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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Cochlea-Implantat

Technik vom Feinsten


Von Nicole Schuster / Immer schlechter hören zu können, bedeutet für die Betroffenen eine enorme Einbuße ihrer Lebensqualität. Dank moderner Technik lässt sich der Verlust heute bei vielen Patienten mit elektronischen Hörhilfen abmildern oder ganz beheben. Zum Einsetzen des Implantats ist lediglich ein kleiner operativer Eingriff erforderlich. Kleinkinder können so relativ normal sprechen lernen.

 

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Zwar bezeichnen die meisten Menschen das Sehen als ihren wichtigsten Sinn, doch wer kaum oder gar nicht hört, ist im Alltag deutlich behindert. So nimmt er beispielsweise nur noch eingeschränkt am Leben teil. Bei Gehör­losen oder hochgradig Schwerhörigen verbessern konventionelle Hörgeräte das Hören oft nicht ausreichend. Gerade für betroffene Kinder hat das schlimme Folgen: Sie erlernen das Sprechen erheblich schwerer und sind in der Schule und in ihren sozialen Kontakten benachteiligt. Die moderne Medizin hilft jedoch auch dieser Gruppe. »Bei Patienten, deren Sprachverstehen unter 50 Prozent liegt, sind moderne Cochlea-Implantate eine hervorragende Lösung«, sagt Professor Dr. Diplom-Informatiker Andreas Büchner, wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Hörzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover im Gespräch mit PTA-Forum.




Kinder mit Cochlea-Implantat brauchen in den ersten Monaten nach dem Eingriff meist noch eine ambulante Hör- und Sprach­therapie.

Foto: iStock/FatCamera


Diese Implantate ermög­lichen es vor allem, die hohen Frequenzen der Sprache besser zu hören. »Gerade bei Patienten mit tieffrequentem akustischem Restgehör, welches für ein Sprachverstehen alleine nicht ausreicht, lässt sich mit dem Cochlea-Implan­tat ein Sprachverstehen von bis zu 90 oder gar 100 Prozent erzielen«, erläutert der Experte. Da viele Betroffene in der Regel tiefere Frequenzen bis 500 Hertz, beispielsweise in Musik, ohnehin noch gut hören, liefere die Kombination aus der elektronischen Hilfe und dem Resthörvermögen ein wunderbares Ergebnis.

Diese sogenannten EAS(Elektrisch-Akustische-Stimulation)-Systeme eignen sich allerdings nur für Menschen, deren Hörnerv funktionsfähig und zentrales Hörsystem intakt ist. Um sicherzugehen, dass das Implantat im Einzelfall eine Option ist, führen Ärzte verschiedene Untersuchungen durch. Neben Tests des Hörens und des Sprachverstehens überprüfen sie auch die Leitfähigkeit des Hörnervs und nutzen bildgebende Verfahren, zum Beispiel eine Computertomographie. Die gesetzlichen Krankenkassen kommen in der Regel für die Kosten auf. Patienten, die bereits vor dem Spracherwerb hör­unfähig waren, raten sie von einem solchen System meist ab. Denn bei dieser Gruppe kann die Hörhilfe das Sprachverständnis nicht mehr zufriedenstellend verbessern.

Elektronik statt Sinneszellen

Die Implantate bestehen aus zwei Teilen: einem Elektrodenträger mit bis zu 22 Elektroden, der in die Ohrschnecke (Cochlea) eingepflanzt wird, und einer kleinen Apparatur, die Patienten wie ein Hörgerät hinter dem Ohr tragen. Das äußere Teil enthält ein Mikrofon, einen digitalen Sprachprozessor und eine Sendespule mit Magnet. Die Verbindung zum Implantat erfolgt drahtlos über die Sendespule, die magnetisch über dem Implantat positioniert wird. Der äußere Sender übermittelt Informationen an die innen liegende Implantatelektronik, wo sie in Stimulationsströme umgesetzt werden. Die in der Hörschnecke befindlichen Elektroden erregen die Hörnerven. Sie transportieren die Informationen als Abfolge elektrischer Impulse bis in die zuständigen Hirnareale. Dort nimmt der Patient sie bewusst wahr.




Der äußere Sender transportiert Informationen an die Elektronik in der Cochlea.

Foto: iStock/ELizabethHoffmann


Chirurgen setzen die Cochlea-Implantate unter Vollnarkose in die Hörschnecke ein. Die Operation dauert etwa anderthalb Stunden. Früher schädigte der Eingriff häufig den Gleichgewichtssinn, sodass die Betroffenen dann mit Schwindel leben mussten. Das lässt sich mittlerweile weitgehend vermeiden. »Wir arbeiten heute mit sehr dünnen und flexiblen Elektroden, die die Strukturen im Innenohr intakt lassen. Früher waren die Werkzeuge sehr viel dicker und steifer, wodurch Schädigungen im Innenohr viel wahrscheinlicher waren«, sagt Büchner. Zudem sei die Operationstechnik optimiert worden. Daher ist heute auch das Risiko gering, den Gesichts- oder Geschmacksnerv zu verletzen.

Noch präziser mit Roboter

Von den Chirurgen erfordert der Eingriff allerdings größte Präzision, da es auf eine Genauigkeit von wenigen zehntel Millimetern ankommt. Die Arbeit der Operateure könnte in Zukunft das von Diplom-Ingenieur Jan-Philipp Kobler entwickelte Assistenzsystem erleichtern. Bei diesem Gerät handelt es sich um einen knochenfixierten, rekonfigurierbaren Roboter, der am Schädel verankert wird und eine patientenindi­viduell einstellbare Führung der chirurgischen Werkzeuge ermöglicht. Auf diese Weise kann es noch besser gelingen, die sensiblen Strukturen im Inneren der Cochlea bei der Operation zu schonen. Der junge Wissenschaftler vom Institut für Mechatronische Systeme an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover erhielt dafür 2016 sogar den Klee-Preis für hervorragende wissenschaftliche Arbeiten.

Austausch nicht notwendig

Mit einem Cochlea-Implantat hören Patienten nicht von Anfang an in voller Qualität. Bis sich das Hörvermögen verbessert, vergehen einige Wochen bis Monate, da die Betroffenen sich erst einmal an für sie ungewohnte Höreindrücke und Sprachlaute gewöhnen müssen. Dabei unterstützt sie eine ambulante Hör- und Sprachtherapie. In der Anfangszeit müssen auch die Einstellungen im Sprachprozessor verändert werden, bis sie optimal an die individuellen Bedürfnisse angepasst sind. Anschließend müssen sie nur noch einmal jährlich das elektronische System und ihre Hörfähigkeit kontrollieren lassen.

Mit dem Implantat haben schon Säuglinge und kleine Kinder die Chance, sich ohne große Einschränkungen zu entwickeln. »Wir wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass einmal eingesetzte Elektroden grundsätzlich lebenslang im Ohr verbleiben können«, weiß der Experte. Es könne aber trotzdem sinnvoll sein, nach 20 oder 30 Jahren einen Austausch vorzunehmen. »Die Technik entwickelt sich stetig weiter, und Patienten wollen und sollen natürlich von den neuen Möglichkeiten profitieren.« /



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2017

 

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