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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Lavendel



Foto: Wala Heilmittel GmbH

Der Duft der Provence

von Edith Schettler

Wer denkt nicht sofort an Urlaub in Südfrankreich, wenn ihm echter Lavendelduft um die Nase weht. Früher erinnerte der Geruch viele Menschen an das Parfüm älterer Damen. Diese Zeiten sind vorbei, denn dank der Züchtung neuer Sorten hat sich auch ihr Aroma verändert. In der Aromatherapie und der Naturheilkunde ist die Pflanze heute nicht mehr wegzudenken.

Die Gattung Lavendel gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Abhängig vom Standort bilden aufsteigende, aufrechte, mehr oder weniger verästelte Zweige einen Busch von zwanzig Zentimetern bis zu einem Meter Höhe. Je nach Sorte und Sonneneinstrahlung sind die Laubblätter graufilzig oder grün. Lavendel blüht von Juni bis August und bildet danach kleine glänzend braune Nüsschen. Die fünfzähligen, zweilippigen Blüten sitzen in Scheinquirlen. Ihre Farbe variiert von Blau- zu Violetttönen und erhielt sogar eine eigene Bezeichnung »lavendelfarben«. Die Kelchblätter der Lavendelblüten sind reich an Drüsenhaaren und damit an ätherischem Öl. Vom Lavendel existieren zahlreiche Zuchtformen und Kreuzungen. Einige bilden relativ unscheinbare blasse Blüten, liefern jedoch ein hochwertiges ätherisches Öl, andere erfreuen das Auge mit prächtigen blauen oder blauvioletten Blüten, duften aber meist eher bescheiden.

Weltweit wächst der Echte Lavendel (Lavandula angustifolia) nur in zwei Regionen wild: Zum einen in der Mittelmeerregion von Griechenland bis zur Provence im Süden Frankreichs und zum anderen im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Lavendel bevorzugt kalkhaltigen, trockenen Sandboden. Die Wildform ist klein, ebenso ihre Blüten. Diese enthalten allerdings viel ätherisches Öl. Den botanischen Namen »angustifolia« erhielt die Pflanze aufgrund ihrer kurzen, schmalen Laubblätter. Diese Lavendelart fand unter dem Namen »Lavandula officinalis« Aufnahme in die Arzneibücher. Der Echte Lavendel wird in den Höhenlagen der Provence angebaut und liefert immer noch das teuerste Lavendelöl.

Verwandte und Züchtungen

Was viele an Omas Lavendel-Parfüm gestört hat, war höchstwahrscheinlich der Geruch von Lavandula intermedia, auch Lavandin genannt. Lavandin ist eine Kreuzung aus dem Echten Lavendel (Lavandula angustifolia) und dem Speiklavendel (Lavandula latifolia). Diese schnell wachsende Unterart bildet viel ätherisches Öl, dessen Qualität jedoch nicht an die des Echten Lavendel heranreicht. Das Öl von Lavandula intermedia enthält mehr Campher und riecht deshalb strenger und daher nicht so gut wie das teure Original.

Heute bauen Landwirte zur Duftölgewinnung spezielle Zuchtformen des Lavandin, die mehr und größere Blüten bilden. Die langen Blütenstiele erleichtern die Ernte, und der »moderne« Lavandin duftet süß und aromatisch.

Der Wollige Lavendel (Lavandula lanata) und seine Kreuzungen fallen durch besonders dunkle Blütenähren und behaarte silbrige Blätter auf, daher die Bezeichnung »wollig«. Weil diese Zuchtform auch mit kälterem Klima zurechtkommt, ist Lavandula lanata sogar in den Gärten Englands anzutreffen. Leider lässt der Duft des Lavendels nach, je weiter er im Norden wächst.

Schon sehr früh erkannten Menschen die heilenden Wirkungen des Lavendels. Bereits die Römer badeten in Lavendelwasser. Aus dieser Zeit soll vermutlich auch der noch heute gebräuchliche Name stammen, denn lateinisch »lavare« heißt waschen. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jahrhundert) beschrieb in seiner umfangreichen Arzneimittellehre »Materia Medica« die Herstellung von Lavendelwein und Lavendelessig: »Man muss
1 Mine Lavendel zu 6 Chus geben. Er löst den dicken Schleim und Blähungen und vertreibt Seiten- und Nervenschmerzen und Kälte. Mit Erfolg wird er auch bei Epilepsie zusammen mit Pyrethrum und Sagapenum gegeben.«

Anbau in deutschen Klöstern

Mönche brachten im 11. Jahrhundert Lavendelpflanzen über die Alpen nach Mitteleuropa und kultivierten sie in Klostergärten. Das wichtigste deutsche Werk über Arzneien und Behandlungsmethoden der damaligen Zeit ist das um 795 entstandene 150-seitige »Lorscher Arzneibuch«. Es enthält neben einer Pflanzenliste auch mehr als 500 Rezepturen für diverse pflanzliche Arzneimittel.

