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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Jojoba

Foto: Wolf

Wüstenkind, ganz einzigartig

von Edith Schettler

Bereits die Ureinwohner Nordamerikas kannten den Jojobastrauch und wussten, seine Samen für ihre Ernährung und als Heilmittel zu nutzen. Aus der Naturkosmetik ist das Jojobaöl auch heute nicht wegzudenken – und möglicherweise kann es zu unserer Klimarettung beitragen.

Streng genommen ist das Jojobaöl gar kein Öl, sondern ein bei Zimmertemperatur flüssiges Wachs. Es kommt in den nussähnlichen Samen des Jojobastrauches in Konzentrationen um die 50 Prozent vor. Der Strauch wächst in Halbwüsten und Wüsten Mittelamerikas und heißt in der Sprache der Papago-Indianer »Ho-ho-ba«. Die botanische Bezeichnung Simmondsia sinensis ehrt den britischen Botaniker Thomas William Simmonds (1767 bis 1804). Der zweite Teil des Namens »sinensis« oder »chinensis« beruht auf einem Irrtum, weil ein Botaniker versehentlich die gesammelten Früchte mit denen chinesischer Gewächse durcheinander gebracht hatte. Er schlussfolgerte fälschlicherweise, der Strauch wüchse in China. Weitere Bezeichnungen für den Jojobastrauch sind Buxus chinensis und Simmondsia californica.

Botanik eines Einzelgängers

Der Jojobastrauch ist die einzige Pflanzenart der Gattung Simmondsia, diese wiederum ist die einzige Gattung der Familie Simmondsiaceae. Damit ist die Pflanze ein botanischer »Individualist« in der Ordnung der Nelkenartigen, der Caryophyllales. Der Strauch ist immergrün mit ganzrandigen, ledrigen Laubblättern, wächst reich verzweigt und erreicht je nach Standort Höhen zwischen einem halben und zwei Metern. Seine Pfahlwurzel dringt bis zu zehn Meter in das Erdreich ein, sodass er damit problemlos tief gelegene Wasserreservoirs erreicht. Sein hellbraunes Holz ist von einer glatten Rinde umgeben.

Die Pflanze ist zweihäusig getrenntgeschlechtig. Dem Betrachter fallen vor allem die Blüten der männlichen Pflanze ins Auge. Sie sind gelb, drei bis vier Millimeter groß, enthalten zwei Kreise mit Staubblättern und stehen endständig zu mehreren zusammen. Die weiblichen Blüten sind klein und unscheinbar hellgrün. Ihr Fruchtknoten besteht aus drei miteinander verwachsenen Fruchtblättern mit jeweils einem Griffel. Die Bestäubung zwischen männlichen und weiblichen Blüten erfolgt über Insekten oder mit dem Wind. Nach der Befruchtung bilden die weiblichen Blüten eiförmige, pflaumengroße Kapselfrüchte, die nach drei bis sechs Monaten reif sind. Dann geben sie einen braunen runzligen Samen frei, der äußerlich einer kleinen Olive ähnelt. Die Samen sind bekannt unter den Bezeichnungen Jojoba, bushnut, goatnut, gray box bush, pignut oder deernut.

In den USA, in Israel, Indien, Kenia, Peru, Argentinien und Australien liegen bedeutende Jojoba-Anbaugebiete. Weil die Pflanze sehr genügsam ist, kann sie überall dort wachsen, wo Landwirtschaft wegen fehlender Niederschläge sonst kaum möglich ist. Die Büsche schützen den Boden vor Erosion und schaffen ein günstiges Kleinklima, in dem sich auch andere Lebewesen ansiedeln.

Auf den Plantagen müssen mindestens 5 Prozent aller Pflanzen männlich sein, um die Befruchtung sicherzustellen, besser ist jedoch ein Verhältnis von einer männlichen zu sechs weiblichen Pflanzen. Die Büsche sind relativ robust, sodass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln meist unnötig ist. In seiner natürlichen Umgebung kann ein Jojobastrauch bis zu 200 Jahre alt werden.

Bereits nach einem Jahr liefert ein Strauch schon 500 Gramm Früchte, nach 25 Jahren beträgt die Ernte bis zu 13 Kilogramm pro Pflanze. Die Bauern ernten die Samen in der Trockenperiode meist von Hand, mitunter aber auch mit Hilfe von Erntemaschinen.

