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Hamamelis

Allround-Talent bei Hautproblemen


Von Ursula Sellerberg / Die Ureinwohner Nordamerikas nutzten die Zaubernuss gegen ein breites Spektrum von Krankheiten. Das reichte von der äußerlichen Anwendung bei Wunden und Entzündungen bis zum innerlichen Einsatz gegen Fieber, Erkältung und Durchfall. Heute sind Extrakte aus Hamamelis in Präparaten gegen Ekzeme, Hämorrhoiden oder Sonnenbrand enthalten sowie in Pflegeprodukten gegen trockene Haut.


Die Virginische Zaubernuss (Hamamelis virginiana L.) stammt aus Nordamerika. Dort wächst die Pflanze in den östlichen Laubwäldern Kanadas und der US-Bundesstaaten. Ihren deutschen Namen Zaubernuss verdankt die Pflanze wahrscheinlich den englischen Siedlern aus der »Neuen Welt«. Im anglo-amerikanischen Sprachraum heißt sie witch hazel (Hexenhasel), denn ihre wechselständigen Blätter ähneln denen der Haselnuss, die in England mit Hexen in Verbindung gebracht wird. Der Name Hexenhasel ist auch in Deutschland bekannt. Ebenso wie Zauberstrauch und Zauberhasel spiegeln die volkstümlichen Bezeichnungen den Zusammenhang zu Hexerei und Zauber wider.




Die hellgelben Blütenstände der Zaubernuss sitzen sehr dekorativ in den Blattachseln. Medizinisch haben die Blüten keine Bedeutung.

Blüten im Winter

Hamamelis gehört zur Familie der Zaubernussgewächse (Hamamelidaceae). Je nach Wachstumsbedingungen und Standort wächst die Pflanze zu einem 2 bis 3 m hohen Strauch heran oder sogar zu einem 10 m hohen Baum. Eine Besonderheit der Hamamelis ist ihre ungewöhnliche Blütezeit. Die Zaubernuss blüht kurz vor oder nach dem Laubfall, das heißt in Nordamerika von September bis Dezember, in Europa oft erst von Januar bis April. Da zu dieser Jahreszeit kaum eine andere Pflanze blüht, sind Hamamelisarten in Europa als Zierpflanze in Parks und Gärten beliebt. Die aus vier schmalen, hell- bis goldgelben Blütenblättern bestehenden Blüten erscheinen in den Achseln der abgefallenen Blätter und stehen in Büscheln an den unbelaubten Zweigen. Die Blütenblätter sind bis zu zwei Zentimeter lang, das Kelchblatt ähnelt nach der Entfaltung zerknittertem Seidenpapier. Die Früchte, haselnussartige Kapseln, reifen im Spätsommer und springen oft erst zur nächsten Blütezeit auf. Auf diese ungewöhnliche Botanik bezieht sich auch der Name »Hamamelis«: Das griechische Wort hama bedeutet »zur gleichen Zeit«, melon bedeutet »Frucht«. Die Spannung in der Nuss nimmt bis zur nächsten Blütezeit so stark zu, dass die Samen mehrere Meter weit geschleudert werden. Die Samen keimen vermutlich erst, nachdem sie zwei Winter in der Erde gelegen haben.

Das Europäische Arzneibuch führt die Monographie der Hamamelisblätter (Hamamelidis folium, Ph. Eur. 6.1), der Deutsche Arzneimittelcodex die Hamamelisrinde (Hamamelidis cortex, DAC). Verwendet werden Extrakte aus Blättern oder Rinde, entweder wässrige Auszüge wie Infuse oder Dekokte oder alkoholische wie Tinkturen. Das US-amerikanische Arzneibuch enthält außerdem das Wasserdampfdestillat aus den frischen Blättern und Zweigen (Hamamelis aqua, USP). Die Droge stammt aus Wildbeständen.




Wie sehr Hamamelisblätter den Blättern der Haselnuss ähneln, macht die Zeichnung gut deutlich.

Gerbstoffe nur in Extrakten

Hamamelisblätter und -rinde zählen zu den Gerbstoff-haltigen Arzneidrogen. Gerbstoffe binden Eiweiße zu einem Komplex und dichten so Haut und Schleimhäute ab. Durch die nachlassende Hautdurchblutung werden zudem entzündliche Reaktionen verringert. Möglicherweise hemmen Gerbstoffe noch zusätzlich die Bildung von Entzündungsbotenstoffen.

Die Rinde ist besonders reich an Gerbstoffen, sie enthält 8 bis 12 Prozent, die Blätter nur 3 bis 8 Prozent. Die Gerbstoffe in den Hamamelisblättern gehören zur Gruppe der Catechingerbstoffe, die in der Rinde zu den Gallotanninen, hier vor allem das Hamamelitannin. Außerdem enthalten die Drogen geringe Mengen an äthe­rischem Öl mit Safrol, Flavonoiden und ­organischen Säuren wie Kaffeesäure. Die Flavonoide wirken indirekt ebenfalls entzündungshemmend. Die genaue Zusammensetzung variiert je nach verwendetem Pflanzenteil und Erntezeitpunkt.

Aus den Blättern lassen sich durch Wasserdampfdestillation bis zu 0,5 Prozent flüchtige Bestandteile gewinnen. Das Wasserdampfdestillat ist gerbstofffrei. Seine Wirkung beruht auf dem Gehalt an ätherischem Öl.

Traditionelle Anwendung

Durch klinische Studien ist belegt, dass Zubereitungen aus Hamamelisblättern und -rinde Entzündungen hemmen (antiphlogistisch), lokale Blutungen stillen (hämo­styptisch) und adstringierend wirken. Aus experimentellen Studien stammen zudem Hinweise auf kapillarverdichtende, juckreizstillende, gefäßzusammenziehende und wundheilungsfördernde Eigenschaften der Zaubernuss.

