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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Augentrost

Foto: Schöpke

Erfrischung für müde Augen

von Monika Schulte-Löbbert

Auf keine andere Heilpflanze trifft das bekannte Sprichwort »Nomen est Omen« so gut zu wie auf Augentrost: Schon seit Jahrhunderten wird die Pflanze in der Augenheilkunde geschätzt. Wissenschaftlich ist ihre Wirkung bis heute nicht belegt, in der Homöopathie und Anthroposophie ist Euphrasia officinalis zur Linderung von Augenbeschwerden jedoch unverzichtbar.

Der Augentrost wächst in weiten Teilen Europas, im nördlichen und mittleren Eurasien, Australien, Neuseeland und in südlichen Teilen Südamerikas. Er bevorzugt frische, ungedüngte Magerwiesen und trockene Weiden und ist noch in Höhenlagen von 2000 Metern anzutreffen.

Nicht nur der deutsche Name »Augentrost« oder seine volkstümlichen Bezeichnungen »Augendank« und »Wegleuchte« weisen auf die Anwendung der Pflanze in der Augenheilkunde hin. Auch die Namen fast aller europäischen Sprachen beziehen sich auf diese Indikation. So heißt der Augentrost in Frankreich »casse-lunettes« (Brillenzerstörer), die Italiener nennen ihn »luminella« (Licht für die Augen) und die Engländer »eyebright« (Augenglanz). Der botanische Name »Euphrasia« ist griechischen Ursprungs und bedeutet »Freude oder Wohlbefinden«. Allerdings ist nicht geklärt, ob sich die Bezeichnung auf die Heilwirkung am Auge oder auf die charakteristischen Blüten bezieht, die das Auge des Betrachters erfreuen. Auf seine Eigenschaft als Halbschmarotzer verweisen die volkstümlichen Namen »Wiesenwolf« und »Milchdieb«, denn mit seinen Saugwurzeln zieht Augentrost Mineralien und Nährstoffe direkt aus den Wurzeln benachbarter Gräser und hemmt so deren Wachstum. Wächst er auf Weidewiesen, ist das Gras weniger nahrhaft, sodass Euphrasia den Milchertrag der Kühe verringert.

Die wissenschaftliche Einteilung der artenreichen Gattung Augentrost ist noch umstritten. Da Standort und Art der Wirtspflanze das Erscheinungsbild von Euphrasia verändern, existieren zahlreiche Unterarten. Die Stammpflanze Euphrasia officinalis gilt als Sammelbegriff für mehrere nahe verwandte Arten. Dazu gehören Euphrasia stricta D. Wolff (Steifer Augentrost), Euphorbia rostkoviana Hayne (Gewöhnlicher Augentrost) und deren Bastarde oder Mischungen. Aus diesem Grund lässt die Monographie »Augentrost – Euphrasiae herba« des Deutschen Arzneimittel Codex (DAC 2003) verschiedene Euphrasia-Arten zu.

Euphrasia officinalis, der Gemeine oder Große Augentrost, gehört zur Familie der Scrophulariaceae oder Rachenblütler. Die einjährige Pflanze kann eine Wuchshöhe von 30 Zentimetern erreichen. Als Halbschmarotzer ist ihr eigenes Wurzelsystem nur schwach entwickelt. Sie versorgt sich mit Nährstoffen benachbarter Pflanzen, deren Wurzeln sie mit Hilfe von kleinen Saugwurzeln anzapft. Der leicht verzweigte runde Stängel steht aufrecht und ist drüsig behaart. Die kleinen ungestielten Blätter sitzen kreuzweise gegenständig, ihre Blattränder sind scharf gesägt bis gekerbt. Euphrasia rostkoviana hat eine kurzborstig behaarte Blattunterseite.

Zur Blütezeit, in Mitteleuropa von Juli bis September, erscheinen die meist weißen oder blassvioletten Blüten in endständigen Ähren. Besonders auffallend ist die zweilippige Blütenkrone mit deutlich größerer Unterlippe. Mit ihren violetten Längsadern, der schwarzvioletten Mitte und dem gelb gefleckten Schlund erinnern die hübschen Blüten ein wenig an kleine Pupillen und Augenwimpern. Aufgrund der Ähnlichkeit der Blüten mit Augen wurde Euphrasia nach der Signaturenlehre schon im späten Mittelalter in der Augenheilkunde eingesetzt.

Wichtige Pflanze des Mittelalters

In der Antike war Euphrasia als Heilpflanze noch nicht bekannt. Erstmalig wird sie im Mittelalter unter der Bezeichnung »Efragia« in Kräuterbüchern beschrieben. So soll der katalanische Arzt und Gelehrte Arnaldus de Villanova (1235 bis 1311) dem Augentrost sogar ein ganzes Buch gewidmet haben. Er war davon überzeugt, dass die Pflanze Blinden sogar das Augenlicht wiedergeben konnte.

