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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Brechwurz

Einst 1000 Goldmünzen wert

von Gerhard Gensthaler

Als sie Ende des 17. Jahrhunderts Eingang in den Arzneischatz Europas fand, erlebte die indianische Droge Ipecacuanha einen kometenhaften Aufstieg und wurde für viel Geld gehandelt. Lange Zeit diente sie als Arznei gegen die Amöbenruhr und als Brechmittel bei Vergiftungen. Heute wird sie vor allem in der Homöopathie verwendet.

Die Brechwurz oder Ruhrwurzel mit der Stammpflanze Psychotria ipecacuanha (Brot.) = Cephaelis ipecacuanha (Brot.) gehört zur Familie der Rubiaceae. In den westeuropäischen Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch heißt sie überall Ipecacuanha. Lediglich in Brasilien, der Heimat der Pflanze, wird sie Ipecac genannt. Dort bezeichneten die Tupi, die Ureinwohner die Pflanze als i-pe-kaa-guene, was »Kraut am Wegesrand, brechenerregend« bedeutet. Die Portugiesen übernahmen dann den Namen von den Tupi.

Die ersten Nachrichten über die Droge und ihre Wirkungen stammen von dem holländischen Arzt Wilhelm Piso (1611 bis 1678) und dem deutschen Botaniker Georg Marcgraf (1619 bis 1644). Die zwei Gelehrten begleiteten den Grafen Moritz von Nassau-Siegen auf seiner Expedition durch Brasilien in den Jahren 1636 bis 1641. Eingang in den Arzneischatz Europas fand die Wurzel Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich durch den holländischen Arzt Johann Adrian Helvetius (1661 bis 1772). Helvetius lernte Ipecacuanha während seines Studiums in Paris kennen. Ein Kaufmann, den er von seiner Krankheit geheilt hatte, schenkte dem jungen Holländer aus Dankbarkeit eine größere Menge der Wurzel, die erst vor kurzem aus Brasilien eingetroffen war. Da Helvetius die Wurzel sehr erfolgreich gegen die Ruhr einsetzte, an der damals viele Pariser erkrankt waren, wurde der französische König Ludwig XIV. auf ihn aufmerksam. Der Herrscher bot ihm für die Bekanntmachung des Heilmittels 1000 Louisd’or. Die französischen Goldmünzen wurden seit Ludwig dem XIII. als Zahlungsmittel eingesetzt. Dieses Angebot nahm Helvetius gerne an. Da alle Heilversuche glücklich ausfielen, ernannte ihn der König später zu seinem Leibarzt und zum Aufseher der französischen Spitäler.

In Deutschland machte der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) im Jahr 1696 die Leopoldinische Societät der Naturforscher auf diese neue Droge als Emetikum sowie als Medikament gegen die Ruhrerkrankung aufmerksam.

Wildwachsender Strauch

Die Brechwurz stammt aus den tropischen Tieflandregenwäldern Mittel- und Südamerikas, von Nicaragua bis Brasilien. Cephaelis ipecacuanha ist ein kleiner Strauch, der bis zu 40 cm hoch werden kann und im Sumpf oder an feuchten Stellen in dichten Büschen wächst. Er hat ledrige, gegenständige Blätter und kleine weiße Blüten, die in endständigen, köpfchenförmigen Blütenständen stehen und die eine fleischige blauschwarze Steinfrucht bilden. Die Rhizome werden vorwiegend im Mato Grosso in Brasilien, aber auch in Mexiko aus Wildbeständen gesammelt. Die Kultivierung in Plantagen ist bis jetzt nicht gelungen.

Einige Stammpflanzen erlaubt

Als Droge werden die getrockneten und zerkleinerten unterirdischen Teile drei- bis vierjähriger Pflanzen der Arten Cephaelis ipecacuanha (Brot.) verwendet. Offizinell sind mehrere Monographien: Ipecacuanhae Radix (mind. 2,0 Prozent Alkaloid, berechnet als Emetin), Ipecacuanhae pulvis normatus Ph.Eur. (1,9 bis 2,1 Prozent Alkaloid, berechnet als Emetin) und Ipecacuanhae tinctura normata Ph.Eur. (0,19 bis 0,21 Prozent Alkaloid, berechnet als Emetin). Als offizinelle Droge werden auch verschiedene andere Handelssorten akzeptiert, wie Cartagena-, Panama-, Costa Rica- oder Nicaragua-Ipecacuanha, üblicherweise unter der Stammpflanze Cephaelis acuminata bekannt. Mehrere andere Arten aus den tropischen Gebieten Südamerikas gelten als Verfälschungen oder als minderwertiger Ersatz der Ipecacuanhawurzel, so Cephaelis tomentosa, C. humboldtiana und C. elata.

