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Urogenitaltrakt

Alles im Fluss


Von Clara Wildenrath / Blutreinigung, Regulation des Flüssigkeitshaushalts, Hormonproduktion, Sexualität und Fortpflanzung: Der Urogenitaltrakt erfüllt vielfältige Aufgaben im Körper.

 

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Zum Urogenitalsystem gehören, wie der Name schon andeutet, einerseits der Harntrakt und andererseits die Geschlechtsorgane. Weil beide in der Embryonalentwicklung aus einer gemeinsamen Anlage entstanden sind und anatomisch in enger Nachbarschaft zueinander liegen, fassen Mediziner sie als ein Organsystem zusammen. Auch Erkrankungen können leicht von einer Komponente auf die andere übergreifen.




Foto: iStock/MoustacheGirl


Hauptaufgabe des Harntrakts ist es, Abfallprodukte des Stoffwechsels und Giftstoffe auszuscheiden. Die zentrale Rolle spielen dabei die Nieren: Wie ein körpereigenes Klärwerk filtern sie das Blut. Knapp 200 Milliliter – etwa ein Wasserglas voll – fließen pro Minute durch sie hindurch. Die beiden bohnenförmigen, circa 12 Zentimeter langen Organe liegen rechts und links der Wirbelsäule im hinteren Bauchraum. Jede Niere besteht aus etwa einer Million Untereinheiten, den Nephronen. In deren Kopfteil, der sogenannten Bowman-Kapsel, findet die erste Stufe der Blutreinigung statt. Hier sitzt ein dichtes Knäuel feiner Blutgefäße (Glomerulus), aus denen die Flüssigkeit durch die Gefäßwände in das Innere der Kapsel gepresst wird. Von diesem sogenannten Primärharn produzieren die Nieren täglich etwa 180 Liter. Er enthält aber nicht nur die harnpflichtigen Stoffe – also Substanzen, die mit dem Urin ausgeschieden werden sollen, sondern auch beispielsweise viele Zucker, Eiweißbausteine und Fettsäuren, die der Körper noch braucht. Diese gelangen anschließend auf der Passage durch das kilometerlange System der Nierenkanälchen zurück in den Blutkreislauf. Auch der größte Teil des Wassers wird dem Primärharn auf diesem Weg wieder entzogen. Übrig bleiben zum Schluss etwa 1 bis 1,5 Liter Urin pro Tag. Er sammelt sich zunächst in den Nierenbecken und gelangt dann über die Harnleiter in die Blase. Diesen Prozess der Harnproduk­tion und -ausscheidung durch die Nieren nennen Mediziner Diurese.

Urin besteht zu etwa 95 Prozent aus Wasser. Darin gelöst sind in erster Linie Harnstoff und Kreatinin als Endprodukte des Eiweiß- und Muskelstoffwechsels sowie Harnsäure aus dem Abbau der Erbsubstanz DNA. Auch Kochsalz und organische Säuren werden mit dem Urin ausgeschieden. Seine charakteristische Färbung erhält er durch stickstoffhaltige gelbe Farbstoffe, die beim Abbau von Hämoglobin entstehen. Überschreitet die Konzentration einzelner Substanzen bestimmte Grenzwerte, können sich in den Nieren oder der Blase Harnsteine bilden.

Die Nieren sind aber nicht nur für die Blutreinigung und die Harnproduktion zuständig. Sie sorgen auch für einen­ geregelten Wasser-, Mineralstoff- und Säure-Basen-Haushalt des Körpers: Nur was im Überschuss vorhanden ist, scheiden sie aus. Bei einem Flüssigkeitsmangel produzieren sie weniger Urin, damit das Blut nicht eindickt. Darüber hinaus bilden sie zwei wichtige Hormone: das Renin, das eine wichtige Rolle bei der Regulation des Blutdrucks spielt, und das Erythropoietin, das die Bildung von roten Blut­körperchen stimuliert und dadurch den Sauerstoffgehalt des Bluts verbessert. Zudem sind die Nieren zuständig für die Umwandlung von Vitamin D in seine hormonell wirksame Form Calcitriol. Calcitriol fördert die Aufnahme von Calcium aus der Nahrung und die Knochenmineralisierung.


