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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Liebstöckel

Küchengewürz mit diuretischer Kraft


Von Monika Schulte-Löbbert / Schon zu Beginn des 9. Jahrhunderts ordnete Karl der Große an, Liebstöckel auf seinen Land- und Krongütern anzubauen. Seit dem Mittelalter wird die Heil- und Gewürzpflanze auch in den Klostergärten kultiviert. Die Volksmedizin kennt eine Vielzahl von Anwendungen, einige davon stammen aus dem Reich des Aberglaubens. Medizinisch anerkannt ist die harntreibende Wirkung der Wurzeldroge.


Als Heimat des Liebstöckels gilt Vorderasien, ursprünglich die Bergregion des Irans. Von dort breitete er sich im Mittelmeergebiet und dann im restlichen Europa aus. Wild wächst die Pflanze heute noch im südlichen Europa. In Kulturen gedeiht sie aber auch in den kühleren Gebieten Mitteleuropas, ebenso wie in Nordamerika.




An den Blütendolden des Liebstöckels erkennen Pflanzenliebhaber die Zugehörigkeit zu den Apiaceen.

Die botanische Bezeichnung für den Liebstöckel »Levisticum officinale Koch« geht auf den deutschen Botaniker Wilhelm Daniel Joseph Koch (1771 bis 1849) zurück. Der Direktor des Botanischen Gartens in Erlangen beschrieb sie erstmalig im Jahr 1824.

 

Die ausdauernde kräftige Staude gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae) und wächst in vielen Bauern- und Kräutergärten. Liebstöckel kann bis zu zwei Meter hoch werden und nimmt auch in der Breite reichlich Platz ein. Diese stattliche Größe erreicht die Pflanze nur an sonnigen bis halbschattigen Standorten mit feuchtem und nährstoffreichem Boden.

 

Der winterharte Wurzelstock treibt schon im zeitigen Frühjahr aus und kündigt damit das Ende des Winters an. Im Laufe der Jahre verdickt sich der außen bräunliche und innen weiße Wurzelstock rübenartig und verzweigt sich mit langen, fingerdicken Wurzeln. Die anfangs rötlichen Triebe bilden im ersten Jahr nur eine grundständige Blattrosette, im zweiten Jahr sprießen die aufrechten, hohlen und fein gerippten Stängel, die sich stark verzweigen.

 

Die Laubblätter können im unteren Teil einen Durchmesser von 70 cm erreichen. Sie sehen dennoch nicht so riesig aus, da sie zwei- bis dreifach fiedrig geteilt sind. Die dunkelgrünen, breit-eiförmigen Fieder sind grob gezähnt und erinnern an die Blätter des Selleries. Zur Blütezeit in den Monaten Juli und August locken die bis zu handgroßen zehn- bis zwanzigstrahligen Doppeldolden an den Zweigenden die Bienen der Umgebung an. Aus ihren zahlreichen gelblichgrünen Blüten entwickeln sich kleine, gerippte Spaltfrüchte (Doppelachänen), die bei der Reife in zwei bogenförmig gekrümmte Teilfrüchte zerfallen.

 

Die ganze Pflanze riecht stark würzig nach der bekannten Suppenwürze »Maggi«. Dieser typische Duft gab Liebstöckel auch den umgangssprachlichen Namen Maggi-Kraut. Kurios an diesem Namen ist allerdings, dass »Maggi« nach Angabe des Schweizer Herstellers gar keinen Liebstöckel enthält.

 

Ob die Menschen des Altertums Liebstöckel bereits kannten, ist unklar. Der griechische Arzt und Pharmakologe Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) berichtet über eine »Ligusticum« genannte Pflanze, die damals im norditalienischen Ligurien kultiviert wurde. Dass es sich dabei um Levisticum officinale handelte, ist fraglich, denn in Norditalien wurde dieser nie wild wachsend gefunden. Wegen der vermeintlichen Herkunft aus Ligurien hielt sich allerdings lange Zeit der lateinische Name Ligusticum. In seinem Kochbuch erwähnt Apicius, ein römischer Feinschmecker im 1. Jahrhundert n. Chr., legisticum, ligisticum und ligusticum 184 Mal. Somit ist es in den Rezepten eines der am häufigsten verwendeten Gewürze, es galt als ein Schlüsselaroma in der Küche des antiken Roms.

