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Wohnen in der Demenz-WG

Selbstbestimmt gemeinsam leben


Von Isabel Weinert / Menschen mit Demenz ein gutes Leben ermöglichen, die Angehörigen begleiten und entlasten – zu diesem Zweck und als Alternative zu herkömmlichen Pflege­einrichtungen sind in den vergangenen Jahren deutschlandweit ambulant betreute Wohngemeinschaften entstanden. Eine davon: das StattHaus Offenbach. Das Pilotprojekt der Hans und Ilse Breuer-Stiftung in der Begleitung von Demenz betroffener Menschen öffnete Ende 2014 die Türen für alle Interessierten.

 

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Mitten im Geschehen liegt die drei­geschossige Gründerzeitvilla in Offenbach am Main. Ganz bewusst fiel die Wahl auf dieses Gebäude, auf eines, das nicht einsam, versteckt, irgendwo außerhalb liegt, sondern im Urbanen, mit Kindergarten und Hochschule für Gestaltung vis-a-vis. Das Motto der Begrün­der: »Mit Demenz lässt sich leben – auch unter uns«



Zwei Jahre nahm die Kernsanierung der Villa in Anspruch. Jetzt wirkt sie einladend von außen und freundlich, funktional und behaglich von innen. Einladend – so soll das große Haus auch sein, denn: »Demenz ist immer noch ein stark angstbesetztes Thema«, sagt die Leiterin des StattHauses, Jutta Burgholte-Niemitz.

Das StattHaus gibt nicht nur von Demenz Betroffenen eine Heimat, sondern soll auch die Schwelle für all jene Menschen senken, die sich über die Krankheit Demenz und ihre vielen Gesichter informieren möchten. Neben der ambulanten Wohngemeinschaft bietet das StattHaus deshalb auch Beratung und Informationen für Betroffene und Angehörige. Mit dem »Quartiers-Café«, am Garten des StattHauses gelegen, existiert ein Ort des Gesprächs, der den Menschen die Möglichkeit gibt, in offener und gleichzeitig geschützter Atmosphäre zusammenzukommen.



Um Angehörige von Dementen zu entlasten, hat das StattHaus begleitete Gesprächsgruppen eingerichtet sowie die Möglichkeit, dass zuhause lebende Menschen mit Demenz stundenweise in kleinen Gruppen oder einzeln betreut werden.

Kein Abstellgleis

Im ersten Obergeschoss des Hauses befindet sich das Zuhause von neun Menschen mit Demenz. Neun Zimmer, alle individuell eingerichtet, jeder Bewohner bringt mit, woran sein Herz hängt. Dazu gehören immer auch Angehörige, denn sie bringen sich in das WG-Leben ein, ebenso wie ehrenamtliche Helfer.

In der großen Wohnküche herrscht Geschäftigkeit: Der Alltag der WG- Bewohner besteht auch darin, diesen zu gestalten, so wie früher, in gesunden Zeiten. Wer kann und möchte, hilft, das Mittagessen vorzubereiten. Gemüseschneiden und Tischdecken stehen auf dem Programm. Eine Hauswirtschafterin unterstützt und koor­diniert, wo es nötig ist und lässt dabei den größtmöglichen Freiraum für Selbstständigkeit. Im StattHaus findet der Alltag extra nicht hinter für die Bewohner geschlossenen Türen statt, sondern bezieht sie ganz bewusst mit ein. Denn gefordert werden ohne Überforderung bekommt dem Gehirn Demenzkranker deutlich besser als Schonung und die sprichwörtliche Abschiebung aufs Altenteil. Der persönliche Einsatz beim Putzen, Waschen oder Kochen hilft den Mietern dieser besonderen Wohngemeinschaft, Verloren­gegangenes zumindest in Teilen zu reaktivieren, und gibt ihnen zudem Struktur. Mit diesem Konzept hat das StattHaus aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse direkt alltagstauglich umgesetzt. Das zeigt sich auch, wenn man den Speiseplan betrachtet: Bevorzugt Gesundes kommt in der WG auf den Tisch, weil auch die Ernährung eine wichtige Rolle für die Funktion des Gehirns spielt.



Weiterer Baustein für gute Tätigkeit des Gehirns: Bewegung. So bleibt das Leben der Bewohner nicht auf das StattHaus nebst Garten beschränkt, sondern es geht immer wieder hinaus, in die nähere Umgebung, zu Fuß zum Einkaufen oder in den nahe gelegenen Park.

