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BERATUNGSPRAXIS

Blasenentzündung

Neue Wege in der Therapie


Von Ulrike Viegener / Unkomplizierte Blasenentzündungen heilen oft spontan aus und erfordern nicht zwingend ein Antibiotikum. Fragen Betroffene in der Apotheke um Rat, ist das eine gute Gelegenheit, sie umfassend über Ursachen, Symptome und Behandlungsoptionen zu informieren.

 

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Die Symptome einer akuten Blasenentzündung (Zystitis) sind äußert unan­genehm: brennende Schmerzen beim Wasserlassen und ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen. Dann aber kommen nur ein paar Tröpfchen, und der Gang zur Toilette bringt keine Erleichterung, sondern erst recht Schmerzen und Krämpfe mit sich.




Foto: Shutterstock/ksuklein


95 Prozent der Erkrankten sind Frauen. Leiden sie an einer Blasenentzündung , wollen sie nur das eine: die Symptome so schnell wie möglich loswerden. Das gelingt am besten mit Antibiotika. Fünf bis sechs Stunden nach der ersten Tablette nehmen die Beschwer­den oft schon spürbar ab. Aller­dings wissen Experten heute, dass nicht jede Blasenentzündung ein Antibiotikum braucht. Nicht nur das: Laut einer 2016 publizierten Studie sind Antibioti­ka sogar bei rund zwei Drittel aller unkomplizierten Blasenentzündungen entbehrlich. Vor dem Hintergrund zunehmender Resistenzen ein wichtiges Ergebnis.

An der Studie, bei der Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Bremen sowie der Medizinischen Hochschule Hannover federführend waren, nahmen rund 500 Patientinnen mit akuter unkomplizierter Blasenentzündung teil. Die Frauen erhielten drei Tage lang entweder einmal 3 g Fosfomycin als »single shot« oder dreimal 400 mg Ibuprofen. Durch die zusätz­liche Placebo-Gabe wussten weder die Patientinnen noch die Ärzte Bescheid, wer mit welchem Medikament behandelt wurde. Verschlechterten sich die Symptome, erhielten die Patientinnen beider Gruppen zusätzlich ein Anti­biotikum.

Bei zwei Drittel der mit Ibuprofen behandelten Patientinnen heilte die Blasen­entzündung aus, ohne dass der Arzt ein Antibiotikum geben musste. Ein zusätzliches Antibiotikum zur Therapie der Blasenzündung beziehungsweise von Komplikationen war in der Fosfomycin-Gruppe 34-mal und in der Ibuprofen-Gruppe 81-mal erforderlich. Unterm Strich lag der Antibiotikaeinsatz in der Ibuprofen-Gruppe damit um 66,5 Prozent niedriger als in der Vergleichsgruppe.

Allerdings war das Risiko einer Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) durch aufsteigende Keime in der Ibuprofen-Gruppe erhöht: Es traten fünf Fälle dieser Komplikation auf, im Vergleich zu nur einem Fall nach einma­liger Gabe von Fosfomycin. Außerdem verzeichneten die Wissenschaftler in der Ibuprofen-Gruppe einen Trend zu mehr Rückfällen innerhalb von zwei Wochen. Und noch etwas gehört in die Waagschale: Die mit Ibuprofen behandelten Frauen kämpften im Schnitt einen Tag länger mit den lästigen Blasenbeschwerden.

Die zwei Botschaften der Studie lauten also: Die Mehrzahl der Patientinnen mit unkomplizierter Zystitis und leichten bis mäßigen Beschwerden kommt ohne ein Antibiotikum aus. Und zweitens: Wenn alle Patientinnen, die diese Kriterien erfüllen, initial kein Antibiotikum erhielten, muss als »Preis« mit mehr und stärkeren Symptomen und einem höheren Komplikationsrisiko gerechnet werden.

Aufsteigende Infektion

Eine treffsichere Aussage, welche Frauen auch bei leichteren Beschwerden besser gleich ein Antibiotikum einnehmen sollten, ist nicht möglich. Auf jeden Fall geht es nicht ohne Antibiotikum, wenn mit der Blasenentzündung oder in deren Verlauf Blut im Urin und Fieber auftreten. Fieber ist meist ein eindeutiges Indiz, dass die Keime bereits die oberen Harnwege erreicht haben. Auch Patientinnen mit einer Pyelonephritis in der Vorgeschichte sind Kandidatinnen für eine sofortige Antibiotikatherapie.

