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Gänsefingerkraut

Wildpflanze mit adstringierender Wirkung


Von Monika Schulte-Löbbert / Einst hoch geschätzt und dann als Unkraut wenig beachtet – dieses Schicksal blieb auch dem Gänsefingerkraut nicht erspart. Die moderne Phytotherapie hat die Heilpflanze wiederentdeckt und verwendet sie unterstützend bei Durchfallerkrankungen und Dysmenorrhoe sowie bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum.


Das Gänsefingerkraut mit dem botanischen Namen Potentilla anserina gehört zur Familie der Rosaceae. Die mehrjährige, flach kriechende Pflanze ist in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel weit verbreitet. Als Standorte bevorzugt sie Wiesen mit feuchten, nährstoffreichen und verdichteten Böden. Gänsefingerkraut wuchs deshalb früher häufig auf Gänseangern. Die Ausscheidungen der Gänse sorgten für beste Düngung des Bodens, den die Vögel so ganz nebenbei mit ihren breiten Füßen noch gut verdichteten.

Das trittfeste Gänsefingerkraut findet sich heute an Wegrändern, neben Feldern, auf grasigen Waldlichtungen und an Ufern. Wegen seiner Salztoleranz hat sich das Kraut in den letzten Jahrzehnten auch entlang von Autobahnen und Straßen weit ausgebreitet.


Ungewöhnliches Rosengewächs

Potentilla anserina erreicht nur eine Wuchshöhe von etwa zehn Zentimetern. Aus einem kurzen verzweigten Rhizom sprießt die typische grundständige Blattrosette, aus deren Achseln wiederum bis zu 80 Zentimeter lange Ausläufer austreiben, die an Knoten erneut Wurzeln schlagen und weitere Blattrosetten bilden. So entsteht schnell ein dichtes Pflanzenpolster, manchmal regelrechte Teppiche.

Die Blätter des Gänsefingerkrauts sind nicht wie die anderer Fingerkrautarten gefingert, sondern unterbrochen – unpaarig gefiedert. Der Rand der einzelnen Fiederblättchen ist grob gesägt, die Blattoberseite glatt und dunkelgrün, die Unterseite mit silbrig schimmernden, feinen Haaren bedeckt. Von Mai bis August erscheinen die einzeln an langen Stielen stehenden leuchtend gelben Blüten mit fünf Kronblättern an den Knoten der Seitensprosse. Erst wenn sie sich bei Sonne vollständig öffnen, werden sie von verschiedenen Insekten bestäubt. Jede Blüte bildet zahlreiche einsamige Nüsschen, die sich bei der Reife von dem kegelförmigen Blütenboden ablösen.

Gänsen schmeckt das Kraut

Im Jahr 1753 erwähnte Carl von Linné in seinem zweibändigen Werk »Species Plantarum« das früher unter dem Namen »Genserich« oder auch »Gänserich« bekannte Kraut unter der lateinischen Bezeichnung Potentilla anserina. Der Name Potentilla ist die Verkleinerungsform vom lateinischen potentia (= Macht) und soll auf die Heilkraft der Pflanze hinweisen. Der Artname anserina stammt vom lateinischen anser (= Gans). Vermutlich kam die Pflanze zu diesem Namen, weil junge Gänse zur Aufzucht das zerkleinerte und mit Kleie vermischte Kraut erhielten. Aber auch älteren Tieren schmeckt das Gänsefingerkraut.

Die zahlreichen volkstümlichen Namen wie Fingerkraut, Silberkraut, Ganskraut oder Krampfkraut verweisen einerseits auf das Aussehen und andererseits auf die Verwendung der Heilpflanze. Sehr anschaulich sind auch die englische Bezeichnung »silverweed« oder das italienische »Argentina erba«, die beide wörtlich übersetzt silbriges Kraut bedeuten.


Heilpflanzen-Reim

Der englische Naturdichter John Clare (1793 bis 1864) beschreibt in dem Band »Das kleine Kräuter ABC« ganz anschaulich das Los mancher Pflanze, so auch das des Gänsefingerkrauts, vom Heilkraut zum Unkraut abzusteigen.

»Teufelszwirn, Sonnenblume, Mariengras,

Goldrute, Zaunrübe und ich weiß nicht was,

Platterbsen, Judasschilling, Gänsefingerkraut

haben grüßend meinen Zaun geschaut.

Einst lobte jeder sie,

wer hätt’ sie nicht gekannt.

Doch heute werden als Unkraut sie

vom Gartenbeet verbannt.«


Die Vielzahl der Namen für das Gänsefingerkraut weist auf eine lange Tradition in der Volksmedizin hin. Da es im Mittelmeerraum nicht wächst, fehlt es in den Schriften der berühmten antiken Ärzte.

Wahrscheinlich schätzen die Germanen das Gänsefingerkraut als Heilpflanze ganz besonders. Sie bereiteten üblicherweise viele Pflanzen mit Milch zu. Diese Zubereitungsart ist bis heute überliefert. Schon im Mittelalter empfahl Hieronymus Bock (1498 bis 1554) in seinem Kreutterbuch von 1539 den »Genserich« gegen Ruhr, Bauchflüsse, Fluor albus und Blutungen sowie äußerlich bei Entzündungen, Zahnschmerzen und Nasenbluten.




Im Unterschied zu anderen Rosaceen hat Potentilla anserina nicht vier, sondern fünf Kronblätter.

Auch Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) verwendete das Kraut bei Krämpfen aller Art, besonders gut wirke es in Milch gesotten. Einem Patienten mit Starrkrampf verabreichte er halbstündlich einen heißen Milchaufguss, bis sich der Krampf über Nacht löste.