Alkaloide erforscht

Nachdem die Wurzel im Jahr 1699 erstmals auf ihre wirksamen Bestandteile untersucht worden war, fanden über 100 Jahre später der französische Anatom und Physiologe Francois Magendie (1783 bis 1855) und der Chemiker und Apotheker Pierre Joseph Pelletier (1788 bis 1842) darin ein Alkaloid, das sie Emetin nannten. Inzwischen ist bekannt, dass die Wurzel zahlreiche Isochinolinalkaloide enthält. Mit 98 Prozent der Gesamtalkaloidmenge sind Emetin und Cephaelin die beiden wichtigsten Inhaltsstoffe. Der Emetin-Gehalt liegt zumeist über dem des Cephaelin. Emetin und Cephaelin sind in ihrer Aktivität fast gleichwertig.

Die beiden Hauptalkaloide reizen den Nervus vagus im Magen. Dadurch wird die Wassersekretion im Bronchialgewebe reflektorisch stimuliert, was die bekannten Anwendungen als Expektorans und Sekretolyticum ermöglicht. Emetin blockiert zusätzlich die Proteinbiosynthese. Damit erklären Pharmakologen die zytotoxische und abtötende Wirkung auf Amöben. In hoher Dosis reizen allerdings beide Alkaloide die Magenschleimhaut so stark, dass Brechreiz entsteht. Daher können Überdosierungen gefährlich sein. Beide Alkaloide führen durch Herzlähmung zum Tode. Als letale Dosis für Cephaelin gelten 32 mg und für Emetin 57 mg pro Kilogramm Körpergewicht.

Die Droge ist nicht zur Selbstmedikation geeignet, da die Dosis sehr sorgfältig eingehalten werden muss. Als maximale Einzeldosis gelten 0,15 Gramm Emetin und als Tagesdosis 1,0 Gramm, als Brechmittel 2,0 Gramm. Zubereitungen aus Ipecacuanhawurzel werden hauptsächlich wegen ihrer expektorierenden Wirkung bei chronischer Bronchitis mit trockenem Husten. Außerdem ist die Droge in einigen Erkältungsmitteln enthalten.

Als Emetikum bei Vergiftungen wird der Saft (Sirupus Ipecacuanha) eingesetzt. In der Regel erbrechen die Patienten nach spätestens 15 Minuten schwallartig den gesamtem Mageninhalt. Brecherregender Sirup (Sirupus emeticus) kann auch nach der NRF-Vorschrift 19.1. aus Ipecacuanha-Fluidextrakt hergestellt werden. Dieser Sirup enthält etwa 1,4 mg Ipecacuanha-Alkaloide pro Milliliter, berechnet als Emetin. Die Dosierung des NRF-Sirups hängt vom Alter des Patienten ab. Sie reicht von 10 ml für Kinder von 1 bis 1,5 Jahren bis zu 30 ml für Kinder über 3 Jahren sowie für Erwachsene. Diese Menge wird dann 100 bis 200 ml Wasser oder Fruchtsaft zugesetzt.

Als unerwünschte Wirkungen der Droge sind Schweißausbrüche, Blutdruckabfall, Schwindel, Muskelerschlaffungen, Pulsrasen und krampfartiger Husten bekannt. Häufig wird auch übermäßige Speichelbildung mit metallischem Geschmack beschrieben. Beim Umgang mit der Pulverdroge können bei empfindlichen Menschen allergische Reaktionen bis hin zu Asthmaanfällen auftreten.

Gerichte urteilen unterschiedlich

Die Abwägung zwischen Risiko und Nutzen der Droge fällt unterschiedlich aus, auch in der Gerichtsbarkeit. So hat das Oberlandesgericht Hessen im Jahr 1996 den Einsatz der Droge aufgrund ihrer vielen Nebenwirkungen untersagt, das Bundesverfassungsgericht 1999 dieses Verbot jedoch wieder aufgehoben.

In der Homöopathie ist die Brechwurz mit der Stammpflanze Cephaelis ipecacuanha ein probates Mittel gegen Beschwerden, die von anhaltender Übelkeit begleitet werden, zum Beispiel bei Bronchitis, Bronchialasthma und Keuchhusten. Magen-Darm-Entzündungen und Schleimhautblutungen sind weitere Anwendungsgebiete. Verreibungen, flüssige Verdünnungen, Tabletten und Lösungen zur Injektion werden ab D4 verwendet, während Suppositorien bereits ab D3 und Streukügelchen ab D2 Einsatz finden. Dabei ist zu beachten, dass Zubereitungen bis einschließlich D3 rezeptpflichtig sind.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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