Ein Öl, das kein Öl ist

Jeder Samen beziehungsweise jede Nuss enthält 48 bis 56 Prozent Jojobaöl. Chemisch gesehen ist es ein Wachs, weil es nicht aus Triglyceriden besteht, sondern aus Estern primärer Alkohole und Monocarbonsäuren (Fettsäuren) mit einer Kettenlänge von 38 bis 44 Kohlenstoffatomen. Der Schmelzpunkt des Wachses liegt bei 7 Grad Celsius, damit ist es das einzige in der Natur vorkommende flüssige Wachs. Es verdirbt nicht durch Ranzigwerden wie die fetten Öle, denn seine chemische Struktur ist unempfindlich gegenüber einer Oxidation an der Luft. Ohne Zusatz von Konservierungsstoffen ist es daher bis zu zehn Jahren haltbar.

Weitere wichtige Inhaltsstoffe der Samen sind Vitamin E, Provitamin A (Betacarotin), Mineralien und das Simmondsin mit seinen Derivaten Simmondsinferulat, 4-Desmethylsimmondsin und 5-Desmethylsimmondsin. Die Samen enthalten auch geringe Mengen freier ungesättigter Fettsäuren (etwa 1 Prozent) und außerdem Fettalkohole.

Für Schönheit und Gesundheit

Die Indios nutzten Jojobaöl in ihrer Volksmedizin lokal zur Wundbehandlung und gegen Kopfschmerzen sowie als Haarwuchsmittel. Die gerösteten Samen dienten als Kaffee-Ersatz und in Notzeiten auch als Nahrung.

Die Kosmetikhersteller in Europa entdeckten das Wachs in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Behörden zum Schutz der Pottwale den Einsatz von Walrat (Cetaceum) untersagten. Auch in den Apotheken gehörte Walrat zu den gebräuchlichen Rezeptursubstanzen, noch bis 1978 war es mit einer Monographie im Deutschen Arzneibuch (DAB) 7 vertreten. Mit dem Erscheinen des DAB 8 löste Cetylpalmitat das Walrat ab. Auch Jojobaöl eignet sich als vollwertiger Ersatz, obwohl es nicht mit einer Monographie ins DAB aufgenommen wurde.

Heute ist Jojobaöl geschätzter Bestandteil zahlreicher kosmetischer Zubereitungen wie Hautcremes und Haarpflegeprodukte. Das Wachs hat eine sehr gute Spreitung und ist deshalb sehr angenehm anzuwenden. Es zieht sehr schnell in die Haut ein und ist für alle Hauttypen geeignet. Sein spezielles Spektrum an Fettsäuren soll die Haut glätten, ihren pH-Wert stabilisieren und den Feuchtigkeitsgehalt regulieren.

Jojobawachs wirkt entzündungshemmend und hat einen natürlichen Lichtschutzfaktor von drei bis vier. Weil es kein Öl ist, hinterlässt es auch keinen Fettfilm auf der Haut. Für Massagen lässt es sich daher besser in Kombination mit fetten Ölen wie Mandelöl verwenden. Auch mit ätherischen Ölen ist es gut mischbar. Massageöle gegen Cellulite, Sport- und Schwangerschaftsöle enthalten häufig Jojobawachs.

Eine Packung mit Jojobaöl verleiht schuppigem, trockenem und sprödem Haar einen schönen Glanz. In vielen Haarshampoos und -kuren ist deshalb Jojobaöl enthalten. Auch die Hersteller dekorativer Kosmetik verwenden Jojoba. So sorgt es beispielsweise für die Geschmeidigkeit und Pflegewirkung von Produkten wie Make-up und Lipgloss.

Wie bei den fetten Ölen hängt auch beim Jojobaöl die Qualität von der Gewinnung und Verarbeitung ab. Hochwertiges Öl stammt immer aus der ersten Kaltpressung der Samen. Weitere Pressungen liefern minderwertige Qualität und erfordern häufig den Einsatz von hohen Temperaturen oder Zusatzstoffen.