Über Jahrhunderte nutzten die Menschen die krampflösende Wirkung auf die glatte, unwillkürlich arbeitende Muskulatur. Sogar noch im ersten Weltkrieg erhielten an der Ruhr erkrankte Soldaten einer Balkan-Truppe nach Ablauf des akuten Stadiums Dekokte aus Gänsefingerkraut. Die Volksmedizin schätzte das Kraut aufgrund seines Gerbstoffgehaltes bei Blutungen, Entzündungen im Mund und äußerlich bei schlecht heilenden Wunden. Bei Zahnfleischentzündungen sollte auch das Kauen der Wurzel helfen.

Hilft bei Durchfall und Dysmenorrhö

Wissenschaftlich anerkannt ist heute die innerliche Anwendung von Potentilla anserina bei leichten unspezifischen akuten Durchfallerkrankungen und bei leichten dysmenorrhoischen Beschwerden sowie äußerlich bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Die Kommission E am ehemaligen Bundesgesundheitsamt bewertete Anserinae herba positiv für die genannten Indikationen.

Arzneilich verwendet werden alle oberirdischen Pflanzenteile. So besteht die Droge »Gänsefingerkraut – Anserinae herba« des Deutschen Arzneimittel Codex (DAC 2004) aus kurz vor oder während der Blüte gesammelten, getrockneten, ganzen oder zerkleinerten Blättern und Blüten von Potentilla anserina L. (Rosaceae). Das Drogenmaterial stammt überwiegend aus Wildsammlungen in Osteuropa.

Die Droge enthält 5 bis 10 Prozent Gerbstoffe, die zum größten Teil aus Ellagitanninen bestehen. Daher schmeckt sie auch schwach adstringierend. Die nach­gewiesenen Flavonoide wie Kämpferol, Myricetin und Quercetin tragen vermutlich zu den medizinischen Eigenschaften der Droge bei. Außerdem enthält das Gänsefingerkraut Vitamine, das frische Kraut beispielsweise bis zu 350 mg Vitamin C auf 100 Gramm.

Wegen ihres hohen Gerbstoffgehaltes wird die Droge vor allem als Adstringens verwendet, in erster Linie lokal auf den Oberflächen von Schleimhäuten. Mit den Proteinen in den obersten Schichten der Schleimhaut bilden die Gerbstoffe über ihre zahlreichen Hydroxylgruppen wasser­unlösliche Assoziate. So entsteht eine Ko­-­agulationsmembran, die das Gewebe oberflächlich abdichtet und daher reizmildernd, entzündungs- und sekretionshemmend wirkt. Dieser Mechanismus begründet die Anwendung des Krauts bei Durchfällen sowie als Mund- und Rachentherapeutikum.

Untersuchungen, die den heutigen Standards entsprechen, liegen nicht vor. Im Tierversuch wirkte Gänsefingerkraut spasmolytische und tonussteigernd auf die Gebärmuttermuskulatur, wodurch die traditionelle Anwendung bei schmerzhafter Regelblutung (Dysmenorrhö) plausibel erscheint.

Frischer Teeaufguss bewährt

Gänsefingerkraut wird meist als Tee aufgegossen. Dazu werden 2 g (etwa zwei Teelöffel) fein zerschnittene Droge mit 150 ml kochendem Wasser übergossen und nach zehn Minuten abgeseiht. Als Tagesdosis gelten 4 bis 6 g Droge. Menschen mit einer Durchfallerkrankung können den frisch zubereiteten Tee dreimal täglich trinken. Bei Schleimhautentzündungen im Mund- und Rachenraum hilft der Tee als Gurgellösung. Gegenanzeigen und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt. Patienten mit Reizmagen sollten allerdings auf Gänsefingerkraut verzichten, da die Beschwerden verstärkt werden. Auch sollten Eltern Durchfallerkrankungen ihres Säuglings und Kleinkinds nicht selbst mit dem Tee behandeln, sondern immer sofort den Arzt aufsuchen. Durchfall kann bei Säuglingen sehr schnell lebensbedrohlich werden. Dauert bei Erwachsenen die Durchfallerkrankung mehr als drei Tage, sollten auch sie den Arzt konsultieren.

Zur Selbstmedikation leichter dysmenorrhoischer Beschwerden eignen sich zum Beispiel die Mono-Präparate Florafem Dragees (voraussichtlich erst ab Mitte September 2011 im Handel, Hersteller Salus Pharma) mit einem Trockenextrakt aus Gänsefingerkraut oder Sidroga® Menstruationstee, der ausschließlich aus Gänsefingerkraut besteht.

Mit anderen Heilpflanzen kombiniert

Patienten mit leichten Krämpfen im Magen-Darmbereich können PTA oder Apotheker Fertigarzneimittel mit einer Kombination an standardisierten Fluid-Extrakten empfehlen wie Gastritol® Dr. Klein Tropfen oder bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege Solidagoren® Liquid Tropfen. Beide Arzneimittel enthalten neben anderen Pflanzenextrakten einen Auszug aus Gänsefingerkraut.

Die Homöopathie verwendet die frischen zur Blütezeit geernteten oberir­dischen Teile von Potentilla anserina. Als Anwendungsgebiete gelten Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes und der weiblichen Geschlechtsorgane. Außerdem helfen homöopathische Arzneimittel Patienten mit einer Neigung zu Krämpfen (spastische Diathese). Gebräuchliche Zubereitungen sind die Urtinktur und Tabletten der Verdünnungen D1 und D2. /


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