Die Autoren der meisten mittelalterlichen Kräuterbücher bezeichneten Euphrasia als »gesichtstärkend« und empfahlen sie teilweise auch gegen Gelbsucht. Im 16. Jahrhundert beschrieb der Apotheker Walter Hermenius Ryff in der »Reformierten Deütsche Apoteck« von 1573 sehr ausführlich die Eigenschaften und Wirkungen des Augentrostes. Auch der Arzt und Botaniker Matthiolus (1501 bis 1577) berichtete in seinem Kräuterbuch, wie Euphrasia bei Augenleiden angewendet wird: »da zerstöst man das grüne Kraut und legts ober die Augen / oder man thut den ausgedruckten Safft dareyn«. Lange Zeit geriet das Kraut in Vergessenheit, erst knapp 200 Jahre später empfahl der Arzt Professor Friedrich Wilhelm Kranichfeld in einer 1857 in Berlin erschienenen Broschüre den Augentrost wieder und zwar gegen katarrhalische Beschwerden, insbesondere der Augen.


Der Gundermann und der kriechende Günsel

Die folgenden Verse stammen aus dem Kinderbuch »Der Gartentraum« des schweizerischen Kinderbuchillustrators Ernst Kreidolf, erschienen 1911 im Kölner Verlag Schaffstein. Neben dem Text steht die Illustration eines Wiesen-Apothekers, der mit der Pflanze »Gundermann« berankt ist. Er berät einen gelenkkranken Patienten, den kriechenden Günsel.

Bei Apotheker Gundermann
Erscheint der kriechende Günsel.
Er kommt auf allen vieren an
Mit Heulen und Gewinsel.

»O Apotheker Gundermann!
O helft mir doch mit Salben!
Ihr seht, wie schlecht ich gehen kann,
Es reißt mich allenthalben!«

Der Apotheker räuspert sich:
»Wohl kann ich das beschwören:
Der Mittel hab’ so viele ich,
An Kräutern, Wurzeln, Beeren.

Zum Beispiel: Gundelrebentee,
Waldmeister und Kamillen.
Labkraut, Holunder, Fieberklee,
Den heißen Durst zu stillen.

Spitzwegerich heilt die wunde Haut,
Das Zinnkraut stillt das Blut.
Der Tee vom Tausendguldenkraut
Ist für den Magen gut.

Der Augentrost macht’s Auge klar,
Heublumen sind für Gicht;
Und Fichtennadelbäder gar,
Das ist, was Euch gebricht.«

Der Günsel trinkt fünf Tassen Tee
Und schwitzt darauf, o jemine!
Ein warmes und ein kaltes Bad
Macht seine Glieder wieder grad.

Er ist, wer glaubt’s von dieser Stund’
Geheilt und wieder ganz gesund.


Traditionelle Anwendung

In der Volksmedizin fand der Augentrost vor allem äußerlich bei Entzündungen im Bereich der Augen, aber auch innerlich als Magenmittel, bei Husten und Heiserkeit sowie bei Heuschnupfen und Nebenhöhlenentzündung Verwendung. In einem Säckchen auf der Brust sollte das Kraut gegen Augenerkrankungen helfen. Auch einige Volksbräuche sind mit Augentrost verknüpft. So richteten sich Bauern mit der Wintersaat nach seiner Blüte: Erschienen die Blüten oben an der Spitze besonders zahlreich, erwarteten sie einen frühen Winter und säten zeitig.

Medizinisch verwendet wird heute die Droge »Augentrost – Euphrasia herba«. Nach dem DAC besteht sie aus den zur Blütezeit gesammelten, getrockneten, ganzen oder geschnittenen oberirdischen Teilen verschiedener Euphrasia-Arten. Das Drogengut stammt überwiegend aus Wildvorkommen südosteuropäischer Länder. Nach dem Sammeln muss es schnell getrocknet und vor Licht geschützt in einem gut schließenden Gefäß aufbewahrt werden, da Feuchtigkeit die Droge verdirbt. Wegen ihres großen Bedarfs bezieht die Firma Weleda Augentrost nach einem Forschungsprojekt mit der Universität Hohenheim aus eigenen Kulturen.

