Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Rauwolfia

Foto: Medicalpicture/Spohns

Wurzel für Herz und Psyche

von Monika Schulte-Löbbert

Rauwolfia, die Indische Schlangenwurzel, wird schon seit Jahrhunderten in der indischen Volksheilkunde verwendet. In Europa ist die Wurzel erst seit Beginn des 18. Jahrhunderts bekannt. Ihr Hauptalkaloid, das Reserpin, wurde jahrzehntelang in der Therapie des Bluthochdrucks und zur Behandlung von Psychosen eingesetzt.

Die Indische Schlangenwurzel hat den botanisch wissenschaftlichen Namen Rauvolfia serpentina (L.) Bentham ex Kurz. und gehört zu den Hundsgiftgewächsen, den Apocynaceae. Den Gattungsnamen Rauvolfia erhielt die Pflanze im Jahr 1703 durch den französischen Botaniker Charles Plumier (1646 bis 1704). Plumier ehrte damit den Augsburger Arzt und Botaniker ­Leonhard Rauwolf (1535 bis 1596).

Nach den internationalen Nomenklaturregeln wird der Gattungsname Rauvolfia korrekt mit »v« geschrieben. In den meisten Arzneibüchern ist jedoch die traditionelle Schreibweise mit »w« beibehalten worden, daher Rauwolfiawurzel, aber Rauvolfia serpentina.

Der Artname »serpentina« (lateinisch serpens = Schlange) verweist auf die schlangenartig gewundene Form der Wurzel, die auch in dem englischen »Indian snakeroot« und dem französischen »Racine de serpentine« zum Ausdruck kommt. Im Volksmund sind neben Schlangenholz auch die Bezeichnungen Wahnsinnskraut oder Java-Teufelspfeffer üblich, da die Wurzel traditionell auch zur Beruhigung Geisteskranker verwendet wurde.

Wildbestände gefährdet

Die Heimat von Rauwolfia ist Indien. Von hier hat sie sich über Indonesien, Pakistan sowie Sri Lanka und Thailand bis in die südlichen chinesischen Provinzen ausgebreitet. Sie wächst bevorzugt in feuchtwarmen Bergwäldern bis zu einer Höhe von etwa 1200 Metern. 

Rauvolfia serpentina ist ein immergrüner, aufrecht wachsender Halbstrauch, der bis zu einem Meter hoch werden kann. Die elliptischen, gestielten Blätter stehen meist in drei- bis fünfzähligen Wirteln, bei älteren Pflanzen gehäuft an den Zweig­enden. Rauwolfia blüht von April bis Mai weiß bis rosafarben. Die Röhrenblüten stehen in end- oder blattachselständigen Trug­dolden. Aus den Blüten entwickeln sich ­anfangs grüne, dann rote und schließlich purpur-schwarze erbsengroße Steinfrüchte. Das verholzte Rhizom geht in eine 20 bis 40 Zentimeter lange graubraune, schlangenartig gedrehte Wurzel über.

Wegen ihres höchsten Gehalts an Alkaloiden wird nur die Wurzel medizinisch verwendet. Die Droge stammt aus Indien, Pakistan, Birma, Thailand und Malaysia, wo sie aus Wildvorkommen gesammelt oder in Plantagen angebaut wird. In den Kulturen werden die Wurzeln nach etwa zweijährigem Wachstum der Pflanze geerntet, meist Ende Oktober bis Anfang November. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die oberirdischen Pflanzenteile in der Ruhephase. Zur Drogengewinnung aus Wildvorkommen sollen möglichst vier Jahre alte Pflanzen ausgewählt werden. Die Sammler graben die unterirdischen Teile aus, befreien sie von anhaftender Erde, schneiden sie grob in Stücke und trocknen diese im Schatten. Um die Regeneration der Pflanze zu ermöglichen, sollen sie einen Teil der Wurzel wieder eingraben. Wegen Gefährdung der Wildbestände wurde im Jahr 1997 in Indien der Export verboten. 

