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BERATUNGSPRAXIS

Mit Diabetes abnehmen

Was Patienten hilft


Von Isabel Weinert / Abnehmen trotz Diabetes – kein leichtes Unterfangen. Trenddiäten bringen keinen langfristigen Erfolg, und die Hürde, sich vom Arzt oder der Diabetesassistentin beraten zu lassen, ist oft hoch. In der Apotheke über Gewichtsprobleme zu sprechen, fällt vielen Betroffenen hingegen vergleichsweise leicht. Im Interview nennt Dr. Astrid Tombek, Bereichsleitung Diabetes- und Ernährungsberatung, Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim, Grundzüge eines guten Gewichtsmanagements.

 

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PTA-Forum: Warum eignet sich Ihrer Meinung nach die Apotheke gut als Beratungsplattform für Diabetiker, die abnehmen möchten?

Tombek: Ich glaube, die Apotheke ist ein guter Ort für Gespräche rund ums Gewicht. Die Beratung ist unverbindlich, man spart sich den Weg zum Arzt, die Terminvereinbarung mit der Diabetesberaterin oder der Krankenkasse.




Eine auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte Ernährungs­beratung kann auch Diabetikern helfen, ihr Gewicht zu reduzieren.

Foto: Your Photo Today


PTA-Forum: Wie können PTA hier weiterhelfen?

Tombek: Sie können den Weg dafür bahnen, dass der Patient im nächsten Schritt zum Arzt geht oder ein auf Langfristigkeit ausgelegtes Abnehmprogramm beginnt. Dafür ist es wichtig, den Patienten dort abzuholen, wo er steht. Das heißt, ihn zunächst einmal in dem zu bestärken, was er sich vor­genommen hat, selbst wenn dieses Vorhaben für das eigentliche Therapieziel noch zu wenig ist. Entscheidend ist jeder einzelne Schritt in die richtige Richtung und sei er auch noch so klein.

Dazu gehört auch, die Ambivalenzen des Patienten anzunehmen statt mit erhobenem Zeigefinger daher­zukommen. Wenn der Patient also sehr zögerlich ist, sagt, er müsse eigentlich abnehmen, aber er tut sich damit sehr schwer, dann geht man am besten bestärkend auf ihn ein: »Hauptsache, Sie fangen an. Es ist nicht schlimm, wenn das jetzt noch nicht so klappt, wie der Arzt das sagt. Jeder Schritt zählt.« Solche Aussagen machen Mut.


Das gilt für die Medikation

In aller Regel sinkt der Insulinbedarf, wenn Diabetiker abnehmen und/oder sich mehr bewegen. Somit steigt die Gefahr zu unterzuckern für diejenigen Diabetiker, die Insulin spritzen oder Sulfonylharnstoffe einnehmen. Um das zu verhindern, muss die Dosis regelmäßig dem Abnehmerfolg angepasst werden. Das sollten Diabetiker nur mit Hilfe des Arztes vornehmen.

Bei Diabetikern, die mit Metformin, SGLT-2-Hemmern oder Inkretinana­loga behandelt werden, besteht gar kein Risiko zu unterzuckern, oder es ist sehr gering. Dennoch sollten auch sie ihr Abnehmvorhaben mit dem Arzt besprechen.

Für die Zeit der Ernährungsumstellung und Gewichtsabnahme lohnt es, den Blutzucker selbst messen zu können. Diabetikern kann man hier also dazu raten und sie in die richtige Technik einweisen sowie auf Fehlermöglichkeiten hinweisen.

Eventuell handelt es sich im Einzelfall auch um eine besondere Behandlungssituation, in der der Arzt Typ-2-Diabetikern 50 Teststreifen verordnen darf.


PTA-Forum: Welche Wege gehen Sie in der Klinik, damit Patienten abnehmen und ihr Gewicht langfristig halten können?

Tombek: Wir empfehlen immer zu schauen, was kommt den Vorlieben des Menschen, der abnehmen möchte, am nächsten. Ist er eher ein Mensch, der nicht viele Kohlenhydrate braucht, also ein Low-carb-Typ? Dann isst er für sein Leben gerne zum Beispiel Fisch oder Steak mit Salat, braucht aber nur wenig Reis, Nudeln, Brot oder Kartoffeln. Oder bevorzugt er genau die letztgenannten Nahrungsmittel, also Kohlenhydrate, um sich gut und leistungsfähig zu fühlen? Dann wäre womöglich die mediterrane Ernährung etwas für ihn.

Zudem gibt es auch Unterschiede darin, in welchem Maße Menschen Regeln für ihre Ernährung brauchen. Dabei geht es zum Beispiel um solch einfache Dinge, wie: Ich esse nicht im Stehen, sondern setze mich jedes Mal hin, wenn ich etwas esse. Das genügt oft schon, um gedankenloses Zwischendurchessen einzudämmen. Oder ein Mensch isst immer in stressigen Situationen zu viel. Da schauen wir dann erst einmal gar nicht nach der Ernährung, sondern nach der Stress­bewältigung. Hier ist das Setzen von sogenannten Ankern sinnvoll.

