Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

PTA-FORUM

Wegwarte

Mildes Amarum am Wegesrand


Von Monika Schulte-Löbbert / Schon in der Antike diente die Wegwarte, auch Zichorie genannt, als Heil- und Nutzpflanze. Später züchteten die Menschen aus der Wildform den Chicorée und den italienischen Radicchio oder brühten in Notzeiten aus der Wurzel Kaffee. Heute wird die Droge bei dyspeptischen Beschwerden und Appetitlosigkeit empfohlen.


Die Gemeine oder Gewöhnliche Wegwarte, botanisch Cichorium intybus, gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die mehrjährige Staude wächst bis zu einem Meter hoch. Im ersten Jahr bildet sie eine bodenständige Blattrosette und unterirdisch eine Spindelwurzel. Frühestens im zweiten Jahr treibt dann der Stängel mit den blauen Blüten aus. Die Grundblätter sind schrotsägeförmig fiederteilig, die Stängelblätter lanzettlich.




Die Blütenköpfchen der Wegwarte bestehen nur aus Zungenblüten – ungewöhnlich für Asteraceen.

Der sich nach oben hin verästelnde Stängel trägt die zahlreichen himmelblauen, selten weißen Blüten. Die kurz gestielten oder sitzenden Blütenkörbchen haben einen Durchmesser von drei bis fünf Zentimetern und bestehen nur aus Zungenblüten. Die Pflanze blüht von Juli bis Oktober. Allerdings öffnen sich die auffälligen Blüten nur vormittags, folgen dem Verlauf der Sonne und schließen sich bereits am Nachmittag. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778) benutzte die Wegwarte für seine berühmte Blumenuhr in Uppsala, weil sie auf diesem Breitengrad ziemlich genau um fünf Uhr morgens ihre Blüten öffnet und um zehn Uhr wieder schließt. Aus den Blüten entwickeln sich kleine kantige Früchte, die Achänen. Sie sind mit einem kurzen Haarkranz, dem Pappus, gekrönt. Alle Pflanzenteile enthalten einen weißlichen Milchsaft.

Blume des Jahres 2009

Die Wegwarte ist heute fast weltweit verbreitet und wächst ausschließlich auf von Menschen geschaffenen Arealen wie Schutthalden, Bahndämmen oder an Wegrändern. Ihre ursprüngliche Heimat lässt sich nur schwer ermitteln, vermutlich stammt sie aus England. Sie liebt warme, vollsonnige Standorte mit einem eher trockenen, nährstoffreichen Boden. Da solche Lebensräume regional stark zurückgehen, erklärte die Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt die Wegwarte zur »Blume des Jahres 2009«.

Ihr bevorzugter Standort an Weg- und Straßenrändern erklärt den deutschen Namen Wegwarte, wobei sich der Wortteil »warte« nach Meinung der Fachleute von »warten« im Sinne von »bewachen« oder »betreuen« ableitet. Die leuchtende Blütenfarbe der hoch wachsenden Pflanze war Anlass für volkstümliche Namen wie Wegeleuchte, Hansl am Weg oder Sonnenwedel. Weitere Bezeichnungen wie Zichorie leiten sich von dem lateinischen »cichorium« und Wilde Endivie von dem lateinischen Artnamen »intybus« ab. Auch das französische »Chicorée sauvage« und das englische »wild chicory« gehen auf den lateinischen Gattungsnamen zurück.

Legende vom wartenden Burgfräulein

Um die Entstehung der vielfach in Gedichten und Liedern besungenen Pflanze rankt sich eine schöne Legende. Die Geliebte eines jungen Ritters, der an einem Kreuzzug teilnahm, wartete mit ihren Hofdamen am Wegrand vor dem Stadttor auf seine Rückkehr. Trotz tagelangen Wartens wollte das Burgfräulein die Hoffnung nicht aufgeben. Schließlich hatte der Himmel ein Einsehen und verwandelte die am Weg wartenden Damen in Blumen, in Wegwarten, wobei die Hofdamen in blaue und die unglückliche Geliebte in eine weiße Wegwarte verwandelt wurde. Vor allem aus dem späten Mittelalter sind zahlreiche Mythen und Sagen überliefert, die der Wegwarte erstaunliche Zauberkräfte zuschreiben. Sie sollte den Träger der Pflanze im Kampf unbesiegbar und sogar unverwundbar machen, Fesseln sprengen sowie Dornen und Nadeln aus Wunden treiben.