Cystatin C – ein ganz genauer Marker

Unter den nicht-invasiven Verfahren hat Cystatin C die höchste di­agnostische Empfindlichkeit, um eine eingeschränkte Glomeruläre Filtrationsrate anzuzeigen. Es handelt sich bei der Substanz um einen Cystein-Protease-Inhibitor, der konstant gebildet, von der gesunden Niere filtriert, rück­resorbiert und abgebaut wird. Die Serumkonzentration hängt ausschließlich von der GFR ab und bleibt unbeeinflusst von Entzündungen, Tumorerkrankungen und Muskelmasse. Der Normbereich von Cystatin C liegt unter 0,96 m/l.


Wie gut die Nieren ihre Funktion als Blutreiniger erfüllen, kann der Arzt anhand der glomerulären Filtrationsrate, kurz GFR, beurteilen. Sie gibt das Volumen an Primärharn an, das pro Minute in den Nierenkörperchen gebildet wird. Allerdings wird die GFR nicht direkt gemessen, sondern näherungsweise berechnet. In diese Berechung gehen der Kreatinin-Serumspiegel sowie Alter und Geschlecht des Patienten mit ein. Bei Über-75-Jährigen, Schwangeren, stark unter- oder übergewichtigen oder sehr muskulösen Menschen gilt die GFR als Diagnoseparameter jedoch als unzuverlässig.




Das komplexe System des Urogenitaltrakts von Mann und Frau entwickelt sich bereits im Embryo, indem einige Gene geschlechtsspezifisch aktiv sind.

Grafik: Stephan Spitzer


Am leistungsfähigsten sind die Nieren um das 20. Lebensjahr herum; ab 40 Jahren nimmt die GFR jährlich etwa um 1 ml/min ab. Manche Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, entzündliche Nierenerkrankungen sowie die längerfristige Einnahme von Schmerzmitteln schränken die Funktionsfähigkeit der Nieren zusätzlich ein. Anfangs verläuft die Niereninsuffi­zienz meist ohne Beschwerden, später kann sie Symptome wie Juckreiz, geschwollene Augenlider und Schläfrigkeit verursachen, häufig riecht der Urin dann auch anders. Aufgrund der eingeschränkten Hormonproduktion können sich Blutbild und Blutdruck verändern sowie Knochenschmerzen auftreten. Die Therapie beschränkt sich darauf, einer weiteren Verschlechterung der Nierenfunktion entgegen zu wirken, zum Beispiel durch bessere Blutzucker- und Blutdruckkontrolle, Gewichtsabnahme, eiweiß- und kochsalzreduzierte Ernährung sowie an die Nierenfunktion angepasste Trinkmengen. Im Endstadium, dem Nierenversagen, ist eine Nierenersatztherapie mit Dialyse oder eine Organtransplantation notwendig.

Der Gang zur Toilette

Der in den Nieren gebildete Urin wird in der Harnblase gesammelt. Ihr Fassungsvermögen beträgt im Schnitt etwa einen halben bis dreiviertel Liter, variiert aber von Mensch zu Mensch erheblich. Mit zunehmender Füllung dehnt sich die glatte Muskelschicht der Blase aus, und der Innendruck steigt. Diesen Dehnungsreiz registrieren die Nervenendigungen in der Blasenwand und leiten ihn an das Rückenmark weiter. Von dort gelangt das Signal ins Gehirn – spürbarer Harndrang ist die Folge. Bei manchen Menschen passiert das schon bei einer Füllmenge von 150 Millilitern, bei anderen erst ab einem halben Liter oder mehr. Patienten mit Reizblase oder überak­tiver Blase empfinden schon bei geringerer Füllmenge einen starken Entleerungsreiz und müssen deshalb sehr häufig zur Toilette (Pollakisurie).

Normalerweise kann jeder trotz einer vollen Blase den Zeitpunkt des Wasserlassens willentlich beeinflussen. Für den Verschluss der Harnblase sind zwei Muskelringe verantwortlich, die Sphinkter. Der innere Sphinkter wird von den unteren Ausläufern der Blasenmuskulatur gebildet. Sein äußeres Pendant ist Teil des Beckenbodens, einer Muskelplatte, die den Bauchraum nach unten begrenzt. Während sich der innere Ringmuskel reflexartig entspannt, wenn sich die Harnblase zusammenzieht, unterliegt der äußere Sphinkter der bewussten Steuerung.