Die Marburger Benediktiner-Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) gilt als eine Pionierin für seine medizinische Anwendung. Sie beschrieb Lavendel als eine Pflanze, die »reines Wissen und reinen Verstand« bereitet. Die Nonne war davon überzeugt, dass Lavendel die Sinne dämpft und wendete ihn als Antiaphrodisiakum an. Daher nannte sie ihn auch »Muttergotteskraut«, weil er von unkeuschen Gelüsten befreien sollte.


Neu gegen Ängste

Einen standardisierten Lavendelölextrakt enthält das im Februar 2010 zugelassene Präparat Lasea®. Indiziert ist das Phytopharmkon für Erwachsene mit Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung. Damit bietet es eine pflanzliche Alternative zu den bisher oft eingesetzten Benzodiazepinen und Antidepressiva, die zahlreiche Nebenwirkungen aufweisen. Die Dosierung von Lasea beträgt eine Weichgelatinekapsel pro Tag (80 mg Lavendelöl).

In randomisierten Doppelblindstudien waren die Lavendelöl-Kapseln sowohl Placebo als auch einem Benzodiazepin signifikant überlegen. Forscher haben inzwischen auch den Wirkmechanismus aufgeklärt: Die Inhaltstoffe des ätherischen Öles drosseln den Einstrom von Calciumionen in spezielle Nervenendigungen und bremsen die Ausschüttung der Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin, die stark erregend wirken.

Das Phythopharmakon macht nicht müde, und es tritt keine Gewöhnung oder Abhängigkeit ein. Allerdings bemerken 7 Prozent der Patienten Aufstoßen und 2 Prozent Übelkeit. Kontraindiziert ist das Präparat für Schwangere, Stillende und Personen, die bereits Psychopharmaka wie Barbiturate oder Benzodiazepine einnehmen. Wichtig: Im Rahmen der Selbstmedikation sollten Patienten die Kapseln nur dann anwenden, wenn ihre Angststörung neu aufgetreten ist und keine Anzeichen einer Depression vorliegen.


Den meisten Menschen des Mittelalters war Lavendel allerdings eher als Liebeskraut bekannt. So parfümierten sich die Prostituierten zu jenen Zeiten mit Lavendel, um Freier anzulocken. Auch wünschten sich die Absenderinnen von Liebesbriefen, mit einigen Tropfen auf dem Umschlag den Liebsten zu betören. Ein Lavendelsäckchen unter dem Kopfkissen sollte romantische Gefühle wecken, Lavendel im Badewasser die Leidenschaft anfachen.

Essenz der Parfümeure

Seit dem 13. Jahrhundert wuchs die Nachfrage nach wild wachsendem Lavendel. Vor allem die reichen adligen Damen an den europäischen Höfen parfümierten sich mit Düften aus Grasse, der »Parfüm-Hauptstadt« in Südfrankreich. Schon bald konnte der Wildwuchs die steigende Nachfrage nicht mehr befriedigen. So begann der Anbau des Lavendels neben Jasmin und Orangenblüten zu kommerziellen Zwecken. Bald entstanden ertragreichere Lavendelsorten, zum Beispiel die Sorte Lavandula intermedia.

Bester Erntezeitpunkt

Riesige Lavandin-Felder erstrecken sich auch heute noch im Süden Frankreichs. Lavendelbüsche wachsen in Reih und Glied, damit Maschinen zur Pflege und Ernte eingesetzt werden können. Zwischen Juni und August schneiden Erntemaschinen die Blüten mit einem kurzen Stängelstück ab. Der beste Erntezeitpunkt liegt kurz vor der völligen Entfaltung der Blüten, weil dann der Gehalt an ätherischem Öl am höchsten ist. Zur Gewinnung der Duftöle folgen die schonende Wasserdampfdestillation oder die so genannte Enfleurage. Im ersten Verfahren durchströmt Wasserdampf die auf Gitterrosten liegenden zerkleinerten und angetrockneten Pflanzen und wird anschließend abgekühlt. Da das ätherische Öl leichter ist als das Wasser, setzt es sich im Sammelgefäß oben ab. Der untere Teil, das Lavendelwasser, enthält nur wenige Wirkstoffe, wird aber noch als preiswertes Duftwasser genutzt.

Für die Enfleurage legen die Parfümeure die Blüten drei Monate lang in tierische Fette oder eine Mischung aus Vaseline und Glycerol. Danach lösen sie das ätherische Öl mithilfe von Alkohol aus dem Fett heraus, mischen es mit anderen ätherischen Ölen und hochprozentigem Alkohol und füllen das fertige Parfüm in Flakons ab. Weil diese Methode sehr aufwendig und unergiebig ist, wird sie nur noch selten praktiziert. Sie liefert jedoch sehr kostbare Essenzen.