Die Wegwarte war bereits im Altertum gut bekannt. Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) empfiehlt besonders die Wildform, intybus erraticum, gekocht und mit Essig genommen, als gutes Antidiarrhoikum und Stomachikum. Karl der Große sorgte dafür, dass die Wegwarte unter der Bezeichnung »Intubas« in seine Landgüterverordnung (capitulare de villis, 812 n. Chr.) als Heil- und Nutzpflanze aufgenommen wurde. Seitdem ist sie fester Bestandteil der im späteren Mittelalter angelegten Klostergärten sowie der Medizinalgärten der Renaissance. Über Jahrhunderte wurde sie als Heilpflanze geschätzt. Matthiolus lobt sie in seinem »Kreuterbuch« von 1563 in allen ihren Teilen als Pflanze, die »der Leber und dem Magen sehr dienlich und sonderlich gut denjenigen ist, die nicht Lust zum Essen haben«. Die Wegwarte wurde innerlich wie äußerlich bei zahlreichen Beschwerden von Heilkundigen und auch in der Volksmedizin eingesetzt. Sie galt als anregend auf Leber, Blase, Magen, Darm und Galle. Ebenso diente sie zur Reinigung für Menschen mit Hautkrankheiten, Ekzemen und Augenentzündungen.

Bekannte und leckere Verwandte

Um die Abgaben für den teuren Bohnenkaffee zu sparen, förderte Friedrich der Große den Anbau der Wurzelzichorie, cichorium intybus var. sativum: Zusammen mit Gerste und Roggen war die geröstete Wurzel der Wurzelzichorie Bestandteil eines Kaffee-Ersatzes. Eine Wurzel kann mehr als 500 Gramm wiegen und enthält bis zu 58 Prozent Inulin, ein Polysaccharid aus Fructosebausteinen. Beim Rösten entsteht daraus teilweise Oxymethylfurfurol, das zwar ähnlich wie Kaffee schmeckt, aber keine anregende Wirkung besitzt.




Die hellblauen Blüten der Gemeinen Wegwarte erinnern sehr an die blauen Blüten der Kornblume. Wie diese wächst sie an Ackerrändern.

Seit der Besatzung durch Napoleon bezeichnen die Rheinländer diesen Kaffee-Ersatz als »Muckefuck« – eine Verballhornung des französischen »mocca faux«, was übersetzt falscher Mokka heißt. Gerade in Notzeiten diente der Zichorienkaffee als Ersatz für den unerschwinglich teuren Bohnenkaffee.

Als belgische Bauern 1870 nach einer reichen Ernte die überschüssigen Wurzeln der »Kaffeezichorie« im Gewächshaus mit Erde bedeckten, beobachteten sie zufällig im Winter kräftige bleiche Knospen, den Chicorée. Heute werden die Wurzeln im Herbst bewusst mit den eingekürzten Rosettenblättern in Sandboden eingeschlagen und dann abgedeckt. Aus der Endknospe und den Blattachseln der Rosettenblätter treiben im Winter die großen Knospen mit den eng anliegenden bleichen Blättern. Franzosen und Engländer nennen diese ebenso wie die Deutschen »chicorée«, Italiener »radicchio«. In Deutschland wird als Radicchio eine durch Anthocyane rot gefärbte Chicoréevarietät gehandelt, die in ihrer italienischen Heimat radicchio rosso heißt und dort vor wenigen Jahrzehnten aus dem Chicorée gezüchtet wurde.

Heute spielt die Wegwarte als Kaffee-Ersatz keine Rolle mehr, als Salat- oder Gemüsepflanze sind die Varietäten Chicorée und Radicchio rosso dagegen sehr beliebt.