So kann jeder Gesunde also nicht nur bestimmen, wann sich seine Blase entleeren soll, sondern das Wasserlassen durch Zusammenkneifen des Beckenbodens jederzeit unterbrechen. Bei Säuglingen erfolgt die Blasenentleerung dagegen noch vollkommen reflexartig. Erst allmählich lernt das Kleinkind, diesen Vorgang zu kontrollieren.

Häufiges Problem Blasenschwäche

Geht bei Erwachsenen unwillkürlich Harn ab, spricht der Arzt von Inkontinenz. Er unterscheidet dabei zwischen Drang-, Stress- oder Belastungs- sowie Überlauf- und Reflexinkontinenz. Bei Menschen mit Dranginkontinenz ist der Harndrang plötzlich so stark, dass sie es nicht mehr bis zur Toilette schaffen. Sie tritt häufig in Kombination mit einer Reizblase oder bei einer Blasenentzündung auf. Bei Stress- oder Belastungsinkontinenz verlieren die Betroffenen dagegen durch einen erhöhten Druck im Bauchraum unfreiwillig Urin, beispielsweise beim Husten, Lachen oder schweren Heben. Oft entwickelt sie sich bei Frauen in Folge einer Beckenbodenabsenkung nach einer oder mehreren Geburten. Bei Männern ist die Ursache meist eine Schädigung des äußeren Sphinkters, zum Beispiel durch eine Prostataoperation. Manchmal treten diese beiden Inkontinenzformen auch in Kombination auf (Misch­­in­kontinenz). Die sogenannte Überlaufinkontinenz entsteht, wenn sich die Blase infolge einer Abflussstörung nicht mehr richtig entleeren kann. Häufigster Grund hierfür ist eine vergrößerte Vorsteherdrüse (Prostata) beim Mann. Einige neurologische Erkrankungen, zum Beispiel Multiple Sklerose, Parkinson oder Alzheimer, können zu einer sogenannten Reflex­inkontinenz führen, wenn die Nervenbahnen von der Blase zum Gehirn in ihrer Funktion eingeschränkt sind.

Etwa sechs bis acht Millionen Menschen, vor allem Frauen, leiden in Deutschland an unfreiwilligem Harnverlust. Schätzungen zufolge vertrauen sich jedoch nur etwa 40 Prozent ihrem Arzt an – obwohl der Leidensdruck oft sehr groß ist. Aus Scham vergraben sich viele in ihr Schicksal und hoffen, dass niemand etwas bemerkt. Doch in den meisten Fällen kann die Blasenschwäche mit ärztlicher Hilfe behoben oder zumindest deutlich gemildert werden.

Training, Medikamente oder Operation

Bei einer überaktiven Blase hilft manchmal bereits ein Verhaltenstraining, bei dem die Frau oder der Mann lernt, den Gang zur Toilette hinauszuzögern. Anticholinergika wie Oxybutynin und Trospiumchlorid hemmen die Kontraktionsfähigkeit des Blasenmuskels. Weil sie aber nicht nur an der Harnblase wirken, sondern an der glatten Muskulatur im ganzen Körper, treten als Nebenwirkungen oft Verstopfung oder Mundtrockenheit auf. Besser ver­träglich scheint der 2014 zugelassene beta-3-Rezeptor-antagonist Mirabegron (Betmiga®) zu sein. Wirken die Medikamente nicht ausreichend, kann der Arzt Botulinumtoxin direkt in die Blasenmuskulatur spritzen und so deren Aktivität mindern. In schweren Fällen besteht die Möglichkeit einer Operation, bei der ein Beckenboden-Schrittmacher eingesetzt wird (sakrale Neuromodulation).




Bei Schwangeren erhöht die Infektion mit ­Chlamydien das Frühgeburtsrisiko.

Foto: Shutterstock/Rabits


Erschlaffte Beckenbodenmuskulatur lässt sich – vor allem nach einer Schwangerschaft – oft schon durch gezielte Gymnastik wieder stärken und straffen. Für Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungs­inkontinenz ist auch das Antidepressivum Duloxetin (Yentreve®) zugelassen. Reichen alle konservativen Behandlungsmethoden nicht aus, kann eine sogenannte TVT-Operation die Blasenschwäche beheben: Dabei legt der Arzt in einem minimal-inva­siven Eingriff ein spannungsfreies Kunststoffband (engl.: Tension-free Vaginal Tape) um die Harnröhre. Dadurch wird diese angehoben und der Blasenverschluss verbessert.

