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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Gelassenheit statt Druck

Wie Kinder stressfrei sauber werden


Von Isabel Weinert / Damit Kleinkinder Harndrang und großes Geschäft bewusst steuern können, braucht das Gehirn eine gewisse Reife. Deshalb bringt es Eltern auch nichts, von ihren Kindern so früh wie möglich zu erwarten, dass es ohne Windel geht. Im Gegenteil: Gelassenheit statt Druck führt deutlich stressfreier zum Erfolg. Über den Umgang mit möglichen Problemen berichtet Astrid Sult, Diplom-Sozial­pädagogin, im Gespräch mit PTA-Forum.

 

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PTA-Forum: Manche Eltern erzählen voller Stolz: »Ihr ward mit zwei Jahren sauber.« Kann das stimmen, ist das sinnvoll und erstrebenswert?

Sult: Sicherlich gibt es viele Erziehungsweisheiten, die uns unsere Eltern überliefern. »Lass es schreien, das kräftigt die Lungen!«, ist auch so ein Satz, den wir oft von älteren Generationen hören. Jede Wahrheit hat jedoch ihre Zeit, und in punkto Sauberkeitsentwicklung hat sich in den letzten Jahren eine Menge getan. Neues Wissen über die kindliche Entwicklung eröffnet uns auch neue Möglichkeiten, mit Kindern umzugehen. Erziehung ist heute mehr auf Kooperation ausgerichtet. Der Übergang vom Wickelkind zum selbstständigen Auf-die-Toilette-gehen ist ein enorm wichtiger Entwicklungsschritt. Für Kinder ist er mit Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit verknüpft, also mit dem Gefühl, groß zu sein und etwas schon selbst zu können.




Foto: iStock/Alija


Von ganz alleine und rechtzeitig zur Toilette zu gehen, sich selbstständig zu entleeren und zu säubern, wirkt sich als großer Entwicklungsschub aus. Ein Kind, dem bewusst wird, dass es auch ohne Windel auskommt, will sich bald auch selbst anziehen, waschen, alleine essen und so weiter. Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, den Entwicklungsstand des Kindes im Blick zu behalten, seine Signale sensibel wahrzunehmen, feinfühlig darauf zu reagieren und es achtsam zu begleiten.

PTA-Forum: Gibt es einen idealen Zeitpunkt, um Kindern den Umstieg von der Windel auf die Toilette zu erleichtern?

Sult: Der ideale Zeitpunkt ist dann, wenn die Eltern erste Anzeichen beim Kind erkennen. Die Meldung »Hab macht« zeigt zum Beispiel, dass das Kind bemerkt, wenn es in die Windel gemacht hat. Auch wenn Kinder ihr Spiel unterbrechen, kurz inne halten und dann ihre Tätigkeit wieder aufnehmen, kann das ein Zeichen dafür sein, dass sie merken, was im unteren Körperbereich gerade passiert ist.

PTA-Forum: Wie erkenne ich, ob mein Kind reif genug ist?

Sult: Die Sauberkeitsentwicklung verläuft als Prozess, der mit dem Erlernen des Laufens oder des Sprechens verglichen werden kann. Dieser Reifungsprozess ist ein Ergebnis der körperlichen und geistigen Entwicklung des Kindes. Er kann zwei bis vier Jahre dauern und endet mit der kontrollierten Blasen- und Darmentleerung. Eine volle Blase nehmen die meisten Kinder zwischen dem 18. und dem 24. Monat wahr.

PTA-Forum: Töpfchen oder Toilette – hat eines der beiden Vorteile?

Sult: Nein, es geht ja nicht um die Form des Topfes oder der Toilette, sondern darum, dass das Kind versteht, was in seinem Körper passiert. Bunte Töpfe mit Musik sehen zwar lustig aus, manche machen sogar Töne, der Sinn des Geschäftes erschließt sich dem Kind dadurch jedoch nicht wirklich.

PTA-Forum: Wie sollten Eltern am besten vorgehen, um möglichst keinen Druck aufzubauen?

Sult: Kinder lernen durch Nachahmung und Motivation. Die ersten Schritte geschehen oft, wenn das Kind mit der Mutter oder dem Vater gemeinsam auf die Toilette geht und seine Fähigkeiten ohne Zwang spielerisch ausprobieren darf. Die ersten Sitzungen können ruhig mit Hose und Windel stattfinden. Alle Kinder wollen groß werden und ahmen deshalb die Erwachsenen nach. Der spielerische Zugang ermöglicht Kindern, was sie gerne machen wollen, selbst zu steuern, um es irgendwann dann auch zu können.

