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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Gebärmuttersenkung

Kampf gegen die Schwerkraft


Von Carina Steyer / Schätzungen zufolge leidet ein Drittel der Frauen an einer Gebärmuttersenkung. Die Betroffenen sollten rechtzeitig einen Arzt aufsuchen, damit er die Erkrankung schon in einem frühen Stadium behandeln kann.

 

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Normalerweise liegt die Gebärmutter stabil zwischen Harnblase und Rektum im kleinen Becken. Bei den meisten Frauen zeigt sie nach vorne in Richtung Blase. Sind Blase und Rektum jedoch gleich­zeitig gefüllt, wird die Gebärmutter angehoben. Eine gefüllte Blase richtet die Gebärmutter auf, ein gefülltes Rektum drängt sie nach vorne. Verschiedene Bänder, die von der Gebärmutter zur Blase, zum Kreuzbein, zum Leistenkanal und zu den Seiten des kleinen Beckens ziehen, ermöglichen diese Beweglichkeit. Zusammen mit der Beckenbodenmuskulatur und Bindegewebsstrukturen bilden die Bänder einen festen Halteapparat, der die Gebärmutter ebenso wie Blase und Darm gegen die Schwerkraft im kleinen Becken hält.




Foto: iStock/Robert Deal


Stabilisieren die genannten Strukturen die Gebärmutter nicht mehr ausreichend, sinkt sie in Richtung Scheide ab. Mediziner sprechen von einer Gebärmuttersenkung (Descensus uteri). Damit dies geschieht, müssen in der Regel mehrere Faktoren zusammenkommen: Das Bindegewebe überdehnt sich, wird zerstört und erschlafft, die Kraft des Beckenbodenmuskeln lässt nach und die intraabdominalen Druckverhältnisse verändern sich in Folge einer Bauchmuskel- oder Beckenbodenschwäche.

Als größter Risikofaktor gelten Geburten. Studien haben gezeigt, dass Druck und Dehnung des Gewebes den wichtigsten Beckenbodennerv (Nervus pudendus) schädigen. Das beeinträchtigt die Beckenbodenmuskulatur dauerhaft. Je größer oder schwerer das Kind, umso wahrscheinlicher ist eine spätere Gebärmuttersenkung. Nach ein oder mehreren spontanen Geburten senkt sich die Gebärmutter im Laufe des Lebens bei etwa der Hälfte der Frauen. Weitere begünstigende Faktoren: Adipositas, chronischer Husten, etwa durch Asthma oder Rauchen, chronische Verstopfung, körperliche Arbeit, vor allem wiederholtes schweres Heben, Schwangerschaften, eine von der Norm abweichende Anatomie des Beckenbodens, familiäre Vorbe­lastung sowie Bindegewebsschwäche. Die Schwäche des Bindegewebes kann sogar bei Frauen, die noch nicht geboren haben, eine Gebärmuttersenkung hervorrufen. Zusätzlich steigt die Wahrscheinlichkeit mit dem Alter, denn der Estrogenmangel nach der Menopause beschleunigt den Abbau von Muskeln und Bindegewebe.

Unspezifische Symptome

Die ersten Symptome einer Gebärmuttersenkung machen sich bei den meisten Frauen schon früh bemerkbar. Allerdings­ sind diese derart unspe­zifisch, dass Betroffene sie gerade zu Beginn nicht ernst nehmen. Zu den häufigsten Symptomen zählen:

  • Druck nach unten,
  • Fremdkörpergefühl in der Scheide,
  • Ziehen im Unterbauch oder der Leistengegend,
  • Kreuzschmerzen, die sich im Liegen bessern.

Typischerweise spüren Frauen anfängliche Beschwerden nicht den ganzen Tag, und auch die Intensität kann variieren. Meist sind die Symptome abends stärker als morgens. Im Liegen lassen sie nach oder verschwinden ganz. Weil eine Gebärmuttersenkung fortschreitet, nehmen die Beschwerden mit der Zeit zu. Es treten Entzündungen auf, die mit verstärktem Ausfluss verbunden sind, sowie blutende Druckstellen am Gebärmutterhals. Im fortgeschrittenen Stadium wird der Gebärmuttermund am Scheideneingang spür- und sichtbar. Fällt die Gebärmutter teilweise oder vollständig aus der Scheide heraus, sprechen Mediziner von einem Gebärmuttervorfall (Prolaps uteri). Ärzte unterscheiden vier Erkrankungsgrade. Die einzelnen Stadien der Gebärmuttersenkung siehe auch Kasten auf der nächsten Seite.

Da Gebärmutter, Blase und Enddarm per Bindegewebe miteinander verbunden sind, gehen mit der Gebärmuttersenkung häufig Blasenbeschwerden wie Stress- oder Belastungsinkon­tinenz, Harnverhalt, häu­figes Wasserlassen, Harnwegsinfekte sowie Verstopfung einher. Zu Beginn funktionieren Harnblase und Darm meist noch normal. Bei einer ausgeprägten Gebärmuttersenkung entleeren sich Blase und Darm oft nur noch unvollständig.