Die moderne Medizin kann heute den meisten Inkontinenzpatienten helfen.­ Manche entscheiden sich jedoch gegen eine Therapie, weil sie Neben­wirkungen fürchten. Bei anderen bessert die Behandlung zwar die Beschwerden, aber führt nicht zu völlig­er Beschwerdefreiheit. In diesen Fällen tragen geeignete Inkontinenzprodukte aus der Apotheke dazu bei, dass die Betroffenen am gesellschaftlichen Leben und an sportlichen Aktivitäten teilnehmen können – ohne dass Außenstehende etwas von ihrer Blasen­schwäche merken. PTA und Apotheker können sie bei der Auswahl passen­der Produkte beraten.

Wie die Harninkontinenz sind auch Blasen­entzündungen eher ein »Frauenleiden« – Männer werden erheblich selte­ner davon geplagt. Der Grund dafür liegt im unterschiedlichen Bau des weiblichen und männlichen Harntrakts: Bei Frauen ist die Harnröhre nur etwa 3 bis 4 Zentimeter lang und mündet in unmittelbarer Afternähe; bei Männern ist sie vier- bis fünfmal länger. Pathogene Keime können daher bei Frauen viel leichter in die Harnblase aufsteigen. Typische Beschwerden bei einer Blasenentzündung (Zystitis) sind häufiger Harndrang und Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen.

Schwaches Immunsystem

In den letzten Jahren haben Wissenschaftler mit Hilfe moderner Labormethoden herausgefunden, dass die Blase – wie der Darm oder die Scheide – stets von verschiedenen Bakterienarten in relativ stabiler Zusammensetzung besiedelt ist. Zu einer Blasenentzündung kommt es erst, wenn »ortsfremde« Keime, beispielsweise aus dem Darm, einwandern und das körpereigene Immunsystem überfordert ist. Das kann beim Geschlechtsverkehr passieren, wenn die Harnröhrenschleimhaut mechanisch gereizt wird und Bakterien nach oben steigen können. Auch mangelnde Durchblutung bei einer Unterkühlung des Unterleibs, Reiz­ung durch übertriebene Intim­hygiene oder ein geschwächtes Immunsystem fördern die Vermehrung krankheitsverursachender Keime. Viel trinken hilft, die Blase und die Harn­röhre durchzuspülen und Bakterien auszuwaschen, bevor sie sich weiter ausbreiten können. Das kann sogar noch bei den ersten Symptomen der Zystitis oft Einhalt gebieten. Halten die Beschwerden länger als drei Tage an, verordnet der Arzt in der Regel Antibiotika (siehe Beitrag Blasenentzündung: Neue Wege in der Therapie).

Wird eine Blasenentzündung nicht rechtzeitig behandelt, besteht die Gefahr, dass die Bakterien über die Harnleiter aufsteigen und eine Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) verursachen. Typische Symptome sind in der Regel Fieber und Rückenschmerzen oder ein Druckgefühl in der Lendengegend. Da die Pyelonephritis auf Dauer das Nierengewebe komplett zerstören kann, erfordert sie immer eine antibiotische Therapie. In selteneren Fällen verursachen »absteigende« Bakterien, die über das Blut oder die Lymphbahnen von einem anderen Krankheitsherd eingeschleppt werden, eine Entzündung der Nierenbecken. Für die sogenannte Glomerulonephritis, eine Entzündung der Nierenkörperchen, sind dagegen keine Keime verantwortlich, sondern Antigen-Antikörper-Komplexe, die über das Blut in die feinen Nierengefäße gelangen und sie schädigen. Die Glomerulonephritis ist eine der häufigsten Ursachen für eine komplette Niereninsuffizienz.

