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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Condurangorinde

Foto: Pascoe GmbH

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Bittere Rinde für mehr Appetit

von Ursula Sellerberg, Berlin

Über Jahrhunderte nutzten nur die Indianer Südamerikas die heilenden Wirkungen der Condurangorinde. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts lernten auch die Europäer die Heilpflanze kennen. Ihre Bitterstoffe regen die Speichel- und Magensaftsekretion an und steigern so den Appetit. Homöopathen schätzen Condurango unter anderem als Mittel gegen Risse an den Lippen und in den Mundwinkeln.

Condurango ist ein Kletterstrauch mit behaarten Trieben. Die Liane gehört zur Familie der Schwalbenwurzgewächse (Asclepiadaceae). Sie kommt weltweit in allen tropischen Regionen vor, wächst wild jedoch vor allem in Südamerika an den Westhängen der Anden von Ecuador, Peru und Kolumbien. Ihr botanischer Name »Marsdenia cundurango Reichb. f.« leitet sich zum einen von den Worten »Quichua angu« (= Schlingpflanze) ab. Marsdenia heißt sie zu Ehren des Historikers William Marsden (1754 bis 1836). Von manchen Autoren wird sie auch Marsdenia reichenbachii TRIANA genannt. Ihre volkstümlichen Namen sind Magenwohl, Geierpflanze oder Kondorliane. Die Engländer bezeichnen sie als eagle vine, condor plant, aber auch als condurango ebenso wie die Franzosen.

Der Stamm von Marsdenia cundurango kann bis zu zehn Zentimeter dick und bis zu neun Metern lang werden. Die jungen kletternden Äste sind mit einem dünnen Haarfilz überzogen, die älteren Triebe und der Stamm sind von einer grauen Rinde bedeckt. Der Milchsaft der Pflanze ist im frischen Zustand giftig. Die Condurangoblätter sind herzförmig-länglich, derb und ebenfalls stark behaart. In den Blattachseln wachsen doldenförmig die kleinen grünweißen Blütenstände.

Ursprünglich verwendeten die Indianer Südamerikas Condurango zur Appetitanregung, setzten die Rinde jedoch auch bei Schlangenbissen und Krebserkrankungen ein, insbesondere gegen Beschwerden im Zusammenhang mit einem Magentumor. Um 1870 wurde die südamerikanische Heilpflanze erstmals in Europa medizinisch angewendet. Auch hier stand ihre appetitanregende Wirkung im Vordergrund. Neben der Zubereitung als Teeaufguss war der Condurangowein gegen Verdauungsbeschwerden beliebt.

Offizinelle Monographie

Pharmazeutisch verwendet wird die Rinde der Zweige und des Stammes. Der Deutsche Arzneimittel Codex (DAC) führt Condurango Cortex offizinell. Die Oberfläche der Condurangorinde ist bräunlich oder braungrau, längsrunzelig und höckerig, die Innenseite hellgrau und längsstreifig. Die Droge enthält 2 Prozent eines komplexen Gemisches aus Steroidsaponinen und Pregnanderivaten (Condurangoglykoside), die auch Condurangin genannt werden. Weitere Inhaltsstoffe sind Condurangamine A und B, Chlorogensäure, phenolische Verbindungen wie Kaffeesäure oder Flavonoide und Phytosterole. Die Droge schmeckt bitter und schwach kratzend. Sie enthält geringe Mengen an Vanillin, das der Pflanze einen angenehmen schwach aromatischen Geruch verleiht. Wie bitter die Rinde ist, schwankt von Charge zu Charge.

Aufgrund ihres Bitterstoffgehalts zählt die Droge zu den Amara (Bittermitteln). Zubereitet wird Condurangorinde als Tee oder als alkoholischer Auszug. Die mittlere Tagesdosis liegt bei 2 bis 4 g Droge beziehungsweise 2 bis 5 g Tinktur oder 0,2 bis 0,5 g Extrakt. Um Condurangowein (Condurango vinum) herzustellen, werden 50 bis 100 Gramm der Droge mit einem Liter Wein angesetzt. Diesen Ansatz lässt man mehrere Tage bis Wochen unter wiederholtem Umschütteln stehen und seiht dann ab. Eine halbe Stunde vor dem Essen wird ein Likörglas des bitteren Weins getrunken. Das Schweizer Arzneibuch, die Ph.Helv. 10, lässt den Wein aus Kondurangofluidextrakt und Süßwein im Verhältnis 1 zu 9 bereiten. Diese Mischung wird acht Tage lang bei höchstens 8 Grad Celsius gelagert und bei derselben Temperatur dekantiert und filtriert.