 

Herkunft des Namens unsicher

 

Trotz diverser Übereinstimmung von Ligusticum als Würz- und Heilpflanze mit Liebstöckel bleibt der Name Levisticum letztlich ungeklärt. Erst die Autoren mittelalterlicher Quellen bezeichnen mit »Levisticum« eindeutig den Liebstöckel. Die Entstehung des deutschen Namens »Liebstöckel« ist ein anschauliches Beispiel für die sogenannte Volksetymologie, die Wissenschaft von der Herkunft und Geschichte der Wörter. In Anlehnung an das lateinische lubet (= es beliebt) entwickelte sich aus levisticum »lubisticum«. Daraus entstanden das althochdeutsche »lubstecco« (stecco = Stecken) und das mittelhochdeutsche »lübestecke«, das dann schließlich zum Liebstöckel wurde.

 

Der deutsche Name hat folglich nur ganz entfernt etwas mit Liebe zu tun. Weitere volkstümliche Namen sind Badekraut, Gebärmutterwurzel, Labstockwurzel, Leberstockwurzel, Neunstöckel, Lüppstöckel und Lüppsteckel.

 

Dennoch schrieben die Menschen lange Zeit der Pflanze aphrodisierende Kraft zu, sicher auch aufgrund ihres Namens. Einige Wurzelstücke gaben junge Frauen ins Badewasser oder trugen sie am Körper, um die Liebe eines Mannes zu wecken. Eifrige Mütter badeten sogar kleine Mädchen in mit Liebstöckel versetztem Wasser, um deren späteres Eheglück zu sichern. Auch die Minnesänger schätzten die Pflanze, um die Zuneigung der Angebeteten zu erwecken. Ebenfalls ins Reich des Aberglaubens fällt das Tragen der Wurzel als Schutz vor Schlangenbissen und anderen wilden Tieren. Über diese Kraft sollten allerdings nur Wurzeln verfügen, die in der Nacht zu Karfreitag ausgegraben worden waren.

 

Der Weg in den kühlen Norden

 

Seine Verbreitung als Heil- und Gewürzpflanze verdankt Liebstöckel in Mitteleuropa der Landgüterverordnung (Capitulare de villis) Karls des Großen zu Beginn des 9. Jahrhunderts. Die umfangreiche Liste von Obstgehölzen, Gemüse, Heil- und ­Gewürzkräutern des letzten Kapitels dieser Verordnung führt auch Liebstöckel unter dem Namen »levisticum« auf. Durch »Capitulare de villis« gelangte die Pflanze aus dem warmen Süden in die kühleren Regionen Europas, wo er zu einer begehrten Heilpflanze wurde.

 

Die Volksmedizin nennt zahlreiche Anwendungen. Die Wurzel soll beruhigend, krampf- und schleimlösend, schweiß- und harntreibend wirken, die Samen Verdauungsbeschwerden und Blähungen lindern. Liebstöckel soll bei dyspeptischen Beschwerden ebenso helfen wie bei Mens­truationsbeschwerden. Bei hartnäckigem Husten tranken früher in einigen Regionen Deutschlands die Erkrankten warme Milch durch den Stängel wie durch einen Strohhalm. Auf diesem Weg löste sich das ätherische Öl in der Milch und trug zur Linderung der Bronchitis bei. Medizinisch anerkannt ist die harntreibende und antimikrobielle Wirkung der Wurzeldroge.

 

Ernte nach drei Jahren

 

Die Droge stammt ausschließlich aus Kulturen. Hauptlieferanten sind Thüringen, Polen, die Niederlande und einige Balkanstaaten. Erst die dreijährige Wurzel eignet sich für die Ernte. Sie wird im Herbst ausgegraben und bei 35° Celsius getrocknet. Ihr Geschmack ist zunächst süßlich-würzig, dann schwach bitter, ihr Geruch ist aromatisch und erinnert an Suppenwürze.

 

Die Wurzeln enthalten zwischen 0,35 und 1,7 Prozent ätherisches Öl, das für die Wirkung und den würzigen Geruch verantwortlich ist. Das Öl besteht bis zu 70 Prozent aus Alkylphtaliden. Zu den Hauptbestandteilen zählen das 3-Butylphtalid und das cis- und trans-Ligustilid, die den typischen Maggigeruch verursachen. Weitere Bestandteile des Öls sind Mono- und Sesquiterpene sowie Cumarine und Furanocumarine. Bei besonders empfindlichen, hellhäutigen Menschen kann der Kontakt mit diesen Furanocumarinen zu einer Photodermatose führen, wie sie vom Bärenklau bekannt ist. Da die in der Droge enthaltenen Furanocuma­rine nicht wasserlöslich sind, ist bei Teezubereitungen nicht mit phototoxischen Wirkungen zu rechnen.

