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Aronia

Die Apfelbeere – fast ein Geheimtipp


Von Gerhard Gensthaler / Im Jahr 1834 gelangte die wilde ­Apfelbeere von Kanada erstmalig nach Russland. Dort begann die Kultivierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem der ­russische Biologe und Obstzüchter Ivan Michurin die Apfelbeere mit der Eberesche und der Mispel gekreuzt hatte. Die Osteuropäer erkannten den Wert dieser hierzulande eher unbekannten Pflanze und setzen sie seither als Heilmittel ein.

 

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Die Apfel- oder Aroniabeere gehört zur Familie der Rosengewächse. Unter den bis zu neun verschiedenen Wildarten wird die Art Aronia melanocarpa am häufigsten verwendet. Das Wildobst erhielt noch viele weitere Bezeichnungen wie Filzige Apfelbeere, Schwarzfrüchtige Eberesche, Schwarze Eberesche oder ganz einfach Aronie. Weitere lateinische Synonyme sind Aronia nigra, Sorbus melanocarpa, Pyrus melanocarpa oder Mespilus arbutifolia var. melanocarpa. Chokeberry ist ihr englischer Name. Aronia melanocarpa wächst als sommergrüner Strauch und erreicht eine Höhe und Breite von zwei bis drei Metern. Seine Triebe sind relativ dünn, die Blätter eiförmig, ihr Rand fein gesägt. Im Mai zeigen sich die ersten Blüten. Die weißen Blüten stehen zu 10 bis 15 in Doldentrauben. Während der Blütezeit von etwa zehn Tagen verströmen die Blüten einen ähnlich unangenehmen Geruch wie die Eberesche. Nach der Bestäubung durch Bienen bildet sich eine große Zahl rundlicher, violettschwarzer saftiger Früchte.




Die violettschwarzen Aroniafrüchte enthalten sehr viel Anthocyanidine, beispielsweise 20-mal mehr als Himbeeren.

Foto: Fotolia/lightpoet


Die Miniäpfel mit Kernhaus und Fruchtstiel reifen im August. Das Fruchtfleisch ist dann intensiv rot gefärbt, schmeckt süßlich herb und erinnert an unreife Heidelbeeren. Die einzelnen Früchte haben einen Durchmesser von 6 bis 12 mm und wiegen durchschnittlich 1 Gramm. Die geernteten Beeren müssen relativ schnell verarbeitet werden, denn bei normaler Lagerung zwischen 15 bis 25 °C halten sich die Früchte nur maximal zwei Wochen.

Aronia ist extrem frosthart und durch die späte Blüte im Mai auch vor Nachtfrösten im Frühjahr sicher. Interessant ist auch, dass die ganze Pflanze gegen Schädlinge und Krankheiten nahezu resistent ist und daher kaum gespritzt werden muss.

Neue Heimat Osteuropa

Die ursprüngliche Heimat der Aroniabeere liegt im Osten Nordamerikas. Schon die Indianer schätzten die Wildform der Apfelbeere sehr, kultivierten sie und nahmen die Früchte als vielfach einsetzbaren Vorrat mit auf ihre Winterwanderungen. Die robuste Pflanze wächst auf wenig anspruchsvollen Böden, meist auf trockenen, steinigen Berghängen, an Steilufern von Flüssen, in Sümpfen und Wäldern und manchmal sogar in einer Dünenlandschaft.

Als im Jahr 1834 die ersten Aronia­sträucher von Kanada nach Russland gelangten, bereicherten sie dort zunächst nur die botanischen Gärten. Nachdem sie später in Sibirien und hier vor allem im Altai-Gebiet kultiviert wurde, bedeckte die anspruchslose Pflanze bald weite Flächen von der Ostsee bis zum Stillen Ozean. In Mittel­europa ist die Aroniabeere dagegen bis heute ein wenig bekannter Wildfruchtstrauch. Nur vereinzelt wird er in Deutschland kultiviert. Das älteste und größte deutsche Anbaugebiet liegt seit 1976 in Schirgiswalde, ein Gebiet in der ostdeutschen Region Lausitz.

Antioxidative Wirkung

Aronia melanocarpa enthält große Mengen an Polyphenolen, vor allem Anthocyane, fett- und wasserlösliche Vitamine wie E, B-Vitamine und C, ­Betacarotin und auffällig viel Folsäure sowie viele Mineralstoffe. Diese wasserlöslichen Anthocyanfarbstoffe kommen in fast allen höheren Pflanzen vor und sind für die intensive rote, blaue und violette Färbung der Blüten, Blätter und Früchte verantwortlich. Anthocyane schützen die Pflanzen vor oxidativen Schäden durch übermäßiges Sonnenlicht. Keine andere Frucht und somit auch kein anderer Pflanzensaft hat einen so hohen Gehalt an antioxidativen Anthocyanen wie Säfte aus der Aroniabeere (Tabelle 1 und 2).


