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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Rosskastanie

Foto: Schwabe Arzneimittel

Braune Samen schützen die Venen

von Ursula Sellerberg, Berlin

Im Herbst sammeln Kinder gerne die glänzend braunen Kastanien. Manche kennen sicher auch den Aberglauben und stecken drei Kastanien in die Jacken- oder Hosentasche, um sich vor Krankheiten jeder Art zu schützen. Ein Allheilmittel sind die Samen nicht - ihre Wirkung bei Venenschwäche ist jedoch wissenschaftlich erwiesen.

Aesculus hippocastanum gehört zur Familie der Rosskastaniengewächse (Hippocastanaceae). Der von Linné gewählte Gattungsname Aesculus bezeichnete im alten Rom die immergrüne, mediterrane Steineiche. Der Artname hippocastanum setzt sich aus den griechischen Worten hippos = Pferd und kastanon = Kastanie zusammen. Für den Namensbestandteil hippos beziehungsweise Ross der deutschen Bezeichung Rosskastanie gibt es zwei mögliche Erklärungen: Einerseits dient er der Abgrenzung gegenüber der Echten Kastanie (Castanea sativa), deren Früchte die wohlschmeckenden Maronen sind. Die Samen der Rosskastanie hingegen sind nur für Tiere, also auch für Pferde, nicht aber für den Menschen genießbar. Andererseits könnten türkische Soldaten den Namen vergeben haben, die ihre an Husten und Würmern erkrankten Pferde mit den Samen fütterten.

Die Rosskastanie ist ein bis zu 30 Meter hoher, stattlicher Baum mit einer dicht belaubten Krone und einer üppigen Blütenpracht im Mai. Er ist seit dem 17. Jahrhundert in ganz Europa mit Ausnahme des hohen Nordens heimisch und stammt ursprünglich aus dem Balkan, Nordgriechenlands und vermutlich auch dem Kaukasus. Die auffällig großen Laubblätter sind fünf- bis siebenzählig gefingert, die Stiele bis zu 20 Zentimeter lang. Die weißen, gelb, orange oder rosa gefleckten Blüten sitzen in aufgerichteten, bis zu 30 Zentimeter langen Rispen. Die meisten Blüten sind männlich und nur selten zwittrig oder weiblich. Nach der Befruchtung entstehen die grünen, bestachelten Kapselfrüchte. Im Herbst fallen die reifen Früchte zu Boden und platzen auf. Sie enthalten jeweils ein bis drei große Samen: die kugeligen, glänzend-braunen Kastanien. Charakteristisch ist die derbe Schale und der graubraune Nabelfleck. Sie schmecken zuerst süßlich und dann stark bitter, die Samenschale ist adstringierend. Bei Menschen können sie Übelkeit und Magenbeschwerden hervorrufen. Wegen ihres großen Stärkeanteils von bis zu 50 Prozent eignen sich die Samen als Mastfutter für Schweine und Wildtiere.

Saponingemisch Aescin

Die arzneiliche Wirkung der Rosskastaniensamen (Hippocastani semen) beruht vor allem auf Aescin, einem Gemisch aus über 30 verschiedenen Saponinen. Um das Aescin zu extrahieren, werden die Samen getrocknet, ihre Schale aufgebrochen, bei 60 Grad Celsius nachgetrocknet und zermahlen. Das so gewonnene Pulver enthält 3 bis 5 Prozent des Saponin-Gemischs. Anschließend wird das Pulver mit einer Lösungsmittelmischung aus Ethanol und Wasser ausgezogen, um die Aescinkonzentration im Extrakt zu erhöhen.

Die Bioverfügbarkeit von oral eingenommenen Präparaten mit Rosskastanienextrakt ist schlecht, im Vergleich zur intravenösen Gabe liegt sie unter 1 Prozent. Der Grund: Aescin wird aus dem Darm nur schlecht resorbiert und bei der ersten Leberpassage größtenteils abgebaut (First-Pass-Effekt). Damit die Präparate wirken können, müssen sie hoch dosiert sein. In den meisten klinischen Studien nahmen die Patienten zwischen 560 und 620 Milligramm Rosskastanienextrakt pro Tag ein, das entspricht 100 Milligramm Aescin. Die Kommission E empfiehlt, soweit der Arzt nichts anderes verordnet hat, als mittlere Tagesdosis die Einnahme von Präparaten mit einem Aescingehalt von 30 bis 150 Milligramm beziehungsweise 1 Milligramm Aescin pro Kilogramm Körpergewicht.

Weitere Inhaltsstoffe der Rosskastaniensamen sind Flavonoide, Gerbstoffe, Cumarine, ätherisches und geringe Mengen fettes Öl. Das fette Öl kann abgepresst werden und dient technisch als Schmiermittel oder als Rohstoff für die Seifenherstellung.

Orale Zubereitungen aus Rosskastaniensamen lindern die Symptome bei chronischen Venenbeschwerden. Dazu gehören geschwollene, schmerzende oder schwere Beine, Juckreiz, sichtbare erweiterte Hautvenen (Krampfadern) und bräunliche Pigmentierungen der Haut vor allem an den Unterschenkeln. Rosskastanienextrakte vermindern Ödeme, sie dichten Gefäße ab, steigern den Tonus der Venen und wirken entzündungshemmend. Auch die Beschwerden Juckreiz oder nächtliche Wadenkrämpfe nehmen ab.

