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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Conium maculatum

Foto: Schöpke

Foto: Schöpke

Ein langsamer, qualvoller Tod

von Ernst-Albert Meyer

Ein Rivale in der Thronfolge soll beiseite geschafft werden – kein Problem für Giftmischer. In Antike und Mittelalter war der Gefleckte Schierling ein häufig verwendetes Gift, bei dem jeder Rettungsversuch erfolglos blieb.

Im Jahr 55 ging der sehnlichste Wunsch des römischen Kaisers Nero in Erfüllung: Sein dreizehnjähriger Stiefbruder sprang plötzlich von der abendlichen Festtafel auf und brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Als Sklaven den regungslosen Britannicus aus der Halle trugen, triumphierte Nero. Endlich war es ihm gelungen, den beim Volk beliebten Rivalen und leiblichen Sohn seines Vorgängers Kaiser Claudius (10 v.Chr. bis 54 n. Chr.) aus dem Weg zu räumen. Nero beruhigte seine Gäste, darunter auch Octavia, seine Ehefrau und Schwester des Britannicus. Sicher hätte der junge Mann einen der üblichen Epilepsieanfälle.

Das Festmahl ging weiter, doch Neros Gedanken waren bei Britannicus. Diesmal war Locusta, die aus Gallien stammende Giftmischerin, erfolgreich. Ihr Gifttrunk aus Schierling und Opium hatte schnell und tödlich gewirkt. Beim ersten Giftanschlag hatte Britannicus sich nur erbrochen. Darüber war Nero so erbost, dass er die Giftmischerin eigenhändig züchtigte und mit ihr zusammen einen neuen Gifttrank braute. Diesen probierten sie an einem Schwein aus: Das Tier starb auf der Stelle. Und bei Britannicus hatte der Gifttrunk die gleiche Wirkung gezeigt. Nero wollte Locusta fürstlich belohnen!

Ein Kenner der damals benutzten Gifte, der Militärarzt Dioskurides, schrieb in seinem zwischen 68 und 70 n. Chr. verfassten Werk »Materia medica«: »Die Vorbeugung gegen Gifte ist schwierig, weil die, welche heimlich Gifte geben, es so anstellen, dass auch die Erfahrensten getäuscht werden. Die Bitterkeit nehmen sie den Giften dadurch, dass sie Süßes hinzufügen, und den schlechten Geschmack decken sie durch Duftmittel. Sie mischen Gifte auch Arzneimitteln hinzu, die, wie sie wissen, zu Gesundungszwecken gegeben werden. Sie tun sie in Getränke, in Wein, Suppen, in Honigwasser, in Linsengerichte und anderes was essbar ist.«

Doch der Gefleckte Schierling ist noch aus einem anderen Grund berühmt geworden: Nur er galt im antiken Griechenland als offizielles Mittel zur Vollstreckung von Todesurteilen. Warum das so war, ist heute schwer zu erklären. Tatsache ist, dass der aus den Früchten der Schierlingspflanze gewonnene Presssaft die Verurteilten qualvoll und bis zuletzt bei vollem Bewusstsein sterben ließ. Beim Mord an Britannicus hatte die giftkundige Locusta Schierling mit Opium kombiniert und so den Todeseintritt beschleunigt.

Das Sterben des Sokrates

Bis heute berühmt ist der Schierlingsbecher durch den Tod des Sokrates. 399 v. Chr. wurde der Philosoph von den Herrschenden Athens angeklagt und zum Tode verurteilt: »Sokrates ist gottlos und verdirbt die Jugend.« Im Gefängnis nahm Sokrates – so berichtet es sein Schüler Plato – »ohne im mindesten zu zittern oder Farbe oder Gesichtszüge zu ändern« den tödlichen Trank zu sich. Den Schierlingsbecher hatte der Gefängniswärter durch Auspressen von Schierlingsfrüchten bereitet. Von ihm ließ sich Sokrates die Wirkung des Giftes erklären: »Nichts weiter hast du zu tun, als wenn du getrunken hast, herumzugehen bis dir die Beine schwer werden, und dann dich niederzulegen.« So geschah es! In Gegenwart von Zeugen kontrollierte der Wärter die verheerende Wirkung des Tranks. Er betastete wiederholt Sokrates Körper, um die von den Füßen aufsteigende Lähmung zu verfolgen. Der Philosoph starb langsam: Lähmung und Kälte erfassten nach und nach seinen Körper, bis das Atemzentrum versagte und der Vergiftete – bis zuletzt bei vollem Bewusstsein – erstickte.

Aufgrund seines Rufs als Giftpflanze wurde der Gefleckte Schierling in der Antike nur selten medizinisch eingesetzt. Noch im Mittelalter warnte Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) vor dem inneren Gebrauch dieser Pflanze und wies auf die Verwechslungsgefahr mit Petersilie oder Pastinak hin. Dagegen empfahl die Äbtissin den Schierling äußerlich als zerteilendes Mittel zur Behandlung von Quetschungen, Schwellungen und Hämatomen.

