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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Untergewicht

Hilfe beim Zunehmen


Von Ulrike Becker / Wer zu wenige Kilos auf die Waage bringt und gerne zunehmen möchte, wird häufig nicht ernstgenommen. Untergewicht kann jedoch langfristig der Gesundheit schaden. Rechtzeitig gegenzusteuern steigert die Lebensqualität der Betroffenen und beugt Erkrankungen vor.

 

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Angesichts der Diskussion um die drastische Zunahme von Übergewicht in der Bevölkerung, scheint das Problem von zu ­wenig Gewicht auf den ersten Blick un­bedeutend. Doch auch Untergewicht schadet der Gesundheit; es begünstigt Komplikationen im Rahmen von Erkrankungen und erhöht die Sterberate.




Foto: Shutterstock/Photographee.eu


Verschiedenste Ursachen tragen zur Entwicklung von Untergewicht bei. So verlieren viele betagte Senioren aufgrund von Alterungsprozessen an Gewicht. Außerdem zehrt eine Reihe von Krankheiten an den körperlichen Reserven. Es gibt aber auch gesunde Junge, die einfach durch ihre genetische Ausstattung wenig auf den Rippen haben. Ursachenforschung ist der erste Schritt auf dem Weg zum Wohlfühlgewicht.

Besonders junge und sehr alte Menschen betroffen

Als untergewichtig gelten Menschen mit einem Body-Mass-Index von unter 18,5 kg/m2 (Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat). Nach Daten des Gesundheitsmonitorings, die das Robert-Koch-Institut im Jahr 2014/2015 erhoben hat, wiegen demnach in Deutschland 2,9 Prozent aller Frauen zu wenig; bei Männern liegt der Anteil nur bei 0,8 Prozent. Jüngere Frauen zwischen 18 und 29 Jahren sind mit 7,5 Prozent am häufigsten betroffen. Erschreckenderweise macht Untergewicht auch vor werdenden Müttern nicht Halt: Beinahe sieben von hundert Frauen bringen in der Schwangerschaft zu wenig Gewicht auf die Waage. Das zeigen Zahlen aus drei deutschen Regionalstudien, veröffentlicht im aktuellen Ernährungsbericht, den die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) alle vier Jahre herausgibt. Insgesamt liegt der Anteil an Untergewichtigen vermutlich etwas höher. Denn Experten sind überzeugt, dass Betroffene ihr Gewicht häufig überschätzen und so bei Befragungen ein höheres Gewicht als das tatsächliche angeben.

Bei den Senioren über 65 Jahre liegen nur etwa 2,2 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer bei einem BMI unter 18,5. Bei Pflegebedürftigkeit steigt der Anteil auf 3,2 Prozent bei den in Privathaushalten versorgten männlichen Senioren, während der Anteil bei Frauen relativ konstant bleibt. Drastisch erhöht sich die Zahl in stationären Pflegeeinrichtungen: Dort sind acht Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen untergewichtig. Bei Klinikaufenthalten zeigt sogar gut ein Viertel aller behandelten Patienten zum Aufnahmezeitpunkt Anzeichen einer Unter- oder Mangelernährung. Vermutlich liegen die Zahlen auch hier insgesamt höher. Denn mit Blick auf das gesundheitliche Risiko, das von einem zu niedrigen Körpergewicht ausgeht, müsste Untergewicht bei alten Menschen anders definiert werden als bei jüngeren Erwachsenen. Viele Experten werten einen BMI unter 20 bei alten Menschen bereits als Mangelernährung. BMI-Werte unter 22 gelten als Warnhinweis für Untergewicht und gehen mit einer ungünstigen Prognose hinsichtlich des Erkrankungsrisikos einher.




Immer etwas zu Essen dabei haben: Untergewichtige profitieren vom Snacken.

Foto: Shutterstock/Maridav


Untergewicht entwickelt sich, wenn der Körper über einen längeren Zeitraum nicht die Energie bekommt, die er braucht, um sein Gewicht zu erhalten. Der Organismus greift dann auf Reserven zurück und baut zunächst seine Fettdepots ab. Aber auch die Muskulatur beginnt zu schwinden, denn körpereigene Proteine werden in der Mangelsituation ebenfalls zur Energiegewinnung herangezogen. Unspezifische Symptome wie eingeschränkte Leistungsfähigkeit, Konzentrations- und Kreislaufstörungen, Müdigkeit und häufiges Frieren deuten auf eine unzureichende Energiezufuhr hin. Wird der Körper nicht mit allen Nährstoffen ausreichend versorgt, arbeitet das Immunsystem nur eingeschränkt, und die Infektanfälligkeit steigt. Im Krankheitsfall treten bei zu geringem Körpergewicht häufiger Komplikationen auf. So verzögert sich etwa die Wundheilung, und der Körper braucht deutlich länger, um sich nach einer akuten Erkrankung zu erholen. Besonders für ohnehin geschwächte alte Menschen kann das ­lebensbedrohlich werden.

