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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Geigenbauer

Altes Handwerk aus Leidenschaft


Von Annette van Gessel / Bereits mit 16 Jahren hatte Hans-Josef Thomas seinen Traumberuf gefunden: Er wollte Geigenbauer werden. Inzwischen arbeitet er gemeinsam mit Sohn Moritz in seiner Werkstatt ganz in der Nähe des Aachener Doms im historischen Zentrum der Stadt. Im Gespräch mit PTA-Forum schildern Senior und Junior, welche handwerklichen Fähigkeiten sie für ihre Tätigkeit mitbringen müssen.

 

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In der Werkstatt herrscht eine ganz ­besondere Atmosphäre: Vater und Sohn arbeiten konzentriert und still an zwei Instrumenten. Der Besucher taucht in eine kleine Welt der Ruhe und Be­sinnung ein. Die Stille hat etwas Meditatives. Allein die Holzspäne auf dem Boden geben Zeugnis davon, dass die beiden Geigenbauer bereits einige Stunden an Cello und Geige gearbeitet haben müssen.




Foto: Christine Bongartz


Hans-Josef Thomas schabt feine Späne von einer großen, dünnen und gewölbten, Holzplatte, die der Boden eines neuen Cellos werden wird. Moritz Thomas beschleift mit ultrafeinem Schmirgelleinen den Hals einer alten Geige, um die Gebrauchsspuren langer Jahre zu entfernen und die schlichte Schönheit des alten Instruments wieder­ zum Vorschein zu bringen. Für den Laien erscheint diese Tätigkeit – wie bei so vielen handwerklichen Fertig­keiten – scheinbar kinderleicht, doch aus Erfahrung weiß jeder, dass nur geübten Profis diese Arbeit so leicht von der Hand geht.

Die dreieinhalbjährige Ausbildung machte Hans-Josef Thomas in einer Geigenbauschule in Mittenwald. »Danach­ folgte erst einmal meine Gesellen­zeit in unterschiedlichen Werkstätten«, berichtet er. »Meine Meisterprüfung machte ich schließlich bei einem sehr renommierten Geigenbauer in Stuttgart.« Der Junior erlernte das Handwerk in Antwerpen. Nach den Fähigkeiten befragt, die junge Menschen für den Geigenbauerberuf mitbringen sollten, antwortet der Senior spontan: »Vor allem Leidenschaft!« Und ergänzt dann nach kurzer Über­legung: »Natürlich handwerkliches Geschick im Umgang mit Holz.« Das sei noch wichtiger als ein gutes Gehör. Als Jugendlicher hatte er viel Freude an der Musik und sich zudem gerne und intensiv mit Holzarbeiten beschäftigt. Zudem­ sei es auch wichtig, selbst ein Streichinstrument zu spielen. Hans-­Josef Thomas ist noch heute Cellist in einem­ Orchester.




Jedes Instrument ein Unikat gekonnten Handwerks: Vater und Sohn ergänzen sich perfekt.

Fotos: Christine Bongartz


Die Tätigkeit des Geigenbauers hat ihren Ursprung zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die ersten Werkstätten entstanden in der Region um Füssen im Allgäu beziehungsweise in dem Gebiet, das heute zu Südtirol gehört. »In den zurückliegenden fast 500 Jahren hat sich die Tätigkeit kaum verändert«, so Hans-Josef Thomas. »Im Gegensatz zu anderen Handwerksberufen ist die Technik des Geigenbaus dieselbe geblie­ben.« Die Geigenbauer arbeiten immer noch mit denselben Werkzeugen. Die einzige sichtbare technische Innovation ist eigentlich ein »Fremdkörper«: eine elektrische Bandsäge.

Bewährte Materialien

Auch die eingesetzten Materialien sind nach wie vor dieselben. Die Instrumentendecke besteht fast immer aus Fichten­holz, selten aus Zedernholz, für die Seitenwände und den Boden wird Bergahorn verwendet. Um einen Celloboden herzustellen, wird die Form zunächst aus einem relativ dicken Brett ausgesägt. Anschließend sind viele Stunden Kleinstarbeit mit Spezialhobeln und Schabern erforderlich, um die äußere sowie innere Wölbung des Bodens­ herauszuarbeiten. »Der Zeitaufwand für eine Geige liegt bei etwa 200 Stunden, bei einem Cello dauert das natürlich noch länger«, informiert Hans-Josef Thomas. Manchmal stellt sich bei der Arbeit heraus, dass das gewähl­te Stück Holz ungeeignet ist. Dann werden halbfertige Teile des zukünftigen Instruments verworfen.



»Ob eine Geige gut wird, weiß der geübte Geigenbauer schon von Anfang an. Dann passt einfach alles zusammen. Ich kann das nur als Gefühl beschreiben«, berichtet der Senior. »Während der gesamten Arbeit ist der Geigenbauer mit sich selbst beschäftigt. Er muss ganz bei sich sein, damit er eine gute Arbeit machen kann.« Wichtig bei der Holzbearbeitung sei, das richtige Maß zu finden, das heißt, das richtige Verhält­nis zwischen der gewünschten Dünne, zum Beispiel des Cellobodens, die maßgeblich den Klang bestimmt, und der erforderlichen Dicke, die dem späteren Instrument die benötigte Stabilität verleiht.

Auch der Instrumentenhals mit der Schnecke wird aus einem massiven Ahornstück gefertigt, zunächst nur als grobes Formteil aus einem­ Balken herausgesägt. Dann folgt in immer feiner werdenden Arbeitsschritten das Herausziselieren der Schnecke, die Oberflächen werden am Ende zum Glätten fast ausschließlich mit Ziehklingen bearbeitet. Der Hals einer­ Geige wird nie lackiert, sehr wohl die Schnecke und der Wirbelkasten, der die Wirbel zum Spannen der Saiten aufnimmt.