PTA-Forum: Immer wieder geht etwas daneben. Mit welcher Reaktion helfen Eltern dem Kind? Welche sind fehl am Platz?

Sult: Alle Aktionen, die das Kind maßregeln, sind nicht angebracht. Das Kind soll eine positive Verknüpfung zwischen seinen eigenen Körperfunktionen und der eigenen Autonomie herstellen. Etwas selbst abzugeben, sollte freiwillig geschehen und nicht unter Druck. Druck erzeugt gerade hier Gegendruck, daher sollten Eltern ihr Kind weder tadeln noch strafen. Verständnisvoll miteinander sprechen, vormachen, motivieren und unabhängig vom Ergebnis loben – das kann den Kindern hier helfen.

PTA-Forum: Wie verhindern Eltern, dass sich aus dem Thema Trockenwerden ein Machtkampf entwickelt?

Sult: Das Trockenwerden ist völlig ungeeignet als Machtkampf-Platz zwischen Eltern und Kindern. Vielmehr wollen hier meist viele Personen mitreden. Die Oma sagt vielleicht mit leicht mahnendem Unterton: »Mit einem Jahr warst du schon trocken!« Das setzt die Eltern dann unter Druck. Eltern wollen natürlich das Beste für ihre Kinder, aber auch sie sind Kinder ihrer Eltern. Verhindern kann man das wohl nicht, da es solche Diskussionen schon immer gegeben hat. Meist haben Eltern aber ein sehr gutes intuitives Gespür dafür, was ihren Kindern gut tut und was nicht. Dem sollten sie vertrauen. Die individuelle Entwicklung des Kindes ist hier maßgebend und richtungsweisend.

PTA-Forum: Gibt es einen Anhaltspunkt, ab wann auch nachts die Windel nicht mehr nötig ist?

Sult: Wenn die Windel morgens trocken ist, kann man sie sicherlich nachts weglassen. Es gibt auch Kinder, die ihren Eltern mitteilen, dass sie keine Windel mehr wollen. Auch das ist ein guter Zeitpunkt. Wichtig ist hier, dem Kind zu vertrauen und seine Autonomie zu beachten.

PTA-Forum: Warum werden manche Kinder wieder rückfällig, wenn ein besonderes Ereignis eintritt, wie etwa die Geburt eines Geschwisterchens?

Sult: Kindliche Entwicklung verläuft nicht linear. Es geht nicht immer nur vorwärts, sondern manchmal auch einen Schritt zurück. Manche Erwachsene bekommen bei besonderen Ereignissen, die sie unter Stress setzen, Kopfschmerzen oder andere psychosomatische Beschwerden. Kinder reagieren dann oft über ihre Blase. In solchen Fällen kann man sie tatsächlich als »Sprechblase« bezeichnen. Zuwendung und Verständnis helfen dem Kind in einer solchen Situation am ehesten.

PTA-Forum: Spätestens, wenn der Besuch im Kindergarten ansteht, und das Kind noch Windeln braucht, steigt der Druck bei den Eltern, weil viele Kindergärten trockene Kinder voraussetzen. Wie sollen sie am besten mit dieser Situation umgehen?

Sult: Dem möchte ich widersprechen. Viele Kindergärten setzen nicht trockene Kinder voraus, sondern schauen auf deren individuelle Entwicklung. Insofern ist es wichtig, schon beim Aufnahmegespräch mit der Kita-Leiterin oder der Gruppenerzieherin ins Gespräch zu kommen, wie dort die Phase des Trockenwerdens begleitet wird. Eltern und Erzieherinnen sollten hier an einem Strang ziehen. Alles andere verunsichert das Kind. Eltern kennen ihr Kind sicher am besten und Erzieherinnen sind die pädagogischen Profis. Sich miteinander auszutauschen, ist hier das A und O.

PTA-Forum: Was hilft Kindern, die schon weit über das Windelalter hinaus sind und nachts immer noch oder wieder einnässen?

Sult: Vom pädagogischen Standpunkt aus hilft diesen Kindern sicherlich am ehesten Verständnis, Strafmaßnahmen oder Sanktionen hingegen nicht. Nässen ältere Kinder noch ein, ist das meist nicht nur ein Problem des Kindes. Häufig gibt es etwas in seinem Umfeld, das den Prozess des Trockenwerdens stört beziehungsweise nicht in Gang kommen lässt. Diese Zusammenhänge herauszufinden, ist oft sehr kleinteilige Arbeit. Gespräche und Spiele mit dem Kind können helfen. Machen sich die Eltern jedoch große Sorgen, sollten sie eine Erziehungsberatungsstelle aufsuchen oder sich vertrauensvoll an einen Arzt wenden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2017

 

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