Fachgebiet des Urologen

Neben den harnbildenden und -ableitenden Organen gehören beim Mann die Hoden, die ableitenden Samen wege, die Prostata und der Penis zum Urogenitalsystem. Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane fallen – wie die des Harntrakts – in das Fachgebiet der Urologie. Häufigstes »Männerleiden« ist eine gutartige Vergrößerung der Vorsteherdrüse. Die Prostata umschließt die männliche Harnröhre direkt unterhalb der Blase wie ein Ring und produziert ein Sekret, das sich bei der Ejakulation mit den Spermien vermischt und sie beweglicher macht. Mit zunehmendem Alter wächst ihr Volumen – bei etwa einem Viertel aller Männer über 50 Jahren so stark, dass sie die Entleerung der Blase behindert. Die Folge sind Probleme beim Wasserlassen, Nachträufeln und häufiger Harndrang. Helfen können je nach Ausmaß der Beschwerden pflanzliche Präparate, zum Beispiel mit Extrakten aus der Sägezahnpalme, Brennnesselwurzel oder Kürbiskernen, verschreibungspflichtige Medikamente wie Tamsulosin, Finasterid/ Dutasterid und Tadalafil oder die operative Verkleinerung der Prostata (siehe Beitrag Benignes Prostatasyndriom: Kleine Drüse, großes Leiden).

Ein Fall für Gynäkologen

Die weiblichen Geschlechtsorgane, also die äußeren Genitalien, die Gebärmutter, die Eileiter und Eierstöcke, die ebenfalls zum Urogenitaltrakt gehören, sind das Fachgebiet der Gynäkologie. Diese Fachärzte befassen sich am häufigsten mit Infektionen der Scheide (Vagina): Praktisch jede Frau leidet mindestens einmal in ihrem Leben daran. In vielen Fällen sind die Erreger Pilze, meist der Hefepilz Candida albicans. Der Arzt spricht dann von einer Vaginalmykose oder -candidose. Aber auch Viren wie der Herpex-simplex-Virus oder pathogene Bakterien können sich in der Intimzone ausbreiten. Eine gesunde Scheidenflora hält Krankheitserreger bis zu einem gewissen Grad in Schach: Sie wird normalerweise von Milchsäurebakterien (Laktobazillen) dominiert, die für ein saures Milieu sorgen und dadurch das Wachstum anderer Mikroorganismen hemmen. Verschiebt sich dieses Gleichgewicht, steigt die Anfälligkeit für Infektionen des Genitaltrakts. Sie machen sich oft durch Jucken, Brennen, Schmerzen und/oder Ausfluss (Fluor) bemerkbar – können aber auch völlig symptomlos verlaufen. Ein fischiger Geruch des Fluors deutet auf eine bakterielle Vaginose hin, eine Überwucherung der Scheidenflora durch sauerstofffrei wachsende (anaerobe) Keime wie Gardnerellen. Sie ist die häufigste Vaginalerkrankung bei Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter.

Bakterielle Vaginosen oder andere Scheideninfektionen erhöhen das Risiko für Fruchtbarkeitsprobleme und Komplikationen in der Schwangerschaft. Zudem besteht die Gefahr, dass Keime in die Harnröhre, Gebärmutter oder Eierstöcke aufsteigen und dort zu Entzündungen führen. Auch werden Geschlechtskrankheiten bei einer bakteriellen Vaginose anscheinend leichter übertragen. Begünstigt wird die Verdrängung der Milchsäurebakterien durch bestimmte Medikamente, allen voran die Antibiotika, übertriebene oder mangelhafte Intimhygiene und häufigen Geschlechtsverkehr.

Zu den am weitesten verbreiteten sexuell übertragbaren Krankheits­erregern gehören Chlamydien. Allein in Deutschland gehen Experten von mindestens 300 000 Neuinfektionen pro Jahr aus. Allerdings spüren viele Betroffenen kaum Beschwerden. Das Tückische daran: Chlamydien verursachen oft Entzündungen und Vernarbungen der Eileiter und sind dadurch einer der häufigsten Gründe für ungewollte Kinder­losigkeit. Im Falle einer Schwangerschaft erhöhen sie das Risiko einer Frühgeburt. Deshalb gehört zur gesetzlich vor­geschriebenen Mutterschaftsvor­sorge auch ein Test auf Chlamydien. Bei nachgewiesener Infektion verschreibt der Arzt der Frau ein Antibiotikum. Bis zu einem gewissen Grad schützen Kondome vor der Übertragung von Keimen beim Geschlechtsverkehr. /


Urogenitaltrakt

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Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2017

 

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