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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Schöllkraut

Foto: Schöpke

Mohngewächs entkrampft Verdauungstrakt

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Wegen seines auffällig gelb-orange gefärbten Milchsaftes erregt das Schöllkraut seit jeher das Interesse der Menschen. Volksmedizinisch findet die Pflanze bis heute sowohl innerlich als auch äußerlich Verwendung. In der modernen Naturheilkunde wird das Kraut als Spasmolytikum im Bereich der Gallenwege und des Magen-Darm-Traktes eingesetzt. Es könnte in höheren Dosierungen Risiken für die Leber bergen.

Das Große Schöllkraut ist in den gemäßigten Zonen Asiens und Europas, von Mittelnorwegen bis Mittelitalien heimisch. Nach Nordamerika gelangte es vermutlich durch europäische Siedler. Typischerweise wächst das Schöllkraut besonders gern an Hecken, Mauern und Zäunen, auf Schutthalden sowie in Parkanlagen selbst mitten in der Großstadt. Dabei bevorzugt die Pflanze halbschattige, mäßig feuchte, stickstoffreiche Standorte.
Das Schöllkraut heißt botanisch Chelidonium majus Linné und gehört zur Familie der Mohngewächse (Papaveraceae). Von der mehrjährigen Staude bleibt im Winter nur die Blattrosette zurück, im Frühjahr treibt sie aus einem kurzen gelblichen Wurzelstock neu aus. Sie wird bis zu 60 Zentimeter groß und ist nur im oberen Teil verzweigt. Der hohle Stängel und die Stiele der buchtig gefiederten bis fiederspaltigen Blätter sind abstehend behaart. Im Schatten wirkt die ganze Pflanze blaugrün. Die Blütezeit beginnt Ende April und erstreckt sich bis in den Oktober. Die ein bis zwei Zentimeter großen, leuchtend gelben, vierzähligen Blüten mit zahlreichen Staubblättern stehen zu zweit bis sechst in endständigen lockeren Dolden. Aus ihnen reifen die schotenartigen, etwa fünf Zentimeter langen und dünnen Kapselfrüchte mit zahlreichen eiförmigen, schwarzen Samen heran. Für Ameisen sind Schöllkraut-Samen begehrte Leckerbissen. Weil die emsigen Tiere auf dem Weg zu ihren Bauten Samen verlieren, tragen sie zur Artverbreitung bei.

Als einziger Vertreter der Mohngewächse enthält das Schöllkraut einen orangegelben Milchsaft, der bei Verletzungen der Pflanze aus allen Teilen austritt und sie somit unverwechselbar macht. Der Milchsaft der anderen Papaveraceen ist meist weiß. Die oft beschriebene ätzende, brennende Wirkung des frischen Pflanzensaftes widerlegten Wissenschaftler durch umfangreiche Tier- und Selbstversuche. In der älteren Literatur wird Schöllkraut als Giftpflanze beschrieben. Auch dafür gibt es keine eindeutigen Belege. Außerdem verhindert der scharfe und bittere Geschmack der Pflanze die Aufnahme größerer Mengen, die zu Vergiftungserscheinungen führen könnten.

Zahlreiche Mythen und Sagen

Wegen seines auffällig gefärbten Milchsaftes beflügelte das Schöllkraut schon die Phantasie der alten Römer. So erzählte beispielsweise Plinius (23 bis 79 n. Chr.), dass Schwalben mit einem Schöllkraut-Zweig ihren Jungen die Augen öffneten. Die deutsche volkstümliche Bezeichnung "Schwalbenkraut" geht vermutlich auf diese Sage zurück.
Eine Interpretation des botanischen Gattungsnamens Chelidonium bezieht sich ebenfalls auf den kleinen Zugvogel, denn das griechische Wort chelidón bedeutet Schwalbe. Alchimisten bezeichneten die Pflanze dagegen als Himmelsgabe = "coeli donum" oder "celidonia", weil sie kurioserweise erhofften, den gelben Milchsaft in Gold umwandeln zu können.

