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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Tinnitus

Dem Geräusch kein Gehör schenken


Von Barbara Erbe / Zwischen 5 und 15 Prozent aller Erwachsenen erleben mindestens einmal in ihrem Leben eine Tinnitus-Episode. Sie hören also über längere Zeit Geräusche, die nicht durch Laute von außen bedingt sind. Wie sehr sie dieses Phänomen belastet und was sie dagegen tun können, ist von Fall zu Fall verschieden.

 

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Wer ein lautes Konzert besucht, mit dem Schlagbohrer arbeitet oder auch auf engem Raum mit lebhaften Kindern spielt, hört in der anschließenden Stille oft ein unangenehmes Pfeifen oder Rauschen im Ohr. Ein vergleichbar leises Geräusch, das von innen kommt, vernimmt auch, wer einmal in Ruhe in sich hineinhört. In beiden Fällen verschwindet die Wahrnehmung bald von selbst wieder, und die Betroffenen denken nicht weiter darüber nach.




Ein Grundrauschen im Innenohr gibt es bei jedem Menschen. Tinnitustöne drängen sich jedoch ins Bewusstsein.

Foto: iStock/Sonnydaez


Grundsätzlich sind Ohrgeräusche auch bei gesunden Menschen vorhanden, erläutert Dr. Helmut Schaaf, Oberarzt an der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse in Bad Arolsen. »Sie werden nur von den meisten nicht als solche wahrgenommen und – was wichtiger ist – nicht dauerhaft beachtet.« Empfinden Menschen jedoch Ohrgeräusche über längere Zeit und ohne ersichtlichen Grund, haben sie einen Tinnitus aurium, Lateinisch für »Klingeln der Ohren«, oder kurz Tinnitus.

Das Innenohr, erklärt Schaaf, ist wegen seiner vielen aktiven Sinneszellen tatsächlich ein sehr lauter Ort. Vergleichbar sei das dort vorherrschende Ohrgeräusch in etwa mit dem leisen Grundrauschen einer eingeschalteten Stereoanlage: Auch das ist immer da, aber man bemerkt es nur, wenn gerade keine Musik abgespielt wird. Das Rauschen im Ohr hören Menschen nur dann intensiv, wenn es Alltagsgeräusche übertönt. Oder wenn sie sich so sehr darauf konzentrieren, dass Ablenkung kaum noch möglich scheint.

Verschiedene Schweregrade

Mediziner unterscheiden zwischen verschiedenen Arten und Stärken des Tinnitus. Den sehr seltenen objektiven Tinnitus kann auch der Arzt hören, beziehungsweise dessen Nervensignale nachweisen, erklärt Andreas Waltering, Internist und Stellvertretender Ressortleiter Gesundheitsinformation am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). »Das ist zum Beispiel bei einem durch Gefäßprobleme bedingten Tinnitus der Fall, bei dem die Pulsgeräusche in der Halsschlagader durch ein Stethoskop hörbar sind.« Den wesentlich stärker verbreiteten subjektiven Tinnitus nehmen dagegen nur die Betroffenen selbst wahr. Mögliche Ursachen sind Störungen des Hörapparats oder der zugehörigen Nerven.

Ist keine genaue Ursache feststellbar, bezeichnen Ärzte den Tinnitus als primär oder idiopathisch. Sekundärer Tinnitus hingegen ist die Folge einer anderen Störung oder Erkrankung, beispielsweise eines geplatzten Trommelfells oder einer Gefäßerkrankung. Kann die Krankheit behoben werden, verschwinden in der Regel auch die störenden Ohrgeräusche.

Außerdem sind Häufigkeit und Ausmaß der Ohrgeräusche sehr unterschiedlich: Manche stören den Alltag des Betroffenen nur geringfügig, andere werden zur großen Belastung, weil sie Konzentration und Schlaf beeinträchtigen. Dauert Tinnitus drei Monate oder länger, gilt er als chronisch.