Medizin vergangener Zeiten

Im späten Mittelalter dagegen wurde der Gefleckte Schierling in Kombination mit anderen Pflanzen in einer Vielzahl von Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmitteln eingesetzt. Mehr als die Hälfte der insgesamt 142 Präparate des berühmten mittelalterlichen Arzneibuchs »Antidotarium Nicolai« (Mitte des 12. Jahrhunderts) sind Analgetika. Damals verschrieben die Ärzte besonders häufig Schmerzmittel und in den Apotheken wurden ganz unterschiedliche Arzneiformen hergestellt: Pillen, Umschläge, Pflaster, Nasenöle, Salben, Zäpfchen, Tränke, Riechmittel und Räucherungen. Diese enthielten neben den Nachtschattengewächsen (Tollkirsche, Bilsenkraut, Alraune) und Mohn beziehungsweise Opium häufig auch Gefleckten Schierling.

Doch außer den analgetischen, sedativen und narkotischen Eigenschaften dieser Mittel wirkten die Zubereitungen auch stark halluzinogen, was zum Missbrauch verleitete. Das brachte sie in Verruf, denn diese Analgetika erzeugten angenehme Träume und Rauschzustände, mit denen die Patienten ihr armseliges Leben eine zeitlang vergessen konnten: Visionen von sexuellen Orgien, von Zauberkräften, vom Ritt auf einem Hexenbesen und geheimnisvollen Treffen mit dem Teufel. Vor allem Hexensalben mit diesen halluzinogenen Pflanzen waren dafür berüchtigt. Ihr Gebrauch war lebensgefährlich, meist tödlich, denn die Inquisition machte unerbittlich Jagd auf Hexen. Bei ihren Verhören befragten die Inquisitoren die verdächtigten Frauen immer nach dem Gebrauch halluzinogener Pflanzen, vor allem der Hexensalben. Leugneten die Angeklagten zuerst noch, waren sie unter der Folter geständig und wurden damit schuldig gesprochen. Doch nicht nur Frauen, auch Ärzte, die diese Zubereitungen verschrieben, und Apotheker, die sie herstellten, gerieten mit ins Visier der Inquisition. Deshalb verschwanden im 16. Jahrhundert Arzneimittel mit halluzinogenen Pflanzen aus den Arznei- und Kräuterbüchern.

Einheimische Giftpflanze

Der Gefleckte Schierling (Conium maculatum L.) zählt zu den giftigsten einheimischen Pflanzenarten. Er wächst in Europa, Asien und Nordamerika an Wegen, Hecken, Zäunen und auf Schuttplätzen. Conium maculatum ist ein überwinterndes ein- bis zweijähriges Kraut aus der Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Die Pflanze kann bis zu 2,5 m hoch werden. Ihr Stengel ist rund, fein gerillt und teilweise rötlich gefleckt. Die dunkel- bis graugrünen Blätter sind zwei- bis vierfach gefiedert. Die weißlichen Blüten sind in zusammengesetzten Dolden angeordnet. Die Früchte sind 2 bis 3 mm lang, eiförmig und unbehaart mit wellig-gekerbten Rippen.

Die giftigen Piperidin-Alkaloide, vor allem das Coniin, sind in allen Teilen der Pflanze zu finden, besonders aber in den Früchten (bis 3 Prozent). Die letale Dosis beträgt für Erwachsene bei oraler Aufnahme 0,5 bis 1 g Coniin. Das Alkaloid wird sehr schnell sowohl über die Magen-Darm-Schleimhaut als auch über die intakte Haut resorbiert. Nach einer kurzen Erregungsphase führt Coniin zur aufsteigenden Lähmung der motorischen Zentren des Rückenmarks. Darüber hinaus wirkt es curareartig lähmend auf die quergestreifte Muskulatur und ähnlich wie Nicotin beziehungsweise Aconitin auf die vegetativen Ganglien und die sensiblen Nervenenden. Der Tod tritt durch zentrale Atemlähmung ein. Im Jahr 1827 gelang es erstmals, Coniin aus den Schierlingsfrüchten zu isolieren. Aufgrund der geringen therapeutischen Breite des Alkaloids werden Arzneimittel mit Coniin oder Extrakten aus dem Gefleckten Schierling in der Medizin nicht mehr verwendet.

Einsatz in der Homöopathie

Homöopathen setzen Conium heute ein bei benigner Prostatahyperplasie, psychischen und physischen Beschwerden im Alter wie Vergesslichkeit, Muskelschwäche, Zittern und Schwindel, Impotenz und geschwollenen, schmerzhaft verhärteten Drüsen. Neben den gebräuchlichen homöopathischen Zubereitungen ist auch eine Conium-Salbe im Handel, die ebenfalls bei Drüsenschwellungen und -verhärtungen angewendet wird.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de



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