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BERATUNGSPRAXIS

OTC-Arzneimittel

Selbstbewusst beraten


Von Maria Pues, Münster / Wer Apothekenkunden in Fragen zur Selbstmedikation berät, trägt eine große Verantwortung – das gilt umso mehr, wenn es sich um schwangere oder stillende Frauen handelt. Mancher PTA macht dies Angst – muss es aber gar nicht.

 

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In der Schwangerschaft und Stillzeit geht oft mehr, als man denkt – das wurde im Vortrag von Apothekerin Dr. Katja Renner, Wassenberg, auf dem westfälisch-lippischen Apothekertag in Münster deutlich. Dort gab es auch in diesem Jahr wieder einige Vorträge speziell für PTA. Oft herrschen jedoch Unsicherheit und Angst, etwas falsch zu machen. Denn die Studienlage ist meist dünn. Wenig hilfreich ist auch der Beipackzettel. Hier finden sich oft schwammige Formulierungen wie »aufgrund geringer Erfahrungen …«. Sie sind vor allem vor einem juristischen Hintergrund zu sehen.




Werdende Mütter sind beim Thema Arzneimittel oft verunsichert. Hilfe finden sie in der Apotheke.

Foto: iStock/bluecinema


PTA und Schwangere denken bei der Empfehlung eines Arzneimittels beziehungsweise vor dessen Anwendung möglicherweise an die Contergan®-Katastrophe, bei der es durch die Einnahme des Schlaf- und Beruhigungsmittels während der Schwangerschaft zu Missbildungen bei den Kindern kam. Die schrecklichen Ereignisse hätten sich jedoch trotz der großen Zahl neuer Arzneistoffe nicht wiederholt, gab Renner zu bedenken. Häufig werde auch die generelle Fehlbildungsrate von rund 3 bis 5 Prozent nicht bedacht, bei der eine Medikamenteneinnahme keine Rolle spielt.

Übersehen werde oft auch ein häufiger Auslöser von Fehlbildungen, nämlich der Genuss alkoholischer Getränke. Ein Grenzwert, ab dem es zu einer Schädigung kommt, ist nicht bekannt; man geht vielmehr davon aus, dass jedes Glas schadet. Die betroffenen Kinder leiden an deutlichen kognitiven Defiziten, körperlichen Wachstumsverzögerungen und einer gestörten Sprachentwicklung.

Grundsätzlich bedenken

Eine wichtige Rolle für die Wahl eines Arzneimittels spielt, in welchem Drittel der Schwangerschaft sich die Apothekenkundin aktuell befindet. Bei der Frage »Was soll ich nur tun? Ich habe ein Arzneimittel genommen, ich wusste ja nicht, dass ich schwanger bin!«, könne man die Frau beruhigen, sagte Renner. Denn in der Frühschwangerschaft gebe es ein »Alles-oder-nichts-Prinzip«: Entweder schaffe es der Körper, einen möglichen Defekt vollständig zu beheben, oder er beende die Schwangerschaft. Häufig müsse man auch erklären, warum manche Arzneimittel, die vor einigen Wochen noch erlaubt waren, im weiteren Verlauf der Schwangerschaft nicht mehr angewendet werden sollten – und umgekehrt plötzlich empfohlen werden, nachdem man sie bislang nicht anwenden durfte.

Entspannt oder ängstlich?

Neben dem Zeitpunkt der Schwangerschaft müsse man auch auf die Kundin selbst eingehen: Ist sie vielleicht überängstlich, weil es ihr erstes Kind ist oder sie schon eine Fehlgeburt hatte? Besitzt sie bereits gute Grundkenntnisse, oder wurde sie von der Schwangerschaft überrascht und hatte noch keine Gelegenheit, sich damit näher zu beschäftigen? Handelt es sich um eine sehr junge Schwangere oder eine erfahrene Mutter mehrerer Kinder? Die Körpersprache zu verstehen, aufmerksames Zuhören und die Fähigkeit, zwischen den Zeilen lesen zu können, spielen hierbei eine wichtige Rolle.




Foto: Shutterstock/Fisher Photostudio


Einige Grundregeln helfen bei der Auswahl eines geeigneten Arzneimittels. So solle man nur gut erprobte Medikamente einsetzen und Monopräparate bevorzugen, sagte Renner. Zudem sollten Schwangere und Stillende Arzneimittel immer möglichst kurz und in niedriger, aber ausreichender, therapeutischer Dosierung verwenden. Stets, aber besonders im ersten Schwangerschaftsdrittel, sollte man auf eine strenge Indikationsstellung achten. Nicht zuletzt sollten PTA oder Apotheker die Kundin darauf hinweisen, jede Selbstmedikation dem Arzt bei ihrem nächsten Besuch mitzuteilen.

