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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Mönchspfeffer

Foto: Sertürner

Pfeffer für die Frauen

von Ulrich Meyer, Berlin

Die Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt hat in den meisten Aufbereitungsmonographien die Dosierungen von Phytotherapeutika deutlich nach oben korrigiert. Zu den wenigen Präparaten, bei denen das nicht erforderlich wurde, zählten Agnus-castus-haltige Zubereitungen. Hier beurteilte die Kommission E eine Tagesdosis von nur 40 Milligramm Droge als ausreichend. Die ausgesprochen niedrige Dosierung ist erstaunlich, da Agnus-castus-Früchte weder hochwirksame Alkaloide noch potente Hormone enthalten. Erst in den letzten Jahren gewannen Forscher  mehr Klarheit über Inhaltsstoffe der Droge.

Vitex agnus castus gehört zu der Familie der Eisenkrautgewächse oder Verbenaceen, die etwa 2600 Arten umfasst. Die Eisenkrautgewächse spielen pharmazeutisch wie auch wirtschaftlich keine große Rolle. In der Apotheke begegnet man neben Agnus castus lediglich drei Vertretern dieser Familie: Verbena officinalis, das hier heimische Echte Eisenkraut, und seine wohlschmeckendere, zitronenartig riechende Verwandte "Lemon Verbena" (Lippia citriodora) finden mitunter in Tees und Fertigarzneimitteln Verwendung. Auch die Täfelung einer luxuriös ausgestatteten Offizin kann von einem Eisenkrautgewächs stammen. Denn der Teakholzbaum Tectona grandis gehört ebenfalls zu den Verbenaceen.

Agnus castus ist im Mittelmeerraum heimisch, wo sich der bis zu sechs Meter hohe Strauch an feuchten Flussniederungen und anderen Stellen mit Bodennässe ansiedelt. Neuerdings wird die Pflanze auch kultiviert, da sich durch kontrollierten Anbau die Qualität der Arzneipflanze verbessern lässt. Im Unterschied zur meist früh blühenden Mittelmeerflora entwickelt Agnus castus erst im Juli und August weiße bis blauviolette Blüten, aus denen braunschwarze, pfefferartig aussehende Früchte mit bis zu vier Samen hervorgehen. Diese Früchte sind seit der Antike beschrieben und wurden aufgrund ihres scharfen, ebenfalls an Pfeffer erinnernden Geschmacks und Geruchs als Gewürz eingesetzt.

Mönchspfeffer im Kloster

Besonderer Beliebtheit erfreute sich der Ersatz-Pfeffer in den Klöstern des Mittelalters. Damals stand die Droge in dem Ruf, die "fleischliche Anfechtung" zu vertreiben und somit den Mönchen ein keusches Leben zu erleichtern. Von diesem Gebrauch zeugen sowohl die deutschen Namen Mönchspfeffer und Keuschlamm als auch der griechisch-lateinische Artname Agnus castus. Agnus leitet sich vom griechischen Wort agonos, das heißt unfruchtbar, ab; das lateinische castus bedeutet: rein, keusch und heilig. Der Gattungsname Vitex hingegen verweist auf einen durchaus weltlichen Nutzen der Pflanze. Ihre noch nicht verholzten elastischen Zweige wurden - analog zu unseren Weiden - im Mittelmeerraum gerne für "Vitilium", also Flechtwerk verwendet.

Die moderne pharmakologische Erforschung der Droge begann in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Forscher konnten den strittigen Libido-hemmenden Effekte von Agnus castus nicht belegen. Sie vermochten aber auch den erfolgreichen Einsatz bei Zyklus-Störungen, Brustschmerzen und den vielfältigen physischen wie psychischen Symptomen des Prämenstruellen Syndroms (PMS) nicht plausibel erklären. Das gab insofern Rätsel auf, als eine wirksame Tagesdosis von 40 Milligramm eher bei chemisch-synthetischen Reinstoffen als bei Arzneipflanzen anzutreffen ist.

Wirkprinzip aufgeklärt

Erst in den letzten Jahren entdeckten Arzneipflanzen-Forscher, was in Agnus-castus-Extrakten steckt: hochmethylierte lipophile Flavonoide, Iridoidglykoside und ätherisches Öl sowie sechs strukturell ungewöhnliche bizyklische Diterpene. Letztere stimulieren Dopamin-Rezeptoren, und zwar vom Subtyp D2. Über die Stimulation der Rezeptoren wird die Ausschüttung des Hypophysenvorderlappen-Hormons Prolactin gehemmt. Damit senkt Mönchspfeffer pathologisch erhöhte Prolactin-Spiegel. Da Zyklus-Unregelmäßigkeiten, aber auch regelbedingte Brustschmerzen (Mastodynie) und das PMS mit unphysiologischen Prolactin-Werten einhergehen, liegt nunmehr eine plausible Erklärung für die Wirkung der Droge vor. Zur psychisch stabilisierenden Wirkung des Extraktes könnten auch der Angriff an Opioid-Rezeptoren und eine Erhöhung der Melatonin-Ausschüttung beitragen. Hier darf man weiteren Untersuchungen mit Spannung entgegensehen.

Immer erst zum Gynäkologen

Für eine erfolgreiche Therapie mit Agnus castus ist eine längere Gabe über mehrere Monate - auch während der Regelblutung! - erforderlich, wobei die ausgezeichnete Verträglichkeit und die einmal tägliche Gabe eine gute Compliance gewährleisten. Als Nebenwirkung können gelegentlich juckende Hautausschläge auftreten. In Einzelfällen wurden - wohl als Ausdruck des dopaminergen Effektes der Droge - psychomotorische Unruhezustände beobachtet. Dennoch sind die rezeptfreien Agnus-castus-Präparate für die Selbstmedikation nicht geeignet. Denn hinter den von den Patientinnen geschilderten Symptomen können sich Grundleiden ernsthafter Art verbergen: Unregelmäßigkeiten im Zyklus werden zum Beispiel auch durch Myome, also gutartige Geschwülste der Gebärmutter verursacht. Brustschmerzen können von gut- oder gar bösartigen Knoten stammen. 

Die Hyperprolactinämie kann in seltenen Einzelfällen durch ein Hypophysen-Adenom, also wucherndes Drüsengewebe, verursacht sein. Es empfiehlt sich daher, interessierte Kundinnen zwar prinzipiell über die Einsatzmöglichkeiten von Agnus castus zu informieren, sie aber stets zur fachärztlichen Abklärung ihrer Beschwerden an den Gynäkologen zu verweisen. Erst danach ist eine längere (Selbst)-Medikation zu verantworten. Eine Anwendung als Tee entfällt wegen der niedrigen Dosierung und des erforderlichen lipophilen Extraktionsmittels ohnehin.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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