Wie Phantomschmerzen

Oft entsteht ein chronischer Tinnitus, weil die feinen Sinneszellen der Hörschnecke im Innenohr überreizt oder beschädigt sind, etwa durch beruf­lichen Dauerlärm oder durch ein einmaliges Knalltrauma wie bei einer Explosion, erklärt Waltering. »Man vermutet, dass die so beschädigten Sinneszellen dann keine Signale mehr an das Gehirn weiterleiten. Deshalb werden womöglich die Nervenzellen im Hörzentrum des Gehirns verstärkt aktiv und melden trotzdem Geräusche – ähnlich wie bei Phantomschmerzen nach einer Amputation.«

Aber auch ein mit Ohrenschmalz verstopftes Ohr kann durch die schalldämpfende Wirkung die Wahrnehmung eines Tinnitus fördern. Denselben Effekt haben eine chronische Mittelohrentzündung, ein geplatztes Trommelfell, eine Gefäßkrankheit, die Knochenerkrankung Otosklerose, die Menière-Krankheit, Probleme mit Kiefermuskeln oder Kiefergelenk oder schlicht und einfach Schwerhörigkeit. Werden diese behandelt, nehmen die Ohrgeräusche ab.

Bei vielen Menschen lässt sich allerdings – wie bereits erwähnt – gar keine Ursache für den Tinnitus feststellen. Vor allem bei ihnen liegt der Schwerpunkt der Behandlung darauf, dass sie neue Strategien im Umgang mit den Ohrgeräuschen entwickeln. Das Endziel lautet: Sie sollen lernen, mit dem Tinnitus so umzugehen, dass er ihren Alltag möglichst wenig belastet. Doch gerade das fällt Betroffenen schwer. Denn viele empfinden ihren Tinnitus als besonders laut, betont Schaaf. »Subjektiv stimmig ist der Tinnitus für diese Menschen die entscheidende Ursache von Beschwerden wie Unruhe, Nervosität und Schlafstörungen bis hin zu depressiven Entwicklungen.«

Genau hier setzt die Behandlung eines solchen primären oder idiopathischen Tinnitus an: So gut es geht, soll die Aufmerksamkeit der Patienten von dem Geräusch abgelenkt werden, das nach allen Untersuchungen keine Folge einer behandel­baren Erkrankung ist.

Ablenkung statt Alarm

Entwicklungsgeschichtlich bedingt setzt jedes ungewohnte Geräusch – und sei es noch so leise – den Menschen in Alarmbereitschaft. Tinnitus ist für Betroffene in der Regel so ein unbekanntes, alarmierendes Geräusch, erläutert Schaaf. »Deshalb setzen Fachleute darauf, Patienten mit dem Phänomen Tinnitus vertraut zu machen, sie aufzuklären und ihnen ihre Ängste zu nehmen.«




Hörgeräte können Tinnituspatienten helfen.

Foto: Fotolia/ Adam Gregor


So befürchten Betroffene häufig, dass der Tinnitus mit der Zeit lauter und ihr Gehör schlechter wird oder sie sogar verrückt macht. »Die Erfahrung zeigt aber, dass er mit der Zeit eher weniger laut wahrgenommen wird und niemals lauter als ein Blätterrascheln oder ein Computerrauschen ist. Auch bewirkt er keine Hörverschlechterung und kann für sich genommen auch niemanden verrückt machen.« Dies zu wissen, kann Betroffenen dabei helfen, sich an das Ohrgeräusch zumindest so weit zu gewöhnen, dass es sie nicht mehr beunruhigt – mit allen körper­lichen Folgen. Je gelassener sie auf das Geräusch reagieren, desto besser die Aussichten, dass es vom Gehirn zeitweise ausgeblendet wird.

