

 

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Familie der Mutterkornpilze (Gattung Clavicipitaceae)

Merkmale

Dunkel-violett, bis zu 5 cm lang, leicht halbmond- oder keulenförmig, ragt aus Getreideähre heraus.

Befällt vor allem Roggen, selten Weizen (insbe- sondere Hartweizen), Dinkel, Gerste sowie Futter- gräser. Mutterkörner fallen aus den Ähren auf den Boden, wo sie im Frühjahr zu kleinen gestielten Fruchtkörpern heranwachsen. Diese enthalten viele Ascosporen, die der Wind auf die Narben der Roggenblüten weht (Primärinfektion). Das ent- stehende Myzel durchwuchert die Fruchtknoten der Ähren und bildet wiederum eine Vielzahl von Sporen. Gleichzeitig entsteht ein süß-klebriger Honigtau, der die Sporen aufnimmt. Er tropft auf benachbarte Roggenähren oder wird durch Insekten dorthin übertragen (Sekundärinfektion). Die Sporen keimen und wachsen zum Mutterkorn heran.




Foto: Picture Alliance / blickwinkel/Hecker/Sauer


Inhaltsstoffe

Mutterkornalkaloide, insbesondere Ergotamin, Ergometrin, Ergocryptin, Alkaloid-Gehalt zwischen 0,001 und 10 Prozent

Verwendung

Zur Gewinnung von Mutterkornalkaloiden

Früher Kultivierung auf Roggen, heute vor allem in-vitro-Kultur. Partialsynthetische Weiterver- arbeitung zu zahlreichen Substanzen, wie Methysergid, Dihydroergotamin, Pergolid, Lisurid

Anwendung

Ergotamin: bei Migräne (z.B. Ergo-Kranit®)

Nebenwirkungen

Ergotamin: häufig Übelkeit, Erbrechen und Durchfall

Gelegentlich Benommenheit, Verwirrtheit, Kopf- schmerzen und Krämpfe

Wechselwirkungen

Triptane: Verstärkung der verengenden Wirkung HIV-Proteinase-Inhibitoren und Nicotin: verstärkte Vasokonstriktion

Präparatebeispiele

aus Mutterkornalkaloiden abgeleitete Wirkstoffe und deren Indikationsgebiete: Pravidel® (Bromocriptin): Morbus Parkinson, Akromegalie, zur Lactationshemmung Cabaseril®, Dostinex® (Cabergolin): M. Parkinson, Abstillen, Hyperprolaktinämie Almirid-Cripar® (Dihydroergocryptin): M.Parkinson

Dopergin® (Lisurid ): Parkinson-Krankheit, Akro­megalie, Abstillen

Liserdol® (Metergolin): zum Abstillen

Methergin® (Methylergometrin): postpartale Blutungen, Blutungen nach Fehlgeburt




Foto: Picture Alliance/Quagga Illustrations


Historisches

Höllenfeuer, Brandseuche, Kribbelkrankheit oder ­Antonius-Feuer – so nannten die Menschen im Mittelalter eine Erkrankung, die Tausende dahinraffte, deren Ursache aber niemand kannte. Heute weiß man, dass es sich dabei um Mutterkorn-Vergiftungen (Ergotismus) handelte. Ergotismus war so verbreitet, weil Roggen­ im Mitteleuropa die fast ausschließlich angebaute Getreideart war. Roggenmehl bestand damals – je nachdem wie feucht der Sommer war – bis zu einem Drittel aus gemahlenem Mutterkorn. Schätzungs­weise 200 000 Menschen starben insgesamt, unzäh­lige erlitten dauerhafte körperliche Schäden. Auch Tiere waren betroffen.

Anzeichen einer akuten Mutterkornvergiftung sind Übelkeit, Kopfschmerzen, Krämpfe, Gefühllosigkeit von Armen und Beinen und Gebärmutterkontrak­tionen. Eine Aufnahme von 5 bis 10 g Mutterkorn kann für Erwachsene tödlich sein. Eine chronische Mutterkornvergiftung führt über Kribbeln der Haut zu starken Muskelkrämpfen oder zu brennenden Schmerzen einzelner Gliedmaßen, die später gefühllos werden und absterben. Die Krankheit geht oft mit Wahnvorstellungen einher.



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2017

 

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