Ursachen erforschen

Bei Frauen schränkt starkes Untergewicht die Fruchtbarkeit ein, die Mens­truation bleibt dann häufig aus. Zu ­wenig Gewicht schwächt zudem die Lunge, verringert das Herzschlagvolumen und begünstigt Herzrhythmusstörungen. Das Risiko, Osteoporose zu entwickeln, ist gegenüber Menschen mit Normalgewicht deutlich erhöht. Wie viel Energie der Körper braucht, um sein Gewicht zu halten, hängt vom einzelnen Individuum ab und variiert in Abhängigkeit von Geschlecht, Alter und der körperlichen Aktivität. Für Erwachsene zwischen 25 und 50 Jahren legen Ernährungswissenschaftler der DGE als Richtwert eine tägliche Energiezufuhr von etwa 2300 Kilokalorien für Männer und 1800 Kilokalorien für Frauen bei geringer körperlicher Aktivität zugrunde. Bedenklich wird es bei einer Kalorienzufuhr von täglich weniger als 1500 Kilokalorien. Damit lässt sich eine bedarfsgerechte Versorgung ohne Nährstoffzusätze oder angereicherte Lebensmittel kaum noch gewährleisten.

Aufgrund ihrer genetischen Veranlagung liegt der Grundumsatz bei manchen Menschen höher. Bis zu mehreren hundert Kilokalorien pro Tag kann das ausmachen. Die aufgenommene Energie geben sie in Form von Wärme schnell wieder ab; Experten sprechen von einer gesteigerten postprandialen Thermogenese.


So kommt der Appetit

  • nur essen, was man mag und was bekömmlich ist
  • mehrere kleine Mahlzeiten abwechslungsreich zusammen­stellen
  • energiereich essen: Gerichte, Suppen, Smoothies oder Milchshakes mit hochwertigen Pflanzenölen und Nüssen beziehungsweise Nussmus anreichern
  • nette Atmosphäre beim Essen schaffen, mit appetitlich angerichteten Speisen
  • appetitanregende Kräuter, Gewürze und Tees verwenden
  • Vorrat an energiereichen Snacks anlegen
  • mit leichter Bewegung den Appetit ankurbeln
  • gegebenenfalls zu hochkalorischer Trinknahrung greifen


Zu einem höheren Grundumsatz können auch sogenannte »futile cycles« beitragen. Das englische Wort »futile« bedeutet so viel wie unnütz oder nutzlos. Das heißt, im Stoffwechsel mancher Menschen laufen Zyklen ab, die Energie verbrauchen, aber keinen Nutzen für den Organismus stiften. Das macht deutlich, dass die Richtwerte zur Energieaufnahme nur der Orientierung dienen und große individuelle Schwankungsbreiten auftreten. Um die tatsächliche Energieaufnahme einschätzen zu können, ist ein ausführ­liches ­Ernährungsprotokoll hilfreich, in dem Betroffene etwa eine Woche lang alles notieren, was sie essen und trinken.

Werbung beeinflusst das Selbstbild

Sehr schlanke Menschen sind manchmal extrem aktiv und verbrauchen aus diesem Grund mehr Energie als andere. »Nonexercise Activity Thermogenesis« nennen Experten diesen zusätzlichen Kalorienverbrauch durch ständiges ­In-Bewegung-sein, wie Herumlaufen, immer wieder aufstehen, unruhig zappeln. Manche Menschen empfinden Kochen und das Einnehmen einer Mahlzeit als unwichtig oder gar als Zeitverschwendung. Auch das ein Grund, mit seinem Körpergewicht unter dem Normbereich zu liegen. Andere überhören die Signale ihres Körpers und nehmen ein aufkommendes Hungergefühl gar nicht mehr wahr. Sie vergessen daher, regelmäßig zu essen. Möglicherweise sind Mahlzeiten bereits seit der Kindheit nicht mit angenehmen Gefühlen besetzt und spielen aus diesem Grund auch im Erwachsenenalter keine bedeutsame Rolle.