Auch für die Herkunft des deutschen Namens Schöllkraut gibt es verschiedene Erklärungen: Eine bezieht sich auf die mittelalterliche Bezeichnung "Schelkrut", die auf die früher gebräuchliche äußerliche Anwendung als Schälkraut bei Warzen und Hühneraugen zurückzuführen ist. Im Unterschied dazu weisen viele volkstümliche Namen wie Blutkraut, Hexenmilch oder Teufelskraut (engl. devil's milk) auf vielerlei Befürchtungen hin.

Gelber Milchsaft und die Galle

Viele Kräuter- und Arzneibücher des Mittelalters erwähnen das Schöllkraut. Bei der Behandlung von Krankheiten spielte früher die Signaturenlehre eine wichtige Rolle. Die Anhänger dieser Lehre waren davon überzeugt, aus äußerlichen Übereinstimmungen in Form oder Farbe von Pflanzen- und menschlichen Körperteilen auf die Anwendung der Pflanze schließen zu können. Den gelben Milchsaft des Schöllkrauts setzten Vertreter dieser Lehre somit in Beziehung zur Galle. In der Tat hat Chelidonium majus eine ausgeprägte Wirkung auf Leber und Galle. Auf die "Krafft und Würckung" dieser Arzneipflanze als Cholagogum wies unter anderem der Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs in seinem sehr schön bebilderten "New Kreüterbuch" von 1543 hin. Dazu schrieb Fuchs: "Die wurtzel, mit enis in weissem wein gesotten und getruncken, eröffnet die verstopfung der leber und vertreibt die geelsucht". (Zur Erklärung: Enis = Anis), geelsucht = Gelbsucht). Im Mittelalter wurde der Milchsaft äußerlich gegen verschiedene Hauterkrankungen, speziell gegen Warzen und Krätze, eingesetzt. Desweiteren wurde Schöllkraut nachgesagt, dass es die Sehkraft verbessere und Augenleiden lindere sowie Geschwüre heile. Gegen Zahnschmerzen sollte das Kauen der Wurzel helfen.

Spasmolyse der glatten Muskulatur

Die heutige Anwendung des Schöllkrauts beschränkt sich auf Wirkungen, die in Tierversuchen oder an isolierten Organen eindeutig nachgewiesen wurden. Der Haupteffekt ist eine dem Papaverin ähnliche, jedoch schwächere Wirkung auf die glatte Muskulatur des oberen Verdauungstrakts: Schöllkrautextrakte wirken spasmolytisch. Neben einer schwachen, zentralen Sedierung ergaben die Tierexperimente noch eine leichte Analgesie und eine Blutdrucksenkung. Die Forscher beobachteten außerdem antimikrobielle Eigenschaften der Extrakte.

Die pharmakologische Wirkung des Schöllkrauts geht überwiegend von den Isochinolinalkaloiden aus, die in allen Teilen der Pflanze enthalten sind. Bisher konnten Forscher etwa 30 Alkaloide isolieren, zum Teil liegen diese an Chelidonsäure gebunden vor. Der Alkaloidgehalt des Schöllkrauts schwankt je nach Herkunft und Erntezeitpunkt erheblich. Die Krautdroge "Chelidonii herba" enthält hauptsächlich das Alkaloid Coptisin, während Chelidonin das Hauptalkaloid der unterirdischen Pflanzenteile ist. Die charakteristische orangegelbe Farbe des Milchsaftes beruht auf dem Gehalt an Carotinoiden und einigen Alkaloiden wie Berberin. Auf der Haut erzeugt der Saft gelbe Flecken, die schwer zu entfernen sind und selbst nach mehreren Tagen und häufigem Waschen im ultravioletten Licht gelb aufleuchten. Der Gehalt an Chelidonin gilt als Maßstab zur Bewertung der Droge. So fordert das Arzneibuch für die getrocknete Droge einen Gehalt von mindestens 0,6 Prozent Gesamtalkaloiden, berechnet als Chelidonin.

