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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Fruchtbarkeit

Kinderwunsch früh planen


Von Carina Steyer / Eine Familie mit eigenen Kindern gehört für viele Menschen zur Lebensplanung. Damit eine Krebserkrankung einem zukünftigen Kinderwunsch nicht entgegensteht, sollten Betroffene rechtzeitig vorsorgen.

 

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Jährlich erkranken etwa 15 000 junge Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren an Krebs. Die Prognose hat sich dank moderner Therapien stark verbessert, und 80 Prozent der Erkrankten können geheilt werden. Gleichzeitig kann die lebensrettende Behandlung jedoch die Fruchtbarkeit so nachhaltig schädigen, dass ein späterer Kinderwunsch kaum oder gar nicht mehr umsetzbar ist.




Bei der Mehrzahl der jüngeren Krebs­patienten entsteht einige Zeit nach der Therapie der Wunsch nach einem Kind.

Foto: Shutterstock/Ana Blazic Pavlovic


Das gilt vor allem bei Tumoren der Geschlechtsorgane. Bei fortgeschrittenem Eierstock- oder Gebärmutterkrebs hilft oft nur eine Totaloperation, bei der Eierstöcke, Eileiter und Gebärmutter entnommen werden. Auch Männer, denen Prostata und Samenblase entfernt wurden, können keine Nachkommen mehr zeugen. Bei einseitigem ­Hodenkrebs gelingt es Ärzten meist, die Zeugungsfähigkeit zu erhalten. Steht jedoch eine größere Operation an, und sind auch die Lymphknoten ­befallen, steigt die Gefahr für Nervenverletzungen, die eine Ejakulation ­unmöglich machen.

Oft steht jedoch nicht der Tumor selbst dem Kinderwunsch im Weg, sondern die verschiedenen Krebstherapien. Vor allem bei Frauen kann die Fruchtbarkeit infolge Chemo- und Hormontherapie abnehmen. Wie stark, hängt auch vom Alter ab. Ab dem 30. Lebensjahr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich kein regelmäßiger ­Zyklus mehr einstellt und die Wechseljahre verfrüht beginnen, kontinuierlich an. Bei Männern hingegen erholt sich die Spermienproduktion häufig wieder binnen Monaten bis Jahren. Bei einigen Erkrankungen muss der Kinderwunsch zur Disposition gestellt werden. So benötigt etwa ein Mann mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom eine hormonelle Dauerbehandlung. Diese kann er zwar zur Erfüllung des Kinderwunsches unterbrechen, das verkürzt jedoch unter Umständen seine Überlebenszeit.

Rechtzeitig vorsorgen

Auch Bestrahlungen im Bereich des Bauchraums, Beckens, unteren Rückenmarks oder Gehirns bleiben oft nicht ohne Folgen. Dabei hängen deren Ausmaß von der Strahlendosis, dem Weg der Strahlen durch den Körper und vom Alter der Patienten ab. ­Liegen Eierstöcke oder Hoden im Strahlengang, müssen Betroffene damit rechnen, ihre Fruchtbarkeit einzubüßen. Die Gebärmutter hingegen verliert oft an Elastizität, und die Durchblutung nimmt ab. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit für Fehl- und Frühgeburten. Bei Männern können Nervenschädigungen eine Erektion verhindern. ­Bestrahlungen des Gehirns wirken sich immer dann auf die Fruchtbarkeit aus, wenn Hypothalamus oder Hypophyse (Hirnanhangdrüse) im Bestrahlungsfeld liegen. Beide steuern die Sexualhormone.




Für die Kryo­konservierung eignet sich auch Eierstock-Gewebe, meist werden jedoch unbefruchtete Eizellen eingefroren.

Foto: dpa


Unmittelbar nach der Krebsdiag­nose steht das Thema Kinderwunsch bei den meisten Betroffenen nicht im Vordergrund. Jedoch zeigt eine Befragung von 132 ehemaligen Krebspatienten an der Cleveland Clinic (Ohio, USA), dass 76 Prozent drei bis fünf Jahre nach der Therapie einen Kinderwunsch entwickelt hatten. Damit das Wunschkind kein Traum bleibt, raten Experten, sich rechtzeitig mit der Thematik auseinanderzusetzen. Das Zeitfenster für Maßnahmen, die die Fruchtbarkeit erhalten können, ist klein und die Behandlungen kein fester Bestandteil der Krebstherapie. Die Krankenkassen tragen die Kosten dafür nicht. Laut der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs müssen Männer mit etwa 500 Euro und Frauen mit bis zu 4300 Euro rechnen.