Der hohe Anteil untergewichtiger junger Frauen deutet daraufhin, dass viele ein sehr niedriges Gewicht bewusst anstreben. Experten des Frankfurter Zentrums für Essstörungen sind überzeugt, dass daran unrealistische Werbebilder und Modelshows im Fernsehen beteiligt sind. Zwar leidet längst nicht jeder dünne Mensch an Magersucht (Anorexia nervosa), doch die Gefahr, hineinzugeraten, ist vorhanden und sollte rechtzeitig erkannt werden. Wenn Angehörige oder Freunde diesbezüglich beunruhigt sind, sollten sie sich nicht scheuen, das niedrige Körpergewicht anzusprechen und zu einem Gespräch mit dem Arzt oder einem Psychotherapeuten zu motivieren.

Mögliche Erkrankungen

Ein Gesundheitscheck beim Arzt sorgt für die nötige Klarheit, ob dem Untergewicht eine Krankheit zugrunde liegt. Denn zahlreiche Erkrankungen erhöhen den Energie- und Nährstoffbedarf oder beeinträchtigen den Appetit. Dazu zählen eine Überfunktion der Schilddrüse, Infektionen, Depression, entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa oder fortschreitende COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung). Aber auch Lebensmittel-Unverträglichkeiten oder Verwertungsstörungen, wie Lactoseintoleranz oder eine unbehandelte Zöliakie, können einen Gewichtsverlust heraufbeschwören. Nicht zuletzt zehren Krebserkrankungen den Körper aus.




Gewichtsverlust im Alter kann auf eine beginnende Demenz hinweisen.

Foto: Your Photo Today


Studien mit Senioren belegen, dass alte Menschen oftmals weniger Kalorien aufnehmen als sie brauchen. Es schmeckt ihnen nicht mehr so gut, weil Geruchs- und Geschmackssinn im Zuge des Alterns nachgelassen haben. Oder aber das Kauen fällt aufgrund schlechter Zähne oder schlecht sitzender Prothesen schwer. Auch das Zubereiten von Mahlzeiten oder die Handhabung von Besteck fordert im Alter mehr Energien, die nicht mehr jeder aufbringen kann. Schleichend kann sich so eine Unter- oder Mangelernährung entwickeln, die oft nicht gleich ins Auge fällt. Die European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) weist darauf hin, dass Gewichtsverlust ein wichtiges klinisches Merkmal einer beginnenden Demenzerkrankung darstellt. Oft verringert sich das Körpergewicht schon vor der Diagnose und sinkt im weiteren Verlauf der Erkrankung noch mehr. Fast die Hälfte der Patienten mit leichten bis mäßigen Formen einer Alzheimer-Erkrankung bringt zu wenig Gewicht auf die Waage.

So lange sich sehr dünne Menschen fit und leistungsfähig fühlen, besteht kein Anlass zur Sorge. Kommen sie jedoch zunehmend an ihre körperliche Belastungsgrenze oder sind permanent müde, ist Hilfe beim Zunehmen gefragt. Der Rat, einfach mehr zu essen, führt allein nicht zum Ziel. Damit ein Mensch wieder zunehmen kann, muss man an den Ursachen für das Untergewicht ansetzen.

Stellenwert des Essens

Überaktive Zuwenig-Esser brauchen ein neues Bewusstsein für die Bedeutung regelmäßiger Mahlzeiten. Häufig hilft es Betroffenen, ihre Mahlzeiten jeden Tag genau zu planen. Experten raten Untergewichtigen auch dazu, Ess-Rituale einzuführen, zum Beispiel immer etwas zu essen, wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommen oder immer, bevor sie die Wohnung verlassen. Auch für den Einkauf von Lebensmitteln erweist sich Routine als nützlich, etwa jeden Montag und Donnerstag nach der Arbeit einkaufen zu ­gehen, immer bestimmte Lebensmittel vorrätig zu haben, neben frischen Produkten auch Nussmischungen, Müsli- oder Energieriegel oder Trockenfrüchte zu lagern. Wer ­ungern kocht, bereitet am besten immer gleich größere Mengen, die dann, ergänzt um etwas Frisches, über zwei bis drei Tage bereitstehen. Am besten ­gelingt die Umstellung der Essgewohnheiten im Rahmen einer Ernährungsberatung.