Mildes Amarum für mehr Appetit

Medizinisch verwendet werden die getrockneten, im Herbst gesammelten oberirdischen Pflanzenteile und/oder Wurzeln von Cichorium intybus L. var. intybus sowie deren Zubereitungen. Genauer beschreibt die Kommission E die Droge in der Monographie »Cichorium intybus (Wegwarte)«. Sie enthält Bitterstoffe, in erster Linie die beiden Sesquiterpenlactone Lactucin und Lactucopikrin. Weitere Inhaltsstoffe sind Kaffesäurederivate, Hydroxycumarine wie Umbelliferon und Flavonoide sowie Inulin aus den Wurzelanteilen.

Als relativ schwache Bitterstoffdroge fördert sie die Magensaftsekretion und regt den Gallenfluss an. Deshalb wird sie als mildes Amarum bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden empfohlen. Nur diese Indikation hat die Kommis­sion E positiv bewertet. Kraut und/oder Wurzel sind Bestandteil einiger fertiger Teemischungen, speziell der Magen-, Leber- und Galle-Tees.

Vorsicht bei Allergikern

Zur Teebereitung aus der Droge wird ein Teelöffel mit etwa 150 ml Wasser fünf Minuten lang gekocht und dann abgeseiht. Der fertige Aufguss soll dreimal täglich vor den Mahlzeiten getrunken werden. Sinnvoll ist auch eine Mischung aus gleichen Teilen Wegwartenwurzel und Löwenzahnwurzel. Menschen mit Allergien gegen Korbblütler sollten die Droge nicht anwenden. In seltenen Fällen können allergische Hautreaktionen auftreten. Bei bestimmungsgemäßer Anwendung der Droge in therapeutischer Dosis sind keine Risiken bekannt.

Homöopathen wenden Cichorium intybus bei Patienten mit Leber- und Galleerkrankungen an ebenso wie anthroposophisch orientierte Therapeuten. Zum Beispiel enthalten Amara-Tropfen von Weleda neben anderen Bitterstoffdrogen einen ethanolischen Auszug aus Cichorium. Die Tropfen werden bei Appetitlosigkeit, Sodbrennen, Übelkeit und Völlegefühl nach dem Essen empfohlen.


Die Wegwarte

Am staubigen Feldweg die Wegwarte – schau!

Die leuchtenden Blüten wie der Himmel so blau.

Wo ein kleiner Pfad durch die Kornfelder führt,

wächst sie am liebsten – von keinem berührt!

Ihre Blüten welken so schnell – ach, so schnell,

Aber schon wachsen neue, kaum ist der Tag hell!

Die englische Schriftstellerin Cicely Mary Barker (1895 bis 1973) hat sich viel mit der Natur beschäftigt und in zahlreichen Gedichten Blumen als Blumenkinder dargestellt.


Wegwarte gehört unter der Bezeichnung »Chicory« auch zur Essenzgruppe der 39 klassischen Bachblüten nach dem eng­lischen Arzt Dr. Edward Bach (1886 bis 1936). Als Leitsatz der Chicory gilt eine besitzergreifende Persönlichkeit, die sich bewusst oder unbewusst aus zu starker Sorge um andere überall einmischt. Die Anwendung von Chicory soll helfen, sich selbst nicht mehr unbedingt in den Mittelpunkt zu stellen und sich anderen uneigennützig zuzuwenden.

Neue Karriere

Neuerdings erlebt die Wegwartenwurzel ein Comeback. Wegen ihres hohen Gehaltes an Inulin ist sie zum Rohstoff für »functional food« geworden. Das flüssige Inulin oder die daraus gewonnene pulverige Oligofructose fügen die Hersteller Fitness-Getränken, Joghurts oder Käse bei. Beide Substanzen werden im Darm nicht abgebaut, unterstützen aber das Wachstum der Bifido-Bakterien mit ihren protektiven Eigenschaften. Solche Lebensmittel mit ­einem zusätzlichen Nutzen werden als ­Präbiotika beworben. /


E-Mail-Adresse der Verfasserin

schulte-loebbert@t-online.de




© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=1526