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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Hirtentäschel

Foto: Schöpke

Wildkraut zur Blutstillung

von Monika Schulte-Löbbert 

Die Samen des Gewöhnlichen Hirtentäschels dienten schon den Ärzten der Antike als Heilmittel. Aber erst die Pflanzenkundler des Mittelalters entdeckten die blutstillende Wirkung des Krauts. Als Hämostyptikum wird Hirtentäschelkraut vor allem in der Volksmedizin geschätzt. 

Das Gewöhnliche Hirtentäschel stammt ursprünglich aus Europa, wurde aber durch die Europäer weit verbreitet. Heute wächst es mit Ausnahme der Tropen fast überall auf der Erde. Dabei bevorzugt es Standorte, die zuvor von Menschen bearbeitet und genutzt wurden. Zu diesen sogenannten Ruderalstellen gehören Schuttplätze, Bahndämme und Brachflächen. Als Stickstoff liebende Pflanze ist das Hirtentäschel auch häufig an Ackerrändern zu finden.

Im Jahr 1753 veröffentlichte Carl von Linné erstmals eine Beschreibung des Hirtentäschels unter dem botanischen Namen Thlaspi bursa-pastoris. Der deutsche Botaniker Friedrich Kasimir Medikus (1736 bis 1808) verschob die Art jedoch in eine andere Gattung. Seitdem trägt sie die noch heute gültige Bezeichnung Capsella bursa-pastoris (L.) Medikus.
Das lateinische »Capsella« ist die Verkleinerungsform von »capsa« und bedeutet kleine Kapsel oder Tasche. Die Schötchen der Pflanze erinnern tatsächlich an die Form der kleinen aus Fell gefertigten Taschen, die sich die Hirten im Mittelalter umhängten. »Bursa-pastoris« besteht aus den lateinischen Wortelementen »bursa« für Balg oder Börse und »pastor« für den Hirten. Neben dem deutschen Namen Hirtentäschel nehmen auch viele europäische Namen Bezug auf die Ähnlichkeit der Schötchen mit Hirtentaschen: In England heißt die Pflanze shepherd’s purse, in Frankreich bourse-à-pasteur, in Italien borsa del pastore.
Die zahlreichen volkstümlichen Namen wie Herzkraut, Säckelkraut und Taschenkraut verweisen auf die Fruchtform, Namen wie Bauernsenf auf den scharfen Geschmack und Blutkraut auf die blutstillende Wirkung.

Hirtentäschel gehört zur Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae). Die ein- bis zweijährige krautige Pflanze bildet eine einfache spindelförmige Wurzel aus und wird etwa 40 Zentimeter hoch. Je nach Standort erreichen aber manche Exemplare nur Wuchshöhen von wenigen Zentimetern, andere sogar von 80 Zentimetern. Die grundständigen Blätter stehen in einer ­Rosette. Sie sind gestielt, ungeteilt oder fiederspaltig. Aus ihrer Mitte wächst der manchmal verzweigte Blütenstängel. Seine wenigen, halbstängelumfassenden Blätter sitzen wechselständig und sind nur leicht gezähnt. An der Stängelspitze stehen die kleinen weißen Blüten in einer dicht gedrängten Trugdolde. Während aus den Blüten die typischen herzförmigen Schötchen heranreifen, verlängert sich der Blütenstand. Unter günstigen klimatischen Bedingungen blüht und fruchtet das Hirtentäschel fast das ganze Jahr. So sind pro Jahr bei einer Pflanze bis zu vier Genera­tionen möglich, die bis zu 64000 Samen produzieren.

Im 20. Jahrhundert wiederentdeckt

Bereits die Mediziner der Antike schätzten die heilenden Kräfte des Hirtentäschels, hauptsächlich der Samen. So schrieb der griechische Arzt Dioskurides im ersten Jahrhundert: »Der Same ist scharf erwärmend, er führt die Galle nach unten und oben ab, wenn ein Essignäpfchen voll davon genommen wird.« Hirtentäschel galt auch als Heilpflanze zum Beispiel gegen ­Ischiasschmerzen oder Erkrankungen des Uterus.

Erst im Mittelalter entdeckten Heilkundige die blutstillende Wirkung des Krauts. Hieronymus Bock lobte in seinem New Kreutterbuch von 1539 die kräftige blutstillende Wirkung des »Teschelkrauts« bei »roten und weißen Bauchflüssen« sowie äußerlich bei Nasenbluten und frischen Wunden. Auch der bedeutendste englische Kräuterkundler Nicholas Culpeper (1616 bis 1654) empfahl das Kraut bei inneren und äußeren Blutungen. In den ­Bereich des Aberglaubens gehört allerdings sein Tipp, das Kraut an Gelenke und Fußsohlen zu binden, damit diese bei lang ausgedehnten Wanderungen nicht überstrapaziert würden.

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte geriet das Kraut weitgehend in Vergessenheit. Erst im Ersten Weltkrieg wurde das Hirtentäschelkraut wieder als Hämostyptikum vor allem in der Frauenheilkunde eingesetzt. Zum Teil diente es als Mutterkornersatz bei Aborten, nach Geburten und bei starken Blutungen.

Die Volksmedizin empfiehlt Hirtentäscheltee noch heute bei zu starken, zu häufigen und zu langen Menstruationsblutungen sowie nach Geburten zur Rückbildung der Gebärmutter. Traditionell dient es auch der Therapie von Durchfall und Blasenentzündung sowie der lokalen Anwendung bei Nasenbluten und leichten, blutenden Wunden.