Das Deutsche Arzneibuch (DAB 2008) lässt nur Rauvolfia serpentina als Stammpflanze für die Droge »Rauwolfiawurzel – Rauwolfiae radix« zu. Zur industriellen Alkaloidgewinnung werden auch andere Rauvolfia-Arten genutzt, wie die aus dem tropischen Afrika stammende Rauvolfia vomitoria oder die in dem tropischen Mittel- und Südamerika beheimatete Rauvolfia tetraphylla.

In der traditionellen indischen Heilkunst, der Ayurveda, diente Rauvolfia serpentina schon seit Jahrhunderten als Gegenmittel bei Insektenstichen und Schlangenbissen, aber auch bei Fieber und Durchfall sowie zur Beruhigung. Ein überzeugter Anhänger von Rauwolfia war laut Überlieferung Mahatma Gandhi. Er soll regelmäßig zur Beruhigung und Blutdrucksenkung einen aus der ganzen Pflanze bereiteten Tee getrunken haben.

Chemische Struktur aufgeklärt

Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts lernten europäische Heilkundler die Wurzel auf ihren Forschungsreisen in Indien kennen, brachten sie mit nach Europa und wendeten sie wie in der indischen Volksmedizin an. Weltweite Beachtung erhielt die Rauwolfiawurzel erst im 20. Jahrhundert, als indische Wissenschaftler 1931 die Wurzel analysierten und Bestandteile entdeckten, deren Struktur Chemikern bis dahin unbekannt war. Da die Forscher schon damals vermuteten, dass ihr neuer Extrakt für die blutdrucksenkende Wirkung verantwortlich war, setzten sie diesen mit Erfolg in allen großen indischen Krankenhäusern ein. Als der Schweizer Chemiker Dr. Emil Schlittler (1906 bis 1979) von diesem neuen Antihypertonikum hörte, ließ er die Wurzel an seinem Institut in Basel untersuchen.

1952 gelang es ihm erstmals, Reserpin aus Rauvolfia serpentina zu isolieren und dessen chemische Struktur aufzuklären. Schon zwei Jahre später setzten amerikanische Ärzte Reserpin zur Behandlung von Psychosen ein. Vorübergehend war das Alkaloid eines der meist angewendeten Substanzen zur Therapie psychiatrischer Erkrankungen. Allerdings häuften sich die Berichte über Nebenwirkungen derart, dass die Verordnung von Reserpin stark zurückging, bis es Ende 1970 durch besser verträgliche Wirkstoffe ersetzt wurde. Zurückblickend liegt die Bedeutung des Reserpins vor allem darin, dass es die Grundlagenforschung der modernen Neuropsychiatrie beeinflusste. 

Wirkprinzip erforscht

Die Indische Schlangenwurzel oder Rauwolfiawurzel enthält neben reichlich Stärke bis zu 2 Prozent einer komplexen Mischung aus Monoterpen-Indolalkaloiden. Bis zu 60 verschiedene Substanzen sind bekannt. Nach ihrer Struktur und Basizität werden sie in die Gruppe des Yohimban-Typs (Reserpin), des Heteroyohimban-Typs (Serpentinin), des Sarpagan-Typs (Raupin) und des Ajmalin-Typs (Ajmalin) eingeteilt. Die wichtigsten pharmakologischen Wirkungen gehen auf das Reserpin zurück. Deshalb fordert das DAB für die Droge Rauwolfiawurzel einen Mindestgehalt von 1,0 Prozent Alkaloiden, berechnet als ­Reserpin.

Die Rauwolfiaalkaloide, insbesondere das Reserpin, wirken blutdrucksenkend und zentral sedierend. Reserpin hebt das Speichervermögen für Catecholamine in den Vesikeln auf und hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin in die Speichergranula. Dadurch wird die Noradrenalinkonzentration sowohl in den adrenergen Neuronen des Gehirns als auch in den peripheren sympathischen Nerven vermindert, und es resultiert die blutdrucksenkende Wirkung. Für den sedativen Effekt ist ebenfalls in erster Linie das Reserpin verantwortlich. 