Wird das Essen bewusst energiereich gestaltet, gelingt es den meisten zwar langsam, aber kontinuierlich Gewicht aufzubauen. Als realistisch gilt eine Zunahme von einem halben bis einem Kilogramm pro Monat. Um ein höheres Körpergewicht langfristig zu halten, kommt es auf umsetzbare und auch genussvolle Veränderungen an. Eine optimale Grundlage bietet eine abwechslungsreiche, vollwertige Ernährung, die um energiereiche Lebensmittel ergänzt wird. Als Faustregel gilt, etwa 500 Kilokalorien am Tag mehr zuzuführen. Um sich an größere Mengen zu gewöhnen, sollte das zusätzliche Essen langsam gesteigert werden. Fünf bis sechs kleinere Mahlzeiten verteilt über den Tag haben sich als bekömmlicher erwiesen als drei üppige Hauptmahlzeiten, die Untergewichtige ohnehin eher abschrecken. Kleine ­energiereiche Snacks zwischendurch ­erleichtern es, die angepeilte Gesamtenergieaufnahme zu erreichen. Vor allem mehr Fett sorgt für Pluspunkte ­­auf dem Kalorienkonto und als Geschmacks­träger zudem für größeren Genuss. Vor allem hochwertige Pflanzenöle, wie Raps-, Lein- und Olivenöl, eignen sich, ebenso Nussöle. Weitere Lebensmittel mit hoher Energiedichte wie Vollkornprodukte, Nudeln oder Kartoffeln gehören täglich auf den Speiseplan, so auch Milchprodukte mit natürlichem Fett­gehalt.

Ein gehaltvoller Start in den Tag gelingt zum Beispiel mit Müsli aus Sahne­joghurt, Haferflocken, Nüssen, angereichert mit etwas Lein- oder Walnussöl. Als schnelle Zwischenmahlzeiten eignen sich Milch- oder Joghurtshakes. Mit Sahne, Schmelzflocken, Nussöl oder -mus aufgewertet und püriertem Obst und Honig geschmacklich abgerundet, sind sie fix zubereitet und selbst bei wenig Hunger schnell verspeist. Hochkalorische Früchte- oder Energieriegel finden als Snack für zwischendurch Platz in jeder Tasche oder Büroschublade. Als kleine Energiepakete trumpfen Nüsse auf. Nicht nur als leckere Knabberei zwischendurch, sondern auch als Topping für Salate, Aufläufe und Gemüsegerichte. Mandeln, Cashewkerne, Erdnüsse, Haselnüsse, Walnüsse oder Paranüsse liefern nicht nur Kalorien, sondern auch zahlreiche wichtige Nährstoffe. Salate lassen sich mit Käsewürfeln, Ei, Avocado und Oliven energetisch aufwerten. Ein Extraklacks Butter, ein Schuss Sahne oder ein Löffel Crème fraîche ergänzen die meisten Speisen um zusätzliche Energie. Desserts lassen sich ebenfalls bestens mit Sahne, Sahnejoghurt und ­Honig aufpeppen. Zusätzlich liefern Getränke wie Milch, Milchmixgetränke, Kakao, Malzbier oder Smoothies extra Kalorien, ohne zu stark zu sättigen.

Üppig würzen

Kräuter und Gewürze wie Petersilie, Schnittlauch, Salbei und Pfefferminze steigern den Appetit und bieten sich daher zum Würzen an. Für das Mehr an Essen sollte auch mehr Zeit eingeplant werden, das wertet den Stellenwert der täglichen Mahlzeiten auf und steigert zudem die Bekömmlichkeit.

Fällt alten Menschen das Kauen schwer, eignen sich cremige Suppen, Reis- oder Haferschleime und fein pürierter Gemüsebrei als Energiespender. Etwas Öl, Butter oder Sahne machen sie zu einem gehaltvollen Imbiss. Sahnespeisen mit fein pürierten Früchten rutschen bei Schluckbeschwerden ebenso gut wie ölige Dips aus Avocados oder anderem Gemüsemus. Besonders hilfreich bei alten Menschen ist es, ihre Lieblingsspeisen stärker zu berücksichtigen – vor allem solche, die aus der Kindheit stammen.

Misslingen alle Versuche, langfristig etwas Gewicht zuzulegen, ist hochkalorische Zusatznahrung empfehlenswert. Maltodextrin (aufgespaltene Stärke), Proteinshakes oder Trinknahrungen sollten die Mahlzeiten ergänzen, vollständig ersetzen sollten sie das Essen nur im Notfall. /


Energieshake

Für 2 Personen: 100 g Sahnejoghurt, 100 ml Vollmilch, 50 ml Sahne, 4 EL Schmelzflocken, 4 EL Kokosflocken, 1 Banane, 1 EL Honig. Alle Zutaten im Mixer gut pürieren und eventuell mit Eiswürfeln genießen.



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2017

 

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