Verursacht werden Blasenentzündungen in aller Regel durch verschleppte Darmbakterien, Escherichia coli und Enterokokken gelten als Hauptauslöser. Aber auch sexuell übertragene Keime wie Gonokokken – die Erreger des Trippers – kommen als Verusacher in Frage. In einem solchen Fall braucht auch der Partner eine medikamentöse Therapie.

Häufiger Sex führt mitunter zu Schleimhautreizungen, schwächt die lokalen Abwehrmechanismen und erhöht so das Zystitisrisiko. Dieses Phänomen wird als »Honeymoon«-Zystitis bezeichnet. Vorbeugend hilft es, vor dem Sex ein großes Glas Wasser zu trinken und unmittelbar danach die Blase zu entleeren sowie den Genitalbereich mit Wasser abzuspülen.

Übertriebene Intimhygiene schwächt allerdings die Schleimhautbarriere. Frauen, die öfter an Blasenentzündungen erkranken, verwenden am besten Wasser oder schonende Reinigungsmittel. Sich nach dem Toilettengang im Bidet per Duschstrahl zu waschen, verringert im Gegensatz zum Wischen das Risiko, dass Keime in die Scheide gelangen. Gewischt wird immer von vorne nach hinten und niemals umgekehrt.

Estrogenmangel begünstigt ebenfalls Blasenentzündungen, weshalb Frauen in und nach der Menopause vermehrt daran leiden. Fehlt Estrogen, »gedeihen« die Laktobazillen der Scheide nicht. Diese physiologischen Bakterien sorgen für das saure Scheidenmilieu, das dazu beiträgt, potenziell pathogene Bakterien abzuwehren. Kommt ein Estrogenmangel als Ursache für immer wiederkehrende Blasenentzündungen in Frage, helfen vielen Frauen estrogenhaltige Cremes oder Zäpfchen.

Goldrutenkraut und Co.

Bei akuter Blasenentzündung, die nicht mit einem Antibiotikum behandelt wird, hilft es, mehr als sonst zu trinken, am besten Wasser oder warmen Tee. Mehr als zwei Liter Flüssigkeit sollten es jedoch nicht sein, denn zu reich­liches Trinken kann den Mineralstoffhaushalt des Körpers verändern. Wer ein Antibiotikum einnimmt, sollte sich allerdings mit der Trinkmenge beschränken. Das Medikament wird sonst zu stark verdünnt und zu rasch wieder ausgeschieden, was seine Wirkung schmälern kann.


Süße Prophylaxe

D-Mannose – ein Einfachzucker, der kaum verstoffwechselt, sondern fast vollständig über den Urin ausgeschieden wird – ist offenbar in der Lage, Harnwegsinfekte effektiv zu verhindern. Das hat eine bereits 2013 publizierte kontrollierte Studie gezeigt: Die regelmäßige Einnahme von täglich 2 g D-Mannose in einem Glas Wasser erwies sich bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten als ebenso effektiv wie eine Prophylaxe mit täglich 50 mg des Antibiotikums Nitrofurantoin. Nach sechs Monaten war in der D-Mannose-Gruppe bei 14,6 Prozent der Patientinnen erneut ein Harnwegsinfekt aufgetreten. In der Nitrofurantoin-Gruppe war dies bei 20,4 Prozent der Frauen der Fall, im Vergleich zu 61 Prozent in der unbehandelten Kontrollgruppe. Die Wirkung der D-Mannose – die übrigens auch in Cranberries enthalten ist – beruht darauf, dass der Zucker an Bakterien bindet und so deren Andocken an die Blasenschleimhaut verhindert.


Unterstützend wirken harntreibende Tees, die die vermehrte Flüssigkeitsaufnahme jedoch nicht ersetzen können. Menschen mit Ödemen infolge einer Herz- oder Niereninsuffizienz sollten auf die Durchspültherapie mit Phytoaquaretika verzichten.




Wärmender Kräutertee entspannt, das ist auch bei einer Blasenentzündung hilfreich.