Stütze für die Forschung

Neben der Betroffenenhilfe fördert die Stiftung die wissenschaftliche Grund­lagenforschung zu Demenz und unterstützt hierzu existierende Netzwerke. So vergibt die Stiftung seit 2006 den mit 100 000 Euro deutschlandweit höchstdotierten Alzheimer-Forschungspreis und jährlich bis zu drei Promotions­stipendien. Jüngst hat sie einen Unterstützungsfonds für Familien mit erblich bedingter Alzheimerdemenz und Teilnehmer der sogenannten DIAN-Studie eingerichtet. DIAN steht für Dominantly Inherited Alzheimer Network, das internationale Netzwerk für die dominant vererbte Alzheimer-Krankheit.



Große Hilfsbereitschaft

Zurück ins StattHaus: Hier setzen sich die WG-Bewohner gerade zu Tisch. Dabei bleibt nicht jeder für sich, sondern stärkere kümmern sich zwanglos um schwächere, »bemuttern« sie ein wenig, indem sie etwa darauf achten, dass der Tischnachbar auch genug zu essen und zu trinken bekommt. Leiterin Burgholte-Niemitz bestätigt das: »Wir beobachten bislang so gut wie keine Konflikte unter den Mietern, dafür eine große Hilfsbereitschaft.« Die Bewohner im StattHaus gehören verschiedenen Pflegestufen an. Deshalb merkt man einigen so gut wie gar nicht an, dass das Gehirn nicht mehr regelgerecht arbeitet, anderen hingegen schon auf den ersten Blick


Die Hans und Ilse Breuer-Stiftung

Die als »Stiftung des Jahres 2016 in Hessen« ausgezeichnete Hans und Ilse Breuer-Stiftung wurde im Jahr 2000 von dem Unternehmer Hans Breuer gegründet. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebenssituation von Demenz­kranken und ihren Angehörigen entscheidend zu verbessern. Aus diesem Engagement heraus ent­wickelte sich das StattHaus in Offenbach am Main als Begegnungsstätte für Menschen mit Demenz und für gesunde Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen für das Thema interessieren.

Zur Website der Stiftung: https://www.breuerstiftung.de/ 




Eine lebendige Ge­meinschaft stärkt auch die Seele der Bewohner.

Fotos: Frank Rutowicz/StattHaus Offenbach/ Joel Charbonneau


Zum Bleiben gekommen

Wer ins StattHaus einzieht, ist gekommen, um bis ans Ende seiner Tage zu bleiben. Den meisten fällt der Anfang nicht ganz leicht. Man sei auf Urlaub, mutmaßen Neulinge, verstehen nicht, was sie hier sollen und müssen immer wieder von neuem begreifen, dass das StattHaus nun ihre Heimat ist. Da hilft es sehr, dass die Mitarbeiter des Pflegeteams jeden Einzelnen dort abholen, wo er steht, ihn so annehmen, wie er ist, und seinen Belangen mit Ernsthaftigkeit begegnen. /


Was eine Demenz-WG ausmacht

Als Alternative zur stationären Betreuung und Pflege hat sich das Konzept von selbst verwalteten, ambulant betreuten Wohngemeinschaften etabliert. Es eignet sich besonders für Menschen:

  • die Wert auf eine möglichst selbstbestimmte und eigenständige Lebens- und Haushaltsführung legen,
  • die Wohnen und eine notwendige Versorgung in einer überschau­baren Gruppengröße gegenüber einer großen stationären Einrichtung bevorzugen
  • deren Angehörige oder rechtliche Betreuer gemeinsam mit anderen maßgeblich an der Begleitung teilhaben und in der Verantwortung bleiben möchten

Im Mittelpunkt steht ein Alltag, wie er aus dem häuslichen Umfeld bekannt ist. Notwendige Unterstützungsleistungen (Hauswirtschaft, Betreuung, Pflege, Sonstiges) werden von den Mietern/Angehörigen und recht­lichen Betreuern je nach Bedarf organisiert beziehungsweise »eingekauft«, wie in einem üblichen privaten Haushalt. Ein ambulanter Betreuungs-/Pflegedienst übernimmt in Abstimmung mit den Angehörigen notwendige Begleitaufgaben. Je nach verbliebenen Kompetenzen führen die betroffenen Bewohner Tätigkeiten des Alltags unter Anleitung der Betreuungspersonen durch. Jeder soll in die Lage versetzt werden, gemäß seinen verbleibenden Fähigkeiten und Interessen solange wie möglich Normalität erleben zu können. Selbst verwaltete ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz bieten die Chance, den zunehmenden Hilfe- und Versorgungsbedarf eigenverantwortlich und gemeinschaftlich zu regeln und zu meistern.

Aus: www.demenz-wg-hessen.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2017

 

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