Nur bei Beschwerden

Früher entschieden Ärzte anhand des anatomischen Ausmaßes der Senkung darüber, ob sie die Frau behandelten oder nicht. Heute orientieren sie sich in erster Linie an den Beschwerden der Patientin und deren Lebensqualität. Das Therapieziel hat sich damit von der anatomischen Korrektur hin zu den Bedürfnissen der Patientin verschoben. Auch bei bereits vorliegender Senkung raten Ärzte von therapeutischen Maßnahmen ab, solange die Patientin nicht leidet. Rein prophylaktisch, etwa um einer Verschlimmerung vorzubeugen, operieren Mediziner heute nicht mehr.

Zur Behandlung der Gebärmuttersenkung können Ärzte zwischen zwei Möglichkeiten wählen: der konserva­tiven Therapie oder einer Operation. Grundsätzlich ziehen sie die konserva­tive Behandlung der operativen vor. Von konservativen Methoden profitieren vor allem Frauen, die noch (weitere) Kinder möchten, oder solche, bei denen eine Operation wegen internistischer oder chronischer Erkrankungen mit einem hohen Risiko behaftet ist. Dann heißt es, vorhandenes Übergewicht abzubauen, für eine geregelte Verdauung zu sorgen und Raucherhusten zu behandeln.


Vier verschiedene Grade

Die Gebärmuttersenkung wird nach dem Pelvic Organ Prolapse Quantification System (POPQ-System) in vier Grade eingeteilt:

Grad I: Der Gebärmuttermund befindet sich noch mindestens einen Zentimeter oberhalb des Scheideneingangs, also noch innerhalb der Scheide.

Grad II: Der Gebärmuttermund befindet sich minus bis plus einen Zentimeter um den Scheideneingang.

Grad III: Der Gebärmuttermund ragt mehr als einen Zentimeter über den Scheideneingang hinaus.

Grad IV: Die Gebärmutter stülpt sich durch die Scheide nach außen = vollständiger Vorfall.


Unter Anleitung eines Physiotherapeuten lernen die Patientinnen gezieltes Beckenbodentraining. Vor allem leichte Senkungsbeschwerden lassen sich so bereits gut lindern. Zusätzlich können die Beckenbodenmuskeln elektrisch stimulieren oder Vaginalkonen unterschiedlichen Gewichts in die Scheide eingesetzt werden. Die Konen unterstützen das Training des Beckenbodens.

Ebenfalls zu den konservativen Maßnahmen gehören Pessare, die in die Scheide eingesetzt werden und die Gebärmutter abstützen. Die würfel-, ring- oder schalenförmigen Pessare bestehen meist aus Silikon oder Kunststoff. Wichtig ist, sie individuell anpassen zu lassen, denn die richtige Größe entscheidet über den positiven Effekt. Ein zu kleines Pessar stützt die Gebärmutter nicht, im Gegenteil, es rutscht unter Umständen sogar aus der Scheide heraus. Ein zu großes Pessar kann Druckgeschwüre verursachen. Sitzt das Pessar richtig, ist es nicht mehr zu spüren. Die Patientin oder der Frauenarzt muss es regelmäßig wechseln und reinigen. Wer ein Pessar richtig pflegt und benutzt, spürt in der Regel keine Nebenwirkungen. Häufig kommt eine Pessartherapie vor einer geplanten Operation zum Einsatz. Allerdings wendet etwa die Hälfte der Frauen das Pessar nicht konsequent an. Experten vermuten, dass viele die Behandlung nur als Übergangslösung ansehen.




Foto: iStock/OcusFocus


Durch die konservative Therapie lassen sich Symptome der Gebärmuttersenkung, wie das Druckgefühl oder Inkontinenz, lindern und die Beschwerden schreiten dann langsamer voran oder treten erst gar nicht auf. Die Gebärmuttersenkung bleibt jedoch bestehen.

Dauerhafte Heilung

Frauen mit starken Beschwerden hilft nur die Operation. Dabei wählt der Arzt die Operationsmethode nach den Beschwerden, dem Leidensdruck, Alter, Kinderwunsch sowie der körperlichen Verfassung der Patientin aus. Früher empfahlen Mediziner standardmäßig, die Gebärmutter zu entfernen. Doch wirkte sich dieser Eingriff nicht auf den Therapieerfolg aus. Die Gebärmutter zu erhalten, hat hingegen einige Vorteile: Das Operationstrauma fällt geringer aus, die Operationszeit verkürzt sich, Komplikationen treten seltener auf. Solange keine weiteren Gebärmuttererkrankungen bestehen, die Patientin nicht ausdrücklich wünscht, dass sie entfernt wird und noch ein Kinderwunsch besteht, operieren Mediziner in der Regel gebärmuttererhaltend. Während der Operation legen sie ein rechteckiges Netz in das kleine Becken und fixieren es dort. Das Netz unterstützt den Halteapparat der Gebärmutter und verhindert künftig, dass das Organ absinkt. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2017

 

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