Foto: Shutterstock/lithian


Eine bewährte Kräuterkombination in harntreibenden Tees sind Goldrutenkraut (Solidago virgaurea) und Birkenblätter (Betula pendula beziehungsweise pubescens). Die oberirdischen, trockenen Teile der Goldrute enthalten Flavonoide, Triterpensaponine und Phenolglykoside. Abgesehen von der aquaretischen Wirkung werden den Inhaltsstoffen der Goldrute entzündungshemmende und krampflindernde Eigenschaften zugeschrieben. Die harntreibende Wirkung von Birkenblättern fällt geringer aus, weshalb diese meist mit Goldrutenkraut oder Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense) kombiniert werden. Auch Hauhechel (Ononis spinosa) zählt zu den Phytoaquaretika. Dessen Wurzelinhaltsstoff Spinonin soll zudem antibakterielle Eigenschaften besitzen.

Häufig werden in Blasen- und Nierentees auch Blätter der Bärentraube (Arctostaphylus uva-ursi) verwendet oder deren Extrakte in Tabletten oder Kapseln angeboten. Sie enthalten Arbutin, dessen aktiver Metabolit Hydrochinon mild antibakteriell wirkt. Hydrochinon wirke nur im schwach basischen Urin richtig, hieß es lange. Ein Credo, das heute nicht mehr gilt. Der pH-Wert spielt wohl doch nur eine geringe Rolle.Bakterien mögen es allerdings nicht sauer, weshalb Ärzte bei rezidivierenden Blasenentzündungen empfehlen, den pH-Wert zu senken. Das gelingt zum Beispiel mit Acimethin®.

Wegen des Arbutingehalts sollen Bärentraubenblätter nicht länger als eine Woche und nicht öfter als fünfmal im Jahr angewendet werden. Aufgrund des hohen Gerbstoffgehalts reagieren vor allem empfindliche Menschen nicht selten mit Magen-Darm- Beschwerden, Übelkeit und Erbrechen. Auch das sollte im Beratungsgespräch erwähnt werden. Zu Bärentraube siehe auch den OTC-Beratungscheck.

Senföle als pflanzliche Antibiotika

Zunehmend gut belegt sind die antibakteriellen Effekte pflanzlicher Senföle (Isothiocyanate), die in der Erfahrungsmedizin bereits sehr lange genutzt werden. Viele Kreuzblütler bilden Senfölglykoside als Fraßschutz: Bei Verletzung der Zellen werden sie enzymatisch in die antibakteriell wirksamen Isothiocyanate umgewandelt. Das Kombinationspräparat Angocin® Anti-Infekt N, das hochdosierte Senföle aus Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) und Meerrettich (Armoracia rusticana) enthält, ist sowohl zur unterstützenden Behandlung der akuten Zystitis als auch zur Rezidiv­prophylaxe bei häufig wiederkehrenden Harnwegsinfekten geeignet. Die Senföle werden gut resorbiert und reichern sich nachweislich stark in den Harnwegen an (siehe auch Arzneipflanzen-Porträt:Kapuzinerkresse).




Foto: Shutterstock/Dionisvera


Cranberries: wirksam oder nicht?

Viele Patientinnen mit immer wie­derkehrenden Blasenentzündungen schwören auf Cranberries. Trotz dieser guten Erfahrungen in der Praxis bleibt die Studienlage jedoch kontrovers. Ende 2016 wurde eine Studie mit ne­gativem Ausgang an Pflege­heim­bewohnerin­nen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten publiziert. Keine Evidenz für eine präventive Wirkung, so schlussfolgern die Autoren der Studie, die zwar unter placebokontrollierten Bedingungen, aber mit einer kleinen Fallzahl durchgeführt wurde. Die Patientinnen der Verumgruppe hatten ein Jahr lang täglich zwei Cranberry-­Kapseln mit insgesamt 72 mg Proanthocyanidin eingenommen. Andere klinische Studien sprechen für eine prophylaktische Wirkung der Cranberries. In experimentellen Studien wurde zudem gezeigt, dass Inhaltsstoffe der Cranberries das Andocken von E. coli-Bakterien an die Blasenwand verhindern können. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2017

 

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