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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Ohrenkorrektur

Endlich Schluss mit Hänseleien


Von Carina Steyer / Viele Asiaten freuen sich über abstehende Ohren, denn sie verheißen Glück, in Indien gelten sie als Zeichen hoher Intelligenz. In der westlichen Welt hingegen nehmen die meisten Menschen sie als Makel wahr. Daher gehören Ohren­korrekturen zu den häufigsten ästhetischen Operationen.

 

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Wie der Blick auf die verschiedenen Kulturen zeigt, ist das Schönheitsideal keineswegs universell und außerdem äußerst subjektiv. Dennoch haben Mediziner Messwerte für die Ohren definiert. Demnach gelten Ohren als ab­stehend, wenn der Winkel zwischen Ohrmuschel und Hinterkopf mehr als 30 Grad beträgt. Weil sich der Winkel nicht immer einfach bestimmen lässt, wird stattdessen oft der Abstand zwischen Ohrkante und Schädelknochen gemessen. Ist dieser an drei Messpunkten größer als 18 Millimeter, erfüllen die Ohren das Kriterium »abstehend«. Davon betroffen sind etwa 5 Prozent der Bevölkerung.




Foto: Shotshop/ia_64


Die Ursache für abstehende Ohren liegt meist in der sogenannten Anthelixfalte, der Hauptfalte der Ohrmuschel. Entweder ist sie nicht ausreichend oder gar nicht ausgebildet. Bei manchen Menschen sind aber auch die Ohrmuscheln zu groß oder nur die Ohrläppchen stehen ab. In der Regel sind abstehende Ohren genetisch bedingt und treten familiär gehäuft auf.

Häufiger Eingriff

Auf das Hörvermögen hat das Phänomen keinen Einfluss. Viele Betroffene sind jedoch stark emotional belastet. Vor allem Kinder und Jugendliche werden im Alltag immer wieder verspottet und gehänselt. Laut Untersuchungen mindern fortwährende Hänseleien das Selbstvertrauen und führen zu sozialem Rückzug sowie schlechten Schulleistungen.

Die Korrektur der Ohren gehört zu den ältesten und häufigsten Eingriffen der ästhetischen Chirurgen. Sie erfolgt oft bereits im Kindesalter, ist aber auch bei Erwachsenen möglich. Am besten lassen Eltern ihr Kind vor der Einschulung operieren, spätestens vor Beginn der Pubertät. Mit dem fünften bis sechsten Lebensjahr ist das Wachstum des äußeren Ohres zu 90 Prozent beendet. Dann ist nahezu ausgeschlossen, dass Wachstumsprozesse das Opera­tionsergebnis nachträglich verändern. Der Ohrknorpel bleibt noch bis zum Alter von zehn Jahren weich und elastisch, sodass er während der Operation leichter formbar ist. Zusätzlich zeigen Studien, wie positiv sich die Ohran­legung auf das Leben der Kinder auswirkte. So ergab eine Befragung von 101 Kindern zwischen fünf und 16 Jahren, die an der Universitätsklinik von North Staffordshire operiert worden waren: 97 Prozent waren glücklicher, 92 Prozent hatten mehr Selbstvertrauen, 79 Prozent waren sozial besser integriert und – nicht verwunderlich – niemand wurde mehr gehänselt.

Trotz dieser Erfolge rät die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie dennoch davon ab, Kinder unter fünf Jahren zu operieren. In diesem Alter sei die für eine medizinische Indikation notwendige psychische Beeinträch­tigung des Kindes noch nicht klar erkennbar, so die Experten. Bei der Entscheidung für eine Operation sollte es ausschließlich um das Wohl des Kindes und nicht um das ästhetische Empfinden der Eltern gehen. Deshalb sei vorab eine einfühlsame Gesprächsführung mit beiden Elternteilen und ausdrücklich im Beisein des Kindes notwendig, damit sich der Arzt ein Bild von der psychischen Beeinträchtigung des Kindes machen kann. Eine medizinisch nicht notwendige, ästhetische Operation ohne diesen Leidensdruck ist weder ethisch vertretbar noch rechtlich erlaubt.

Erfahrung ist wichtig

Ohrenkorrekturen führen Ärzte vieler Fachrichtungen durch: Kinderchirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen. Wichtig bei der Wahl des Operateurs ist, dass er ausreichend Erfahrung in der geforderten Technik hat. Dafür stehen verschiedene Techniken zur Verfügung, die mehrheitlich in den 1960er-Jahren entwickelt wurden.




Die Ohren von Babys sind weich und formbar.