PTA-Forum: Was verstehen Sie darunter?

Tombek: Wenn ich in Stresssituationen dazu neige, mich zum Beispiel mit Süßigkeiten vollzustopfen, dann können Motivationsbilder helfen. Ich stelle mir also vor meinem inneren Auge zum Beispiel eine Farbe vor, von der ich weiß, dass sie mich beruhigt. Oder man erzieht sich dahingehend, dass man beim Auftauchen akuter Naschlust bewusst nicht sofort zugreift, sondern erst einmal aufsteht, noch etwas anderes macht, und wenn die Lust dann nicht vergeht, sich in Ruhe hinsetzt und das Schmankerl bewusst genießt.

Ganz wesentlich ist für den Erfolg einer Gewichtsreduktion oder eines neuen Ernährungsverhaltens auch, dass die Emotionalität des Patienten und dessen Ziel zusammenpassen. Um das herauszufinden, fragen wir, wie es dem Patienten mit dem gesetzten Ziel geht. Handelt es sich um ein Ziel, hinter dem er wirklich stehen kann, oder versucht er nur, den von außen gegebenen Anweisungen zu folgen, obgleich ihm das widerstrebt? Wenn die Gefühle dem Ziel gegenüber negativ besetzt sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht erreicht wird. Es geht also darum, ein Ziel zu finden, dass auch emotional zum Patienten passt.

PTA-Forum: Trenddiäten und Diabetiker – ist das ein gutes Gespann?




»Es gibt nicht die eine Lösung für alle, dieabnehmenwollen.« Dr. Astrid Tombek

Tombek: Das grundlegende Problem von Diättrends liegt darin, dass sie immer kurzfristig angelegt sind. Wenn ich zum Beispiel Trennkost mache, ist das in der Regel keine Ernährung fürs Leben. Ich kann mich nach den Feier­tagen so ernähren oder vor der Badesaison, das funktioniert gut. Alltagstauglich und auf Dauer angelegt sind Diättrends jedoch nicht. Und genau hier liegt der Knackpunkt: Wer dauerhaft abnehmen und das neue Gewicht halten möchte, muss für sich etwas finden, was in das eigene Leben passt und sich dauerhaft durchführen lässt – wie vorhin beschrieben.

PTA-Forum: Können Sie Diäten wie Trennkost, Paleo-Diät und anderen auch einen Nutzen abgewinnen?

Tombek: Ja. Man kann sich überlegen, eine dieser Diäten für ein paar Wochen ganz bewusst durchzuführen und das als Auszeit von den eigenen Essgewohnheiten zu betrachten. In dieser Zeit kann man die eigene Ernährung auf den Prüfstand stellen und sich – wie oben beschrieben – Gedanken um den eigenen Esstyp und ein dazu passendes Ernährungsverhalten machen. Die Diät hat so den Zweck, einen Schnitt zu machen zwischen alten und neuen Essgewohnheiten.

PTA-Forum: Wofür eignen sich Formuladiäten, wenn ein Diabetiker abnehmen möchte?

Tombek: Sie bieten den Vorteil eines anfangs raschen Gewichtsverlustes, der dazu motiviert, dranzubleiben. Aber auch Formuladiäten entfalten ihren Sinn nur, wenn sie in ein Gesamtkonzept eingebunden sind, das der Einzelne auf Dauer durchhalten kann.

Es gibt also nicht die eine Lösung für alle, die abnehmen möchten. Vielmehr ist es wichtig, auf die individuellen Gegeben­heiten jedes Einzelnen einzugehen.

PTA-Forum: Das betrifft auch die Diabetes-Therapie während des Abnehmens?

Tombek: Ja, heute behandeln Ärzte auch den Diabetes individueller. Wer ernsthaft abnehmen möchte, muss deshalb gut darauf achten, wie sich das auf die Diabetes-Medikation und den Bedarf an Diabetes-Medikamenten auswirken kann. Das sollte vorrangig mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. /


Den richtigen Zeitpunkt wählen

In manchen Situationen wäre es unklug für Diabetiker, mit dem Abnehmen zu beginnen. So zum Beispiel, wenn der Arzt gerade die Therapie von Tabletten auf Insulin umstellt. Hier sollte das Ziel vorrangig darin bestehen, das Gewicht zu halten und möglichst nicht weiter zuzunehmen. Das gilt auch dann, wenn eine hochgradige Insulinresistenz große Insulinmengen erfordert. Unter diesen Umständen ist es äußerst schwierig abzunehmen. Höchstwahrscheinlich scheitert das Vorhaben und schmälert damit die Motivation für einen weiteren Versuch zu einem späteren Zeitpunkt.



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2017

 

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