Die Inhaltsstoffe sind in kaltem Wasser besser löslich als in warmem. Das erklärt, warum sich das wässrige Mazerat beim Erwärmen auf über 80 Grad Celsius trübt und beim Abkühlen wieder klar wird. Für die Teezubereitung wird deshalb ein halber Teelöffel (etwa 1,5 g) fein zerschnittene Droge mit circa 150 ml kaltem Wasser versetzt, kurz zum Sieden erhitzt und erst dann abgeseiht, wenn der Auszug ganz abgekühlt ist. Eine Tasse Tee soll der Patient 30 Minuten vor den Mahlzeiten trinken. Tees aus Bitterdrogen sollten grundsätzlich nicht gesüßt werden.

Condurangorinde ist ein geschätztes Phytotherapeutikum gegen Appetitlosigkeit und Übelkeit. Die Bitterstoffe kurbeln die Speichel- und Magensaftsekretion an. Die für Phytotherapie zuständige Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt (BGA) hat 1987 den Einsatz von Condurangorinde bei Appetitlosigkeit positiv bewertet. Nebenwirkungen, Gegenanzeigen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt. Menschen mit Latexallergie sollten keine Condurangorinde anwenden. Bei diesen könnte ein anaphylaktischer Schock auftreten. Condurangoextrakt ist in Kombination mit anderen Pflanzenextrakten in einigen Magen-Darm-Mitteln enthalten.

Homöopathie und Volksmedizin

Die für die Homöopathie zuständige Kommission D bewertete 1985 Condurango ebenfalls positiv und nennt als Anwendungsgebiete Risse und Geschwüre an den Lippen und am After sowie Entzündungen und Verengungen der Speiseröhre. Homöopathen setzen Condurango daher für diese Indikationen als Urtinktur und in verschiedenen Potenzen und Kombinationen ein, auch zum äußerlichen Betupfen rissiger Mundwinkel oder als Umschläge auf Geschwüren. Wegen ihrer heilungsfördernden und entzündungshemmenden Wirkung ist Condurango außerdem in homöopathischen Lymphmitteln wie Lymphdiaral® enthalten.

Die Volksmedizin schätzt Tees mit Condurangorinde bei nervösen Magenbeschwerden, Gastritis, Magensaftmangel und Schwächezuständen. Traditionell wird die Rinde bei Leber- und Menstruationsproblemen eingesetzt. In der Volksmedizin wird sie auch Patienten mit Magenkrebs empfohlen: Sie soll den Appetit anregen und den Brechreiz lindern. Allerdings wurden Antitumoraktivitäten bisher nur im Tierversuch beobachtet und nur nach Gabe der relativ giftigen Reinglykoside.



Tarzan und die Liane

Beim Wort Liane fällt vielen der Dschungelheld Tarzan ein. Doch hat sich Tarzan nicht an einer Liane, sondern an einer Luftwurzel durch den Urwald geschwungen. Vielleicht klang das Wort »Liane« besser für den US-amerikanischen Schriftsteller Edgar Rice Burroughs (1875 bis 1950), Tarzans Erfinder. Wie das Beispiel des Condurangostrauchs zeigt, wachsen Lianen von unten nach oben. Die Kletterpflanzen wurzeln im Boden und nutzen andere Pflanzen als Stützen. So verbessern sie ihre Lichtausbeute, ohne selbst einen tragenden Stamm zu entwickeln.

Luftwurzeln hingegen wachsen von oben nach unten. Gebildet werden sie von einem Epiphyten, also einer Pflanze, die auf einer anderen wächst. Die Luftwurzeln dienen den Pflanzen zur Wasser- oder Nährstoffaufnahme. Erreicht eine Luftwurzel den Boden, bildet sie in der Erde Wurzeln aus. Bekannte Beispiele für Pflanzen mit Luftwurzeln sind
Orchideen. 



E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de



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