Foto: Photocase/silwan


Über viele Jahrzehnte hinweg war die Methode nach Converse das vorherrschende Verfahren. Bei diesem schneidet der Chirurg den Knorpel pa­rallel zur Anthelixfalte ein und legt den neuen Abstand der Ohren mit Hilfe einer Naht fest. Weniger häufig eingesetzt wird die Ritztechnik nach Stentström, bei der der Arzt die Anthelix­falte durch oberflächliches Einritzen des Knorpels formt. Bei sehr großen Ohren muss er manchmal zusätzlich die Ohrmuschel ein- und Knorpelstücke herausschneiden. Beide Techniken bergen die Gefahr, dass unschöne Kanten und Knicke entstehen und die Patienten sich hinterher daran mehr stören als an ihren ursprünglichen Ohren.

Obwohl bereits seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannt ist, dass mit der Entfernung eines Hautstreifens hinter dem Ohr die schönsten Ergebnisse erzielt werden, wenden einige Chi­rurgen die anderen Techniken bis heute an. In Einzelfällen haben die Operierten sogar Schwierigkeiten, eine Brille oder ein Hörgerät zu tragen. Nachkorrekturen sind meist wesentlich schwieriger als der Ersteingriff, manchmal muss der Chirurg dann sogar Knorpelmasse ersetzen. Den Mut für eine erneute Operation finden Betroffene meist erst Jahre später.

Viele Chirurgen bevorzugen heute die wesentlich schonendere Nahttechnik nach Mustardé. Hierbei bilden sie die neue Ohrform der ausschließlich durch gewebeverträgliche, nicht resor­bier­bare Nähte. Aufgrund häufiger Rezidive konnte sich diese Operationsmethode lange nicht durchsetzen. Seitdem Chi­rurgen jedoch statt der resorbierbaren Nahtmaterialien gewebe­verträgliche, nicht resorbierbare Materialien verwenden, erzielen sie dauer­haft gute Ergebnisse. Das Vorgehen ist risiko­ärmer, Komplikationen sind selten, beispielsweise Infektionen oder das Abstoßen des Fadenmaterials.

Unabhängig von der Methode werden Kinder immer in Vollnarkose operiert. Bei Erwachsenen und Kindern ab zehn Jahren reicht die örtliche Betäubung meist aus. Insgesamt dauert der Eingriff etwa 60 Minuten. Nach der Operation werden die Ohren eine Woche lang durch einen festsitzenden Verband geschützt. Anschließend müssen die Operierten nur noch nachts ein Stirnband tragen, das ein Abknicken der Ohren verhindert. In den ersten ein bis zwei Wochen nach der Operation sollten Betroffen auf Sport und Sauna­gänge verzichten und keinen Helm tragen. Oft reagieren die Ohren nach dem Eingriff empfindlicher auf Berührungen und Kälte, was sich allerdings innerhalb von zwei Monaten legen sollte.

Kostenübernahme klären

Da die Ohrenkorrektur eine ausschließlich kosmetische Operation ohne funktionelle Relevanz ist, sind die Krankenversicherungen nicht verpflichtet, die Kosten zu übernehmen. Eine Ausnahme bilden Fälle, bei denen die abstehenden Ohren zu einer psychischen Störung geführt haben, die kein Psychotherapeut oder Psychiater erfolgreich behandeln konnte.

Diese Regelung kommt in der Praxis jedoch meist erst ab dem Alter von 14 bis 16 Jahren zum Tragen. Besonders bei Vorschulkindern übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten. Dennoch sollten die Eltern vor dem Eingriff die Kostenübernahme mit der Krankenkasse abklären, um keine negative Überraschung zu erleben. Die meisten Erwachsenen müssen die Kosten privat tragen.

Alternative zur Operation

Abstehende Ohren bei Neugeborenen wurden früher häufig durch bandagieren angelegt oder mit einem Pflaster an den Kopf geklebt. Dieses Vorgehen ist zunehmend in Vergessenheit geraten und manche Ärzte raten heute sogar davon ab. Dabei ist der Ohrmuschelknorpel in den ersten Lebenswochen noch äußerst weich, leicht modellierbar und viele Fehlbildungen lassen sich schmerzfrei korrigieren. An der Universitätsklinik Graz etablierten Ärzte 2014 erstmalig in Europa die Behandlung von Neugeborenen mit abstehenden Ohren und Ohrfehlbildungen mit einem nichtinvasiven Modellierungssystem. Das Earwell-System besteht aus einer kleinen Silikonschale, die an das Ohr des Babys angepasst und mit einem Klebeband befestigt wird. Kleine Schienen fixieren den Ohrrand, ein Ohrmuschelformer wird in der Ohrmuschel angebracht und ein Deckel verschließt das System.

Optimalerweise wird das System drei bis vier Tage nach der Geburt und zwei bis sechs Wochen lang angelegt. Ein später Start verlängert die Tragedauer und reduziert die Erfolgsquote. Diese liegt bei frühzeitiger Behandlung laut Anbieter bei 90 Prozent. Ab der sechsten Woche nach der Geburt lassen sich damit meist keine Verbesserungen mehr erzielen. Auch in Deutschland arbeiten inzwischen einige Ärzte und Kliniken mit dieser Methode. Eine Übersicht finden Interessierte unter www.earwell.at. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2017

 

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