Häufige Beschwerden

Nur wenige Frauen leiden an chronischen Grunderkrankungen, wenn sie schwanger werden, berichtete Renner weiter. Viele haben während der neun Monate jedoch Beschwerden, die auch Nicht-Schwangere betreffen, etwa eine Erkältung oder Kopf- und Gliederschmerzen. Manche Beschwerden können zudem bei einer Schwangerschaft verstärkt auftreten, zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen – meist zu Beginn einer Schwangerschaft – oder Schlafstörungen und Säurebeschwerden, die eher im späteren Verlauf der Schwangerschaft auftreten.

Häufig Rat suchen werdende Mütter im ersten Schwangerschaftsdrittel, wenn sich – meist ab dem zweiten Schwangerschaftsmonat – morgendliche Übelkeit und Erbrechen einstellen. Ursache ist der Anstieg des Schwangerschaftshormons hCG. PTA und Apotheker können Betroffenen häufig bereits mit Verhaltenstipps helfen. So sollten diese bereits am Abend eine Kleinigkeit zu essen auf dem Nachttisch bereitlegen, etwa ein paar Kekse oder Zwieback. Während des Tages sollten sie zwischen den Mahlzeiten viel trinken und für die Mahlzeiten leicht verdau­liche, proteinreiche und fettarme Speisen bevorzugen.


Kein Fall für die Selbstmedikation

Schwangere Patientinnen mit diesen Beschwerden müssen an den Arzt verwiesen werden:

  • übermäßiges, unstillbares Erbrechen während des ganzes ­Tages (Hyperemesis)
  • Schwindel und Ohnmachtsanfälle
  • Fieber
  • Unterleibsblutungen
  • Schmerzen im unteren Bauchraum
  • hoher Blutdruck, Sehstörungen
  • anhaltende Beschwerden, ­unabhängig von ihrer Art


Mittel der Wahl

Unter den Arzneimitteln sind Doxyl­amin (wie in Schlafsterne®), das verschreibungspflichtige Metoclopramid (wie in Paspertin®) und Dimenhydrinat (wie in Vomex A®) Wirkstoffe der Wahl in der Schwangerschaft. Dass Doxyl­amin in Deutschland nur gegen Schlafstörungen zugelassen sei, könne mitunter zu Irritationen führen und müsse der Patientin mitunter erläutert werden, berichtete die Referentin weiter. In den USA ist dies anders. Dort gibt es eine Kombination aus 10 mg Doxylamin und 10 mg Vitamin B6 (Pyridoxin), die für Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft zugelassen ist. Anwenderinnen sollten außerdem beachten, dass Doxylamin müde macht und sie nach der Einnahme auf das Autofahren besser verzichten. Mehr zur Therapie der Schwangerschaftsübelkeit lesen Sie im Beitrag Antiemetika: Gegen den Brechreiz.

Im weiteren Verlauf der Schwangerschaft leiden viele Frauen – meist nachts und vorübergehend – unter Refluxbeschwerden und/oder Sodbrennen. Als Gründe hierfür kommen neben dem zunehmenden Raumbedarf des Ungeborenen hormonelle Ursachen infrage. So können erhöhte Estrogen- und Progesteronspiegel den Tonus der glatten Muskulatur herabsetzen und so die Verschlussmechanismen am Übergang zwischen Speiseröhre und Magen schwächen. Auch hier hilft es vielfach bereits, auf häufigere, kleine Mahlzeiten aus leichter, fettarmer Kost zu setzen und die Abendmahlzeit früher als gewohnt einzunehmen sowie mit erhöhtem Kopfteil zu schlafen.

Als erste Wahl unter den verfügbaren Arzneimitteln gegen Säurebeschwerden nannte Renner Magaldrat (wie in Riopan®) und Hydrotalcid (wie in Talcid®) sowie Calciumcarbonat (wie in Rennie®). Studien an Schwangeren liegen zu Alginat (in Gaviscon®) vor. Wenn die Wirkung der Antazida nicht ausreicht, kann als Mittel der zweiten Wahl auch das H2-Antihistaminikum Ranitidin (wie in Zantic®) zum Einsatz kommen. Erst wenn dieses ebenfalls nicht ausreichend gewirkt hat, kommen als Mittel der dritten Wahl Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol (wie in Antra®) und Pantoprazol (wie in Pantozol® Control) infrage.

Bei Verstopfung

Der Tonus der Darmmuskulatur kann im Verlauf der Schwangerschaft abnehmen, was zu Problemen beim Stuhlgang führen kann. Verstärkt wird dies dadurch, dass sich nicht nur die räumlichen Verhältnisse im Bauchraum verändern, sondern dass im Verlauf der Schwangerschaft auch mehr Flüssigkeit aus dem Darmlumen resorbiert wird. Anders als bei nicht-schwangeren Patienten mit normaler Flüssigkeitsaufnahme, bei denen vermehrtes Trinken oft keine keine Besserung der Obstipation mit sich bringt, kann dies bei Schwangeren die Beschwerden verbessern. Regelmäßige Bewegung unterstützt die verlangsamten Darmbewegungen. PTA und Apotheker können Schwangeren außerdem dazu raten, sich mehr Zeit für den Stuhlgang zu nehmen.