Um einen Liter ätherisches Öl zu erhalten, müssen zwischen 120 und 160 Kilogramm Lavendelblüten eingesetzt werden. So erklärt sich dessen Preis im vier- bis fünfstelligen Euro-Bereich.

Das Duftgedächtnis

Was für die Parfüms gilt, ist auch ein wichtiger Grundsatz in der Aromatherapie: Über den Geruchssinn werden Gefühle erzeugt. Zuerst treffen die flüchtigen Substanzen auf die etwa 30 Millionen Riechzellen der Nasenschleimhaut und reizen dort einen von etwa 1000 verschiedenen Rezeptoren. Von den Riechzellen der Nase gelangt die »Duftinformation« sodann in das Limbische System, das Duftgedächtnis des Menschen. Dieses arbeitet noch präziser als das Bildgedächtnis, denn es verbindet den Duft mit Erinnerungen und Emotionen. Der Körpers reagiert sofort, sodass sich schlagartig das Atemvolumen, der Herzrhythmus und die Gehirnaktivität messbar verändern.

Die Aromatherapie nutzt Lavendelöl, weil es ausgleichend bei allen extremen Gemütszuständen wirkt. Das heißt, es beruhigt gestresste Manager und belebt depressiv Verstimmte.

Geschätztes Arzneimittel

Nicht zuletzt ist der Lavendel auch heute noch eine wichtige Arzneipflanze. Den Lavendelblüten (Lavandulae flos) ist eine Monographie im Europäischen Arzneibuch gewidmet. Die Wirkung der Blüten beruht auf ihrem Gehalt an ätherischem Öl. Dieses enthält als Hauptbestandteile Linalool (20 bis 50 Prozent) und Linalylacetat (30 bis 40 Prozent), daneben Limonen, alfa-Terpineol, Campher und Cineol. In Spuren kommen auch Lavandulylacetat, Lavandulol und Terpinen-4-ol vor. Kriterien für die Qualität des Öles sind zum einen der Anteil an Linalylacetat, der bei guten Ölen 60 Prozent beträgt, und zum anderen der Anteil an Campher, der möglichst nicht über 1 Prozent liegen sollte.

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes bewertete den Lavendel positiv und nennt als Anwendungsgebiete Unruhezustände und Einschlafstörungen, nervöse Darmbeschwerden, Reizmagen oder Meteorismus.

Die häufigste innerliche Anwendung ist der Teeaufguss aus den getrockneten Blüten. Bei Grippe und Infekten der oberen Atemwege wirkt er entzündungshemmend, bei Spannungskopfschmerzen und Blähungen krampflösend. Wer die Zeit für die Teezubereitung sparen will, kann auch ein bis zwei Tropfen Lavendelöl in einem Teelöffel Honig einnehmen.

Fast schon klassisch ist das Lavendelkissen als Einschlafhilfe. Vollbäder mit
10 bis 15 Tropfen Lavendelöl in etwas Milch wirken beruhigend und krampfstillend, Massageöle und Cremes mit Lavendelöl eignen sich gut zur Hautpflege. Äußerlich hilft es bei schlecht heilenden Wunden, Verletzungen und leichten Verbrennungen, zum Beispiel bei Sonnenbrand.

In Vorratskammer und Wäscheschrank

Das Homöopathische Arzneibuch HAB 2009 führt zwar Lavandula angustifolia in einer Monographie auf, jedoch findet das Mittel kaum Verwendung.

Im Unterschied zum Echten Lavendel wirkt Lavandin aufgrund des höheren Camphergehaltes anregend und eignet sich daher nicht als Beruhigungs- und Einschlafmittel. Der Zusatz von Lavandin ins letzte Spülwasser der Wäsche verleiht dieser einen frischen Geruch. Aus der Vorratskammer oder dem Wäscheschrank vertreibt Lavandinduft unliebsame Schädlinge, so hilft er auch gegen Ameisen.

Liebling mancher Köche

Die mediterrane Küche schätzt Lavendel als Gewürz, deshalb ist er ein Bestandteil der Kräutermischung Herbes de Provence. Zwar verleiht er vielen Gerichten eine interessante Note, trotzdem sollte der Koch nicht allzu freizügig damit würzen, denn Lavendel hat einen starken Eigengeschmack. Dieser harmoniert gut mit Lammfleisch, gibt aber auch Süßspeisen den besonderen Reiz. Einen Versuch wert sind Rezepte für Lavendeleis, Crème brûlée mit Lavendel, Lavendelbutter oder Fruchtmarmelade mit Lavendel. Der Duft der Blüten lässt sich gut mit Zucker oder Essig konservieren. Entweder man zerreibt im Mörser Blütenköpfe mit Zucker oder legt einige Blüten in Essig ein, den man in der Sonne für wenige Wochen stehen lässt.

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e_schettler(at)freenet.de



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