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Blutwurz

Im Wurzelstock liegt die Kraft


Von Gerhard Gensthaler / Das Aufrechte Fingerkraut wird bereits seit Hippokrates (459 bis Mitte 4. Jahrhundert v. Chr.) als Heilpflanze geschätzt. Auch Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) empfahl die Blutwurz wegen ihrer stopfenden Wirkung bei Durchfall sowie gegen alle Krankheiten, die von verdorbenen Speisen herrührten.


Die Arzneipflanze mit dem botanischem Namen Potentilla erecta (L.) Raeuschel ist als Blutwurz, Aufrechtes Fingerkraut und Tormentill bekannt. Sie gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Wegen der intensiv roten Farbe des Wurzelstockes wird die Pflanze auch Blutbrech, Blutkraut, roter Günsel und Rotwurz genannt. Mancherorts heißt sie Düwelsabbiss, Birkwurz, Bauchwehwurz, Tarpentill oder Dermedill. Ihr botanischer Name Potentilla erecta deutet darauf hin, dass von ihr eine große Kraft (lateinisch: potentia = Macht) ausgeht.




Die Zuordnung der Blutwurz zur Familie der Rosengewächse ist vor allem für Laien nicht leicht. Die Blüten des Aufrechten Fingerkrauts sind untypisch für Rosaceen.

Die Verfasser der Herbarien und Rezeptsammlungen des Mittelalters bezeichneten verschiedene Pflanzen mit dem Namen Blutwurz, unter anderem auch Potentilla erecta. Ihr wurden vor allem blutstillende Eigenschaften zugesprochen – ein therapeutischer Effekt, auf den nach der Signaturenlehre ihr blutrot gefärbter Wurzelstock hindeutet. Während die Pest in Europa wütete, sollen der Legende nach himmlische Stimmen den Menschen in Zeiten höchsten Elends geraten haben: »Esst Tormentill und Bibernell, dann sterbt Ihr nit so schnell«.

Im Mittelalter wurde Blutwurz noch sehr häufig verordnet, geriet jedoch später in Vergessenheit, weil die Ratanhiawurzel aus Südamerika mit ihrem höheren Gerbstoffgehalt und der schöneren roten Farbe sie verdrängte. Als im ersten Weltkrieg Ratanhia nicht mehr nach Europa geliefert wurde, erinnerte man sich jedoch wieder an die Blutwurz und ihre adstringierende Wirkung.

Die in Mittel- und Osteuropa verbreitete Pflanze wächst im Tiefland, aber auch in 2000 Metern Höhe. Beliebte Standorte sind sonnige bis halbschattige Plätze, also Mischwälder, Heiden, Magerwiesen und Niedermoore mit mäßig saurem Boden. Die mehrjährige, kleine und stark verzweigte Blutwurz ist ein ausdauerndes Kraut. Es wird 10 bis 50 cm hoch und überwintert dank des schwarzbraunen Wurzelstockes. Dieser ist 1 bis 3 cm dick und färbt sich auf der frischen Schnittfläche blutrot.

Relativ kleine Blüten

Meist treibt der zwei- bis mehrgabelig verzweigte Wurzelstock mehrere Stängel, die bei kräftigen Exemplaren im Kreis stehen. Die Blätter sind handförmig gefiedert, dunkelgrün und schwach behaart. Blutwurz bildet einzeln stehende gelbe, relativ kleine Blüten mit meist nur 4 Kronblättern, ganz im Unterschied zu vielen anderen Rosengewächsen. Die Pflanze blüht von Juni bis August.




Beim Anschneiden des frischen Rhizoms tritt dunkelroter Saft aus. Die getrocknete Droge ist kaum noch rot gefärbt.

Die Droge Tormentilla rhizoma (syn. Radix Tormentillae) des Europäischen Arzneibuchs (Ph.Eu.) ist der getrocknete Wurzelstock ohne Wurzeln von Potentilla erecta. Sie stammt vorwiegend aus Wildvorkommen in Osteuropa. Gesammelt wird sie in den Monaten März, April, September und Oktober. Die Wurzelstöcke lassen sich meist gut aus dem Erdreich herausheben, da die Pflanze lockeren Boden bevorzugt.

Sie werden direkt gewaschen, zum Vortrocknen in dünner Schicht ausgelegt oder auf Schnüre gereiht und danach bei gelinder künstlicher Wärme nachgetrocknet. Die Droge ist geruchlos und hat einen herben, zusammenziehenden Geschmack.

Sie sollte bei Zimmertemperatur und vor Licht geschützt aufbewahrt werden. Da der Gerbstoffgehalt bei der Lagerung relativ schnell abnimmt, empfiehlt es sich, jedes Jahr frische Droge zu verwenden.