 

Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 6. Ausgabe, Grundwerk 2008) führt die Monographie »Liebstöckelwurzel – Levistici radix«. Die Arzneibuchdroge besteht aus dem getrockneten Rhizom und den getrockneten Wurzeln von Levisticum officinale Koch. Die geschnittene Droge soll mindestens 0,3 Prozent ätherisches Öl enthalten. Obwohl die Droge auch Teile des Rhizoms enthält, wird sie als Radix-Droge gehandelt.

 

Zur Durchspülung

 

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts bewertete Liebstöckelwurzel 1990 positiv und empfahl sie zur Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege sowie zur Vorbeugung von Nierengrieß. Zur Durchspülung soll der Patient zwischen den Mahlzeiten mehrmals täglich eine Tasse frisch zubereiteten Teeaufguss trinken. Für eine Tasse Tee werden 1,5 bis 3 Gramm (1 Teelöffel = etwa 3 Gramm) der fein geschnittenen Droge mit 150 ml siedendem Wasser übergossen, zehn Minuten bedeckt stehen gelassen und dann abgeseiht. Die Patienten sollten allerdings die empfohlene Tagesdosis kennen: Sie liegt bei 4 bis 8 Gramm Droge. Wer eine Durchspülungstherapie durchführt, muss selbstverständlich insgesamt viel trinken.

 

Bei bestimmungsgemäßer Anwendung der Droge sind keine Neben- oder Wechselwirkungen mit anderen Mitteln bekannt. Patienten mit eingeschränkter Nierentätigkeit oder akuter Nierenentzündung dürfen Liebstöckelwurzel nicht anwenden. Ebenfalls kontraindiziert ist die Droge zur Durchspülungstherapie bei Patienten mit Ödemen infolge eingeschränkter Herz- oder Nierenfunktion. Wegen möglicher phototoxischer Effekte sollten hellhäutige Menschen intensives Sonnenbaden und UV-Bestrahlung meiden.

 

Da die harntreibende und antimikrobielle Wirkung nachgewiesen wurde, kann die Verwendung der Droge bei Harnwegsentzündungen, Ödemen und zur Prophylaxe von Nierengrieß empfohlen werden. Ihre diuretische Wirkung soll auf die Terpene im ätherischen Öl zurückgehen. Liebstöckelwurzel ist Bestandteil der species diureticae und einiger Blasen- und Nierentees.

 

Neben der Teedroge stehen in der Apotheke zur Durchspülungstherapie auch Fertigarzneimittel mit Liebstöckelwurzel zur Verfügung, zum Beispiel Canephron® N Dragees und Tropfen oder Nephroselect® M Liquidum.

 

Homöopathisch bei Otitis media

 

Homöopathen verwenden Liebstöckel auch äußerlich, zum Beispiel in Regenaplex Haut-Fluid-G oder in dem Mono-Präparat Levisticum H 10% Öl. Das Öl wird gemäß der anthroposophischen Therapierichtung bei Neuritis und Otitis media angewendet. Bei Kindern mit einer Mittelohrentzündung, der Otitis media, tränken die Eltern einen Wattebausch mit dem erwärmten Öl und bringen diesen vorsichtig in den Gehörgang ein.

 

In der Küche beliebt

 

Auch als Gewürz hat das frische Kraut eine lange Tradition. Die Blätter und jungen Stängel dienen frisch oder getrocknet zum Würzen von Salaten, Soßen, Suppen und Eintöpfen. Auch Reis- und Nudelgerichte sowie Omelettes, Fisch und Fleischgerichte erhalten durch die Zugabe von »Maggikraut« eine pikant würzige Note und sind bekömmlicher. Wegen seines intensiven Geschmacks sollte das Kraut allerdings vorsichtig dosiert werden, denn es überdeckt schnell andere Gewürze. Die Samen werden zum Würzen von Brot, Kuchen, Crackern, Pickles und Soßen eingesetzt. Likörhersteller verwenden das aus Wurzel und Blättern gewonnene ätherische Öl. /


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