Rauwolfia ist lange Zeit ein wichtiges Mittel in der Therapie des Bluthochdrucks gewesen. Die Kommission E bewertete Rauwolfia in ihrer Monographie im Jahr 1986 positiv und empfahl die Wurzel bei leichter, essentieller Hypertonie (Grenzwerthypertonie), Angst- und Spannungszuständen und psychomotorischer Unruhe, sofern ­diätetische Maßnahmen allein nicht aus­reichen. Als mittlere Tagesdosis gelten 600 mg Droge entsprechend 6 mg Gesamt­alkaloide. Aufgrund erheblicher Nebenwirkungen werden aber die Droge sowie deren Extrakte und Reserpin als Mono-Präparat therapeutisch nicht mehr verwendet, sondern nur noch niedrig dosiertes Reserpin in Kombination mit anderen Antihypertonika. In einer Dosis von 0,1 mg pro Tablette ist Reserpin neben Clopamid zum Beispiel in Briserin® N enthalten. Briserin® N darf nur angewendet werden, wenn andere blutdrucksenkende Arzneimittel gemäß aktuellen Therapieleitlinien nicht angezeigt sind.

In der Homöopathie genutzt

Daneben enthalten einige Präparate  Rauvolfia serpentina in homöopathischer Verdünnung. Homöopathen verordnen Rauvolfia serpentina bei Patienten mit es­sentieller Hypertonie und leichten Herz­beschwerden. Zur Unterstützung bei Bluthochdruck oder bei Blutdruckstörungen dienen beispielsweise Homeo-orthim® Tabletten oder Rauwolfia Viscomp Schuck Tropfen und Rauwolfia Viscomp-Tab Tabletten. Kombinationen mit Reserpin in homöopathischer Zubereitung eignen sich zum Beispiel für die Indikation »Nervöse Störungen« wie in dysto-loges® S Tabletten und -Tropfen.

Das einzige Mono-Präparat mit dem Rauwolfiaalkaloid Ajmalin ist Gilurytmal® 50 mg/10 ml Injektionslösung, das zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird. 

Die Einnahme von Rauwolfia kann aufgrund der antisympathotonen Wirkung zu erheblichen Nebenwirkungen wie verstopfter Nase, Müdigkeit, erhöhter Magen-Darm-Motilität sowie Bradykardie und Potenzstörungen führen. Auch depressive Verstimmungen mit Suizidgefahr wurden bei 6 bis 10 Prozent der Patienten beobachtet. Selbst bei bestimmungsgemäßem Gebrauch kann Rauwolfia das Reak­tionsvermögen so weit einschränken, dass die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigt wird. Dies gilt in verstärktem Maße zusammen mit Alkohol oder anderen sedierend wirkenden Arzneimitteln. Daher sollten PTA oder Apotheker die Patienten auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln hinweisen. So verstärken Rauwolfia-haltige Medikamente die Wirkung von Neuroleptika und Barbituraten, schwächen aber die Wirkung von Levodopa ab. Außerdem führt die gleichzeitige Einnahme von Sympathomimetika (zum Beispiel in Grippemitteln) anfänglich zu einer Blutdruckerhöhung.

Absolut kontraindiziert ist Rauwolfia bei Patienten mit Depressionen (Suizidgefahr!), Magen-Darm-Ulcera, bei Schwangeren und Stillenden sowie bei Patienten mit einem Phäochromozytom, einem Tumor des Nebennierenmarks mit gesteigerter Noradrenalinproduktion.

Der Verschreibungspflicht unterstellt

Aufgrund der erheblichen Nebenwirkungen und Interaktionen unterliegen Rauwolfia-Arten laut Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), ihre Zubereitungen und Alkaloide sowie homöopathische Verdünnungen bis einschließlich der 3. Dezimal- beziehungsweise der 1. Centesimalpotenz der Verschreibungspflicht. Ausgenommen von der Verschreibungspflicht sind homöopathische Zubereitungen zur oralen Anwendung, die nach den Herstellungsvorschriften 25 und 26 des Homöopathischen Arzneibuches hergestellt sind. Aber auch für homöopathische Mittel gilt: Rauwolfia ist kein Arzneimittel für die Selbstmedikation.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=1036