Typische Gerbstoffdroge

Der Gerbstoffgehalt des Wurzelstocks beträgt bis zu 22 Prozent, in der Hauptsache enthält er Catechingerbstoffe. Die Hauptkomponente der hydrolisierbaren Gerbstoffe ist Agrimoniin. Ferner enthält das Rhizom noch Flavonoide wie Kämpferol und Triterpene wie das Triterpensaponin Tormentosid.

Die Eigenschaften der Arzneidroge lassen sich zumindest teilweise auf die Gerbstoffe und Triterpene zurückführen. Da Gerbstoffe mit Proteinen interagieren, erklärt das die antimikrobiellen und antiviralen Effekte der Droge. Außerdem beschleunigen die Gerbstoffe die Blutstillung deutlich. Die Triterpene tragen möglicherweise zu den entzündungshemmenden Eigenschaften bei, da sie Cortisol-ähnlich wirken. Außerdem erwies sich die Droge im Tierversuch als immunstimulierend, anti­allergisch, senkte den Blutzucker und den Blutdruck und induzierte Interferon.

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes bewertete die Anwendung des Wurzelstockes innerlich bei unspezifischer akuter Diarrhö und äußerlich bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut als positiv. Bei diesen Indikationen hat sich die Droge seit langem traditionell bewährt. Die Volksmedizin empfiehlt sie ferner äußerlich bei schlecht heilenden Wunden, Hämorrhoiden, Erfrierungen sowie bei Verbrennungen.

Alkoholischer Auszug

Die Tormentilltinktur (Tormentilla tinctura) eignet sich aufgrund ihres hohen Gerbstoffgehalts als Adstringens bei leichten Schleimhautentzündungen im Mund- und Rachenraum sowie bei Druckstellen durch Zahnprothesen. Hier genügen schon 10 bis 20 Tropfen auf ein Glas Wasser.




Foto: Thomas Schöpke


Für den Teeaufguss gießt man pro Tasse 2 bis 3 Gramm (circa einen gehäuften Teelöffel) getrocknetes Rhizom mit kochendem Wasser auf und lässt 10 bis 15 Minuten ziehen. Patienten mit Durchfall sollen zwei- bis dreimal täglich 1 Tasse zwischen den Mahlzeiten trinken. Selbstverständlich kann dieser Aufguss auch äußerlich verwendet werden. Um auch tiefere Darmabschnitte zu erreichen, empfiehlt sich die Einnahme von gepulverter Droge. Ein Tipp: 2 bis 4 Gramm Pulverdroge mit Rotwein aufschwemmen und trinken.

Blutwurz ist Bestandteil vieler Fertigarzneimittel gegen Durch­fall oder Magenbeschwerden. Bei bestimmungsgemäßer Anwendung therapeutischer Dosen der Droge sind keine Risiken bekannt. Allerdings kann sie bei Patienten mit einem empfindlichen Magen zu Magenbeschwerden und Erbrechen führen. Schwangere und Stillende sollten Blutwurz nur auf Anraten des Arztes verwenden. Sie ist ungeeignet für Kinder unter 12 Jahren. Die Anwendungsdauer sollte bei innerlicher Einnahme nicht mehr als drei bis vier Tage, bei äußerlicher Anwendung höchstens zwei bis drei Wochen betragen. Ein Hinweis für die Praxis: Mindestens zwei Stunden Abstand zwischen der Einnahme gerbstoffhaltiger Zubereitungen und anderer Arzneimittel einhalten, da die Gerbstoffe die Resorption gleichzeitig eingenommener Arzneimittel vermindern können.

Einsatz in der Homöopathie

Auch Homöopathen schätzen die Blutwurz. Das Arzneimittel Potentilla erecta wird laut HAB 1 aus frischen, im Frühling gesammelten unterirdischen Teilen hergestellt und unter anderem zum Stillen von Blutungen gegeben. Außerdem enthält das homöopatische Arzneibuch die Monographie eines alkoholischen Auszugs des getrockneten Wurzelstockes: Potentilla erecta, äthanol. Decoctum.

In der Technik dient die Blutwurz als Gerbmittel und zur Tintenfabrikation. Früher wurden die Rhizome auch zum Färben genutzt. /


Ein Schnäpschen in Ehren

Im Bayerischen Wald wird die ­Blutwurz traditionell zu Schnaps und Likör verarbeitet. Ein Rezept zur Selbstherstellung:

1,5 Liter Kornschnaps

100 g Blutwurz (aus der Apotheke!)

10 Nelken

10 Sternanisfrüchte

3 Kardamomkapseln

20 bis 25 Würfel brauner Kandiszucker

Alle Zutaten, ohne den Zucker, in ­einem großen Glas ansetzen. Unter häufigem Umschütteln zwei bis drei Wochen stehen lassen, abfiltrieren und den Zucker zusetzen. Sobald der Zucker sich aufgelöst hat, kann der Blutwurzschnaps bei Durchfall oder als Digestif bei Magenbeschwerden nach fettem Essen in kleinen Portionen getrunken werden.


E-Mail-Adresse des Verfassers

gerhard.gensthaler@t-online.de




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