Gefährliches Schlankheitsmittel

Vor drei bis vier Jahren warb eine Anzeigenkampagne für Schlankheitsmittel aus Jojobasamen zur Dämpfung des Appetits. Die Produkte waren hauptsächlich über das Internet zu beziehen. Diese behauptete Wirkung der Samen beruhte auf der Beobachtung einiger Bauern: Diese hatten festgestellt, dass ihre Tiere weniger Nahrung aufnahmen und infolge dessen an Gewicht verloren, wenn sie ihnen Jojobasamen als Futter gaben. So glaubten einige Hersteller, Abnehmwilligen endlich das ideale Schlankheitsmittel verkaufen zu können, das das Körpergewicht ohne Anstrengungen wie Sport oder eine Ernährungsumstellung dauerhaft reduzieren würde.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) prüfte daraufhin verschiedene Studien zu Jojoba und kam zu dem Schluss, dass im Tierversuch der Zusatz von Jojobamehl und -wachs zum Futter tatsächlich einen signifikanten Gewichtsverlust zur Folge hatte. Das Jojobaöl aus dem Futter lagerte sich in Dünndarm und Leber ein und führte zur Zerstörung von Zellen. Außerdem wiesen die Forscher Wachsester in der Lymphflüssigkeit nach.

Allerdings starben nach oraler Aufnahme von 750 mg Simmondsin pro Kilogramm Körpergewicht und Tag alle Versuchstiere innerhalb von zehn Tagen. Nahmen die Tiere geringere Dosen auf, vergrößerten sich innere Organe wie Leber, Nieren und Herz krankhaft, im Knochenmark kam es zu Störungen der Blutbildung. Diese Veränderungen traten bereits in Dosisbereichen auf, die den Appetit noch nicht reduzierten. Als Konsequenz aus diesen Versuchen warnt das BfR ausdrücklich vor einer Verwendung von Jojoba in Lebensmitteln.

Für die Fließeigenschaften des Jojobawachses interessieren sich ebenfalls Techniker und Ingenieure. Sie setzen es unter anderem als Ausgangsstoff für Schmiermittel von Präzisionsinstrumenten ein. Auch viele Pflegemittel für Maschinen, Autos und Möbel enthalten das Wachs.

Kraft für den Dieselmotor

Eine völlig neue und interessante Anwendung scheinen Forscher der Helwan Universität Kairo und der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate vor wenigen Jahren entdeckt zu haben: die Verwendung als Bio-Diesel. Sie berichteten im Fachjournal »Renewable Energy« und in der Zeitschrift »New Scientist«, dass spezielle Dieselmotoren im Labor mit einer Mischung aus Jojobaöl, wenig Methanol und einem chemischen Katalysator leiser liefen und weniger Schadstoffe ausstießen. Dabei soll die Energieausbeute bei Motorendrehzahlen zwischen 1000 und 2000 Umdrehungen pro Minute (U/min) genauso gut gewesen sein wie bei herkömmlichem Dieselkraftstoff.

Die Verbrennungsrückstände sind erheblich umweltfreundlicher als die der Erdölprodukte. Jojobaöl ist frei von Schwefel, bei der Verbrennung entstehen demzufolge keine Schwefeloxide, die das Material von Motor und Auspuffanlage des Autos angreifen und die Umwelt belasten. Und weil es weniger Kohlenstoff als Diesel oder Benzin enthält, entstehen auch weniger Kohlenmonoxid und Ruß. Es verbrennt lediglich zu Kohlendioxid und Wasser. Da der Rohstoff unter Verbrauch von Kohlendioxid immer wieder nachwächst, könnte er die Palette der Bio-Kraftstoffe sinnvoll ergänzen.

Pilotprojekte mit EU-Mitteln

Ägyptische Landwirte haben bereits Jojoba-Plantagen zur Gewinnung von Bio-Diesel angelegt, berichtet das Fachmagazin »New Scientist«. Mit nennenswerten Erträgen müsste in den nächsten Jahren zu rechnen sein. Vermutlich wird der Treibstoff aber nur lokale Bedeutung erlangen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass die Europäische Union bereits in den Jahren 1987 und 1988 zwei Pilotprojekte zum Jojoba-Anbau zur Verwendung im Nicht-Nahrungsmittelsektor in den Ländern Italien und Portugal gefördert hat.

Trotzdem wird in absehbarer Zeit kein Deutscher sein Auto mit Jojoba betanken können. Für die Suche nach alternativen Energiequellen ist der Gedanke jedoch allemal interessant, zumal der Strauch leicht anzubauen ist.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
e_schettler(at)freenet.de



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