Zur Sicherheit einfrieren

Samen- oder Eizellen einzufrieren, ist ein bewährtes Verfahren der Kinderwunschbehandlung, das grundsätzlich auch Krebspatienten empfohlen wird. Die Dringlichkeit der Krebstherapie und die Tumorart entscheiden darüber, ob eine Eizellentnahme noch vor Therapiebeginn möglich ist. Um ausreichend Eizellen zu gewinnen, führen Mediziner eine zweiwöchige hormonelle Stimu­lation durch, wenn es sich nicht um ­einen hormonabhängigen Tumor handelt. Entnommene Eizellen können vor dem Einfrieren vom Partner befruchtet werden. Da Embryonen aber nur mit Zustimmung des Partners übertragen werden dürfen, raten Experten dazu, nur die Hälfte der Eizellen befruchten zu lassen.

Zeitprobleme treten bei männ­lichen Krebspatienten nicht auf, denn bei ihnen genügt eine Samenprobe. Probleme bereitet in 20 Prozent der Fälle ­jedoch die Spermienmenge: Zum Zeitpunkt der Diagnose finden Ärzte bei diesen Patienten keine aktiven Spermien im Ejakulat. In diesen Fällen ­besteht die Möglichkeit, Hodengewebe einzufrieren, um später daraus Spermien zu entnehmen.

Auch Frauen können sich Eierstockgewebe entnehmen, einfrieren und später wieder einsetzen lassen. Im Optimalfall übernimmt das Gewebe für eine begrenzte Zeit die volle Eierstockfunktion. Die Fruchtbarkeit lässt sich jedoch leider nicht dauerhaft wiederherstellen. Die zeitliche Obergrenze für das Verfahren liegt derzeit bei etwa 35 Jahren und hängt im Wesentlichen von der noch vorhandenen Eizellreserve ab. Da es sich um ein relativ neues Verfahren handelt, lassen sich nur begrenzte Aussagen über den Erfolg treffen. Aktuell gehen Mediziner von einer Geburtenrate zwischen 25 und 30 Prozent aus. Bis zum Jahr 2015 sind in Deutschland mit dieser Methode 16 Geburten erfolgreich verlaufen.

Medikamente oder Operation

Drängt die Zeit vor einer Chemotherapie, können Frauen kurzfristig einen Gonadotropin-Releasing-Hormon-Agonisten einnehmen. Das Medikament soll die Aktivität der Eierstöcke vorübergehend blockieren, was die Empfindlichkeit herabsetzen und die Gefahr einer Schädigung reduzieren soll. Nach wie vor handelt es sich dabei um eine medizinisch umstrittene Behandlung. Der sichere Nachweis eines schützenden Effekts steht noch aus. Ebenso ­unklar ist, ob die Behandlung bei hormonabhängigen Tumoren die Wirkung der Chemotherapie verringert.

Bei einer geplanten Strahlentherapie im Bauch- oder Beckenbereich besteht die Möglichkeit, die Eierstöcke operativ aus dem Bestrahlungsfeld zu verlegen. Nach Abschluss der Behandlung versetzt der Arzt sie wieder an ihren ursprünglichen Ort zurück. Ob die Methode eine natürliche Schwangerschaft ermöglichen kann, hängt davon ab, ob die Eileiter erhalten bleiben. Muss sie der Chirurg durchtrennen, bleibt den Frauen nur eine künstliche Befruchtung.

Keine Rezidivgefahr durch Schwangerschaft

Steht nach einer überstandenen Krebsbehandlung die Familienplanung an, reagieren viele Betroffene verunsichert. Erhöht eine Schwangerschaft das Rückfallrisiko? Wie steht es um das Risiko für Fehlbildungen bei den Kindern?

Die Befürchtung vieler Wissenschaftler, eine Schwangerschaft könne hormonabhängige Brusttumoren erneut wachsen lassen, hat sich nicht bestätigt. Für andere Krebsarten ist die Studienlage zwar weniger umfangreich, aber bislang gibt es ebenfalls keine Hinweise auf ein erhöhtes Rückfallrisiko. Auch beim Fehlbildungsrisiko können Experten beruhigen. Es lässt sich zwar nicht ausschließen, dass die Keimzellen durch die Behandlung geschädigt wurden, allerdings gilt dann das Alles-oder-nichts-Prinzip, das heißt, bei starker Schädigung tritt erst gar keine intakte Schwangerschaft ein.

Nach einer erfolgreich abgeschlossenen Krebstherapie spricht aus medizinischer Sicht somit nichts dagegen, dass sich Paare ihren Kinderwunsch erfüllen. Experten empfehlen dennoch, eine Wartefrist von etwa zwei Jahren einzuhalten. Sie dient dazu, Krebserkrankung und Therapie zu verarbeiten, das Rückfallrisiko abzuschätzen und sich ausreichend zu erholen. Zudem wird nach vielen Maßnahmen, die die Fruchtbarkeit erhalten, eine Kinderwunschbehandlung notwendig. Wie diese im Einzelfall aussieht, hängt im Wesentlichen von der Krankengeschichte des Paares ab. Theoretisch können alle verfügbaren Maßnahmen ausgeschöpft werden, solange sie nicht, wie bei hormonabhängigen Tumoren, das Rückfallrisiko erhöhen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2017

 

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