Die Droge enthält mehrere Iridoidglykoside, darunter Aucubin, Catalpol und Euphrosid, außerdem Phenolcarbonsäuren, Flavonoide, Lignane, Gerb- und Bitterstoffe sowie Spuren ätherisches Öl. Die Pharmakologie der Droge ist bisher wenig erforscht, und aussagekräftige Studien liegen kaum vor. Die entzündungshemmende Wirkung geht vermutlich vom Aucubin aus, das die Prostaglandinsynthese blockieren soll. Phenolische Verbindungen wie Phenolcarbonsäuren und Flavonoide tragen zu den antibakteriellen Effekten bei. Einige der traditionellen Anwendungen erscheinen deshalb als sinnvoll, sind jedoch noch nicht mit Extrakten von Euphrasia nachgewiesen worden.

Der DAC fordert für die Droge »Augentrostkraut« keinen bestimmten Gehalt, sondern lässt nur die Identität prüfen. In der Volksmedizin dienen Zubereitungen aus Augentrost äußerlich als Waschungen, Umschläge und Augenbäder bei Augenkrankheiten, beispielsweise bei Entzündungen der Augenlider (Blepharitis) und der Augenbindehaut (Konjunktivitis) oder bei einem Gerstenkorn (Hordeolum). Auch Ermüdungserscheinungen der Augen werden mit Euphrasia behandelt sowie muskulär oder nervös bedingte funktionelle Sehstörungen.

Innerlich dient sie als Magenmittel und bei Erkältungskrankheiten wie Husten, Schnupfen und Heiserkeit. Die Wirksamkeit ist jedoch für viele beanspruchte Indikationen nicht belegt. Auch die Kommission E fand keine wissenschaftlich überzeugenden Beweise für die traditionellen Indikationen und beurteilt Euphrasia officinalis (Augentrost) in ihrer Monographie von 1992 negativ, auch aus hygienischen Gründen. Die Gefahr einer Keimverschleppung sei sehr groß und daher von der Anwendung selbst hergestellter, nicht steriler Augentrostzubereitungen am Auge dringend abzuraten.

Als homöopathisches oder anthroposophisches Arzneimittel gilt Euphrasia dagegen innerlich wie auch äußerlich angewendet als bedenkenlos. Das Homöopathische Arzneibuch (HAB 2009) führt die Monographie »Euphrasia officinalis«, wobei die ganze, frische, blühende Pflanze verwendet wird. Als Indikationen werden genannt: katarrhalische Entzündungen am Auge, die mit vermehrter Tränenabsonderung einhergehen, Lidödeme und Entzündungen der oberen Luftwege. Beschwerden am Auge sollte zunächst ein Facharzt abklären, bevor PTA oder Apotheker dem Patienten zur homöopathischen Therapie raten.

So können sie bei leichten Augenbeschwerden wie Bindehautreizung, vermehrter Tränenabsonderung oder Schwellung des Augenlids, auch allergischen Ursprungs wie bei Heuschnupfen, homöopathische oder anthroposophische Arzneimittel empfehlen. Dazu gehören zum Beispiel Euphrasia comp. Augensalbe und Euphrasia D3 Augentropfen von Weleda oder ISO-Augentropfen C. Zur homöopathischen Behandlung allergischer Beschwerden der Atemorgane eignet sich beispielsweise Neolin-Entoxin N Mischung zum Einnehmen.

Eine gute Empfehlung für Patienten mit geröteten und gereizten Augen durch Allergien, Kontaktlinsen oder Zugluft sind WALA® Euphrasia Augentropfen. Die praktischen Einzeldosisbehältnisse enthalten Euphrasia in homöopathischer Verdünnung, sind frei von Konservierungsstoffen und sehr gut verträglich.

Ebenso zur Linderung gereizter Augen dienen Vidisan® Augentopfen und die unkonservierten Vidisan® EDO mit Euphrasia-Extrakt, der nach einem speziellen Verfahren hergestellt wurde. Sie eignen sich für Patienten jeden Alters.

Ein Pflegeprodukt bei müden, überanstrengten Augen und Augenlidern ist Dr. Hauschka Augenfrische, das unter anderem Augentrost enthält. Die Einzelbehältnisse sind auch für Brillen- und Kontaktlinsenträger sowie Menschen mit einem Computer-Arbeitsplatz geeignet. Laut Herstellerangabe wird die Flüssigkeit einfach auf Wattepads geträufelt, die anschließend einige Minuten auf die geschlossenen Augenlider gelegt werden.

Die klassische homöopathische Behandlung der entzündeten (nicht eitrigen) und tränenden Augen bei Heuschnupfenpatienten erfolgt mit Euphrasia D6 Globuli. Je nach Beschwerden nehmen Kleinkinder drei, Schulkinder und Erwachsene fünf Globuli bis zu sechsmal täglich. Bei spürbarer Besserung kann der Patient die Einnahme auf zwei- bis dreimal täglich reduzieren oder die Globuli ganz absetzen. 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



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