Aescin schützt Kapillarwände

Bei einer chronisch venösen Insuffizienz (CVI) ist das Kapillarnetz um die Venen stark durchlässig für Wasser, Elektrolyte und Eiweiße. Wenn diese in das umliegende Gewebe einströmen, entstehen Ödeme. Aescin verhindert die Freisetzung von Enzymen, die in den Kapillarwänden Gerüstsubstanzen abbauen und die Kapillarwände werden undurchlässiger für Flüssigkeit und Eiweißstoffe. Vereinfacht gesagt: Die Wirkstoffe der Rosskastaniensamen dichten die kleinen Gefäße ab.

Auch bei einer Venenentzündung, in deren Anfangsphase die Gefäße durchlässiger werden, wirkt der Extrakt regulierend. Aescin erhöht die innere Spannung der Venen. Die tonisierende und ödemprotektive Wirkung setzt je nach Präparat etwa zwei Stunden nach Einnahme ein. Die Halbwertszeit beträgt drei bis fünf Tage. Diese lange Wirkdauer spricht dafür, dass das Aescin in die Membranen der Venen eingebaut wird.

Vor allem für Patienten, die keine Kompressionsstrümpfe tragen wollen oder dürfen, sind die Extrakte aus Rosskastanie eine wertvolle Alternative. In fortgeschrittenen Stadien der chronisch-venösen Insuffizienz ergänzen sie sinnvoll die Kompressionsbehandlung. Rosskastanienextrakte können weitere Maßnahmen gegen Venenschwäche wie kalte Wassergüsse nicht ersetzen, sondern unterstützen. Die Wirksamkeit von Rosskastanienextrakten bei Weichteilschwellungen nach Operationen oder Verletzungen beurteilen Experten positiv. Homöopathen setzen die Rosskastanie gegen Hämorrhoiden, Lenden- und Kreuzbeinschmerzen sowie venöse Stauungsbeschwerden ein.

Pflanzliche Venenmittel sind auch heute noch dem Vorurteil ausgesetzt, sie seien wirkungslos. Im Fall der Rosskastanie ist dies nicht gerechtfertigt, wie zahlreiche klinische Studien zeigten. Zum Beispiel wurden 240 Patienten mit chronisch-venöser Insuffizienz in einer klinischen, placebokontrollierten Studie zwölf Wochen lang entweder mit zweimal täglich 50 Milligramm Aescin oder mit Kompressionsstrümpfen der Klasse II behandelt. Beide Therapien verringerten die Wassereinlagerung in den Beinen gleichermaßen, bei Placebogabe nahmen die Ödeme hingegen leicht zu. Während einer Studie ist die Compliance der Patienten, bezogen auf die Kompressionstherapie, oft besser als im Alltag. Daher kann es sein, dass in der täglichen Praxis Präparate mit Rosskastanienextrakt sogar noch besser abschneiden.

Retardierte Präparate empfehlen

Unretardierte Präparate können zu Magenbeschwerden führen, deshalb sollten PTA oder Apotheker ihren Kunden Retardpräparate empfehlen. Weitere gelegentlich oder selten auftretende Nebenwirkungen sind Juckreiz, Übelkeit und Erbrechen. Toxische Wirkungen sind bei den von den Herstellern empfohlenen Dosierungen nicht zu befürchten. Im Tierversuch traten Vergiftungserscheinungen erst bei siebenfach höheren Konzentrationen auf, als für die Therapie üblich. Weil entsprechende Daten fehlen, sollten Schwangere und Stillende Rosskastanienextrakte nicht ohne ärztlichen Rat einnehmen. Auch Patienten mit einer eingeschränkten Nierenfunktion oder solche, die Gerinnungshemmer einnehmen, sollten vorab mit ihrem Arzt sprechen.

Für die äußerliche Anwendung von Rosskastanienextrakt sind Salben, Cremes oder Gele im Handel. Allerdings ist die Wirksamkeit der topischen Applikation nicht in klinischen Studien nachgewiesen. Gel, Creme oder Salbe sollten 1 bis 2 Prozent Aescin enthalten und mehrmals täglich aufgetragen werden. Aescin wird nur schlecht über die Haut aufgenommen, die Resorptionsrate liegt unter 3 Prozent. Therapeutisch relevante Wirkstoffkonzentrationen werden so im Regelfall nicht erreicht. Dennoch empfinden viele Anwender die Salben als sehr wohltuend. Dies kann zum einen auf dem Massageeffekt beruhen und bei Gelen auf der kühlenden Wirkung. Topische Zubereitungen mit Rosskastanienextrakten werden bei Venenproblemen, Sportverletzungen, Blutergüssen und Hämorrhoiden eingesetzt.

Die Volksmedizin setzt die Samen traditionell gegen Verletzungen und Verstauchungen, bei Blutergüssen und Weichteilschwellungen, bei Rückenschmerzen und Rheuma ein. Außerdem werden die Blätter gegen Husten oder rheumatische Erkrankungen verwendet. Auszüge aus Rosskastanienblüten gelten in der Volksheilkunde als Tonikum gegen Gicht oder Rheuma. Da die Rinde der Rosskastanie große Mengen an Gerbstoffen enthält, wird sie zu technischen Zwecken als Gerbmittel genutzt.



Baum des Jahres

Das Kuratorium "Baum des Jahres" wählte die Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) zum Baum des Jahres 2005. Ein wichtiger Grund hierfür ist die Gefährdung des beliebten Allee- und Parkbaums durch die Miniermotte. Dieses Schadinsekt hat sich in den letzten 15 Jahren epidemieartig in fast ganz Europa ausgebreitet; seine Larven fressen sich durch das Blattgewebe vieler Rosskastanien, sodass sich deren Blätter bereits im August braun verfärben und abfallen.



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