Tabelle 1: Kapazität zur Absorption von freien Radikalen, gemessen mit der ORAC*-Testmethode

Frucht Antioxidatives Potenzial 
Aroniabeere 160 
Holunderbeere 145 
Heidelbeere 60 – 87 
Schwarze Johannisbeere 56 
Brombeere 55 
Rote Johannisbeere 32 
Himbeere 21 
Erdbeere 15 – 20 
Cranberry 10 – 18 
Rote Trauben 7,4 
Weiße Trauben 4,5 
Apfel 2,2 
Quelle: Kulling, S. E., et. al.; Planta Med. 2008 * ORAC = Oxygen Radical Absorbance Capacity  

Aufgrund ihres hohen antioxida­tiven Potenzials helfen Anthocyane, das Verhältnis von Antioxidanzien und freien Radikalen im Gleichgewicht zu halten. Durch oxidativen Stress entstehen auch im menschlichen Organismus vermehrt freie Radikale, was eine Reihe von Erkrankungen fördert.

Der wohl bekannteste Einsatz von Antioxidan­zien ist das Antiaging. Antioxidanzien greifen in die Zellalterung aller Organe ein. Deshalb wird den Anthocyanen eine erhöhte Schutzwirkung vor degenerativen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Gelenke, der Augen, Haut und Nieren zugesprochen. Zusätzlich enthalten Aroniabeeren Procyanidine, die für den herben Geschmack des Saftes verantwortlich sind.

Modernes Heilmittel

In Osteuropa wird die Aronia schon sehr lange als Volksheilmittel gegen viele unterschiedliche Beschwerden eingesetzt, hauptsächlich gegen Entzündungen der Magenschleimhaut, Darmerkrankungen, Harnwegsinfekte Haut­- krankheiten und Bluthochdruck. Daher wurde vor allem in Polen, Russland und Bulgarien in mehreren Forschungsprojekten die protektive Wirksamkeit der Aroniabeere untersucht. Im Vordergrund laufender Studien stehen besonders die Krebsprophylaxe und ernährungsphysiologische Aspekte.




Foto: Fotolia/LoriBut


Einzelne Studien befassen sich derzeit mit dem Einfluss der Aroniabeere auf freie Radikale im Körper sowie ihre Wirkung auf erhöhte Bluttfettwerte und die Aggregation der Thrombozyten. Möglicherweise hat die Pflanze auch einen positiven Einfluss auf Diabetes mellitus Typ 2. Ferner wird der Aronia eine antimutagene Wirkung zugesprochen, indem sie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benz(a)pyren und Nitrosamine außer Gefecht setzt. Mehrere Studien befassen sich mit antikanzerogenen Effekten, insbesondere bei Darmkrebs.

In der ehemaligen UdSSR stellte die Pharmaindustrie außer medizinisch wirksamen Säften auch Pulver und Tabletten aus Aronia her. In Deutschland ist als Nahrungsergänzungsmittel mit 72,5 Prozent Aroniabeeren-Extrakt im Handel sowie als Kapseln zur ergänzenden diätetischen Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration.

Im Vergleich zu anderen Obstsorten sind Beerenfrüchte ganz allgemein für ihre hohe antioxidative Wirksamkeit bekannt. Da die Aroniafrüchte allerdings sehr herb und adstringierend schmecken, eignen sie sich nicht so gut zum direkten Verzehr. Besser lässt sich der leicht herbe Saft trinken, der bittermandelartig riecht. Die Saftausbeute der Früchte beträgt 75 bis 80 Prozent. Wer zwei bis drei Wochen lang täglich 100 bis 200 ml Saft trinkt, stärkt seine allgemeine Abwehrkraft gegenüber Krankheitserregern.


Tabelle 2: Anthocyanidin-Gehalt in Früchten

 (mg/100 g) 
Aroniabeeren 800 
Süßkirschen 180 
Blaue Weintrauben 165 
Blaubeeren 165 
Brombeeren 160 
Himbeeren 40 
Erdbeeren 30 
Quelle: Dr. Clarissa Gerhäuser, Krebsforschungszentrum Heidelberg  

In der ehemaligen DDR wurden Aroniabeeren zu Likören und in Joghurt verarbeitet. Der rubinrote Aroniawein soll als Dessertwein besonders gut munden. Die Lebensmittelindustrie setzt den Saft als natürlichen Farbstoff ein. In Osteuropa färbt die Landbevölkerung sogar Textilien mit dem intensiv roten Saft und verarbeitet die Früchte zu Konfitüren, Gelees und Kompott. Tiefgefrorene Früchte verlieren selbst nach dem Auftauen nicht ihre charakteristische Färbung und Gestalt. Ein erneuter Beweis: Aronia ist eine robuste Beere. /


E-Mail-Adresse des Verfassers

gerhard.gensthaler@t-online.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2012

 

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