»Wer dem Tinnitus dagegen seine ganze Aufmerksamkeit opfert und seine restlose Beseitigung fordert, wird ihn immer wahrnehmen müssen – denn er prüft ja andauernd, ob das Geräusch noch besteht oder nicht«, betont der Psychotherapeut. Deshalb sieht er bei chronischem Tinnitus auch keinen Ansatz für medikamentöse Therapien zur Verbesserung der Durchblutung. »Das Innenohr wird von einer einzigen Arterie versorgt. Wäre diese Versorgung unzureichend, müsste ein drastischer Hörverlust eintreten – das ist aber nicht der Fall.«

In den letzten Jahren ist unter anderem auch eine Cochrane-Analyse zu dem Ergebnis gekommen, dass Ginkgo zur Behandlung des chronischen Tinnitus nicht besser ist als Placebo. Auch die Vorstellung, man könne mit starken Magneten, elektrischen Impulsen oder sogar mit gefilterten modulierten Tönen (»Neurostimulation«) eine Umkehr der Wahrnehmung erreichen, sei nicht nur wissenschaftlich nicht belegt, sondern vor allem auch kontraproduktiv. »Denn jedes weitere Bemühen, den Tinnitus zu beseitigen, steigert das Leiden noch, weil es die Wahrnehmung erst recht auf das störende Geräusch lenkt.«

Wird dieser Teufelskreis nicht gestoppt, kann er in einer totalen Erschöpfung enden. Das zeigt auch die evidenz­basierte Medizin, wie Waltering betont: »Gegen Ohrgeräusche gibt es pflanzliche Präparate zu kaufen, Nahrungs­ergänzungsmittel und verschiedene Medikamente wie Cortison oder Carbamazepin. Für keine dieser Behandlungen ist nachgewiesen, dass sie hilft.« Die einzige Arzneimittelgruppe, die bei Patienten mit chronischem Tinnitus indiziert sein kann, seien Antidepressiva.

Tinnitus umtrainieren

Erfolgversprechend kann eine psychotherapeutische Unterstützung sein, bei der die Betroffenen lernen, mit Tinnitus besser zurechtzukommen oder die körpereigenen Signale zu verstehen, die dahinterstehen können. »Dadurch verschwinden zwar nicht die Ohrgeräusche, aber die Lebensqualität verbessert sich«, berichtet Schaaf, der mit vielen Patienten daran arbeitet, mit dem Tinnitus zu leben. Dabei lernen sie, das Ohrgeräusch nicht mehr bewusst wahrzunehmen, unter anderem durch Übungen, die die Filterfähigkeit des Hörsystems entwickeln und fördern. »Patienten lernen, aus starken Hintergrundgeräuschen Informationen herauszufiltern und das selektive Hören und Richtungshören zu verbessern. Und sie entwickeln Strategien, sich besonders in Momenten, wo der Tinnitus sehr stark erscheint und stört, auf andere Geräusche zu konzentrieren.«

Auch Entspannungsverfahren können Tinnituspatienten helfen, denn sie mindern die oft erhöhte psychophysiolo­gische Erregung und erleichtern damit den Gewöhnungs­prozess. »Nach unserer Erfahrung ist dabei die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson am einfachsten zu erlernen – von einer CD oder in einer (Volkshochschul-)Gruppe – und hat einen hohen Wirkungsgrad.« Da Tinnitus oft durch Hörverlust ausgelöst oder verstärkt wird, ist die Versorgung mit einem guten Hörgerät zunächst der sinnvollste und einfachste Schritt zur Linderung der Symptome. /


Empfehlungen

Wendet sich ein Patient mit chronischem Tinnitus an PTA oder Apotheker, können diese guten Gewissens drei Dinge empfehlen:

  • eine HNO-ärztliche Untersuchung (wenn der Patient schwerhörig erscheint), denn ein Hörgerät bessert mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwei Jahren die Symptomatik,
  • die progressive Muskelentspannung (zum Beispiel mit einer CD),
  • den Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe (Adressen auf der Website der Deutschen Tinnitus-Liga: www.tinnitus-liga.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2017

 

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