Viel Erfahrung erforderlich

Der Geigenbauer sieht sich noch mit einer anderen Herausforderung konfrontiert: Er muss mit dem kleinen Spezialhobel kraftvoll Material entfernen, aber dennoch total locker und unverkrampft bleiben. »Erst durch jahrelange Arbeit sammelt der Fachmann die erforderliche Erfahrung. Letztlich fängt jeder Geigenbauer bei Null an«, so Hans-Josef Thomas. »Die Fingerfertigkeit und die Gefühle beim Bau eines neuen Instruments kann keiner an den Nachwuchs weitergeben.« Jedes Instrument ist ein Unikat und jeder Geiger stellt unterschiedliche Anforderungen an »sein« Instrument.




Schmiedekunst schmückt das Haus des Geigenbaumeisters

Foto: Ullrich Mies


Manche lieben einen möglichst lauten Klang, andere bevorzugen eher leise und sanfte Töne. »Daher ist es auch unmöglich, für einen bestimmten Geiger ein Instrument nach seinen speziellen Bedürfnissen zu bauen. Ich vergleiche unsere Arbeit häufig mit der von Mechanikern in der Werkstatt für Formel-1-Autos. Sie sorgen dafür, dass der Rennwagen gut funktioniert, doch letztlich holt ein Fahrer wie Michael Schumacher das Optimum aus dem Wagen heraus. Der Kauf eines Streichinstruments ähnelt dem Schuhkauf. Der Profispieler merkt gleich, ob das Instrument zu ihm passt.« Manche Profimusiker erkennen sogar, aus welcher Werkstatt eine Geige­ stammt.

Jeder Geigenbauer hat seine bestimmten Kunden, überwiegend Berufs­musiker aus verschiedenen Orchestern der Umgebung. Die Stammkunden der Aachener Geigenbauer kommen beispielsweise aus Bonn, Köln oder Bielefeld. »Zu seinem Geigen­bauer entwickelt der Musiker eine ähnliche Beziehung wie zu seinem Hausarzt. Beide Beziehungen beruhen auf einem großen Vertrauen, das im Laufe der Jahre entsteht.«




Foto: Christine Bongartz


Doch den Arbeitsalltag eines Geigenbauers bestimmt nicht nur der Instrumentenneubau, sondern auch die Re­paratur beschädigter und die Restauration alter Instrumente. Aktuell arbeitet Moritz Thomas an zwei alten Geigen: Eine hat ihm ein russischer Geiger, der auf Mallorca lebt, zugeschickt, die andere ist eine Auftragsarbeit von einem Pariser Händler. Der Franzose hat den Aachenern eine der ersten gebauten Geigen geschickt. »Sie ist vermutlich 1540 oder 1560 gebaut worden«, so Moritz­ Thomas. Das Instrument weist vielfältige Beschädigungen auf, unter anderem zahlreiche Risse, die in mühevoller Kleinstarbeit geschlossen werden müssen.

Die Restauration alter Geigen hat Moritz Thomas in einer Zusatzausbildung in der Schweiz gelernt. »Manchmal dauern die Restaurierungsarbeiten länger und sind aufwändiger als der Neubau eines Instruments«, berichtet er. »Doch wenn die Arbeit gut gemacht wurde, dann klingt das Instrument wie zu seinen besten Zeiten.« Da die meisten­ alten Geigen sehr wertvoll sind, lohnen sich Zeit- und Kostenaufwand für die Restauration.

»In unseren Schränken sehen Sie auch viele Geigen, die wir an Anfänger verleihen«, informiert Hans-Josef Thomas­. »Ich habe absolut kein Verständnis dafür, wenn Eltern bereit sind, ihrem Kind Geigenunterricht zu bezahlen, aber dann ein Instrument kaufen, auf dem sogar der Lehrer keinen klaren Ton erzielen kann.«




Foto: Ullrich Mies


Das sei Sparen an der falschen Stelle. »Wie soll ein Kind sich für das Geigenspielen begeistern, wenn es auf einem billigen »Quietschinstrument« lernen soll, das in schlechter Qualität in einem mehr oder weniger­ industriellen Fertigungsverfahren entstand?«, regt er sich auf.

Geheimnis beim Apotheker

»Bevor ich es vergesse. Eine Tatsache hat sich doch seit Bestehen unseres Handwerks verändert. Ein wichtiges Kriterium für die Qualität einer Geige ist der verwendete Lack. Früher ­bezeichneten Geigenbauer die Lackrezeptur als ihr großes Geheimnis. Fast immer verbarg sich jedoch ein Apotheker hinter diesem Geheimnis, denn die Apotheker mischten den Lack und fügten­ ihm die gewünschten Farbpigmente im Auftrag der Geigenbauer zu«, erklärt Hans-Josef Thomas. Und sein Sohn ergänzt: »Wir mischen unsere Lacke selbst, auch die darin verwendeten Farbpigmente, beispielsweise aus der Cochenillenschildlaus. Aus den weiblichen Tieren wird die Karmin­säure gewonnen, die Basis für den karmin­roten Farbstoff.«

Noch während seiner Erläuterungen nimmt Moritz Thomas aus einem Schrank in der Werkstatt ein Beutelchen mit Cochenille­läusen und mit dem fertigen Farbpigment heraus. Die Läuse hat er aus einer Apotheke in der Nachbarschaft bezogen. Die Rezeptur des Lacks ist und bleibt das Geheimnis von Vater und Sohn. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2017

 

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