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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Schilddrüsen-Unterfunktion

Gefahr für Mutter und Kind


Von Verena Arzbach, Würzburg / Eine Schwangerschaft verändert viele Prozesse im Körper der Frau. Auch die Schilddrüse ist be­troffen: Das Organ muss plötzlich mehr Hormone produzieren. Wer ein erhöhtes Risiko für Funktionsstörungen in der Schwangerschaft hat und wann diese behandelt werden müssen, erläuterten Fachärzte beim Kongress für Endokrinologie in Würzburg.

 

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Dass die Schilddrüse der werdenden Mutter reibungslos funktioniert, sei eine wichtige Voraussetzung für einen gesunden Schwangerschaftsverlauf und die Gesundheit des Kindes, erläuterte Professor Dr. Dagmar Führer, Direktorin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen am Universitätsklinikum Essen, auf einer Pressekonferenz anlässlich des 60. Deutschen Kongresses für Endokrinologie in Würzburg im März. Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen könne die Entwicklung des kindlichen Gehirns stören; so haben­ Studien gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Schilddrüsenunterfunktion der Mutter und einem verminderten Intelligenzquotienten des Kindes gibt. Auch Früh- oder Fehlgeburten sind möglich.




Foto: iStock/ChesiireCat


Zum ersten Mal

»Viele Frauen haben während der Schwangerschaft zum ersten Mal eine Funktionsstörung«, erklärte Führer. Denn die Schilddrüse produziert – durch Stimulation des Schwangerschaftshormons hCG (humanes Choriongonadotropin) – bei einer Schwangerschaft bis zu 50 Prozent mehr Triiodthyronin­ (T3) und Thyroxin (T4) als zuvor. Beide Hormone enthalten Iod, daher steigt der Bedarf an dem Spurenelement in der Schwangerschaft. Liege bei der werdenden Mutter ein Iodmangel vor, könne nicht genug Hormon gebildet werden, informierte Führer. Bereits ein milder bis moderater Iodmangel in der Schwangerschaft ist laut der Endo­krinologin mit einem geringeren Plazentagewicht, einem geringeren Kopfumfang des Neugeborenen und einem erhöhten Risiko für eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) assoziiert.

Iod dauerhaft ergänzen

Frauen sollten daher während der gesamten Schwangerschaft und Stillzeit Iod supplementieren, riet die Expertin. Der Bedarf bei Schwangeren beträgt etwa 250 µg pro Tag. In Deutschland wird die Gabe von 150 µg zusätzlich zur Nahrung empfohlen. Es kann jedoch auch zu viel werden: »Iodmengen von mehr als 500 µg pro Tag sollten sowohl bei Schwangeren als auch Nicht-Schwangeren vermieden werden«, sagte Führer.

Ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenfunktionsstörungen besteht bei Frauen mit bekannter Schilddrüsenerkrankung, Typ-1-Diabetes oder anderen Autoimmunerkrankungen,­ Übergewicht sowie bei älteren Schwangeren (siehe auch Kasten). Haben Frauen bereits eine Fehl- oder Frühgeburt erlitten, könnte das Führer zufolge auch auf eine Autoimmunerkrankung hindeuten. Bei der Hashimoto-Thyreoiditis greifen Antikörper des eigenen Immunsystems die Schilddrüsenzellen an und lösen eine chronische Entzündung aus. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer Unterfunktion. Die Prävalenz der Erkrankung ist gerade bei Frauen hoch, ebenso die Dunkelziffer: Häufig wird die Erkrankung nur durch Zufall entdeckt. »Weltweite Untersuchungen zeigen, dass zwischen 2 und 17 Prozent aller Frauen mit Kinderwunsch Anzeichen für eine Autoimmunthyreoiditis und damit ein Risiko für eine Hypothyreose haben«, berichtete Führer.

Frühe TSH-Testung

Die Expertin riet Frauen mit erhöhtem Risiko, die Funktion der Schilddrüse testen zu lassen. Dazu sollte die Konzentration von TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) im Blut bestimmt werden, und zwar möglichst früh in der sechsten bis siebten Schwangerschafts­woche, sagte die Medizinerin. Besteht ein Mangel an T3 und T4, ist der TSH-Wert aufgrund des negativen Rückkopplungsmechanismus erhöht. Das weist auf eine Unterfunktion hin. Laut den im Januar aktualisierten Leitlinien der US-amerikanischen Schilddrüsengesellschaft ATA (American Thyroid Association) gilt ein TSH-Wert von 4 mU/l als oberer Grenzwert. Dieser Wert liegt deutlich höher als zuvor. »Früher sollte der TSH-Wert bei Schwangeren nicht über 2,5 mU/l liegen. Damit wurden bisher wohl einige Schwangere fälschlich als latent hypothyreot und damit als krank eingeschätzt«, informierte Führer.




Die Hypophyse schüttet das Steuerhormon TSH aus, das in der Schilddrüse die Sekretion von Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) anregt. Diese können per negativer Rückkopplung wiederum die Produktion und Ausschüttung von TSH hemmen.

Grafik: Stephan Spitzer



Liegt nachweislich ein Hormonmangel vor, sollte dieser behandelt werden. Die Schwangere muss dann täglich Levothyroxin­ einnehmen. Frauen mit Schilddrüsenerkrankungen, die bereits vor der Schwangerschaft ein Schilddrüsenhormon eingenommen haben, sollten die Dosierung zu Beginn der Schwangerschaft mit ihrem Arzt besprechen. »Es wird allgemein empfohlen, ab dem Zeitpunkt, an dem die Schwangerschaft festgestellt wird, die Levothyroxin-Dosis um zwei Tabletten pro Woche zu erhöhen.« Die Funktion der Schilddrüse sollte außerdem zeitnah überprüft werden. Anschließend sollte alle vier Wochen erneut der TSH-Wert bestimmt werden, mindestens bis zur 20. Schwangerschaftswoche, riet Führer.

Nicht im Mutterpass

»Die Bedeutung der Schilddrüse für die Gesundheit von Mutter und Kind wird häufig unterschätzt«, kritisierte die Endokrinologin. »Das Thema Schilddrüse fehlt im Mutterpass – bis auf einen kurzen Absatz zur Iodsupplementation – komplett«, bemängelte Führer. Auch im Alltag werde die Schwangere oftmals nie auf ihre Schilddrüsenfunktion angesprochen, und auch die Einnahme von Iod-Tabletten bleibe häufig ihrer Eigeninitiative überlassen. Die Ärztin forderte, dass schwangere Frauen besser zum Thema Schilddrüse informiert und beraten werden müssen. /


Risikogruppe für Schilddrüsenprobleme

Frauen mit erhöhtem Risiko für Schilddrüsenerkrankungen sollten während der Schwangerschaft regelmäßig ihren TSH-Wert bestimmen lassen. Folgende Kriterien erhöhen das Risiko:

  • Vorbestehende Schilddrüsenerkrankungen wie Autoimmun­thyreoiditis (Hashimoto), Struma
  • Positive Familienanamnese von Hashimoto-Thyreoiditis oder Schilddrüsenerkrankungen
  • Alter über 30 Jahre
  • Typ-1-Diabetes oder andere Autoimmunerkrankungen
  • Abort oder Frühgeburt in der Vergangenheit
  • Mehrlingsschwangerschaft
  • Adipositas (BMI > 40)
  • Medikation mit Amiodaron oder Lithium
  • Iodmangel



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2017

 

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