Droge des DAC

Nicht die Samen, sondern das ganze Kraut enthält die für die Wirkung verantwortlichen Inhaltsstoffe. Der Deutsche Arzneimittel Codex (DAC 2004) führt die Monographie »Hirtentäschelkraut – Bursae pastoris herba«. Danach besteht die Droge aus den zur Blütezeit gesammelten, getrockneten, ganzen oder geschnittenen Teilen von Capsella bursa-pastoris (L.) Medik. Der DAC beschreibt ihren Geruch als schwach, ihren Geschmack als scharf und bitter. Die Droge stammt aus Wildvorkommen in Europa, vorwiegend aus Russland, Polen, Ungarn und Bulgarien. Als synonyme Bezeichnung nennt der DAC »Herba Sanguinariae«, nicht zu verwechseln mit der ebenfalls als Herba Sanguinariae gehandelten Droge Herba Polygoni avicularis (Vogelknöterichkraut).

Kennzeichnend für alle Kreuzblütler sind die schwefelhaltigen Senfölglykoside, die Glucosinolate. Beim Hirtentäschel ist das Glucosinolat Sinigrin für den scharf würzigen Geschmack des Krauts verantwortlich. Die Droge enthält neben einem hohen Anteil an Proteinen über 20 Aminosäuren sowie kleine Mengen an Flavonoiden, ferner Calcium- und Kaliumsalze. Die blutstillende Wirkung wird einem Peptid zugeschrieben, das in vitro ähnlich wie Oxytocin wirkt. Das Vorkommen biogener Amine wie Acetylcholin, Cholin und Tyramin, die ältere Literatur noch als Inhaltsstoffe nennt, konnte nicht bestätigt werden. Vermutlich ist der Amingehalt auf den häufigen Befall mit dem Weißen Rost (Albugo candida), einem endophytisch lebenden Pilz, zurückzuführen.

Die Kommission E bewertete 1990 in ihrer Monographie »Bursae pastoris herba (Hirtentäschelkraut)« für einige Indikationen positiv, obwohl die Wirksamkeit der Droge nach den gültigen Kriterien für klinische Prüfungen von Arzneimitteln bisher nicht belegt ist. Die Kommission empfiehlt das Kraut zur inneren Anwendung zur symptomatischen Behandlung leichter Menorrhagien (verlängerte Monatsblutungsdauer von 7 bis 14 Tagen) und Metrorrhagien (Zwischenblutungen). Auch die topische Anwendung bei Nasenbluten und äußerlich zur Blutstillung oberflächlicher Hautverletzungen ist als Indikation genannt. In Tierexperimenten förderte Hirtentäschelkraut die Kontraktilität des Uterus, sodass der Einsatz bei Menstruationsunregelmäßigkeiten durchaus nachvollziehbar ist.

Nicht für Schwangere

Von der volksmedizinischen Anwendung bei Durchfall, Harnwegsinfekten oder Blutungen des Magen-Darm-Traktes ist dagegen abzuraten. Auch der Einsatz als Mutterkornersatz bei Gebärmutterblutungen ist obsolet, da die Wirkung unzuverlässig ist. Schwangere dürfen kein Hirtentäschelkraut anwenden, da es vorzeitige Wehen auslösen kann. Nach der Geburt kann ein Tee aus Hirtentäschel die Rückbildung der Gebärmutter unterstützen.

Zur Bereitung eines Teeaufgusses werden zwei Teelöffel (etwa drei Gramm) fein zerschnittene Droge oder die entsprechende Menge in Aufgussbeuteln mit 150 ml siedendem Wasser übergossen und nach 10 bis 15 Minuten durch ein Teesieb gegeben. Soweit nicht anders verordnet, sollen Frauen zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden drei- bis viermal täglich eine Tasse Tee trinken.

Bei Anomalien der Regelblutung

Zur lokalen und äußerlichen Anwendung als Hämostyptikum muss ein stärkerer Aufguss aus ein bis zwei Esslöffeln (fünf bis zehn Gramm) Droge auf 150 ml Wasser hergestellt werden. Der Aufguss wird lauwarm als Nasentamponade oder zu Umschlägen verwendet.
Neben der Teebereitung stehen in der Apotheke zur inneren Anwendung auch Fertigpräparate zur Verfügung, zum Beispiel das Kombinationsmittel Menodoron® Dilution von Weleda oder das Monopräparat Styptysat® Bürger Tabletten mit einem Trockenextrakt aus Hirtentäschelkraut. Menodoron® wird gemäß der anthroposophischen Therapierichtung bei Menorrhagien, Dysmenorrhoen oder Anomalien der Regelblutung eingenommen. Styptysat® Bürger dient innerlich als Hämostyptikum zur Behandlung leicht verlängerter und verstärkter Regelblutungen sowie bei Blutungen des Magen-Darm-Traktes, des Harnapparates und der Atemwege. Allerdings sollte vorab immer ein Arzt die Ursache der Blutung abklären.

Bei der Einnahme der Droge sind weder Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen mit anderen Mitteln bekannt. Von der übermäßigen oder längeren Anwendung raten Experten jedoch ab.

Die Homöopathie nennt als Anwendungsgebiete für Capsella bursa-pastoris (syn. Thlaspi bursa pastoris) Steinleiden, Gebärmutter- und Schleimhautblutungen. Wegen ihrer leichten Schärfe würzen einige Köche mit den Blättern des Hirtentäschels gerne Salate oder Kräuterdips.


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schulte-loebbert(at)t-online.de



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