Schwangere brauchen eine einfühlsame Beratung, verdeutlichte die Referentin Katja Renner .

Foto: privat


Mittel der ersten Wahl bei Stuhlgangproblemen während der Schwangerschaft sind Quellstoffe wie Leinsamen (wie in Linuisit®) und Flohsamen (wie in Mucofalk®). Wenn diese nicht ausreichend wirken, können Osmo­laxanzien wie Lactulose (wie in Bifiteral®) oder Macrogol (wie in Movicol®) versucht werden. Führen auch diese nicht zum Erfolg, können kurzzeitig Bisacodyl (wie in Dulcolax®) oder Natriumpicosulfat (wie in Laxoberal®) angewendet werden. Als gut wirksam haben sich außerdem defäkationsfördernde Laxanzien wie Glycerol (wie in Glycilax®) oder Sorbitol (wie in Microlax®) – rektal angewendet – erwiesen. Nicht anwenden sollten Schwangere hingegen Rizinusöl, salinische Osmolaxanzien oder pflanzliche Abführmittel. Die beiden ersten können mit Elektrolytstörungen einhergehen, letztere wehenauslösend wirken, warnte Renner.

Wärme gegen Schmerzen

Bei Kopfschmerzen sollten PTA und Apotheker zunächst nach möglichen Ursachen für die Beschwerden fragen, riet sie weiter. Kommen etwa Verspannungen im Nackenbereich infrage, könne man zunächst einen Versuch mit einer Wärmeanwendung machen, etwa einer Wärmflasche oder mit Wärmepads (wie Thermacare®). Diese haben den Vorteil, dass sie bei Alltagsaktivitäten nicht störend wirken. Bei Spannungskopfschmerz kommt außerdem Pfefferminzöl infrage, das auf die Schläfen aufgetragen wird. Unter den Analgetika ist Paracetamol (wie in Ben-u-ron®) nach wie vor das Mittel der ersten Wahl. Wirkt dies nicht, können im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel als Mittel der zweiten Wahl Di­clofenac (wie in Voltaren®) oder Ibuprofen (wie in Dolormin®) zum Einsatz kommen. Im dritten Trimenon sind sie jedoch kontraindiziert, da die Anwendung zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli führen kann. Das gilt auch für Acetylsalicylsäure (wie in Aspirin®), bei der außerdem das erhöhte Risiko für Blutungen bedacht werden muss. Lesen Sie zur Schmerztherapie in der Schwangerschaft auch den Beitrag Schmerztheraphie: Analgetika in der Schwangerschaft.

Besser Monopräparate

Bei Schwangeren sollten besser physikalische Maßnahmen oder chemisch definierte Einzelsubstanzen als pflanzliche Arzneimittel, die naturgemäß eine ganze Reihe von Verbindungen enthalten, zum Einsatz kommen. Das gilt auch für die Behandlung von Erkältungskrankheiten. So können bei einer verstopften Schnupfennase Wasserdampf-Inhalationen oder Salzwasser-Nasenspray (wie Emser Nasenspray®) oder -tropfen, kurzzeitig aber auch abschwellende Nasensprays mit Xylometazolin (wie in Otriven®) oder Oxymetazolin (wie in Nasivin®) in niedriger Konzentration angewendet werden. Gegen Husten können der Hustenstiller Dextrometorphan (wie in Silomat® DMP) bei Reizhusten sowie die Schleimlöser Ambroxol/Bromhexin (wie in Mucosolvan®/Bisolvon®) oder N-Acetylcystein (wie in Fluimucil®) bei stark verschleimten Bronchien eingesetzt werden. Zu beachten sei dabei, dass Dextrometorphan bei einer Anwendung kurz vor der Entbindung unerwünschte atemdepressive Nebenwirkungen entfalten könne, warnte Renner.

Aber es gibt auch Präparate, deren Anwendung nicht erst während, sondern bereits vor Beginn einer Schwangerschaft absolut sinnvoll ist, erläuterte die Referentin abschließend. Dazu gehört Folsäure. Ausreichende Blutspiegel beugen Missbildungen, besonders einer Spina bifida, einem offenen Rücken, vor. Renner: »Eigentlich müsste man zusammen mit jedem Schwangerschaftstest ein Folsäurepräparat mitgeben.« /


Informationen zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft und Stillzeit

  • Eine große Datensammlung zum Einsatz von Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit gibt es beim Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie (Webseiten: www.embryotox.de sowie www.arzneimittel-in-der-schwangerschaft.de)
  • Umfassende Informationen zu Erkrankungen in der Schwangerschaft, ­nötigen Impfungen und zum Stillen gibt es zum Beispiel beim Berufsverband der Frauenärzte unter www. frauenaerzte-im-netz.de.



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2017

 

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