Die Arzneibuchware besteht aus den während der Blütezeit gesammelten, getrockneten, ganzen oder geschnittenen oberirdischen Pflanzenteilen. Sie stammt heute überwiegend aus Wildbeständen osteuropäischer Länder. Das frische Kraut wird schonend bei etwa 60 ºC getrocknet, um die Alkaloide möglichst vollständig zu erhalten. Die Ganzdroge dient als Ausgangsmaterial für die Schnitt- und Pulverdroge sowie für die Herstellung von wässrigen Auszügen, Tinkturen und Extrakten. Gemäß der Verordnung über apothekenpflichtige und frei verkäufliche Arzneimittel dürfen nur Apotheken Fertigpräparate mit Extrakten aus Chelidonium majus verkaufen.

Als Teeaufguss ungeeignet

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes bewertete in ihrer Monographie aus dem Jahr 1985 Chelidonium majus L. als positiv. Sie befürwortete seine therapeutische Anwendung bei krampfartigen Beschwerden im Bereich der Gallenwege und des Magen-Darm-Traktes. Als mittlere Tagesdosis empfahlen die Experten zwei bis fünf Gramm Droge, entsprechend 12 bis 30 Milligramm Gesamtalkaloide, berechnet als Chelidonin. Da das Alkaloidgemisch der Droge stark variiert, ist von einer Teezubereitung abzuraten.

Auch die 5. Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs, Grundwerk 2005, führt die Schöllkraut-Monographie (Chelidonii herba). Der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wurden in der Vergangenheit jedoch zahlreiche Nebenwirkungen nach der Einnahme von Schöllkraut enthaltenden Arzneimitteln gemeldet, die sich vor allem auf eine Störung der Leberfunktion beziehen. In Einzelfällen stieg während der Behandlung die Leberenzymaktivität und die Bilirubinkonzentration im Blut an. Auch Fälle von Gallestauung (Cholestasis) und akuter Hepatitis wurden beschrieben.

Obwohl die hepatotoxischen Wirkungen nach Absetzen der Chelidonium-haltigen Präparate reversibel waren, beschloss das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Änderung der Gebrauchsanweisung für Schöllkraut-Präparate. Bei mehr als 2,5 Milligramm Alkaloiden pro Tagesdosis muss, da nicht eindeutig geklärt ist, ob die Wirkung auf Schöllkraut-haltige Präparate zurückzuführen war, in der Packungsbeilage ein Warnhinweis zur möglichen Leberschädigung erfolgen. Bei Anwendung über mehr als vier Wochen sollen Patienten ihre Leberfunktionswerte kontrollieren lassen. Patienten mit Lebererkrankungen oder Gallensteinleiden sollten solche hochdosierten Schöllkraut-haltigen Medikamente nur unter ärztlicher Beobachtung einnehmen, Schwangere, Stillende und Kinder unter zwölf Jahren gar nicht.

Kontraindikationen beachten

Eine Vielzahl von Fertigarzneimitteln enthält standardisierte Alkaloidextrakte des Schöllkrauts. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker rät, hochdosierte Schöllkrautpräparate, von denen der Patient mehr als 2,5 Milligramm Gesamtalkaloide pro Tag einnehmen soll, nicht mehr im Handverkauf zu empfehlen. Falls der Patient sie dennoch wünscht, sollten PTA oder Apotheker ihn umfassend über die Risiken informieren und alle Kontraindikationen erfragen, um mögliche Gesundheitsgefährdungen auszuschließen. Kombinationspräparate sind hiervon nicht betroffen.

Einige Hersteller haben "als eigenverantwortliche Maßnahme" im Rahmen des Anhörungsverfahrens hochdosierte Präparate mit Trockenextrakt aus Schöllkraut vom Markt genommen. Möglicherweise werden alle hochdosierten Fertigpräparate nach Abschluss des seit 1998 laufenden Stufenplanverfahrens ganz vom Markt verschwinden und Schöllkraut nur noch in niedrigdosierten Kombinationsarzneimitteln verfügbar sein.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



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