Die Kommission E, eine Expertengruppe des ehemaligen Bundesgesundheitsamts, bewertete 1985 und 1990 Hamamelisrinde und -blätter positiv zur Behandlung leichter Hautverletzungen, lokaler Entzündungen der Haut und Schleimhäute sowie bei Hämorrhoiden und Krampfaderbeschwerden.

Auch die europäischen Experten der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) und der Phytopharmaka-Ausschuss der Europäischen Zulassungsbehörde EMA (Committee on Herbal Medicinal Product, HMPC) beurteilen Hamamelis-Zubereitungen positiv. Das HMPC hat im November 2009 drei Indikationen für den Einsatz der Rinde oder der Blätter in der Kategorie »traditionelle Anwendung« formuliert:

  • zur Linderung von geringfügigen Entzündungen der Haut und Hauttrockenheit,
  • zur symptomatischen Therapie von Brennen und Juckreiz bei Hämorrhoiden,
  • als Mundwasser und Gurgellösung zur Linderung kleinerer Entzündungen der Mundschleimhaut.




Für die Extraktherstellung werden die frischen Blätter geerntet und sofort weiterverarbeitet.

Durch das Verbot von Bufexamac-haltigen Arzneimitteln im Mai 2010 sind Salben oder Zäpfchen mit den Wirkstoffen aus Hamamelis die wichtigste pflanzliche Alternative zur Behandlung von Hämorrhoidalleiden.

Nach § 109a des Arzneimittelgesetzes (AMG) wird Hamamelis traditionell eingesetzt allein oder in Kombinationen »zur Unterstützung der Hautfunktion« und »zur Besserung des Befindens in den Beinen«.

Darüber hinaus nennen die ESCOP-­Monographien als Anwendungsgebiete Krampfaderbeschwerden, Quetschungen und für die Blätter Verstauchungen. Hamameliswasser wird laut ESCOP äußerlich eingesetzt gegen Hautentzündungen, Sonnenbrand und Insektenstiche. Neben- oder Wechselwirkungen bei äußerlicher Anwendung sind nicht bekannt.

Wirkung der Destillate

Beim äußerlichen Gebrauch müssen die Patienten die Zubereitungen mehrfach täglich auftragen. Bei Entzündungen der Mundschleimhaut oder des Zahnfleischs sollten sie mehrmals täglich mit einem wässrigen Auszug gurgeln oder spülen. Die Zubereitungen sind auch für Sitzbäder bei Hämorrhoiden und für Umschläge bei Hauterkrankungen geeignet.

Die Effekte der Hamamelis-Destillate sind besser untersucht als die Wirkungen gerbstoffhaltiger Zubereitungen aus Rinde oder Blättern. Das Frischdestillat wirkt leicht entzündungshemmend. Bei den meisten Patienten mit Ekzemen linderte das in eine Salbengrundlage eingearbeitete Hamamelis-Destillat (wie in Hametum®) die Beschwerden. Getestet wurde die Wirksamkeit unter anderem bei Kindern und älteren Patienten. In einer Anwendungsbeobachtung (AWB) mit Kindern unter 12 Jahren wirkte ein Präparat mit Hamamelis-Destillat gegen kleine Hautverletzungen, Windeldermatitis oder lokale Hautentzündungen vergleichbar gut wie Dexpanthenol. Bei älteren Patienten mit trockener Haut erhöhte das regelmäßige zweimal tägliche Eincremen mit dem Prüfpräparat die Feuchtigkeit der Haut. Gleichzeitig besserten sich innerhalb von zwei WochenSpannungsgefühl, Rauigkeit und Juckreiz.



Ein weiteres Ergebnis der AWB: Hamamelis-Destillate sind sehr gut hautverträglich. Die entzündungshemmenden Effekte des »Hamameliswassers« nutzt auch die Kosmetikindustrie und setzt es Gesichtswässern, Pre- und Aftershaves, Deocremes und Pflegecremes zu.

In Homöopathie und Volksheilkunde

Homöopathen und anthroposophisch orientierte Therapeuten verwenden die frische oder getrocknete Rinde, die Zweigspitzen und die Blätter der Hamamelis sowohl innerlich als auch äußerlich. Positive Erfahrungen liegen unter anderem bei Patienten mit Venenleiden vor. Gegen Venenbeschwerden verordnen Homöopathen Hamamelis D6. Die Patienten müssen die Globuli zunächst bis zu sechsmal täglich, bei Besserung zwei- bis dreimal täglich im Mund zergehen lassen.

In der Volksheilkunde wird Hamamelis auch gegen Milchschorf bei Säuglingen eingesetzt. Extrakte aus der Zaubernuss fördern die Wundheilung und können den Juckreiz stillen. Zur Bereitung eines Badezusatzes werden 20 Gramm Rinde mit einem Viertelliter Wasser eine Viertelstunde lang gekocht. Dann wird der Auszug einer Wanne mit warmem Wasser zugegeben und der Säugling täglich eine Viertelstunde darin gebadet. Hamamelis hat sich auch bei Nasenbluten bewährt. Dazu einen Wattebausch mit dem Extrakt tränken und in die Nase einführen.

Die innerliche Anwendung eines Tees aus Zaubernuss wird zwar in der Volksheilkunde gegen Durchfall empfohlen, sie spielt aber wegen der schlechten Bekömmlichkeit des Aufgusses in der Praxis kaum noch eine Rolle: Bei empfindlichen Patienten reizen die Gerbstoffe die Magenschleimhaut. /


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sellerberg@yahoo.de




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